EU-Bio-Richtlinie: Außer Schwefel keine Frevel?

Neues Bio-Wein-Siegel
Regeln für den ökologischen Weinbau gibt es schon lange. Nun hat die EU Richtlinien erarbeiten lassen, wie Ökowinzer im Keller arbeiten müssen. Sie sind recht mager ausgefallen. Gute konventionelle Winzer arbeiten längst nach diesen Standards – unterbieten sie sogar. Weinkenner.de sprach mit Peter Riegel, dem größten deutschen Bio-Fachhändler.

Die Euro­päi­sche Uni­on hat nach jah­re­lan­gem Hick­hack unter den Mit­glieds­staa­ten end­lich Aus­füh­rungs­be­stim­mun­gen über öko­lo­gi­sche Wein­er­zeu­gung ver­ab­schie­det. Sie wer­den im Amts­blatt der EU als eine Ände­rung der Ver­ord­nung (EG) Nr. 889/2008 ver­öf­fent­licht wer­den. Ziel ist es, bestimm­te kel­ler­tech­ni­sche Stan­dards für Wei­ne fest­zu­le­gen, die als Öko­wei­ne auf den Markt kom­men sol­len. Bis­lang gab es nur Vor­schrif­ten für die öko­lo­gi­sche Trau­ben­er­zeu­gung. Bei der Ver­ar­bei­tung der Trau­ben zu Wein waren die Öko­win­zer bis­her an kei­ne Vor­schrif­ten gebun­den. Ihr Wein durf­te des­halb nur das bekann­te sechs­ecki­ge Bio-Siegel tra­gen, das alle Pro­duk­te des öko­lo­gi­schen Land­baus ziert. Er war aber offi­zi­ell kein Bio-Wein.

Die neu­en Richt­li­ni­en defi­nie­ren jetzt, wel­che Anfor­de­run­gen in kel­ler­tech­ni­scher Hin­sicht an Bio-Weine gestellt wer­den. Wei­nen, die die­se Richt­li­ni­en erfül­len, wird das neue EU-Bio-Siegel mit den 12 Ster­nen ver­lie­hen (vor­aus­ge­setzt, auch die Trau­ben­pro­duk­ti­on erfolg­te nach öko­lo­gi­schen Stan­dards).

In der Fachwelt umstritten

Altes EU-Öko-SiegelDas Echo auf die­se Richt­li­ni­en ist gespal­ten. Es reicht von Kopf­schüt­teln („völ­lig unzu­rei­chend“) über zäh­ne­knir­schen­de Zustim­mung („Mini­mal­kom­pro­miss“) bis zu offe­ner Ableh­nung („nicht prak­ti­ka­bel“). Wirk­lich zufrie­den ist nie­mand mit den neu­en Richt­li­ni­en. Das liegt dar­an, dass sich die Mit­glieds­län­der prak­tisch nur auf eine Begren­zung der Schwe­fel­ga­ben für Rot- und Weiß­wei­ne eini­gen konn­ten. Die­ser Punkt steht im Zen­trum der Richt­li­nie. Wei­ter­ge­hen­de sub­stan­ti­el­le Anfor­de­run­gen für Wei­ne, die das neue EU-Bio-Siegel tra­gen, gibt es nicht. Mai­scheer­hit­zung bleibt eben­so gestat­tet wie ein gro­ßer Teil der neu­en öno­lo­gi­schen Ver­fah­ren (Osmo­se, Ionen-Austauscher). Aus­ge­schlos­sen ist nur die Ent­al­ko­ho­li­sie­rung, die auch in der kon­ven­tio­nel­len Wein­er­zeu­gung ver­bo­ten ist.

Keine Spontanvergärung vorgesehen

Gar nicht erwähnt und damit erlaubt sind die Ver­wen­dung von Rein­zucht­he­fen zur Ver­gä­rung und der Ein­satz von Chips zur Aro­ma­ti­sie­rung des Weins. Die Hoff­nung vie­ler bio­dy­na­misch arbei­ten­der Win­zer vor allem aus Deutsch­land, dass für Bio-Weine künf­tig eine Spon­tan­ver­gä­rung vor­ge­schrie­ben wird, hat sich erwar­tungs­ge­mäß nicht erfüllt.

