Neue Studie: Frauen beim Wein so gut wie Männer – oder besser

Vinexpo in Bordeaux | Foto: © Vinexpo
Tiefschlag für die Männer: Ein Großteil der Frauen versteht nach eigener Einschätzung genauso viel von Wein wie sie. Das ist das Ergebnis einer internationalen Studie, die gestern anlässlich der Vinexpo in Bordeaux vorgestellt wurde. Schlimmer noch: 12 Prozent der Frauen kennen sich mit Wein sogar besser aus. Selbsttäuschung? Weinkenner.de fragte fünf Frauen, die beruflich mit Wein zu tun haben, ob sie der Studie Glauben schenken. Ihre Antworten sind erschreckend eindeutig ...

Pünkt­lich zur Wein- und Spi­ri­tuo­sen­mes­se Vin­ex­po, die am Sonn­tag in Bor­deaux beginnt, wur­de eine inter­na­tio­na­le Stu­die prä­sen­tiert, die wie­der mal eine Män­ner­bas­ti­on ins Wan­ken bringt: den Wein und die Kennt­nis vom Wein. 10.492 Wein­trin­ke­rin­nen aus fünf Län­dern wur­den befragt, wie sie ihre Wein­kennt­nis­se ein­schät­zen und wel­che Wei­ne sie am liebs­ten trin­ken. Das Ergeb­nis über­rascht (oder auch nicht): Die Mehr­heit der Frau­en in Eng­land, USA, Frank­reich und Hong­kong prä­fe­riert nicht etwa Rosé-Champagner oder irgend­wel­che lieb­li­chen Trop­fen, wie es ihnen gern nach­ge­sagt wird, son­dern zieht kräf­ti­ge Rot­wei­ne vor. Selbst in der Riesling-Hochburg Deutsch­land ist die Lieb­lings­far­be von 47 Pro­zent der Frau­en rot, was den Wein angeht.

Über­haupt schei­nen deut­sche Frau­en beim Wein recht selbst­be­wusst zu sein. 65 Pro­zent glau­ben nach eige­ner Ein­schät­zung, genau­so viel über Wein zu wis­sen wie Män­ner. 12 Pro­zent sind sogar über­zeugt, über mehr Wein­ver­stand zu ver­fü­gen als Män­ner.

Befragt wor­den waren knapp 5.500 deut­sche Wein­trin­ke­rin­nen, die bei der Online-Community Konsumgöttinnen.de regis­triert sind. Nor­ma­ler­wei­se führt die­se Com­mu­ni­ty Ver­brau­cher­be­fra­gun­gen und Pro­dukt­tests im Auf­trag der Indus­trie durch – von der Mar­ga­ri­ne bis zum Küchen­mi­xer. Ihre Mit­glie­der sind folg­lich unver­däch­tig, beson­ders wein­af­fin zu sein.

Zwar ist der Super­markt, so die Stu­die, auch für Frau­en die wich­tigs­te Ein­kaufs­quel­le für Wein. Aber der Preis ist nur für 38 Pro­zent das ent­schei­den­de Kauf­kri­te­ri­um (im Gegen­satz etwa zu den Eng­län­de­rin­nen, die zu 70 Pro­zent nach Preis ent­schei­den). Deut­sche Wein­trin­ke­rin­nen ach­ten in ers­ter Linie auf die Her­kunfts­re­gi­on (58 Pro­zent) und die Reb­sor­te des Weins (52 Pro­zent).

Der Durch­schnitts­preis für einen Wein, den Frau­en kau­fen, liegt in Deutsch­land zwi­schen 4 und 8 Euro – das ist deut­lich mehr als der durch­schnitt­li­che deut­sche Wein­bon beträgt (2,15 Euro). Ein Drit­tel der Frau­en ver­lässt sich bei der Wein­aus­wahl aus­schließ­lich auf ihr eige­nes Urteil. Und wenn Frau­en Rat brau­chen, wen­den sie sich eher an einen Wein­händ­ler (58 Pro­zent) als an ihre Ange­hö­ri­gen, also an die Män­ner oder ande­re Freun­de. Über­pro­por­tio­nal vie­le, näm­lich 13 Pro­zent, infor­mie­ren sich im Inter­net über Wein.

Auch beim Wein­trin­ken sind die Frau­en die bes­se­ren Män­ner. 43 Pro­zent trin­ken wenigs­tens ein­mal in der Woche Wein – ein Wert, der deut­lich über dem bun­des­deut­schen Durch­schnitt liegt. 50 Pro­zent wagen es sogar, Wein auch mal ohne beson­de­ren Anlass zu trin­ken, also nur zum abend­li­chen Rela­xen. Über­haupt scheint es unter Frau­en wenig Eti­ket­ten­trin­ker zu geben. Für 89 Pro­zent steht allein der per­sön­li­che Genuss im Vor­der­grund.

