Primitivo-Revival: We don’t need another hero …

Drei Flaschen Primitivo aus Italien
Für die wachsende Gemeinde der Primitivo-Liebhaber könnte der Song von Tina Turner die Nationalhymne sein. Sie wollen keinen Bordeaux, brauchen keinen Spätburgunder, verzichten auf sizilianischen Nero d’Avola. Der Wein vom Stiefelabsatz Italiens ist ihr Held. Er hat alles, was ein guter Rotwein braucht: Power, Frucht, Tannin von der feinsten Sorte. Und der Preis des Weins ist heiß. Jens Priewe fand drei Primitivos, an denen man sich die Finger verbrennen könnte.

Der Pri­mi­tivo ist einer jener Wei­ne, die ihr Schick­sal mit hei­te­rem Gleich­mut tra­gen. Sein Schick­sal ist, dass er jahr­zehn­te­lang nur ein Ver­schnitt­wein war und sei­ne Bestim­mung dar­in fand, alko­hol­schwa­chen Val­po­li­cel­las, Bar­do­li­nos, Chi­an­tis auf die Bei­ne zu hel­fen.  Die­se Zei­ten sind zwar längst pas­sé. Aber das Stig­ma eines Weins, der sei­ne Exis­tenz­be­rech­ti­gung nur aus dem Alko­hol­ge­halt zieht, hängt ihm immer noch an.

Mit hei­te­rem Gleich­mut trägt er sein Schick­sal, weil er gegen­wär­tig einer der erfolg­reichs­ten ita­lie­ni­schen Wei­ne ist. Von Wein­kri­ti­kern ver­kannt, von Snobs igno­riert, von Wein­händ­lern unter­schätzt, hat ihn eine stän­dig wach­sen­de Gemein­de von Rot­wein­trin­kern ent­deckt und genießt ihn mit größ­tem Ver­gnü­gen. Der Wein besitzt Power. Er hat Frucht. Und trotz sei­ner Fül­le fehlt es ihm nicht an Fri­sche.

Reben im SandDer Erfolg kommt nicht von unge­fähr. Die Qua­li­tät des Pri­mi­tivo hat sich in den letz­ten Jah­ren dra­ma­tisch ver­bes­sert. Ein guter Pri­mi­tivo ist, bei aller Fül­le, die er mit­bringt, nie über­la­den. Sei­ne Frucht  ist sau­ber und wird von einer mil­den Säu­re unter­stützt. Von den oft mar­me­la­di­gen Nero d’Avola aus Sizi­li­en hebt er sich wohl­tu­end ab. Und die Alko­hol­ge­hal­te sind mit durch­schnitt­lich 13,5 Vol.% auch nicht exzes­siv hoch.

Zuge­ge­ben: Der Pri­mi­tivo ist nichts für Fili­gran­trin­ker. Aber er sprengt auch nicht das Glas, wie man­cher aus­tra­li­sche Shiraz, man­cher Spa­ni­er und – par­don – auch man­cher Bor­deaux vom Rech­ten Ufer es mitt­ler­wei­le tun. Er ist ein Wein von dis­zi­pli­nier­ter Fül­le, der leicht zu ver­ste­hen und unkom­pli­ziert zu trin­ken ist. Schon für unter sechs Euro gibt es im Wein­han­del sehr ordent­li­che Qua­li­tä­ten. Wer ein oder zwei Euro drauf­legt, erhält rich­tig gute Wei­ne – vor­aus­ge­setzt er mag den Stil des Weins.

Pri­mi­tivo heißt die Reb­sor­te, aus der er zu hun­dert Pro­zent gekel­tert wird. Sie ist mit der Zin­fan­del ver­wandt, aber nicht iden­tisch. Wie sie zu dem Namen Pri­mi­tivo gekom­men ist, kön­nen auch die Apu­lier nicht genau ange­ben. Mit pri­mi­tiv haben weder Reb­sor­te noch Wein etwas zu tun. Wahr­schein­lich hieß sie ursprüng­lich Prima-tivo, weil sie schon so früh gele­sen wird: ab Mit­te August.

Rebe in terra rossaApu­li­en ist die Regi­on, in der sie ange­baut wird. Eine Regi­on mit wenig Indus­trie, viel Land­wirt­schaft und sehr beschei­de­nem Wohl­stand. Der Reich­tum Apu­li­ens sind die Oli­ven und der Wein. Bei­des gibt es im Über­fluss. Auch Hart­wei­zen wird viel ange­baut. Aus ihm wird Pas­ta her­ge­stellt. Die zahl­rei­chen klei­nen Pas­taer­zeu­ger sind einer der wirt­schaft­li­chen Aktiv­pos­ten der Regi­on. Dazu kommt natür­lich der Tou­ris­mus. Mit sei­nen lan­gen Strän­den ist Apu­li­en ein belieb­tes Feri­en­ziel, vor allem der Süden Apu­li­ens, also die Gegend direkt am Stie­fel­ab­satz, wo das Land rela­tiv flach, die Tem­pe­ra­tu­ren hoch und Nie­der­schlä­ge gering sind.

Dort befin­det sich auch der größ­te Teil der 9000 Hekt­ar, die mit Primitivo-Reben bestockt sind. Boden und das Kli­ma zwi­schen den Städ­ten Brin­di­si, Lec­ce und Taran­to sind maß­ge­schnei­dert für die Sor­te. Mit rela­tiv wenig Auf­wand las­sen sich in die­sem Drei­eck sehr gute Qua­li­tä­ten erzie­len.

