Spätburgunder Baden: die 2019er GROSSEN GEWÄCHSE im Test

Baden ist Spätburgunderland. Die besten Rotweine dieser Sorte sind nicht von der Sonne verwöhnt, sondern von der Sonne verschont. Die Bräsigkeit, die man ihnen lange nachsagte, haben sie abgelegt.

Von Ber­ti Vogts, dem frü­he­ren deut­schen Fußball-Bundestrainer, stammt der Satz: „Die Brei­te an der Spit­ze ist grö­ßer gewor­den.“ Sein Wort gilt auch für den Spät­bur­gun­der. Das bestä­ti­gen die Gro­ßen Gewäch­se (GG) der badi­schen VDP-Güter. Baden ist ein Kern-Anbaugbiete für den Spät­bur­gun­der in Deutsch­land. Ein Drit­tel der Reb­flä­che ist dort mit ihr bestockt. Vor allem im Breis­gau, an Kai­ser­stuhl und Tuni­berg sowie im Mark­gräf­ler­land ist die Sor­te weit ver­brei­tet. Mit der Kli­ma­er­wär­mung wird sie ver­mehrt auch in den nörd­li­chen Unter­zo­nen, also in der Orten­au und dem Kraich­gau, ange­baut. Den Ruf, brä­si­ge oder bana­le Spät­bur­gun­der her­vor­zu­brin­gen, hat Baden inzwi­schen abge­legt. Und das gilt nicht nur für die VDP-Betriebe, son­dern auch für die zahl­rei­chen Genos­sen­schaf­ten. Ber­ti Vogts hat Recht behal­ten.

Die letzten Feinheiten herausgekitzelt

Es waren über­wie­gend die 2019er GG vom Spät­bur­gun­der, die ich ver­kos­ten konn­te (das ers­te Mal Ende August 2021 auf der Vor­pre­mie­re des VDP in Wies­ba­den), dazu eini­ge weni­ge 2018er und 2017er – ins­ge­samt über 50 GG. im Okto­ber und Novem­ber letz­ten Jah­res konn­te ich fast alle bei ver­schie­de­nen Gele­gen­hei­ten nach­ver­kos­ten. Eini­ge wich­ti­ge VDP-Betriebe mit exzel­len­ten Spät­bur­gun­dern stell­ten ihre Wei­ne aller­dings nicht an: zum Bei­spiel See­ger, Schlör und Wöhr­le. Offi­zi­ell wer­den die Wei­ne jedes Jahr am 1. Sep­tem­ber nach der Lese zum Ver­kauf frei­ge­ge­ben. Fak­tisch sind die meis­ten bis heu­te noch nicht im Han­del. Vie­le Wein­gü­ter sind dazu über­ge­gan­gen, ihre bes­ten Wei­ne erst nach zwei, manch­mal auch erst nach drei oder mehr Jah­ren in den Ver­kauf zu brin­gen. Alle die­se GG sind ambi­tiö­se Wei­ne. Bei kei­nem hat­te ich Zwei­fel, dass sie die Bezeich­nung Gro­ßes Gewächs ver­die­nen. Alle bewie­sen, dass die Wein­gü­ter in den letz­ten zehn Jah­ren erfolg­reich damit beschäf­tigt waren, an vie­len klei­nen Räd­chen zu dre­hen, um die letz­ten Fein­hei­ten her­aus­zu­kit­zeln.

Die jungen Winzer setzen mehr auf Frische und Leichtigkeit

Aller­dings muss man dif­fe­ren­zie­ren. Es gibt beim Spät­bur­gun­der ali­as Pinot Noir kei­nen Pro­to­ty­pen, den man als bench­mark her­an­zie­hen könn­te. Was die Sti­lis­tik angeht, gibt es erheb­li­che Unter­schie­de. Da sind Wei­ne, die mehr auf Kraft und Fül­le set­zen, wäh­rend ande­ren die Ele­ganz und Fein­heit wich­ti­ger ist und die dafür auf Voll­mun­dig­keit und Kör­per­reich­tum ver­zich­ten. Vor allem für jün­ge­re Win­zer ist Fri­sche und Leich­tig­keit der­zeit die wich­tigs­te Opti­on beim Spät­bur­gun­der, auch wenn ihre Wei­ne dadurch etwas kar­ger aus­fal­len, was ver­mut­lich nicht jedem Spät­bur­gun­der­trin­ker lieb ist. Aber die Kon­su­men­ten kön­nen ent­schei­den, wel­che Stil­rich­tung ihnen bes­ser gefällt. Wein gibt es genug.