Nur in einem Punkt ent­spre­chen Frau­en nach die­ser Unter­su­chung einem bekann­ten Kli­schee: mit 17 Pro­zent liegt ihr Kon­sum an Roséwein deut­lich über dem bun­des­deut­schen Durch­schnitt. Die Far­be muss es ihnen wohl ange­tan haben.

Madeleine Jakits, Chefredakteurin des Gourmet-Journals „Der Feinschmecker“, Hamburg

Madeleine Jakits„Klar ver­ste­hen Frau­en etwas von Wein. Über­haupt ver­ste­hen sie eine Men­ge von gutem (und schlech­tem) Geschmack, von gutem (und schlech­tem) Geruch. Frau­en haben meist die bes­se­re Nase, das hat die Natur wohl so gewollt. Som­me­liers soll­ten sich dar­um auch viel häu­fi­ger direkt an die Damen am Tisch wen­den – und nicht immer den Her­ren wie gott­ge­ge­ben den Vor­tritt las­sen beim Wein­ge­spräch. Denn Frau­en haben noch ein Plus: Sie muss­ten noch nie ein Pfau­en­rad schla­gen, bevor sie das Glas in die Hand nah­men, um nach dem ers­ten Schluck zu ent­schei­den: „Schmeckt!“ Oder „schmeckt mir nicht“. Und das ist auch gut so. P.S.: Rot­wein wird gern als Män­ner­bas­ti­on sti­li­siert. Von Män­nern. Weil er vie­len wohl als der wichtigere/teurere/prestigeträchtigere Wein erscheint. Noch so ein Irr­glau­be. Frau­en haben nichts dage­gen, wenn Mann ihnen die Rot­wein­kis­ten galant ins Haus schleppt. Und ja, Frau­en kön­nen sogar einen Kor­ken­zie­her bedie­nen.“

Siddika Michiels, Inhaberin der Weinhandlung La Tienda in Mönchengladbach

Siddika Michiels„Die Ergeb­nis­se der Stu­die kann ich als Wein­händ­le­rin nach­voll­zie­hen. In den letz­ten Jah­ren bestim­men immer mehr Frau­en den Wein­ein­kauf mit. Vor eini­gen Jah­ren noch war es üblich, dass der Mann den Wein aus­ge­sucht hat, aber in den letz­ten Jah­ren kann ich sowohl in der Wein­hand­lung als auch im Restau­rant beob­ach­ten, dass der Wein gemein­sam gewählt wird. Vor allem, wenn Wei­ne für ein Menü aus­ge­sucht wer­den, kau­fen die Frau­en den Wein ein. Frau­en ver­fü­gen auch über einen grö­ße­ren Wort­schatz für die Beschrei­bung eines Wei­nes, da die Nase geüb­ter ist (Küche, Kind etc. …). Oft sind sie die stil­len Ken­ner. Übri­gens trinkt auch mei­ne Toch­ter (fast 20 Jah­re) ger­ne rot.“

Lidwina Weh, Chef-Sommelière im Restaurant des Hotels Louis C. Jacob in Hamburg

Lidwina Weh„Im Restau­rant ist die Rol­len­ver­tei­lung immer noch sehr klas­sisch. Drei­vier­tel der Wei­ne wer­den von Män­nern aus­ge­sucht. Die Frau­en wis­sen jedoch ganz genau, was ihnen schmeckt und was sie wol­len. Der Wein­kon­sum und der Wein­ein­kauf sind bei Män­nern und Frau­en sehr unter­schied­lich. Frau­en sind sehr dar­auf bedacht, für jeden Augen­blick das Rich­ti­ge parat zu haben. Sie sind auch sehr sen­si­bel, was die Speise- und Wein­kom­bi­na­ti­on angeht. Viel­leicht liegt es in der Natur der Frau, bei Wein­be­schrei­bun­gen ein paar Wor­te mehr zu machen oder eini­ge Adjek­ti­ve zusätz­lich ein­zu­bau­en, um bild­li­cher zu spre­chen. Von mir kann ich sagen, dass ich mit gro­ßer Wahr­schein­lich­keit über Wein mehr weiß als die meis­ten Män­ner. Aber mit Sicher­heit sind unter denen, die mehr als ich von Wein ver­ste­hen, mehr Män­ner als Frau­en.“

