Côtes du Rhône: vier heiße Tipps für warme Sommertage

Côtes du Rhône: vier heiße Tipps für warme Sommertage
Spanien hat verlockende Rotweine. Italien ist ein schier unerschöpfliches Rotweinreservoir. Österreich pokert immer höher mit seinen Rotweinen. Und was ist mit den Côtes du Rhône? Die ignorierteste Rotweinregion Europas, glaubt Jens Priewe.

Komisch: Nur weni­ge haben die Wei­ne von der Côtes du Rhô­ne auf ihrem Ein­kaufs­zet­tel. Viel­leicht ist die Rhô­ne zu weit weg. Zu anonym. Zu unbe­kannt, um ähn­li­che Sehn­süch­te auf­kom­men zu las­sen wie die Pro­vence oder die Tos­ka­na. Wein­kun­di­ge Men­schen ver­bin­den die Rhô­ne, ins­be­son­de­re den süd­li­chen Teil, mit alko­hol­rei­chen Rosés und see­len­lo­sen Mas­sen­wei­nen aus den Zis­ter­nen rie­si­ger Coope­ra­ti­ven. Nicht ganz falsch, aber auch nicht rich­tig. In den Côtes du Rhô­ne wer­den – so viel  ist rich­tig – gro­ße Mas­sen von Wein pro­du­ziert. Genau: 390 Mil­lio­nen Fla­schen. Aber es sind bei­lei­be nicht nur Mas­sen­wei­ne.

Zweitgrößte Appellation Frankreichs

Das Anbau­ge­biet Côtes du Rhô­ne zieht sich von Oran­ge über Avi­gnon bis zum Mit­tel­meer hin. Es ist die zweit­größ­te Appel­la­ti­on Frank­reichs. Ihre Wein­bergs­flä­che umfasst mehr als Drei­vier­tel der gesam­ten Wein­bergs­flä­che Deutsch­lands. Nur Bor­deaux ist noch grö­ßer. Aber so vie­le gute Qua­li­tä­ten unter 10 Euro wie an der Süd­li­chen Rhô­ne gibt es in Bor­deaux nicht. Vor allem die Wei­ne mit dem Zusatz „Vil­la­ges“ auf dem Eti­kett sind nicht sel­ten um Klas­sen bes­ser als das, was in ande­ren Tei­len Euro­pas zum glei­chen Preis aus roten Trau­ben ange­bo­ten wird. Bei­spiel? Das Châ­teau D’Aigueville, das unter dem schlich­ten Namen Côtes du Rhô­ne Vil­la­ges einen mäch­ti­gen, über­ra­schend fei­nen Wein pro­du­ziert für knapp 7 Euro. Um etwas Bes­se­res zu fin­den, muss man in Euro­pa lan­ge suchen.

2011 Côtes du Rhône Villages, Château D’Aigueville

2011 Côtes du Rhône Vil­la­ges, Châ­teau D’Aigueville
2011 Côtes du Rhô­ne Vil­la­ges

Der Wein ist ein Schwer­ge­wicht – typisch für die stei­ni­gen Schwemm­land­bö­den nahe der Rhô­ne. Aber er ist auch fein: viel Brom­bee­ren, ein wenig Back­pflau­men, dazu Kräu­ter­wür­ze und ein Hauch von Bit­ter­scho­ko­la­de. Er wird, wie alle Wei­ne der Appel­la­ti­on, aus den Sor­ten Gren­ache, Syrah, Cari­gnan, Mour­vèd­re und Cinsaut gewon­nen: ein tol­ler Wein zum Gril­len. Aber bit­te nicht zu viel von ihm trin­ken. Er hat 15 Vol.% Alko­hol (Bezug: www.vinoscout.de, Preis: 6,95 € ).

