Kolumnen

Justin Leone: Was macht ein Sommelier nach Feierabend? Teil 3

Justin Leone
Wohin verschlägt es einen Sommelier, nachdem der letzte Gast das Restaurant verlassen hat? Im Fall von Justin Leone findet er sich in einer schummrigen Münchner Bar wieder und trifft auf allerlei seltsame Gestalten, eine ziemlich sexy Lady und einen humpelnden Premier Cru Aligoté, den er nicht so schnell vergessen wird. Das alles im dritten und letzten Teil von „Die üblichen Verdächtigen“.

Wohin ver­schlägt es einen Som­me­lier, nach­dem der letz­te Gast das Restau­rant ver­las­sen hat? Im Fall von Jus­tin Leo­ne fin­det er sich in einer schumm­ri­gen Münch­ner Bar wie­der und trifft auf aller­lei selt­sa­me Gestal­ten, eine ziem­lich sexy Lady und einen hum­peln­den Pre­mier Cru Ali­go­té, den er nicht so schnell ver­ges­sen wird. Das alles im drit­ten und letz­ten Teil von „Die übli­chen Ver­däch­ti­gen“. 


Den eng­li­schen Ori­gi­nal­text gibt es auf Sei­te 3.


Die üblichen Verdächtigen

Ein voy­eu­ris­ti­scher Bericht von einem ganz nor­ma­len Tag im Jen­seits. Von Jus­tin G. Leo­ne | Über­set­zung: Jan Schön­herr

1997 Marcassin Pinot NoirMei­ne Kon­zen­tra­ti­on auf den Kampf wird plötz­lich grob durch ein lau­tes Kna­cken unter­bro­chen, als die Laut­spre­cher aus ihrer stau­bi­gen Ruhe zum schril­len Gesang, den krei­schen­den Gitar­ren­riffs und den gewal­ti­gen Trom­mel­wir­beln eines Def-Leppard-Songs erwa­chen. Eine Frau wie eine Fata Mor­ga­na dreht der Juke­box den Rücken zu, schnappt sich einen Krei­de­wür­fel, berei­tet ihr Queue vor und geht am Bil­lard­tisch in der Ecke in Posi­ti­on. Wenn wir unse­re „Loli­ta“ schon ken­nen­ge­lernt haben, dann muss das hier wohl der hie­si­ge „Video Vamp“ sein. Die Zei­le „Love Is Like A Bomb“ dröhnt mir in den Ohren, als sich der Song „Pour Some Sugar On Me“ aus den alten Laut­spre­chern quält – wobei „Bom­be“ das Wort ist, auf das es hier ankommt. Ende Zwan­zig, Locke um Locke wel­li­ges pla­tin­blon­des Haar, steckt sie in einem ver­füh­re­ri­schen Cock­tail­kleid, das sitzt wie eine zwei­te Haut. Sie trägt knie­ho­he Strümp­fe und High Heels, hat eis­blaue Augen, die unter herr­lich lan­gen Wim­pern und einem per­fekt gezo­ge­nen Lid­strich her­vor­ste­chen. Ihr boh­ren­der Blick senkt sich tie­fer, als die Bil­lard­ku­geln mit ohren­be­täu­ben­dem Kra­chen aus­ein­an­der­spren­gen.

