Saison-Liebling Federweißer: Vorsicht bei Flaschen aus dem Regal!

Ein Glas Federweißer Wein
Ein Glas Federweißer mit einem Stück Zwiebel- oder Flammkuchen kann ein herzhafter Genuss sein – während der Saison. Doch Vorsicht: Winzer und Weinindustrie haben eine Marktlücke entdeckt und bieten diesen süffigen, süßen Halbwein auch noch Wochen nach der Ernte an. Der Weinkenner rät vom Genuss ab.

Mit dem Feder­wei­ßen fei­ern die Win­zer erst­mals den neu­en Jahr­gang. Halb ver­go­ren und des­halb noch natur­trüb, pri­ckelnd und süß – so schmeckt er ihnen, den Lesehel­fern und neu­gie­ri­gen Kun­den am bes­ten. Die Sai­son für den Feder­wei­ßen beginnt Ende August und dau­ert bis in den Okto­ber hin­ein. Denn den Feder­wei­ßen gibt es nur, solan­ge der Most gärt.

Doch komisch: Obwohl die­se Zeit im Novem­ber längst vor­bei ist, befin­den sich auch dann noch vie­le Feder­wei­ße auf dem Markt. Wer sie im Super­markt oder beim Dis­coun­ter kauft, soll­te lie­ber gleich eine Packung Aspi­rin dazu erste­hen.

Was ist Federweißer?

Feder­wei­ßer – auch Sau­ser, Suser, Rau­scher, Brau­ser, Bitz­ler oder Sturm genannt – ist ein halb­ver­go­re­ner, süßer Wein, der meist aus wei­ßen Trau­ben her­ge­stellt wird. Damit er in den Rega­len ange­bo­ten wer­den kann, muss er ste­ril gefil­tert und auf Fla­schen gefüllt wer­den. Das allein reicht aber nicht, um den Gär­stopp zu garan­tie­ren. Für die Hefe­res­te wäre der ver­blie­be­ne Zucker ein gefun­de­nes Fres­sen. Die Gärung wür­de in der Fla­sche wie­der ansprin­gen.

Damit das nicht pas­siert, muss Feder­wei­ßer geschwe­felt wer­den, und zwar hoch. Sonst wür­de das Koh­len­di­oxid, das bei jeder Gärung ent­steht, nicht ent­wei­chen. Es dau­er­te nicht lan­ge, bis der Ver­schluss weg­flö­ge oder die Fla­sche platz­te. Zwar wird der größ­te Teil des Schwe­fels sofort gebun­den und „unschäd­lich“ gemacht, doch der ver­blei­ben­de freie Schwe­fel ist auf Grund der grö­ße­ren Aus­gangs­do­sis wesent­lich höher als bei einem nor­ma­len Wein. Das Fol­ge­ri­si­ko: Kopf­schmer­zen und Übel­keit, zumin­dest dann, wenn man es nicht bei einem Glas belässt.

Das so uri­ge Ritu­al des Fei­erns mit Feder­wei­ßen hat vie­le gro­ße Han­dels­kel­le­rei­en, aber auch Genos­sen­schaf­ten und Win­zer auf die Idee gebracht, den popu­lä­ren Halb­wein auch sai­son­über­grei­fend anzu­bie­ten. Vor­sicht also vor Feder­wei­ßen, die jetzt noch in ver­schlos­se­ner Fla­sche im Regal ste­hen.

Flüchtiger Genuss: so bleibt er frisch

Ob Feder­wei­ßer über­haupt ein Genuss ist, dar­über strei­ten die Wein­freun­de seit lan­gem. Aber wenn, dann frisch. Am bes­ten direkt vom Fass. Das bei der Gärung gebil­de­te Koh­len­di­oxid lässt ihn pri­ckeln, der Geschmack ist von mos­ti­ger Fri­sche geprägt. Schwe­fel gibt es nicht in die­sem tra­di­tio­nel­len, bäu­er­li­chen Pro­dukt.

Wer außer­halb einer Wein­ge­gend lebt und den Feder­wei­ßen liebt, muss des­we­gen nicht unbe­dingt auf ihn ver­zich­ten. Es gibt Wein­händ­ler, die ihn alle vier Tage frisch vom Win­zer bezie­hen. In eine Kühl­kam­mer oder in den Kühl­schrank gestellt, stoppt die Gärung. Bei nied­ri­gen Tem­pe­ra­tu­ren arbei­ten die Hefen nicht. Auf die­se Wei­se kann man den Feder­wei­ßen ein paar Tage lang kon­ser­vie­ren – aller­dings nicht wochen­lang.

Es gibt heu­te auch Win­zer, die ihren unge­schwe­fel­ten Feder­wei­ßen in Plas­tik­ka­nis­tern oder Fla­schen mit wei­chem Schraub­ver­schluss ver­kau­fen, sogar ver­schi­cken. Even­tu­el­le Gär­ga­se kön­nen durch die­sen Ver­schluss ent­wei­chen.

Aber ein so abge­füll­ter Feder­wei­ßer hält sich eben­falls nur ein paar Tage, und das auch nur, weil er anders als frü­her her­ge­stellt wird.

Der moder­ne Feder­wei­ße ist in Wirk­lich­keit gar kein halb ver­go­re­ner Wein. Er wird aus hoch erhitz­tem, ste­ri­len Trau­ben­most her­ge­stellt, dem eine klei­ne Men­ge gären­der Most zuge­fügt wird. Die­ser setzt, wenn die Umge­bungs­tem­pe­ra­tur auf 15°C steigt, eine leich­te Gärung in Gang, wodurch der Trau­ben­most sanft zu pri­ckeln beginnt und sich ein­trübt. Mit dem Geschmack eines Feder­wei­ßen vom Fass hat die­ses Pro­dukt jedoch nichts zu tun – schon des­halb nicht, weil es prak­tisch kei­nen Alko­hol ent­hält.

Übri­gens: Auch der ech­te Feder­wei­ße vom Fass kann Kopf­schmer­zen berei­ten, obwohl er völ­lig unge­schwe­felt und mit 4 Vol.% sehr nied­rig im Alko­hol ist. Ursa­che ist das Ace­tal­de­hyd. Es ent­steht auto­ma­tisch bei jedem Gär­vor­gang und hat die Eigen­schaft, die Gewe­be­zel­len im Kör­per zu erwei­tern, so dass Was­ser durch sie durch­drin­gen und den Druck im Gehirn erhö­hen kann.

Des­halb muss das Ace­tal­de­hyd „gebun­den“ wer­den. Das bes­te Mit­tel dafür ist: Schwe­fel.

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