Von Apalta bis Tunnel: mein Weinjahr 2017

Das Weinjahr 2017
Für Börsenanleger war 2017 ein gutes Jahr, für Angela Merkel ein durchwachsenes, für Air Berlin-Mitarbeiter ein katastrophales. Und für Weintrinker? Da hatte jeder sein Schicksal selbst in der Hand, findet Jens Priewe. Auch er selbst.

Die meis­ten Men­schen wür­den mich ver­mut­lich benei­den, wenn sie wüss­ten, was ich in 2017 alles getrun­ken habe – quan­ti­ta­tiv und qua­li­ta­tiv. Aber Wein ist nun mal mein Beruf, und schrei­ben über Wein setzt vor­aus, dass man auch Wein trinkt. Das Trin­ken – oder sagen wir vor­neh­mer: Ver­kos­ten – ist zwei­fel­los der ange­neh­me Teil die­ses Berufs. Der weni­ger ange­neh­me besteht dar­in, dass man nach dem Ver­kos­ten irgend­et­was Geschei­tes zu Papier brin­gen muss. Das kann manch­mal quä­lend sein und dem Ver­such ähneln, Locken auf der Glat­ze zu dre­hen. Trotz­dem habe ich die Quä­le­rei nicht gescheut, wie die Besu­cher die­ser Web­site sicher fest­ge­stellt haben. Ich habe über gute und weni­ger gute Wei­ne berich­tet, über beschei­de­ne und bla­sier­te, über authen­ti­sche und ange­streng­te, über berühm­te und namens­lo­se, über obszön teu­re und beschä­mend preis­wer­te. Ob mei­ne Ein­ord­nun­gen und Urtei­le rich­tig waren, müs­sen Sie, lie­be Wein­ken­ner, sel­ber ent­schei­den.

Hier habe ich zum Abschluss ein paar Wei­ne zusam­men­ge­stellt, die mir beson­ders im Gedächt­nis geblie­ben sind. Es sind nicht zwangs­läu­fig die bes­ten, die ich trin­ken durf­te. Aber sie waren für mich sub­jek­tiv „inter­es­sant“: sti­lis­tisch, trend­mä­ßig oder qua­li­ta­tiv. Eini­ge die­ser Wei­ne habe ich schon im Dezember-Heft des FEINSCHMECKER vor­ge­stellt, für den ich schrei­be. Ande­re sind dazu­ge­kom­men. Man­che habe ich erst vor ein paar Tagen getrun­ken.


Inhalt:


Die Schaumweine

2016 Pet-Nat | Weingut Brand

Pet-Nat

Was in den Bio-Zirkeln ande­rer Län­der längst Kult ist, näm­lich auch im Kel­ler Bio zu machen, ins­be­son­de­re bei der Schaum­wein­her­stel­lung, das prak­ti­zie­ren die Brü­der Dani­el und Jonas Brand aus Bocken­heim in der Pfalz jetzt auch bei uns. Sie haben Deutsch­lands ers­ten Pet-Nat auf den Markt gebracht: Eine Weißburgunder-/Silvaner-Cuvée, die wäh­rend der alko­ho­li­schen Gärung auf die Fla­sche gezo­gen wur­de, um dort wei­ter zu gären. Resul­tat: ein flaschen-(teil)vergorener Schaum­wein, undo­siert, unge­schwe­felt, nicht degor­gi­ert, leicht trüb. Ori­gi­nell. In den tren­di­gen Restau­rants west­li­cher Metro­po­len trinkt man zuneh­mend Pet-Nat (= petillant-naturel) und lässt Moët oder die Wit­we ste­hen.
€ 16,00 | Vin­pur Tor­ben Bun­te, Roland­str. 20, 33615 Bie­le­feld, Tel. 0521-89724499, www.vinpur.de

