Kolumnen

Justin Leone: Was macht ein Sommelier nach Feierabend? Teil 2

Justin Leone
Ein Pinot Noir wie eine verführerische Lolita, ein Chardonnay wie eine Baseball-Legende, ein Verkostungsgelage wie ein aufs Auge zurasender Boxhandschuh: Keiner beschreibt Wein so furios wie Justin Leone. Im zweiten Teil von "Die üblichen Verdächtigen" erzählt er von seinem Rendezvous mit harten Kerlen und sündigen Verlockungen.

Ein Pinot Noir wie eine ver­füh­re­ri­sche Loli­ta, ein Char­don­nay wie eine Baseball-Legende, ein Ver­kos­tungs­ge­la­ge wie ein aufs Auge zura­sen­der Box­hand­schuh: Kei­ner beschreibt Wein so furi­os wie Jus­tin Leo­ne. Im zwei­ten Teil von „Die übli­chen Ver­däch­ti­gen“ erzählt er von sei­nem Ren­dez­vous mit har­ten Ker­len und sün­di­gen Ver­lo­ckun­gen.


Den eng­li­schen Ori­gi­nal­text gibt es auf Sei­te 3. Fort­set­zung folgt: hier.


„Die üblichen Verdächtigen“

Ein voy­eu­ris­ti­scher Bericht von einem ganz nor­ma­len Tag im Jen­seits. Von Jus­tin G. Leo­ne | Über­set­zung: Jan Schön­herr

Weingelage in der Münchner Bar "Red Hot"Als Ers­ter am Schlag, der 1990er Chassagne-Montrachet „Les Mor­geots“ 1er der Domai­ne Ramo­net. Eine Fla­sche die­ses Weins zu öff­nen ist ein biss­chen so, als stün­de man als Pit­cher auf dem Hügel in der Mit­te des Base­ball­fel­des, wäh­rend der legen­dä­re Babe Ruth auf die Home­pla­te zustapft. Ner­vös befin­gert man die Näh­te des Balls, auf der Suche nach dem per­fek­ten Griff, um sei­nen bes­ten Split-Finger Fast­ball zu wer­fen, wäh­rend er nur gelas­sen den Lehm von sei­nen Stol­len klopft. Man weiß genau, was einem bevor­steht, nur nicht, wie schmerz­haft es wer­den wird. Die­ser Wein ist ein Ass – und er weiß es genau. Wenn er den Schlä­ger schwingt, dann um den Ball aus dem Sta­di­on zu beför­dern. Er macht sich nicht die Hosen schmut­zig, um schlit­ternd die zwei­te Base zu errei­chen. Ein Schwergewichts-Chardonnay, der in einer Rotwein-Gewichtsklasse antre­ten muss. Ursprüng­lich war das Wein­gut haupt­säch­lich auf Pinot Noir aus­ge­rich­tet, da die süd­li­chen Tei­le der Gemein­de viel mit den Wei­nen aus San­ten­ay gemein­sam haben. Etwas der­be, raue und kräf­ti­ge Pinot-Typen, die wun­der­bar rei­fen und dabei kei­ne Gefan­ge­nen machen. Jeder Char­don­nay, der sich beim Auf­wach­sen mit Typen wie die­sen Pinots her­um­prü­geln muss, wird wohl ein wenig zum Schlä­ger wer­den – und die­ser hier kann sich frag­los zur Wehr set­zen.