Châ­teau Aigue­vil­le besitzt 100 Hekt­ar Reben und gehört zu den gro­ßen Pri­vat­gü­tern. Es gibt in den Côtes du Rhô­ne natür­lich auch gut geführ­te, klei­ne­re  Domä­nen, etwa Fon­sa­let­te (gehört zu Châ­teau Rayas), das Bio­wein­gut La Cabot­te und Gran­ge­neuve, die alle hohe Stan­dards gesetzt haben. Aus Tavel und Lirac kom­men kna­cki­ge Roséwei­ne, die heu­te mit Fri­sche statt mit Alko­hol­gra­den prun­ken. Châteauneuf-du-Pape, die bekann­tes­te Appel­la­ti­on der Süd­li­chen Rhô­ne, hat in den letz­ten Jah­ren regel­recht abge­ho­ben, nach­dem Par­ker und ande­ren Kri­ti­kern die 100 Punk­te nur so aus dem Ärmel flo­gen. Ken­ner sind, als die Preis­spi­ra­le sich zu dre­hen begann, sofort auf die benach­bar­ten Anbau­ge­bie­te Gigon­das, Ras­teau und Vac­quey­ras aus­ge­wi­chen, die eige­ne loka­le Appel­la­tio­nen besit­zen. Inzwi­schen haben aber auch deren Wei­ne preis­lich kräf­tig  zuge­legt.

18 Gemeinden haben Namensrecht in der Village-Appellation

Grenache-Reben in den Côtes du Rhô­neUnd jetzt kom­men Villages-Weine ins Visier der Wein­trin­ker. Um groß an der Preis­schrau­be zu dre­hen, ist der Appel­la­ti­ons­na­me ein­fach zu wenig gla­mou­rös. Aber seit eini­ge Gemein­den das Recht erstrit­ten haben, ihren Namen auf dem Eti­kett hin­zu­zu­fü­gen, ist Bewe­gung in die Sze­ne gekom­men. Plötz­lich haben die Wei­ne eine Iden­ti­tät. Plötz­lich ist ein Ansporn da, etwas zu tun, um aus dem Côtes du Rhône-Meer her­aus­zu­ra­gen.

Ins­ge­samt 18 Dör­fer dür­fen ihren Namen der Appel­la­ti­on Côtes du Rhô­ne Vil­la­ges hin­zu­fü­gen. Die bekann­tes­ten sind Saint-Maurice, Cai­ran­ne, Puy­mé­ras, Roche­gu­de und Uchaux. Die­se Villages-Weine bie­ten teil­wei­se Qua­li­tä­ten, die mit denen der loka­len Appel­la­tio­nen durch­aus ver­gleich­bar sind, aller­dings zu mode­ra­te­ren Prei­sen.

2010 Côtes de Rhône Villages Saint Maurice, Domaine de L’Echevin

2010 Côtes de Rhône Villages Saint Maurice, Domaine de L’Echevin
2010 Côtes de Rhô­ne Vil­la­ges

Aus Saint Mau­rice kommt bei­spiels­wei­se ein Wein, wie er opu­len­ter nicht sein kann: Er heißt „Guil­lau­me de Rou­vil­le“ und wird von der Domai­ne de l’Echevin erzeugt: Veil­chen­duft in der Nase und Bee­ren­kom­pot­t­aro­men auf der Zun­ge, die von Ama­ren­a­kir­sche bis Zwetsch­ge rei­chen. Leich­te Port­wein­no­ten mit ein­ge­schlos­sen – eine Wucht, die­ser Wein.

Wer gera­de ein Pfef­fer­steak auf dem Grill hat, soll­te ihn sich schnell ins Glas schen­ken: Mit 13,95 Euro ist die­ser Wein fast obzön bil­lig. (Bezug: www.pinard-de-picard.de).