Elke Luhmer, Geschäftsführerin Wein Wolf in Bonn

„Das Ergeb­nis der Stu­die über­rascht mich über­haupt nicht, son­dern deckt sich mit mei­nen eige­nen Erfah­run­gen. Als ich vor 25 Jah­ren in der Wein­bran­che anfing, war Frau­en und Wein lei­der kein The­ma. Das hat sich im Lau­fe der Zeit enorm geän­dert. Man trifft vie­le kom­pe­ten­te Frau­en mit einer geball­ten Wein­kom­pe­tenz in allen Berei­chen der Wein­welt (z.B. Frau Laus­te­rer /Käfer Mün­chen oder Frau Her­zog, ver­ant­wort­lich für die Wein­aus­wahl der Lind­ner Hotel­grup­pe). Frau­en sind für mich fle­xi­bler, d.h. expe­ri­men­tier­freu­di­ger, nicht fest­ge­fah­ren, bereit neue Wei­ne, Reb­sor­ten, Län­der aus­zu­pro­bie­ren. Sie ver­las­sen sich auf ihren eige­nen Geschmack und kau­fen Wei­ne nicht nach irgend­wel­chen Bewer­tun­gen.
Der Genuss und nicht der Preis ist aus­schlag­ge­bend für die Ent­schei­dung. Frau­en sind auch kri­ti­scher, glau­ben nicht immer, was sie lesen, neh­men des­halb ger­ne eine kom­pe­ten­te Bera­tung in Anspruch – daher die Ten­denz zum Fach­händ­ler zu gehen. Sie sind gesel­lig und trin­ken des­halb ihren Wein ger­ne mit Freun­den – denen sie ihre Kom­pe­tenz auch mit der Aus­wahl der Wei­ne zei­gen möch­ten. Ich glau­be dass die Reb­sor­te nicht die aus­schlag­ge­ben­de Rol­le spielt, auch die Far­be nicht, das Ergeb­nis ist ja 50/50. Aber ich weiß dass die Frau­en Ihren Wein sehr ger­ne in der Gesell­schaft von Män­nern trin­ken – und somit sind auch die­se wie­der im Spiel. Die Gesamt­ent­wick­lung freut mich jeden­falls.“

Samira Lohr, frühere Sommelière im Tantris, jetzt in der Weinhandlung Garibaldi in München

Samira Lohr„Es gibt mitt­ler­wei­le unglaub­lich vie­le wein­in­ter­es­sier­te Frau­en, die den Geschmack nicht mehr län­ger den Män­nern über­las­sen. Sie set­zen sich mit dem The­ma Wein aus­ein­an­der und haben Spaß dabei. Sie möch­ten Neu­es ent­de­cken, Erfah­run­gen sam­meln. Sie trau­en sich, ihren eige­nen Geschmack zu ent­wi­ckeln. Man muss ja nicht immer nur hip­pen Luga­na trin­ken. Vie­le Frau­en lie­ben Ries­lin­ge, also ele­gan­te, tro­cke­ne Wei­ne, aber auch Rote mit Kör­per und Tie­fe. Lie­ber weni­ger, aber dafür gut trin­ken. Ich glau­be, die all­ge­mei­ne Scheu beim The­ma Wein ist deut­lich weni­ger gewor­den. Frau­en erken­nen immer öfter, wie viel Spaß das Sur­fen durch die Wein­welt macht, und dass es kein Welt­un­ter­gang ist, Din­ge ein­mal nicht zu wis­sen. Män­ner ver­su­chen dage­gen oft, mit Halb­wis­sen oder ober­fläch­li­chem Geplän­kel zu glän­zen. Das habe ich einst im Restau­rant Tan­tris erlebt und erle­be es jetzt wie­der im Wein­han­del. Ich bin zum Bei­spiel oft erstaunt, wie vie­le akri­bisch ver­kos­ten­de Frau­en auf die Haus­mes­sen von Gari­bal­di kom­men, sich aus­gie­big Noti­zen machen, das Gespräch mit Win­zern suchen, bereit sind Wein ein­zu­kau­fen, ohne den Preis in den Vor­der­grund zu rücken. Wein von Win­ze­rin­nen ist eben­falls sehr popu­lär. Win­zer­töch­ter, wel­che in die Fuß­stap­fen ihrer Väter tre­ten, sind nicht mehr so sel­ten wie vor ein paar Jah­ren. Auf den Som­me­lier­schu­len wird jede zwei­te Anmel­dung von einer Frau aus­ge­füllt. Bei Gari­bal­di arbei­ten mitt­ler­wei­le mehr Frau­en als Män­ner. Und eine Pau­la Bosch hat nicht nur mir, son­dern vie­len ande­ren Frau­en gezeigt, dass die Wun­der­welt des Weins kei­nes­wegs nur den Män­nern vor­be­hal­ten ist. In der Genuss­welt des Weins sind die Frau­en mit gro­ßen Schrit­ten auf dem Vor­marsch – nicht laut, aber kon­se­quent.“

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