Internet vs. Print: Ist Wein 2.0 erfolgreicher als Weinzeitschriften?

Karikatur Wein im Web 2.0
Deutschland ist das wichtigste Weinimportland der Welt. Doch die Auflagen der Weinzeitschriften befinden sich im Sinkflug. Kann das Internet die Lücke schließen, die sich da auftut? Es könnte, glaubt Jens Priewe. Doch komisch: Das Geld wird immer noch im Print verdient, nicht im Web.

In den letz­ten Mona­ten bohr­ten ein paar Wein­blog­ger wie­der genüss­lich in der offe­nen Wun­de der Print­me­di­en: den sin­ken­den Auf­la­gen­zah­len. Nicht die der Tages­zei­tun­gen oder Illus­trier­ten, son­dern der Wein- und Gour­met­pres­se. Abzu­strei­ten, dass die Print­me­di­en Pro­ble­me haben, wäre töricht. Natür­lich ver­lie­ren Zeit­schrif­ten wie VINUM, Wein­welt, Selec­tion schon lan­ge Leser, und zwar sowohl im Abo als auch am Kiosk. Jeder, der jour­na­lis­tisch arbei­tet, weiß das. Und wer es nicht weiß, kann es jeder­zeit im Inter­net nach­le­sen. Die Sta­tis­ti­ken der Infor­ma­ti­ons­ge­mein­schaft zur Fest­stel­lung der Ver­brei­tung von Wer­be­trä­gern – kurz IVW genannt – sind öffent­lich und kön­nen von jeder­mann ein­ge­se­hen wer­den.

Wissen die Menschen schon alles über Wein?

Auch der FEINSCHMECKER, die bedeu­tends­te Publi­ka­ti­on, schwebt nicht auf Wol­ke Sie­ben durch die Pres­se­kri­se, obwohl Wein für das Gour­met­ma­ga­zin nicht das Haupt­the­ma ist. Lei­der sagen die IVW-Daten nicht, wor­an der lang­sa­me, aber ste­ti­ge Rück­gang der Ver­käu­fe liegt. Kochen die Men­schen nicht mehr? Haben sie die Sterne-Gastronomie satt? Wis­sen sie über Wein schon alles? Oder liegt es dar­an, dass der FEINSCHMECKER weder eine redak­tio­nel­le Web­site hat noch im Bereich Soci­al Media aktiv ist, wie die Wein­blog­ger scha­den­froh unter­stel­len?

Viel­leicht sind neue Publi­ka­tio­nen wie Fal­staff und Fine die Stars der Zukunft. Doch der­zeit sind ihre Ver­käu­fe noch so gering, dass sie nicht von der IVW erfasst wer­den. Der Wein­Wis­ser hat sich gezielt auf eine Mini-Zielgruppe beschränkt, die er ent­spre­chend zur Kas­se bit­tet. Allein die Monats­zeit­schrift essen & trin­ken, in der Wein zwar nur ein Neben­the­ma, aber ein regel­mä­ßi­ges ist, liegt auf­la­gen­mä­ßig wie­der sta­bil im Markt.

Mehr tägliche Website-Besucher als monatliche Auflage

Eine gewis­se Häme der Wein­blog­ger ist also ver­ständ­lich. Allein, es bleibt die Fra­ge, wo sich Wein­lieb­ha­ber infor­mie­ren sol­len, wenn die Print­me­di­en pat­zen. Natür­lich im Inter­net, sagen die digi­ta­len Pira­ten. Und sie haben gute Argu­men­te: Die Bes­ten unter den Web-Logs, Wein-Websites und Foren zie­hen täg­lich mehr Besu­cher auf ihre Sei­ten als die Klei­nen unter den Wein­zeit­schrif­ten monat­lich an Lesern haben. Die Zahl ihrer monat­li­chen Zugrif­fe über­steigt nicht sel­ten die Auf­la­ge der gro­ßen Gour­met­zeit­schrif­ten. Das sind Fak­ten, die zäh­len.