2011 Pinot Brut Nature | Weingut Aldinger

Aldinger

Laut neu­em VINUM-Weinführer Deutsch­lands bes­ter Win­zer­sekt. Bin­go. Eine gute Wahl. Im FEINSCHMECKER, für den ich regel­mä­ßig schrei­be, hat­te ich den Aldin­ger Cré­mant Brut Natu­re aller­dings schon einen Monat vor­her als bes­ten deut­schen Win­zer­sekt vor­ge­stellt. Ich bin, par­don, kein Fan von Riesling-Sekten. Der Aldin­ger Brut, der aus Bur­gun­der­trau­ben gewon­nen ist, bestä­tigt mich hier­in. Er ist aus Char­don­nay, Pinot Noir, Pinot Meu­nier gewon­nen und hat 5 Jah­re auf der Hefe gele­gen: ein raf­fi­nier­ter, hoch­fei­ner Luxus-Crémant, der Emo­tio­nen weckt. Ein­mal im Jahr wird man sich Gefüh­le wohl leis­ten dür­fen.
€ 50,00 | www.weingut-aldinger.de

2007 Franciacorta Dosage Zéro Noir | Ca’ del Bosco

Ca'del Bosco

Nicht der teu­ers­te, aber der rars­te aller Fran­ci­a­cor­ta aus dem Hau­se Ca’ del Bosco – und für mich der bes­te. Ein rein­sor­ti­ger Pinot Nero aus drei klei­nen, bis zu 466 Meter hoch über dem Iseo-See gele­ge­nen Par­zel­len, die mit blau­en Bur­gun­der­re­ben bestockt sind. Was den Reiz die­ses außer­ge­wöhn­li­chen Fran­ci­a­cor­ta aus­macht? Sein Stof­fig­keit (schmilzt am Gau­men weg wie But­ter), sei­ne Mine­ra­li­tät (spek­ta­ku­lär), sein hei­te­rer Ernst. Macht Spaß.
€ 65,50 | www.belvini.de

2011 Champagne Ambonnay Grand Cru | Marguet

Champagne Marguet

Ein Winzer-Champagner, aber was für einer: eigen­wil­lig, sper­rig, jen­seits aller Moden und Sti­le. Bénoit Mar­guet, der Win­zer, sag­te mir: „Mei­ne Cham­pa­gner sind Weiß­wei­ne. Sie haben nichts Hin­zu­ge­füg­tes, sind spon­tan ver­go­ren und haben kei­ne Dosa­ge und kei­nen Schwe­fel. Dosa­ge ist Gift.“ Okay. Also kein Cham­pa­gner für Sil­ves­ter oder für die Hoch­zeits­par­ty.  Für den Rest des Jah­res dafür umso mehr, zu gutem Essen und für alle, denen die Mar­ken­cham­pa­gner zu den Ohren raus­hän­gen. Ein wenig lie­gen könn­te der Ambon­nay aller­dings schon, fin­de ich.
€ 57,00 | www.vinaturel.de


Die Weißweine

2016 Pinot Blanc Einstern* | Markus Molitor

Markus Molitor

Mar­kus Moli­tor hat nicht nur ein Händ­chen für Ries­ling. Auch der Weiß­bur­gun­der – eigent­lich eher ein Fremd­ling an der Mosel – gelingt ihm her­vor­ra­gend. Die Einstern-Qualität schät­ze ich des­halb beson­ders, weil hin­ter ihr ein saf­ti­ger, gerad­li­ni­ger Wein ver­birgt, der ohne exo­ti­sche Frucht­aro­men aus­kommt und mich eher an Apfeltar­te erin­nert als an Man­go oder Lit­schi (wie die Zwei- und Dreistern-Varianten). Kam­mer­mu­sik statt sin­fo­ni­sche Klang­fül­le.
€ 14,80 | www.wirwinzer.de

2016 Piesporter Schubertslay Riesling Kabinett | Julian Haart

Julian Haart

Wie „der Flü­gel­schlag eines Schmet­ter­lings“ hat ein Wein­kri­ti­ker über die­sen Ries­ling geschrie­ben. Schön gesagt: extrem zart­fruch­tig und fili­gran. Der Schu­berts­lay Kabi­nett des jun­gen Juli­an Haart, der sei­nen eige­nen Weg außer­halb des elter­li­chen Wein­guts geht, gilt vie­len, die bes­se­re Mosel­ken­ner sind als ich, neben Egon Mül­lers Kabi­nett als der bes­te die­ser Kate­go­rie an der Mosel. Könn­te stim­men.
€ 16,00 | www.pinard.de (lei­der aus­ver­kauft)

