„Wein ist auch nichts anderes als Toilettenpapier…“

Feuerwerk zu Silvester und Neujahr
Das Jahr 2012 ist zu Ende. Die Welt ist nicht untergegangen. Auch Europa existiert noch. Wir dürfen uns zu Silvester also zuprosten und ein besseres 2013 wünschen. Jens Priewe hat nochmal in sein Notizbuch geschaut und macht eine kleine, persönliche Nachlese des vergangenen Jahres.

Was vom Weinjahr 2012 im Gedächtnis bleiben wird?

Wahr­schein­lich wenig. Nir­gend­wo ein gro­ßer Jahr­gang, und auch sonst ist nichts Welt­be­we­gen­des pas­siert. Erwäh­nens­wert ist viel­leicht, dass der Bau des Hoch­mo­sel­über­gangs wegen sta­ti­scher Pro­ble­me erst­mals unter­bro­chen wer­den muss­te (ein Hoff­nungs­schim­mer). Oder dass die jah­re­lan­gen Machen­schaf­ten von Par­kers Mit­ar­bei­ter Jay Mil­ler in Spa­ni­en auf­ge­deckt wur­den (ein Blog­ger war der Ent­hül­ler!). Im Gedächt­nis geblie­ben ist mir auch die Aus­sa­ge von Annet­te Alvarez-Peters, Chef-Einkäuferin bei Cost­co, der größ­ten Wein-Einzelhandelskette der Welt: „Wein ist auch nichts ande­res als Toi­let­ten­pa­pier…“

Die wichtigste Erkenntnis des Jahres 2012?

Auf Tahi­ti gibt es den ers­ten Win­zer. Sein Wein wird angeb­lich bald auf der Wein­kar­te der Auber­ge de l’Ill im elsäs­si­schen Ill­häu­sern ste­hen. Viel­leicht muss die Geschich­te des Weins umge­schrie­ben wer­den.

Der größte Irrtum des Jahres 2012?

Die Qua­li­tät des Jahr­gangs 2008 in Deutsch­land nicht recht­zei­tig erkannt zu haben.

Das freudigste Wein-Ereignis in 2012?

Dass ich den ziem­lich brü­chi­gen Kor­ken aus dem 1985er La Tâche nach einer durch­fei­er­ten Nacht mor­gens in der Früh trotz geschätz­ter 1,5 Pro­mil­le im Blut noch heil her­aus­be­kom­men habe.

Das schockierendste Wein-Erlebnis in 2012?

Der Anschlag auf das Wein­gut Case Bas­se in Mon­tal­ci­no.

Der beste Wein in 2012?

Selbst wenn ich mich mit mir selbst auf einen Wein eini­gen könn­te – was hat der Leser davon? Ver­mut­lich besitzt er den Wein nicht und hat einen ganz ande­ren Geschmack. Unter den Wei­nen, die zwar nicht die bes­ten, aber über­ra­schend gut waren, könn­te ich dage­gen eini­ge auf­zäh­len: 2011 Grü­ner Velt­li­ner „8000“ von Set­zer aus dem öster­rei­chi­schen Wein­vier­tel (end­lich mal ein gro­ßer Wein­viert­ler…), 2011 Nier­stein Ries­ling tro­cken von Kühling-Gillot aus Rhein­hes­sen (Orts­wein!), 2009 Bour­go­gne Blanc von Com­tes de Vogue (ein­fachs­ter Weiß­wein der berühm­ten Domai­ne), 2009 Ries­ling Gro­ßes Gewächs Fors­ter Kir­chen­stück von Bürklin-Wolf aus der Pfalz (von mir vor zwei Jah­ren noch nie­der­ge­macht), 2008 Neb­bio­lo d’Alba von Hilberg-Pasquero aus dem Pie­mont (war mir bis­her unbe­kannt), 2009 Leit­ha­berg rot DAC von Mar­kus Alten­bur­ger aus dem Bur­gen­land (Ent­de­ckung) und die Garnacha-Weine von Dani­el Jiménez-Landi aus Men­tri­da (die neue spa­ni­sche Schu­le).

Der älteste in 2012 getrunkene Wein?

Ich glau­be, es war der 1957 Cali­for­nia Moun­tain Pinot Noir von Lou­is M. Mar­ti­ni, ein legen­dä­rer, ja his­to­ri­scher Wein, der den Ame­ri­ka­nern erst­mals gezeigt hat­te, dass Pinot Noir in Kali­for­ni­en gute Resul­ta­te brin­gen kann. Der Wein ist inzwi­schen zwar leicht gezehrt, zeigt aber immer noch ein fas­zi­nie­ren­des Bou­quet. Dank an Jus­tin Leo­ne, der ihn aus Ame­ri­ka mit­ge­bracht hat.

Das Wein-Unwort des Jahres 2012?

Ter­ro­irist

Der größte Spaß des Jahres 2012?

Eine Mail, die ich von einem Schwei­zer Leser erhielt: „Mit mei­nem Kol­legg trin­ken wir ger­ne eine Fla­sche Wein. Er will nur die Mar­ke Dôle mit 12,5 Volt. Wenn ich einen bestel­le, der mehr als 12,5 Volt hat, trinkt er nicht, das sei ein­fach zu viel. Ich habe ihm schon mehr­mals gesagt, wenn z. B. die Zahl 13 nicht auf der Eti­ket­te ste­hen wür­de, wür­de er das gar nicht mer­ken. Ist es mög­lich, dass die­se klei­ne Dif­fe­renz ein Mensch sofort merkt?“

Die beste Weinbeschreibung des Jahres 2012?

Stammt dies­mal aus dem Kino­film „00 Schnei­der – die Jagd auf Nihil Bax­ter“ von Hel­ge Schnei­der: „Ein edler Trop­fen. Etwas hart im Ansatz, aber er ragt weit in den Hals hin­ein. In einem nor­ma­len Haus­halt mit nor­ma­len Glä­sern kann man mit so einem Wein leicht per Du wer­den!”

Der ehrlichste Satz, der 2012 gefallen ist?

Kam von dem Öno­lo­gen Michel Rolland und fiel in einem Inter­view der Revue de Vin de Fran­ce aus dem Mai 2012. Es ging um die Punk­te, mit denen Kri­ti­ker Wei­ne bewer­ten. Rolland ant­wor­te­te: „Ich habe nie an Punk­te geglaubt, aber die Öffent­lich­keit braucht sie.“

Der beste in 2012 getrunkene Schaumwein?

1996 Dom Ruin­art Rosé. Kein Wun­der bei dem Preis.

Worüber in 2012 am meisten gelacht?

Über das Inter­view, dass Bar­ba­ra Schö­ne­ber­ger anläss­lich der Ver­lei­hung der Wine Awards der Zeit­schrift FEINSCHMECKER im Schloss­ho­tel Bens­berg mit FX Pich­ler führ­te, nach­dem er für sein Lebens­werk aus­ge­zeich­net wur­de.
Schö­ne­ber­ger: Man sagt, Sie sei­en wort­karg.
Pich­ler: Das ist rich­tig.
Schö­ne­ber­ger: Hat Ihr Name etwas mit „picheln“ zu tun?
Pich­ler: Ver­ste­he die Fra­ge nicht.
Schö­ne­ber­ger: Picheln!
Pich­ler: Was ist das?

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