2020: Schon wieder ein Super-Jahrgang in Bordeaux?

© Figeac
Frédéric Faye, Direktor von Château Figeac in St. Emilion, spricht im Interview mit Andrew Black von einem neuen großen Jahrgang, vielleicht größer noch als 2018 und 2019.

Wäh­rend der Wein noch in den Tanks gärt, wird über den neu­en Jahr­gang in Bor­deaux schon wild spe­ku­liert. Auf Châ­teau Aus­o­ne in St. Emi­li­on hält man den 2020er für defi­ni­tiv bes­ser als die bei­den Vor­gän­ger­jahr­gän­ge, die bekannt­lich mit Super­la­ti­ven über­häuft wor­den waren. Beim Nach­barn Che­val Blanc ist man vor­sich­ti­ger. Dort hält man 2020 für einen sehr guten, aber kei­nen her­aus­ra­gen­den Jahr­gang. Auf Vieux Châ­teau Cer­tan und La Con­seil­lan­te, bei­de in Pome­rol, ver­gleicht man den 2020er mit dem 2016er, der sei­ner­zeit als gro­ßer Jahr­gang gefei­ert wor­den war. Am lin­ken Ufer ist man nicht ganz so enthu­si­as­tisch, macht aber kei­nen Hehl dar­aus, dass die Erwar­tun­gen auch in die­sem Jahr in Rich­tung eines sehr guten Jahr­gangs gehen. Das Gespräch mit Frédé­ric Faye führ­te der in Bor­deaux ansäs­si­ge eng­li­sche Wein­jour­na­list Andrew Black am 5. Okto­ber, vier Tage, nach­dem die letz­te Trau­be ein­ge­bracht wor­den war.

Andrew Black Fige­ac begann die­ses Jahr als einer der ers­ten mit der Lese, wie schon 2019. War­um so früh?

Frédé­ric Faye Wir star­te­ten am 4. Sep­tem­ber in den jun­gen Merlot-Anlagen und ende­ten am 1. Okto­ber mit den alten Caber­nets. Die Men­ge ist etwas höher als im Vor­jahr…

Andrew Black …das ist über­ra­schend. Die Nach­barn  von Châ­teau Fige­ac spre­chen von bis zu 30 Pro­zent Min­der­ertrag in 2020.

Frédé­ric Faye Nicht bei uns. Die Blü­te war in 2020 pro­blem­los von­stat­ten gegan­gen, wäh­rend wir in 2019 Pro­ble­me mit dem Ver­rie­seln hat­ten. Damit waren die Vor­aus­set­zun­gen für eine Nor­ma­lern­te schon mal gege­ben. Und was die Tro­cken­heit im Som­mer betrifft: Ver­ges­sen Sie nicht, dass unter dem Kies­bett unse­rer Wein­ber­ge Adern von blau­em Lehm ver­lau­fen, die Was­ser spei­chern und die Reb­stö­cke auch in Tro­cken­pe­ri­oden mit Feuch­tig­keit ver­sor­gen. Die meis­ten unse­rer Reben lit­ten nicht unter Tro­cken­stress, außer den jun­gen Merlot-Anlagen. Des­halb haben wir dort schon so früh geern­tet.

© Fige­ac

Andrew Black Was kön­nen Sie zur Qua­li­tät des Jahr­gangs 2020 sagen? Man spricht von hohen Tan­nin­wer­ten…

Frédé­ric Faye 2020 ergibt aro­ma­ti­sche, geschmei­di­ge Wei­ne. Sicher, die Tann­in­kon­zen­tra­ti­on ist hoch. Des­halb vini­fi­zie­ren wir auch mit gro­ßer Sorg­falt. „Sanf­te Extrak­ti­on“ heißt die Paro­le. Obwohl 2020 wie­der ein hei­ßes année solai­re war, wie wir sagen, macht der Wein einen ganz ande­ren Ein­druck. Er ist das Gegen­teil von dem, was man erwar­ten könn­te: Er ist von Frucht und Fri­sche geprägt.

Andrew Black Das erin­nert an 2016?

Frédé­ric Faye Im Moment fällt mir ein Ver­gleich schwer. Was ich jetzt sagen kann, ist, dass unser Mer­lot sogar bes­ser als letz­tes Jahr ist. Und für Caber­net franc und Caber­net Sau­vi­gnon bin ich auch zuver­sicht­lich. Für ein abschlies­sen­des Urteil ist es jedoch noch zu früh.

Andrew Black Wie kommt es, dass die Wei­ne trotz der warm-heißen letz­ten Jahr­gän­ge so viel Fri­sche zei­gen und nicht schwer und mar­me­la­dig aus­fal­len?

Frédé­ric Faye Ers­tens schei­nen sich die Reben an das warm-heiße Kli­ma mit den tro­cke­nen Som­mern zu gewöh­nen. Zwei­tens haben wir unse­re Wein­bergs­ar­beit an die neue Situa­ti­on ange­passt. Wir gestal­ten die Laub­wand so, dass die Trau­ben vor Son­nen­ein­strah­lung geschützt wer­den. Und wir dün­nen nicht zu stark aus. Eine etwas grö­ße­re Men­ge bedeu­tet mehr Fri­sche und Aro­ma.

Andrew Black Was ist der Unter­schied zwi­schen 2020 und 2019?