1990er Chassagne-Montrachet „Les Morgeots“ 1er | Domaine RamonetAls Nächs­tes: der sanf­te Rie­se. Der Kerl, der nicht weiß, wie groß – und zum Glück auch nicht wie stark – er ist. Das macht es für uns leich­ter, mit ihm umzu­ge­hen. Die­se Magnum eines 1996er Dom. De L’Arlot, Nuits-Saint-Georges‚ Clos des Fôrets-Saint-Georges’ 1er erhebt sich weit über die ande­ren und strahlt eine fast greif­ba­re, rohe Kraft aus – trotz ihrer ansons­ten ganz und gar aris­to­kra­ti­schen, könig­li­chen Hal­tung. Nen­nen wir die­sen Wein den „Raus­schmei­ßer“ im Saal. Geklei­det in einen per­fekt geschnit­te­nen Savi­le Row-Maßanzug, wenn auch mit einem Jackett in Grö­ße 52, knackt er schüch­tern mit den Knö­cheln, wäh­rend er dar­über nach­denkt, dass sei­ne Fin­ger­nä­gel mal wie­der geschnit­ten wer­den müss­ten. Die Frucht eines gro­ßen Nuits ist immer unver­fälscht, bei­na­he auf per­fek­te Bur­gun­d­er­form zuge­schnit­ten. Ein stets roter, etwas hoch­ge­sto­che­ner Frucht­cha­rak­ter, der aber nie­mals die unte­ren und mitt­le­ren Berei­che des EQ ver­nach­läs­sigt – und auch nicht ver­gisst, etwas Blau hin­zu­zu­fü­gen. Nach­dem die Fla­sche einen Tag geöff­net war, fügen sich die Tan­ni­ne nun wun­der­bar ein, sam­tig und doch packend, mit einer wun­der­schön gewirk­ten Struk­tur. Er hat die Tex­tur einer tief sit­zen­den „Super 180“-Hose, deren Innen­naht sich viel­sa­gend wölbt. Auch wenn er anfangs etwas ani­ma­lisch wirkt, macht ein Tag an der Luft den Weg für eine Ansamm­lung tie­fer, reich­hal­ti­ger Frucht­no­ten frei, die mit einer fes­ten, lebens­spen­den­den Stren­ge gespickt sind – typisch für den Jahr­gang. Es ist inter­es­sant, die Jahr­gän­ge 1996 und 2006 zu ver­glei­chen, da die Bedin­gun­gen trotz des dazwi­schen lie­gen­den Jahr­zehnts ähn­lich schwie­rig waren, wobei der letz­te­re von dras­tisch ver­rin­ger­ter Pro­duk­ti­on sowie Regen und Hagel geprägt war. Bei­de waren ech­te „Win­zer­jahr­gän­ge“; und klu­ge Ent­schei­dun­gen in kri­ti­schen Augen­bli­cken wäh­rend Anbau und Ern­te haben bereits mehr als ein­mal die Män­ner von den Jungs unter­schie­den.

Im Red HotUnd wo wir gera­de bei der Post-Pubertät sind, tritt auch schon eine Gestalt durch die Tür, deren Anblick aus­reicht, um mich kir­re wie einen Schul­jun­gen zu machen – und mich bei­na­he wün­schen lässt, ich wäre wie­der einer, und sei es auch nur, um das, was ansons­ten als rück­halt­los per­vers aus­ge­legt wer­den könn­te, in die Rein­heit jugend­li­cher Ver­narrt­heit zu über­set­zen…

In die­sem Augen­blick hef­ten alle am Tisch ihre Augen auf die auf­re­gen­den, keck wip­pen­den Hüf­ten einer Fla­sche 2006er Dom. Jean Gri­vot, Vosne-Romanée ‚Les Bru­lées’ 1er, die gleich­gül­tig, ohne die Fra­ge nach einem Alters­nach­weis zu beach­ten, am Raus­schmei­ßer vor­bei­geht und sich an unse­ren Tisch schleicht. Sie ist die scham­lo­se „Loli­ta“ der Grup­pe – fast über­sieht man die gericht­li­che Vor­la­dung, die hin­ter dem dun­kel glü­hen­den Schim­mer von Frucht in ihren Augen, der geschmei­di­gen, unfass­bar wei­chen Ala­bas­ter­haut und dem auf­rei­zen­den, bis unmit­tel­bar vor dem Nir­va­na aus­ge­schnit­te­nen Dekol­le­té droht.

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