Salwey wartet mit einer großen Kollektion auf

Kom­men wir zu den Wein­gü­tern. Eine ganz gro­ße 2019er Kol­lek­ti­on hat Kon­rad Sal­wey abge­lie­fert (übri­gens nicht nur beim Spät­bur­gun­der). Sel­ten habe ich im jun­gen Sta­di­um solch erkenn­bar gute Wei­ne getrun­ken wie sei­ne GG vom „Kirch­berg“ und „Eich­berg“, wobei ich per­sön­lich den „Eich­berg“ vor­zie­he, obwohl er in der Betriebs­hier­ar­chie nied­ri­ger steht. Der Wein besitzt etwas weni­ger Facet­ten als der struk­tu­rier­te­re „Kirch­berg“, der ein­fach mehr Fleisch am Kno­chen hat (94/100).

Kon­rad Sal­wey, Win­zer und Oeno­lo­ge. © Wein­gut Sal­wey

Doch er  über­zeugt mit Tex­tur und Balan­ce (95/100). Bei­de GG sind ein gro­ßer Wurf. An sie kommt der „Hen­ken­berg“, Sal­weys drit­tes GG, nicht ganz her­an (93/100). Er ist stär­ker extra­hiert und besitzt nicht ganz deren Ele­ganz (die Nase ist aller­dings toll). Ein leich­ter Holz­touch ist übri­gens allen Salwey-GG zu eigen. Aber Röst­aro­men kön­nen, wenn sie nicht auf­dring­lich sind, dem Spät­bur­gun­der ein wei­te­res Geschmacks­ele­ment geben. Die Prei­se der 2017 er lagen zuletzt zwi­schen 40 und 55 Euro.

Friedrich Keller: Von der Sonne verschont

Ähn­lich ein­drucks­voll die Spät­bur­gun­der des Wein­guts Franz Kel­ler – aber ganz anders. Fried­rich Kel­ler, der Juni­or, hat in 2019 extrem span­nen­de Wei­ne gefüllt. Sie sind farb­lich die hells­ten, geschmack­lich die leich­tes­ten. Der Sohn von Fritz Kel­ler, dem ehe­ma­li­gen Fußball-Präsidenten, extra­hiert sehr vor­sich­tig. Er redu­ziert damit die struk­tur­ge­ben­den Ele­men­te wie Tan­nin und Far­be, betont dafür Frucht und Wür­ze – und vor allem die Fri­sche. Der „Eich­berg“ aus Ober­rott­weil ist mit sei­nen 12,5 Vol.% so hell­far­big, dass er fast als Rosé durch­ge­hen könn­te, wenn er geschmack­lich nicht so kom­plex wäre: rote und blaue Früch­te in der Nase, dazu grü­ne Kräu­ter­wür­ze, sub­ti­le Pino­t­süs­se und eine spür­ba­re Säu­re (94/100). Ähn­lich der „Kirch­berg“, nur wei­cher, bee­ri­ger, flo­rea­ler (94/100).

Am span­nends­ten fin­de ich per­sön­lich das GG vom „Ensel­berg“ aus dem benach­bar­ten Jech­t­in­gen, mit 32 Euro das preis­wer­tes­te GG des Sor­ti­ments: ein Bâtonnage-Spätburgunder mit viel Hefe, mar­kan­ter Sponti-Note, sub­ti­ler Frucht – noch leich­ter als die bei­den vor­her erwähn­ten Wei­ne (93/100). Tra­di­tio­nel­le Wein­trin­ker wer­den die­sem und den bei­den ande­ren Spät­bur­gun­dern mög­li­cher­wei­se etwas distan­ziert gegen­über ste­hen. Sie wer­den Fül­le und Kör­per ver­mis­sen. Kel­ler aber will pure, redu­zier­te (nicht reduk­ti­ve!) Wei­ne, will küh­le Frucht. Will Wei­ne, die nicht fran­zö­si­schen Bur­gun­dern nach­ei­fern, son­dern eine eher nor­di­sche Sti­lis­tik ent­fal­ten nach dem Mot­to: nicht von der Son­ne ver­wöhnt, son­dern von der Son­ne ver­schont.

 

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Kellers „Schlossberg“ und „Steinriese“

Das Publi­kum für die­se Sti­lis­tik ist, wie es scheint, vor­han­den: Alle GG sind im Wein­gut aus­ver­kauft, auch der „Schloss­berg“, mit 70 Euro Kel­lers teu­ers­ter Spät­bur­gun­der. Er ist das hedo­nis­tischs­te GG sei­nes Sor­ti­ments mit rei­fer Frucht, zimt­i­ger Wür­ze, schmau­chi­gen Unter­no­ten, fein­kör­ni­gem Tan­nin, ein­ge­hüllt in ein sam­te­nes Gewand (95/100) – ein gro­ßer Wein aus der berühm­ten Ter­ras­sen­la­ge in Ach­kar­ren, bestockt mit einer alten Kai­ser­stüh­ler Spätburgunder-Selektion. Seit dem Jahr­gang 2018 sat­telt  Kel­ler auf den „Schloss­berg“ noch einen Super-Spätburgunder drauf. Er ist (noch) kein GG, son­dern kommt „nur“ aus der Ers­ten Lage „Bass­gei­ge“. Genau­er: aus dem Gewann „Stein­rie­se“. Ich habe den 2019er im Novem­ber bei Mei­nin­gers Finest 100 in Neu­stadt pro­bie­ren kön­nen: wie­der so ein schwe­re­lo­ser, ja trans­pa­ren­ter Wein, obwohl gut struk­tu­riert und dicht gewo­ben (95). Mit 105 Euro ist er aller­dings auch gut bezahlt.