„Der Pri­mi­tivo ist ein Wein der Hit­ze“, sagt Gre­go­ri Per­ruc­ci, einer der Win­zer, des­sen Wein ich emp­feh­le. „Wenn man nicht auf­passt, erreicht er schnell 16 Vol.%. Zu Zei­ten des Ver­schnitt­weins war das auch okay. Heu­te dage­gen müs­sen wir kämp­fen, um die Trau­ben phy­sio­lo­gisch reif zu krie­gen und trotz­dem nur 13,5 Vol.% zu bekom­men.“

Reben in terra neraSeit min­des­tens 200 Jah­ren ist die Rebe im Süden hei­misch. Und noch heu­te wird sie so gezo­gen wie damals: Bäumchen-Erziehung (ita­lie­nisch: albe­rel­lo), zumeist ohne Stütz­pfahl und ohne Draht­rah­men. In Man­duria, einem Städt­chen unweit von Taran­to und einem Zen­trum des Primitivo-Anbaus, wächst sie in rost­ro­ter Erde. Doch schon weni­ge Zen­ti­me­ter unter der Ober­flä­che blitzt har­ter, wei­ßer Kalk­stein auf. Ein kar­ger Boden also, der wenig Feuch­tig­keit spei­chert und die Reb­stö­cke zwingt, tief zu wur­zeln. Dort kön­nen nicht mehr als 6000 Kilo­gramm Trau­ben pro Hekt­ar geern­tet wer­den.

Für Per­ruc­ci, der Terroir-Weine anstrebt, sind terra-rossa-Böden ein idea­ler Unter­grund für den Wein. Sein Pri­mi­tivo „Fel­li­ne“ wächst auf rotem, eisen­hal­ti­gen Boden. Sie geben den Wei­nen beson­ders aus­drucks­vol­le Noten von Pflau­men und Ama­rena­kir­sche.

Ande­re Wei­ne sei­nes Wein­gu­tes Acca­de­mia dei Ras­ce­mi sind auf san­di­gen Böden gewach­sen. Dort schrump­fen die Erträ­ge teil­wei­se sogar auf die Hälf­te zusam­men: auf 3000 Kilo­gramm pro Hekt­ar. Die­se Böden fin­det man süd­lich von Taran­to nahe den Strän­den des Joni­schen Mee­res. Sie lie­fern die dich­tes­ten, kom­ple­xes­ten Wei­ne – aber auch die­je­ni­gen, die leicht 14 Vol.% und mehr Alko­hol bil­den.

Am frucht­bars­ten sind die terra-nera-Böden, die man eben­falls in Man­duria, aber auch anders­wo im Salen­to fin­det: grau-braune Decker­de über allu­vio­na­lem Fluss­ge­stein. Dort kön­nen auch 10.000 Kilo­gramm Trau­ben geern­tet wer­den. Der Pri­mi­tivo der bei­den Schwes­tern Anna­ma­ria und Fran­ce­s­ca Bruni, die das herr­lich gele­ge­ne, ehr­wür­di­ge Gut Vetre­re lei­ten, stammt von 60jährigen Reb­stö­cken und ist über­wie­gend auf ter­ra nera gewach­sen. Er ist wür­zig und bal­sa­misch und hat viel schwar­zen Pfef­fer in der Nase.

Der Pri­mi­tivo der Can­ti­ne Due Pal­me kommt dage­gen von allen drei Ter­ro­irs. Die Genos­sen­schafts­kel­le­rei in dem Städt­chen Cel­li­no San Mar­co, zwi­schen Brin­si­si und Lec­ce gele­gen, ver­ar­bei­tet Trau­ben von rund 2200 Hekt­ar Reben – ein Wein­gi­gant also. Doch es gibt kei­ne ande­re Kel­le­rei in Apu­li­en, die zuver­läs­sig so gute Wei­ne her­vor­bringt wie sie – die bes­ten haben schon mehr­fach die berühm­ten 3 Glä­ser im Gam­be­ro Ros­so erhal­ten, dem wich­tigs­ten ita­lie­ni­schen Wein­füh­rer. Und ihr Pri­mi­tivo strotzt nur so vor Kraft, auch wenn er kein Mono-Terroirwein ist.

Getrun­ken wer­den soll­ten die Pri­mi­tivo übri­gens eher kühl. 16 bis 18°C wären genau die rich­ti­ge Tem­pe­ra­tur. Und bit­te nicht aus gro­ßen Glä­sern! Der Wein braucht nicht viel Luft zum Atmen. Er gibt sei­nen Duft und sei­ne Aro­men auch in nor­ma­len Rot­wein­glä­sern sofort preis.

Noch ein Wort zum Stil des Pri­mi­tivo all­ge­mein: Die Wei­ne sind prak­tisch durch­ge­go­ren, auch wenn sie bei der ers­ten Berüh­rung auf der Zun­ge manch­mal einen süßen Ein­druck hin­ter­las­sen. Was süß schmeckt, ist der Alko­hol und sind die rei­fen Früch­te, die der Wein reich­lich bie­tet. Im Nach­ge­schmack domi­niert dann der tro­cke­ne Geschmacks­ein­druck.

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