2011 Les Chabriles Vieilles Vignes, Domaine Brusset

2011 Les Chabri­les Vieil­les Vig­nes, Domaine Brusset
2011 Les Chabri­les

Die meis­ten der 18 Gemein­de­na­men sagen nur Orts­kun­di­gen etwas. Aus­län­di­schen Wein­trin­kern sind sie so fremd wie Dorf­na­men auf Grön­land. Doch das könn­te sich bald ändern, wenn sich her­um­ge­spro­chen hat, wie gut die Wei­ne sind – zumin­dest eini­ge. Jeden­falls haben die ers­ten Win­zer schon mal begon­nen, auf ihren Eti­ket­ten den Gemein­de­na­men groß zu schrei­ben, wäh­rend für den Appel­la­ti­ons­na­men Côtes du Rhô­ne klei­ne Let­tern benutzt wer­den.

Auch die Domai­ne Brusset aus Cai­ran­ne tut das. Ihr Villages-Wein Les Chab­ri­les ist nicht ganz so mäch­tig wie die ande­ren, dafür mus­ku­lö­ser, fri­scher, tief­grün­di­ger. Er wächst wei­ter land­ein­wärts an der Gren­ze zum benach­bar­ten Anbau­ge­biet Gigon­das. Dort ist es etwas küh­ler als in den fluß­na­hen Gegen­den. Mit 14 Vol.% Alko­hol ist er frei­lich immer noch „mit brei­ten Schul­tern“ geseg­net (Bezug: www.s-weinkeller.de, Preis: 15,90 €).

2010 De Père en Filles, Côtes du Rhône Plan de Dieu, Paul Jaboulet Aîné

2010 De Père en Filles, Côtes du Rhône Plan de Dieu, Paul Jaboulet Aîné
2010 De Père en Fil­les

Noch einen vier­ten Villages-Wein habe ich in den letz­ten Tagen getrun­ken, der Ehre für die Rhô­ne ein­legt: Paul Jabou­let Aînés Plan de Dieu: eben­falls ein voll­mun­di­ger, üppi­ger, gleich­zei­tig aber dis­zi­pli­nier­ter Wein mit dem Aro­ma von Kir­schen, Cas­sis und dem Duft wil­der Kräu­ter, der bis in die Fasern durch­ge­ar­bei­tet ist und trotz sei­ner 14,5 Vol.% Alko­hol den Gau­men nicht ermü­det, son­dern frisch hält. Er ist der ele­gan­tes­te der hier vor­ge­stell­ten Côtes du Rhône-Weine (Bezug: www.weinseller.de, Preis: 17,90 €).

Übri­gens: Plan de Dieu ist kein Phan­ta­sie­na­me. Er gehört zu den 18 Villages-Bezeichnungen. Unter Plan de Dieu wer­den die Ter­ri­to­ri­en der Gemein­den Camaret-sur-Aigues, Jon­quiè­res, Violès und Tra­vail­lan zusam­men­ge­fasst. Die­ser Wein zeigt, dass es in der Villages-Appellation mit Gemein­de­na­men genau­so gute Crus gibt wie sie Gigon­das und Vac­que­ras dar­stel­len. Aller­dings kos­tet er auch genau­so viel wie gute Wei­ne die­ser Appel­la­tio­nen.

Die Mai­son Paul Jabou­let Aîné ist eine der ältes­ten Wein­er­zeu­ger und größ­ten im Rhô­ne­tal. Ihr berühm­tes­ter Wein ist der der Her­mi­ta­ge „La Cha­pel­le“ von der Nörd­li­chen Rhô­ne. Der Villages-Wein vom Plan de Dieu ist aus Trau­ben eines Wein­bergs gekel­tert, der den schö­nen Namen „De Père en Fil­les“ trägt: vom Vater an die Töch­ter. Aller­dings gibt es bei Jabou­let kei­ne Töch­ter mehr. Die Mai­son wur­de vor eini­gen Jah­ren an die Fami­lie Frey ver­kauft, die kürz­lich die Wein­ber­ge von Cham­pa­gne Aya­la über­nom­men habt und Besit­zer des Châ­teau La Lagu­ne in Bor­deaux ist.

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