Guardiola, der Wein: hängende Spitze

Ein Chardonnay vom Ätna: Guardiola
Ein Chardonnay vom Ätna: Guardiola
Ein Chardonnay macht von sich Reden. Er wächst auf 1.000 Metern Höhe am Ätna auf Sizilien und schmeckt, wie der Vulkan vor dem Ausbruch riecht: rauchig. Sein Name: Guardiola. Etwaige Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig.

Der Fuß­ball­trai­ner des FC Bay­ern Mün­chen heißt mit Vor­na­men Pep und ist ein Kata­la­ne. Der Wein heißt zwar auch Guar­dio­la, hat aber kei­nen Vor­na­men und kommt auch nicht aus Kata­lo­ni­en. Guar­dio­la ist der Name einer Lage hoch oben am Vul­kan Ätna auf Sizi­li­en. Bis vor zwölf Jah­ren hiel­ten sich dort oben nur Hir­ten mit ihren Scha­fen und Zie­gen auf, bis plötz­lich ein Frem­der kam und Reben pflanz­te. Erst rote, ab 2002 auch Char­don­nay. Der Frem­de hat­te eine Visi­on: in die­ser Lava­wüs­te gro­ße Wei­ne zu erzeu­gen.

Von sei­nem Char­don­nay sind bis­her fünf Jahr­gän­ge erschie­nen. Kürz­lich ist ist der sechs­te frei­ge­ge­ben wor­den: der 2011er Guar­dio­la. Was für ein Wein! Üppig und reich, dabei hoch­mi­ne­ra­lisch, rau­chig, von fei­nen Zitrus­aro­men durch­zo­gen und kris­tal­li­ner Säu­re geädert. Ein Char­don­nay der ganz ande­ren Art, nicht holz­be­tont, nicht röstig-schokoladig, son­dern pur. Er wur­de nicht im Fass, son­dern in gro­ßen Zement­zis­ter­nen ver­go­ren und aus­ge­baut.

Sizilianischer Montrachet? Quatsch!

Der Vul­kan Ätna­Die eng­li­che Wein­zeit­schaft Decan­ter nann­te ihn den „sizi­lia­ni­schen Mon­tra­chet“. Das ist natür­lich Quatsch. Auf Sizi­li­en wächst kein Wein, der den gro­ßen Bur­gun­dern Kon­kur­renz macht – auch wenn es Jour­na­lis­ten in Ita­li­en gibt, die davon träu­men. Und manch­mal auch davon schrei­ben, unter ande­rem für eng­lisch­spra­chi­ge Wein­zeit­schrif­ten. Die wenigs­ten von ihnen haben je einen Mon­tra­chet getrun­ken.

Sei’s drum: Der 2011er Guar­dio­la hat das Zeug zu einem gro­ßen Wein. Groß in dem Sin­ne, dass er viel­schich­tig, kom­plex und cha­rak­ter­stark ist. Kurz: unver­wech­sel­bar. Dass er nor­ma­len Weiß­wein­trin­kern schmeckt, bezweif­le ich. Die ver­mis­sen an ihm die kna­cki­ge Frucht und die Rasier­was­ser­fri­sche. Mit erdig-rauchiger Mine­ra­li­tät kön­nen die wenigs­ten etwas anfan­gen. Und 26,50 Euro wür­den sie für einen Wein sowie­so nicht aus­ge­ben.

Ein Wein für Liebhaber von besonderen Terroirs

Lava­ge­stein­Der Guar­dio­la ist ein ganz eige­ner Typ. Das hat er mit dem gleich­na­mi­gen Fuß­ball­trai­ner gemein. Sein Poten­zi­al hat er noch nicht aus­ge­spielt, bleibt also hin­ter sei­nen Mög­lich­kei­ten zurück. Hän­gen­de Spit­ze könn­te man sagen, um im Fuß­ball­jar­gon zu blei­ben. Aber der Guar­dio­la lässt bereits ahnen, was in ihm steckt. Leu­te, die ger­ne Chassagne-Montrachet, Cou­lée de Ser­rant oder gro­ße deut­sche Terroir-Rieslinge wie die von Battenfeld-Spanier oder Emrich-Schönleber trin­ken, wer­den ihn zu schät­zen wis­sen. Sie wis­sen aus Erfah­rung, dass man Geduld haben muss, um zum ganz gro­ßen Genuss zu kom­men.

Die Lage Guar­dio­la liegt in rund 1.000 Metern Höhe nahe der Vege­ta­ti­ons­gren­ze. Der Unter­grund besteht aus schwarz-grauem Vul­kan­ge­stein. Erstarr­te Lava. Die natür­li­che Vege­ta­ti­on, das sind Brom­bee­ren, Kak­te­en, Ilex und ande­re Sta­chel­sträu­cher. Ver­ein­zelt wächst ein wil­der Fei­gen­baum in die­ser apo­ka­lyp­ti­schen Land­schaft, in der es fast immer ein biss­chen nach Rauch und Schwe­fel riecht. Der Ätna ist ein hoch­ak­ti­ver Vul­kan. Selbst wenn er kein Feu­er speit, steht über sei­nem Kra­ter oft eine fei­ne Rauch­schwa­de.