Frédé­ric Faye Der Haupt­un­ter­schied ist, dass 2020 eine dich­te­re mid pala­te hat, also einen dich­te­ren Kern.

Andrew Black Es gibt unter­schied­li­che Anga­ben über den Alko­hol­ge­halt der 2020er. Man spricht von nied­ri­ge­ren Wer­ten als nor­mal…

Frédé­ric Faye Unser Mer­lot liegt zwi­schen 13,8 und 14 Vol.%, was etwas nied­ri­ger als im Vor­jahr ist. Die Caber­nets lie­gen dafür etwas höher, so um die 14 Vol.%..

Andrew Black In Bor­deaux scheint es kei­ne klei­nen Jahr­gän­ge mehr zu geben. Wie kommt das?

Frédé­ric Faye Das Kli­ma hat sich in den letz­ten 6 bis 7 Jah­ren ver­än­dert. Es ist nicht nur hei­ßer und tro­cke­ner gewor­den. Es gibt auch mehr Spät­frös­te, häu­fi­ge­re plötz­li­che Käl­te­ein­brü­che und mehr Stark­re­gen. Wenn die Win­zer mit die­sen extre­men Bedin­gun­gen zurecht kom­men und ihre Wein­bergs­ar­beit ent­spre­chend umstel­len, gibt es die Chan­ce, jedes Jahr gro­ße Wei­ne zu bekom­men. Aber man muss mehr Zeit in die Wein­bergs­ar­beit inves­tie­ren, und das kann sich nicht jeder leis­ten.

Frédé­ric Faye

Andrew Black Wie frus­tie­rend war es für Sie, dass in die­sem Jahr wegen des Lock­downs kei­ne en pri­meur-Prä­sen­ta­ti­on statt­fin­den konn­te?

Frédé­ric Faye Es war nicht so schlimm, wie Sie den­ken. In Gesprä­chen mit den Négio­çi­ants und Impor­teu­ren haben wir schnell gemerkt, dass ein gro­ßes Inter­es­se am 2019er bestand, auch schon vor Bekannt­ga­be der Preis­sen­kun­gen. Vor allem von Sei­ten der pri­va­ten Kon­su­men­ten haben wir sehr posi­ti­ve Signa­le bekom­men. Nach­dem die Kam­pa­gne mit den Preis­sen­kun­gen dann erfolg­reich ange­lau­fen war, hat auch Fige­ac sich ent­schlos­sen mit­zu­ma­chen.

Andrew Black Trotz der Preis­sen­kun­gen?

Frédé­ric Faye Wir haben die Ange­le­gen­heit sehr sorg­fäl­tig en famil­le dis­ku­tiert und dann den Ent­schluss gefasst, dass auch wir mit einer sub­stan­ti­el­len Preis­sen­kung in den Markt gehen, näm­lich mit einem Abschlag von 31 Pro­zent auf den Preis des 2018ers.

Andrew Black Wie lan­ge hat es gedau­ert, bis der Jahr­gang ver­kauft war?

Frédé­ric Faye Ins­ge­samt 25 Minu­ten. Aber man muss dazu sagen, dass die Käu­fer auf den Fige­ac gewar­tet hat­ten. Sie wuss­ten vom Preis­nach­lass und muss­ten nicht lan­ge über­le­gen.

Andrew Black Haben Sie die gesam­te Pro­duk­ti­on ange­bo­ten?

Frédé­ric Faye 91 Pro­zent. Ich sehe kei­nen Anlass, einen Teil der Pro­duk­ti­on zurück­zu­hal­ten, um ihn even­tu­ell spä­ter zu einem höhe­ren Preis auf den Markt zu brin­gen. Der en pri­meur-Markt fun­kio­niert. Wir wer­den unse­re Wei­ne auch wei­ter­hin dort anbie­ten.

Andrew Black Ich habe gehört, dass die 2019er ande­rer Châ­teaux eben­falls weg­gin­gen wie war­me Sem­meln. Glau­ben Sie, dass das für ganz Bor­deaux gilt?

Frédé­ric Faye Nur ein klei­ner Teil der Châ­teaux ver­kauft so schnell und so leicht – viel­leicht 40 Châ­teaux ins­ge­samt. Fige­ac gehört zu die­sen hap­py few.

Andrew Black Man spricht davon, dass eine Markt­kor­rek­tur auch ohne die Covid-Pandemie gekom­men wäre, auf­grund der schwie­ri­gen wirt­schaft­li­chen Situa­ti­on.

Frédé­ric Faye Wahr­schein­lich, aber nicht in dem Aus­maß.

Andrew Black Sie haben die star­ke Nach­fra­ge von Pri­vat­kun­den erwähnt. Woher wis­sen Sie, dass die 2019er auch wirk­lich bei den Pri­vat­kun­den ankom­men und nicht nur bei den Spe­ku­lan­ten?

Frédé­ric Faye Weil die Négio­çi­ants einen her­vor­ra­gen­den Job machen und ihre Allo­ka­tio­nen auf vie­le klei­ne Märk­te auf­tei­len. Damit wird ver­hin­dert, dass Spe­ku­lan­ten gro­ße Men­gen weg­schnap­pen. Gleich­zei­tig ist sicher­ge­stellt, dass pri­va­te Wein­trin­ker Zugang zu den 2019ern bekom­men.

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