Weinkenner.de frag­te den größ­ten deut­schen Bio-Weinhändler Peter Rie­gel, was er von der Richt­li­nie hält. Rie­gel belie­fert vom baden-württembergischen Orsin­gen aus den Fach­han­del und die Gas­tro­no­mie mit Bio-Weinen aus 16 Län­dern. Dabei impor­tiert er sowohl Fla­schen­wein als auch Fass­wein, den er sel­ber aus­baut und abfüllt. Über die Fir­ma Bio­ni­sys, die er zusam­men mit dem Owe­ner Impor­teur Mack & Schüh­le betreibt, belie­fert er auch den Lebens­mit­tel­han­del. Schließ­lich betreibt Rie­gel zusam­men mit einem Öno­lo­gen im Langue­doc das Wein­gut Mas des Quer­nes.

Inter­view mit Peter Rie­gel

weinkenner.de: Haben Sie an der Richt­li­nie mit­ge­ar­bei­tet?
Peter Rie­gel: Nein, ich war nur ein paar Mal von Eco­vin und vom Ver­band der Bio­win­zer im Langue­doc ein­ge­la­den, um mei­ne Mei­nung zu den Vor­schlä­gen kund­zu­tun, die auf dem Tisch lagen.
weinkenner.de: Wie bewer­ten Sie die Richt­li­nie, die jetzt her­aus­ge­kom­men ist?
Peter Rie­gel: Eigent­lich steht nicht viel drin. Das ein­zig Greif­ba­re ist die Schwefel-Reduzierung. Ein Mini­mal­kon­sens. Alles Heik­le und Pro­ble­ma­ti­sche wird offen­ge­las­sen oder auf spä­ter ver­scho­ben.
weinkenner.de: Die Schwe­fel­ga­ben für tro­cke­ne Bio-Rotweine wer­den auf 100, die für tro­cke­ne Weiß- und Roséwei­ne auf 150 Milligramm/Liter begrenzt. Ist das genug, um sich von kon­ven­tio­nel­len Wei­nen zu unter­schei­den, für die jeweils 50 Mil­li­gramm mehr erlaubt sind?
Peter Rie­gel: Die 150 Mil­li­gramm für Weiß­wei­ne sind mei­ner Mei­nung nach recht groß­zü­gig bemes­sen. Mit die­sen Schwe­fel­wer­ten kön­nen auch vie­le kon­ven­tio­nel­le Win­zer bes­tens leben…
weinkenner.de: …zumal für Bio-Weißweine mit über 2 Gramm Rest­zu­cker 170 Mil­li­gramm gestat­tet sind, mit über 5 Gramm Rest­zu­cker sogar 220 Mil­li­gramm.
Peter Rie­gel: Ja, das ist rela­tiv hoch.
weinkenner.de: Vie­le deut­sche Bio-Winzer argu­men­tie­ren dage­gen, dass die­se Schwe­fel­höchst­men­gen zu nied­rig sind. Aus­le­sen und Bee­ren­aus­le­sen wür­den mit so wenig Schwe­fel nicht zehn oder mehr Jah­re lang halt­bar sein.
Peter Rie­gel: Da bin ich über­fragt. Wir arbei­ten wenig mit edel­sü­ßen Wei­nen. Bei den Rot­wei­nen hal­te ich die 100-Milligramm-Grenze dage­gen für prak­ti­ka­bel, auch wenn es in Ein­zel­fäl­len knapp wer­den könn­te.
weinkenner.de:  Wel­che Ein­zel­fäl­le mei­nen Sie?
Peter Rie­gel: Wenn ich jun­gen Fass­wein aus Frank­reich oder Spa­ni­en impor­tie­re, hat der schon mal 50 bis 70 Mil­li­gramm Schwe­fel, bevor er den Kel­ler ver­lässt. Soviel braucht er als Oxi­da­ti­ons­schutz. Um den Trans­port unbe­scha­det zu über­ste­hen, kom­men noch­mal ein paar Gramm dazu. Obwohl wir Ther­mo­last­wa­gen benut­zen und mög­lichst nur im Win­ter trans­por­tie­ren, hat der Wein den Schwe­fel prak­tisch schon gefres­sen, wenn er in Deutsch­land ankommt. Wäh­rend des Aus­baus und vor der Fül­lung muss dann noch­mal geschwe­felt wer­den. Da sind wir dann schon hart an die Gren­ze.