In punc­to Quan­ti­tät ist das Inter­net dem gedruck­ten Wort also haus­hoch über­le­gen. Komisch nur, dass der SPIEGEL ange­sichts der Zugriffs­zah­len auf SPIEGEL-online sei­ne Print­aus­ga­be noch nicht ein­ge­stellt hat. Eigent­lich eine rei­ne Papier­ver­schwen­dung, oder? In Wirk­lich­keit ist das gar nicht komisch. Mit sei­ner Print-Ausgabe ver­dient der SPIEGEL viel Geld, mit der Online-Ausgabe wenig bis gar nichts. Logisch: Der gedruck­te SPIEGEL – Auf­la­ge 927.000 Exem­pla­re – kos­tet 4 Euro, die Online-Ausgabe ist gra­tis, und wo es etwas umsonst gibt, dahin kom­men die Men­schen in Mas­sen. Im Janu­ar 2012 waren es 180 Mil­lio­nen Sei­ten­be­su­che. Mit Frei­bier kriegt man jedes Restau­rant voll.

Das Geld wird immer noch im Print verdient

Das gilt auch für Wein-Publikationen. Selbst die Klei­nen unter den gedruck­ten Wein­zeit­schrif­ten ver­die­nen mit ihren Mini-Auflagen mehr Geld als gro­ße Wein-Websites mit ihren ein­drucks­vol­len Klick­ra­ten. Die sich sonst so tren­dy geben­de Wer­be­wirt­schaft tut sich mit dem Inter­net extrem schwer. Ban­ner­wer­bung ist vie­len Wer­be­trei­ben­den immer noch unheim­lich. Wer schon Geld für Wer­bung aus­gibt, möch­te etwas „zum Anfas­sen“ bekom­men: nichts Vir­tu­el­les. Nichts, das schwer mate­ria­li­sier­bar ist und sich ver­zieht wie Rauch in der Luft.

Betriebs­wirt­schaft­lich ist Print den digi­ta­len Medi­en immer noch haus­hoch über­le­gen. Sicher, das wür­de sich ändern, wenn man die Online-Angebote kos­ten­pflich­tig machen könn­te. Doch mit paid con­tent sind fast alle Internet-Publikationen auf die Nase gefal­len. Die Klick­ra­ten stür­zen ab, kaum dass sich das Bezahl­fens­ter öff­net. Jene Wein-Piraten, die sich so süf­fi­sant über die Kri­se der Print­me­di­en aus­las­sen und die Über­le­gen­heit des Inter­nets beju­beln, bit­ten nicht sel­ten unten auf ihrer Web­site um eine Spen­de. Ihr Geld ver­die­nen sie anders­wo, nicht sel­ten im Print­be­reich (wie auch der Ver­fas­ser die­ser Zei­len).

Wein 2.0 immer noch eine karitative Veranstaltung

Doch Wein­jour­na­lis­mus, auch der im Inter­net, kann man nicht als kari­ta­ti­ve Ver­an­stal­tung auf­zie­hen. Wer über Wein so pro­fes­sio­nell berich­ten will wie über Poli­tik, die Bun­des­li­ga oder die Bör­se, muss sich refi­nan­zie­ren. Win­zer und Wein­han­del müs­sen begrei­fen, dass man auf Dau­er ihr Geschäft nicht gra­tis besor­gen kann.

Die Beto­nung liegt auf dem Wort „pro­fes­sio­nell“. So erfri­schend und wit­zig der eine oder ande­re Wein­blog ist, so wenig erset­zen sie alle zusam­men das, was die Auf­ga­be einer Wein­fach­zeit­schrift wäre – egal ob digi­tal oder Print. Die einen kom­men über deut­schen Wein nicht hin­aus, die ande­ren kau­en Pres­se­mit­tei­lun­gen nach oder bie­ten Con­tent, der ein­fach nur zum Gäh­nen ist. Bei vie­len hat man den Ein­druck, sie stel­len nur ihr Ego aus.

Sehr pro­fes­sio­nell ist das nicht. Deutsch­land wäre kaum das wich­tigs­te Wein­im­port­land der Welt gewor­den, wenn es hier­zu­lan­de nicht genü­gend Wein­lieb­ha­ber gäbe, die ein umfas­sen­des Infor­ma­ti­ons­an­ge­bot wün­schen. Inter­net ist toll, Web 2.0 super. Aber es ist wie mit Beton: Es kommt dar­auf an, was man dar­aus macht.

Im zwei­ten Teil beschäf­tigt sich der Autor in der kom­men­den Woche mit dem Inter­net­wein­han­del und der Qua­li­tät des Wein­jour­na­lis­mus im Web 2.0.

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