Solche Weine kann nur ein Quereinsteiger produzieren

Andrea Franchetti
Andrea Fran­chet­ti

Der Frem­de, der dort oben Reben pflanz­te, heißt Andrea Fran­chet­ti. Ein Quer­ein­stei­ger und Außen­sei­ter, der mit der ita­lie­ni­schen Wein­sze­ne nicht viel zu tun hat. Er ist heu­te 65, lebt in Rom oder zurück­ge­zo­gen auf sei­nem Wein­gut Tenuta di Tri­no­ro in der ein­sa­men süd­li­chen Tos­ka­na. Eine förm­li­che Aus­bil­dung in Öno­lo­gie besitzt er nicht, was aller­dings nicht ver­hin­der­te, dass er auch schon als Bera­ter in Bor­deaux ange­heu­ert wur­de. Mit Jean Luc Thu­nevin von Valand­raud ver­bin­det ihn zum Bei­spiel eine enge Freund­schaft.

Dabei war ihm der Wein nicht in die Wie­ge gelegt. Sein Vater kommt aus dem Tren­ti­no und hat sein Leben nichts ande­res getan als Berg­stei­gen. Sei­ne Mut­ter ist Ame­ri­ka­ne­rin. Nach dem Abitur war Andrea mit dem Fahr­rad durch Afgha­ni­stan gefah­ren und hat­te sich sei­nen Lebens­un­ter­halt damit ver­dient, dass er Rei­se­be­rich­te für ita­lie­ni­sche Zei­tun­gen schrieb. Spä­ter arbei­te­te er als Film­kri­ti­ker. In New York ver­such­te er sich zeit­wei­se als Wein­ver­käu­fer. Doch am Ende, erzähl­te er mir ein­mal, waren sei­ne Restaurant­rech­nun­gen höher als sei­ne Pro­vi­sio­nen.

Name des Ätna-Weinguts: Passopisciaro

Irgend­wann erb­te Fran­chet­ti ein Bild des berühm­ten ame­ri­ka­ni­schen Künst­lers Cy Twom­bly. Er ver­kauf­te es und bau­te mit dem Erlös die Tenuta di Tri­no­ro auf. Sie liegt in einem der ver­las­sens­ten Win­kel der Tos­ka­na, in dem noch nie in den letz­ten 2.000 Jah­ren Reben gestan­den haben. Heu­te erzeugt er dort aus Caber­net franc-Trauben einen der bes­ten (und teu­ers­ten) Rot­wei­ne Ita­li­ens.

Reben­land­schaft bei Passopisciaro2000 hat­te Fran­chet­ti die Visi­on, Wein am Ätna zu pro­du­zie­ren. Er grün­de­te ein zwei­tes Wein­gut an der küh­len Nord­flan­ke des Vul­kans. Der Name: Passo­pi­sci­a­ro. Sie­ben Par­zel­len erwarb er dort und bepflanz­te sie mit Nerel­lo Mas­ca­le­se, einer loka­len Reb­sor­te. Sie ergibt mit­tel­ge­wich­ti­ge, expres­siv fruch­ti­ge Rot­wei­ne, die durch­aus ein­zig­ar­tig sein kön­nen, wie das Bei­spiel sei­ner Wei­ne zeigt. Ob die Nerel­lo Mas­ca­le­se des­we­gen die Pinot Noir Ita­li­ens ist, wie die schrei­ben­de Wein­zunft des Lan­des beschwört, ist eine ande­re Sache.

Kühlster Fleck in einer warmen Gegend

2004 pflanz­te Fran­chet­ti in einer ach­ten Par­zel­le zusätz­lich Char­don­nay. Er wuss­te nicht, was für ein Wein dort ent­ste­hen wür­de. Nie­mand vor ihm hat­te die­se Sor­te je am Ätna gepflanzt. Er war jedoch fest über­zeugt, dass, wenn irgend­wo in Ita­li­en ein inter­es­san­ter, span­nen­der Weiß­wein erzeugt wer­den kön­ne, es am Ätna sein müs­se: am kühls­ten Fleck einer sehr war­men Gegend.

Das Resul­tat ist der Guar­dio­la. Auch der ernst zu neh­men­de Teil der inter­na­tio­na­len Wein­kri­tik zollt ihm Respekt. Anto­nio Gal­lo­ni, der (bis vor Kur­zem) die ita­lie­ni­schen Wei­ne für Par­ker begut­ach­te­te, nennt den 2011er „gran­di­os“ und gibt ihm 91 Punk­te, ande­re beschei­ni­gen ihm, dass noch reich­lich Luft nach oben ist.

Der Wein


Etikett 2011 Guardiola Bianco Sicilia2011 Guar­dio­la Bian­co Sici­lia | Passo­pi­sci­a­ro
Bewer­tung: 91/100 Punk­te
Preis: 26,50 Euro
Bezug: Superiore.de


Über den Autor

2 Kommentare

  • “La Guardiola” Bianco Sicilia IGT 2011 | Passopisciaro auf nachgeschenkt.de – der Weinblog von superiore.de | Wein Italien | Winzer Italien | Wein Welt sagt:

    […] Den gesam­ten Arti­kel lesen Sie bit­te auf weinkenner.de […]

  • Klingt inter­es­sant. Scha­de, dass der Wein ein­fach etwas zu teu­er ist, dass man sich ein­fach mal so – auf Ver­dacht – ein paar Fla­schen in den Kel­ler legt.

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