2016 Uhlen Riesling „Alte Reben“ | Lubentiushof

Lubentiushof

Die „Alten Reben“ aus den Ter­ras­sen vom Uhlen und der Gäns sind Monu­men­te einer alten Riesling-Kultur, von der wir bis heu­te nicht sicher sind, ob sie über­le­ben wird. Die Arbeit in den unzu­gäng­li­chen Ter­ras­sen ist eigent­lich unbe­zahl­bar, und die Men­schen, die die­se Arbeit machen, wer­den immer sel­te­ner. Andre­as und Susan­ne Barth aus Nie­der­fell an der Unter­mo­sel gehö­ren dazu. Ihre Wei­ne sind ein­ma­lig. Wer sich an Sponti-Nase und purer Mine­ra­li­tät nicht stört, könn­te nach ihnen süch­tig wer­den.
€ 20,00 | www.lubentiushof.de

2014 St. Péray Pur | Domaine du Tunnel

Domaine du Tunnel

Genia­ler Weiß­wein von 100-jährigen Marsanne-Reben, gewach­sen an stei­len Gra­nit­hän­gen am Ran­de der Stadt Valence an der Rhô­ne. Riesling-Hooligans wer­den die nied­ri­ge Säu­re bemän­geln, Leicht­ma­tro­sen den hohen Alko­hol. Sté­pha­ne Robert, der Win­zer, swür­de dar­über schmun­zeln. Sein Saint Péray ist so, wie die Natur ihn schuf, und Fül­le ist nun ein­mal das Mar­ken­zei­chen der Rhône-Weine. Ich bin nicht der all­wis­sen­de Ken­ner der Regi­on, aber die­ser Wei­ße mit den exo­ti­schen Frucht­aro­men, der rau­chi­gen Note und dem rös­ti­gen Unter­ton ist für mich das Tor zu einem neu­en, ande­ren Weißwein-Universum.
€ 42,50 | www.weine-wuttke.de


Die Rotweine

2012 Nero d’Avola „Vrucara“ | Feudo Montoni

Feudo Montoni

Der bur­gun­dischs­te aller sizi­lia­ni­schen Nero d’Avola, aus einem Wein­gar­ten mit uralten Reb­stö­cken im Hin­ter­land von Agri­gent stam­mend, die noch aus der Vor-Reblaus-Zeit stam­men. Habe ihn erst­mals im Ris­tor­an­te Vica­ra in Noto getrun­ken. Schwer beein­druckt. Dann auch in Deutsch­land gefun­den.
€ 24,90 | www.lacantinetta-shop.de

2015 Grands Echézeaux | Domaine de la Romanée-Conti

Romanée-Conti

Die­ser Wein kommt erst 2018 auf den Markt und dürf­te schwie­rig zu beschaf­fen sein. Ich konn­te ihn im Kel­ler der Domai­ne aus dem Fass pro­bie­ren. Das war letz­ten Som­mer. Zu die­sem Zeit­punkt hat er mir von allen DRC-Weinen am bes­ten gefal­len. „Ist gut, nicht wahr?“ bestä­tig­te Aubert de Vil­lai­ne. Und: „Wir nen­nen ihn Le Grand.“ Auch wenn es nur eine Fass­pro­be war: einer der Höhe­punk­te des Jah­res.
ca. € 1.300,00 (noch nicht auf dem Markt)

2014 Clos Apalta | Lapostolle

Clos Apalta

Zwei­fel­los einer der bes­ten Rot­wei­ne aus Chi­le. Der Wein­kri­ti­ker James Suck­ling hat dem 2014er glat­te 100 Punk­te gege­ben (bei ihm weiß man aller­dings nie, ob sei­ne Ska­la nicht bis 110 geht). Auf jeden Fall ist die­se Cuvée aus Caber­net Sau­vi­gnon, Mer­lot, Car­menè­re ein Ultra Premium-Wein mit Gran­dez­za. Jedes Steak möch­te möch­te mit die­sem Wein ver­schlun­gen wer­den.
€ 99,99 | www.chilenus.de