Der träu­me­ri­sche Nebel lich­tet sich um mich, und ich wen­de mei­ne Auf­merk­sam­keit dem älte­ren, gebräun­ten Mann mit Salz-und-Pfeffer-Haar, Button-down-Hemd aus Baum­wol­le und Sei­den­ho­sen zu, der ihr gera­de einen Platz am Tisch anbie­tet. Klar, eine so offen­sicht­lich „kost­spie­li­ge“ Frau ist nicht solo unter­wegs. Aber es ist nicht bil­lig, sei­nen Arm um eine Fla­sche 1997er Mar­cas­sin „Mar­cas­sin Viney­ard“ Pinot Noir zu legen. War­um? Weil sie immer so gut aus­sieht, selbst wenn sie ein­fach nur mor­gens jog­gen geht. An so eine Fla­sche kommt man nicht so leicht. Aber wenn sie mal in Ihren Mase­ra­ti gesprun­gen ist, steht Ihnen die Fahrt Ihres Lebens bevor. Immer sinn­lich, und bestimmt kein Fake. Für einen Pinot hat sie unfass­ba­re Kur­ven – und auch ein biss­chen viel Alko­hol, aber man kann ihr nicht vor­wer­fen, ein Par­ty­girl zu sein. Braun gebrannt und kna­ckig ist sie, auf­ge­wach­sen in der strah­len­den Son­ne Kali­for­ni­ens, und ihre Per­sön­lich­keit passt dazu. Nie­mals lau­nisch oder abwe­send ist die­ser Wein, immer über­schwäng­lich und zum Schmat­zen köst­lich …  “Hot, Sti­cky, Sweet – From My Head To My Feet, Yeah…“ (und die Plat­te läuft wei­ter) … Tief und kon­zen­triert, aber nicht wie einer die­ser fri­sier­ten und mit Make-up beschmier­ten Pinots, die ver­su­chen, ein Shiraz zu sein. Als ich jedoch von ihrem Lid­strich sprach, woll­te ich damit sagen, dass sie kei­ne Angst vor Far­be im Gesicht hat. Sie ist auf groß­ar­ti­ge Wei­se sexy, ja, aber ich hät­te da doch eine klei­ne Bean­stan­dung zu machen: Es fällt auf, dass merk­lich Säu­re hin­zu­ge­fügt wur­de. Das macht am Gau­men einen deut­li­chen Unter­schied im Ver­gleich zu den übri­gen Wei­nen, und das soll­te schon erwähnt wer­den. Die­ser Wein ist, was er ist: reich, sexy und auch etwas schwie­rig.

Weinverkostung im Red HotGanz im Gegen­satz zu dem „Sugar-Daddy“ mit dem ergrau­en­den Haar, dem 1979er Lou­is M. Mar­ti­ni, Cali­for­nia Moun­tain Pinot Noir. Man fragt sich immer, was die­se lebens­sprü­hen­den Frau­en, die noch so viel vor sich haben, mit Män­nern anstel­len, die so viel … na ja … wei­ter sind als sie. Sei es der Reiz von Sicher­heit und Kom­fort, sei es die Attrak­ti­vi­tät aus­ge­präg­ten Selbst­ver­trau­ens und gefes­tig­ter Iden­ti­tät – ich muss zuge­ben, dass die­ser Wein ein wenig von bei­dem zu bie­ten hat. Er ist kein jun­ger Hüp­fer mehr, das ist klar. Er ist leicht oxi­diert und wird lang­sam bräun­lich, aber ich weiß auch, dass die­ser Wein bes­se­re Zei­ten gese­hen hat und ich ihn heu­te nicht in Top­form erle­be. Die Frucht ist dun­kel, tief und likö­rig, fast schon auf­ge­weicht, und man spürt anhand einer leich­ten Tro­cken­frucht­kom­po­nen­te im Glas deut­lich das fast tos­ka­ni­sche Kli­ma. Der Alko­hol­ge­halt liegt bei beschei­de­nen 12,3 Pro­zent, im Unter­schied zu den 15,4% des Mar­cas­sin, aber man spürt bei jedem Schluck die küh­le Abend­bri­se Sono­mas, die zu der vor­hin beschrie­be­nen locker-luftigen Beklei­dung passt. Die Säu­re gibt ihm aus­rei­chend Sprit, um das Ren­nen zu Ende zu fah­ren, man kann jedoch kaum von einer star­ken Prä­senz spre­chen. Der 79er hat nicht ganz die klas­si­sche Form und Span­nung der 57er, 65er oder 69er, ist aber den­noch ein köst­li­cher Trop­fen.

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