weinkenner.de: Der Stän­di­ge Aus­schuss für Öko­lo­gi­schen Land­bau, der die EU-Richtlinie erar­bei­tet hat, geht davon aus, dass es zur Mai­scheer­hit­zung und zu Kon­zen­tra­ti­ons­ver­fah­ren wie der Umkehr­os­mo­se kei­ne tech­ni­sche Alter­na­ti­ve gibt und dass die­se Ver­fah­ren daher auch Öko­win­zern zugäng­lich sein soll­ten.
Peter Rie­gel: Wer anstän­dig im Wein­berg arbei­tet, braucht kei­ne Umkehr­os­mo­se. Und die Mai­scheer­hit­zung ist immer eine Not­lö­sung. Bei­des soll­te für Öko­win­zer tabu sein. Ich hät­te mir übri­gens auch gewünscht, dass für Bio-Weine gewis­se Enzy­me, die in Ver­bin­dung mit bestimm­ten Hefen das Aro­ma des Weins ver­än­dern, aus­ge­schlos­sen wer­den.
weinkenner.de: Auch Gum­mi Ara­bi­cum darf ver­wen­det wer­den. Gehört ein sol­ches Schö­nungs­mit­tel in den Kel­ler eines Öko­win­zers?
Peter Rie­gel: Mei­ner Mei­nung nach nicht. Aber Ver­bän­de wie Deme­ter oder Eco­vin haben natür­lich die Mög­lich­keit, pro­ble­ma­ti­sche Wein­be­hand­lungs­stof­fe über die Richt­li­nie hin­aus für ihre Mit­glie­der zu ver­bie­ten.
weinkenner.de: Defi­ni­tiv aus­ge­schlos­sen ist ledig­lich die Redu­zie­rung des Alko­hols durch tech­ni­sche Ver­fah­ren.
Peter Rie­gel: Ob das ein wei­ser Ent­schluss war, sei dahin­ge­stellt. Durch die Kli­ma­er­wär­mung sind die Alko­hol­ge­hal­te kräf­tig gestie­gen. Ich habe im letz­ten Som­mer in mei­nen Wein­ber­gen in Süd­frank­reich bei der Gren­ache nur 28 Hek­to­li­ter, bei der Syrah sogar nur 8 Hek­to­li­ter pro Hekt­ar geern­tet, weil es so tro­cken war. In AOC-Gebieten ist es nicht erlaubt, die Reben zu bewäs­sern. Ent­spre­chend hoch war der Zucker­ge­halt der Trau­ben. Mei­ne Grenache-Trauben wie­sen am Ende 16 Vol.% poten­ti­el­len Alko­hol auf. Sie haben zwar einen tol­len Wein erge­ben. Aber wer will einen so hohen Alko­hol­ge­halt? Nie­mand. Wenn man nicht bewäs­sern darf und somit kei­ne nied­ri­ge­ren Zucker­ge­hal­te bekommt, plä­die­re ich dafür, durch tech­ni­sche Ver­fah­ren 2 Vol.% Alko­hol aus dem Wein raus­zu­ho­len. Der Wein wird dadurch weder schlech­ter noch ver­liert er sei­nen Cha­rak­ter.
weinkenner.de: Haben Sie eine Erklä­rung dafür, dass die EU-Ökowein-Richtlinie so beschei­den aus­ge­fal­len ist?
Peter Rie­gel: Der Eini­gungs­pro­zess war extrem schwie­rig. Jedes Wein­land, das mit am Tisch sitzt, passt höl­lisch auf, dass sei­ne Win­zer nicht benach­tei­ligt wer­den. Dabei ist es manch­mal erschre­ckend zu beob­ach­ten, wie wenig die Fach­leu­te der ein­zel­nen Län­der über die Situa­ti­on in ande­ren Län­dern wis­sen.

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1 Kommentar

  • Auch wenn die Mei­nun­gen aus­ein­an­der­ge­hen, die EU-Richtlinie schafft wenigs­tens eini­ger­ma­ßen Klar­heit. Der büro­kra­ti­sche “Wein aus Trau­ben aus öko­lo­gi­schen Anbau” wird nun zum Bio­wein. Vie­le KUn­den inter­res­siert auch nicht mehr.
    Und wer mehr will kann kon­kret beim Win­zer / Bio­wein­händ­ler nach­fra­gen.

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