2014 Château Pierrail Reserve Bordeaux Supérieur | Château Pierrail

Chateau Pierrail

Viel­leicht wirkt es ein biss­chen komisch, wenn in die­ser Auf­stel­lung kei­ner der gro­ßen Bor­deaux auf­taucht, statt­des­sen ein ziem­lich unbe­kann­ter Bor­deaux Supé­ri­eur, der auch noch weit weg von der Giron­de an der Gren­ze zu Ber­ge­rac wächst. Aber Pier­rail ist schon kein Geheim­tipp mehr, und 2014 war ein so groß­ar­ti­ges Jahr, daß die Besit­zer­fa­mi­lie sich ent­schloß, eine Reser­ve du Châ­teau abzu­fül­len. Das pas­siert nicht oft, zuletzt 2010.  Die­se Merlot-/Cabernet Sauvignon-Cuvée zeigt, dass tol­le Wei­ne in guten Jah­ren nicht nur von den gol­de­nen Äckern Pome­rols und des Médoc kom­men.
€ 23,95 | www.vandermeulen-wein.de

2013 Barolo Gavarini | Elio Grasso

Elio Grasso

Alle Jah­re wie­der: Die Baro­lo von Gian­lu­ca Gras­so lie­gen auch in 2013 wie­der ganz oben im Jahr­gangs­ran­king. Ich habe sie im Novem­ber im Wein­gut pro­bie­ren kön­nen. Im Gegen­satz zu Par­ker sehe ich den Gava­ri­ni Chi­nie­ra noch ein Tick bes­ser als den Gras­sos zwei­ten Baro­lo Casa Matè. War­um? Weil es die küh­le­re Lage ist und 2013 ein war­mes Jahr war. Aber das sind Klei­nig­kei­ten.
€ 69,00 | www.gute-weine.de

2011 Barolo Falletto Riserva Vigna Le Rocche | Bruno Giacosa

Bruno Giacosa

Es gibt rund 200 ver­schie­de­ne Barolo-Erzeuger. Höchs­tens 50 erzeu­gen Wei­ne, die des Namens Baro­lo wür­dig sind. Gro­ße Baro­lo gibt es weni­ge, viel­leicht ein Dut­zend. Die Riser­va Fal­let­to Vigna Le Roc­che von Bru­no Gia­co­sa gehört dazu. Ich habe mir zu Weih­nach­ten die eben auf den Markt gekom­me­ne 2011er Riser­va gegönnt. Magisch, was Dan­te Sca­glio­ne, der Kel­ler­meis­ter, mit der Hil­fe von Bru­na Gia­co­sa, der Toch­ter, da auf die Fla­sche gebracht hat. Nicht zu ver­ges­sen der gro­ße Meis­ter selbst, der inzwi­schen zwar alt und mobi­li­täts­ein­ge­schränkt ist, aber täg­lich in den Kel­ler kommt und sei­ne Wei­ne ver­kos­tet. Sei­ne Riser­va ist der bes­te Baro­lo, den ich bis­her aus dem Jahr­gang 2011 getrun­ken habe (ist übri­gens schon jetzt  antrink­bar), wenn­gleich ich zuge­be, dass 2011 zwar ein Maxi­mum an Opu­lenz bie­tet, an Fein­heit jedoch vom 2013er Jahr­gang über­trof­fen wird. War­ten wir mal ab, wie Gia­co­sas Riser­va aus­fällt, wenn sie auf den Markt kommt.
€ 440,00 | www.koelner-weinkeller.de

2012 Ribeira del Duero „Pingus“ | Dominio de Pingus

Pingus

Wenn Eng­lisch mei­ne Mut­ter­spra­che wäre, wür­de die Rezen­si­on die­ses Weins aus nur zwei Wor­ten bestehen: sim­ply per­fect. Ganz allein ste­he ich mit die­sem Urteil nicht. Wie Peter Sisseck es geschafft hat, einen der­art kom­ple­xen Wein so ele­gant hin­zu­bie­gen, daß er schon jetzt mit Genuss getrun­ken wer­den kann, weiß ich nicht. Aber es ist so. Bleibt nur der Preis. Den muss man schlu­cken.
€ 825,00 | www.ungerweine.de

1 Kommentar

  • Da gemäss Gia­co­sas Phi­lo­so­phie der Baro­lo Le Roc­che je nach Jahr­gang ent­we­der als weis­se Eti­ket­te oder als Riser­va auf den Markt kommt und es den 2013er Le Roc­che bereits gibt, wird es wohl kei­ne 2013er Riser­va geben. Schein­bar wird aber der 2014er als Riser­va ver­mark­tet.

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