Denkwürdige 2019er von Julian Huber

Denk­wür­di­ge Wei­ne hat in 2019 Juli­an Huber aus Mal­ter­din­gen gefüllt. Von der Her­an­ge­hens­wei­se her sind er und Kel­ler sich sehr ähn­lich. Bei­der Mot­to lau­tet: Weni­ger ist mehr. Das gilt für die Erträ­ge im Wein­berg, aber auch für die Wei­ne selbst: nied­ri­ge­re Rei­fe­gra­de der Trau­ben (aber hohe phe­no­li­sche Rei­fe), weni­ger Extrak­ti­on bei der Vini­fi­ka­ti­on. Den­noch sind Hubers und Kel­lers Wei­ne völ­lig ver­schie­den. Mal­ter­din­gen, wo Huber zu Hau­se ist, liegt 20 Kilo­me­ter wei­ter nörd­lich in einer Sen­ke zwi­schen Kai­ser­stuhl und Schwarzwald-Vorland. Dort fin­det man kei­ne vul­ka­ni­schen, son­dern Muschel­kalk­bö­den.

© Wein­gut Bern­hard Huber

Außer­dem hat Bern­hard Huber, Juli­ans Vater, schon früh fran­zö­si­sche Pinot Noir-Klonen und bur­gun­di­sche Selek­tio­nen gepflanzt, die vom Behang her nur ein Vier­tel der deut­schen Klo­ne brin­gen. Kon­kret: etwa 30 Hek­to­li­ter pro Hekt­ar (was dann auch erklärt, wes­halb Hubers Wei­ne ein biss­chen teu­rer sind als ande­re Spät­bur­gun­der). Das Kapi­tal des Wein­gu­tes sind meh­re­re Filet­stü­cke in drei Spit­zen­la­gen des Breis­gau: Som­mer­hal­de, Bie­nen­berg und Schloss­berg. Die Steil­la­ge Schloss­berg in Heck­lin­gen gilt als bes­ter Spätburgunder-Cru im Breis­gau. Im Herz­stück die­ser Lage sind die Hubers mit 6 Hekt­ar ver­tre­ten, die fast aus­schließ­lich als Gros­se Lage klas­si­fi­ziert sind. Die Pflanz­dich­te ein­zel­ner Flä­chen­stü­cke beträgt in der Spit­ze 13.000 Stöcke/Hektar. Selbst die Zis­ter­zi­en­ser haben vor 800 Jah­ren nicht so dicht gepflanzt. Dazu kommt, dass die Böden im Schloss­berg extrem stei­nig sind. Es gibt wenig Mut­ter­bo­den. In nie­der­schlags­ar­men Jah­ren lei­den die Reben oft unter Tro­cken­stress. In 2019 war das glück­li­cher­wei­se nicht der Fall.

Der 2019er „Schlossberg“ – kein Schnellstarter

Das GG vom „Schloss­berg“ ist eines der bei­den Flagg­schif­fe Juli­an Hubers. Der Wein besitzt viel gut ver­schmol­ze­nes Tan­nin, auch rei­fe­re Aro­men sowie einen fei­nen Mokka-Ton und eine unnach­ahm­lich süße Pinot-Nase. Den­noch ist der „Schloss­berg“ das ver­schlos­sens­te GG im Sor­ti­ment des Gutes. Wer jetzt eine Fla­sche öff­net und ein Erleb­nis erwar­tet, wird von die­sem Wein ent­täuscht sein. „Nicht son­der­lich ani­mie­rend“ stand auf mei­nem Pro­ben­zet­tel. Den Wein heu­te zu beur­tei­len, ist so ähn­lich, wie eine Neu­bau­woh­nung vom Reiß­brett zu kau­fen: Man kann sich vor­stel­len, wie sie mal aus­sieht. Es gibt aber nur eine Skiz­ze von ihr. Nach den hun­dert Euro, die er kos­tet, schmeckt der Wein der­zeit nicht. Doch gemes­sen an der Dich­te, der Prä­zi­si­on sei­ner Frucht und dar­an, wie eng er am Gau­men liegt, erwar­tet den Fan unge­fähr 2038, wenn das letz­te Koh­le­kraft­werk spä­tes­tens vom Netz gehen soll, ein Spek­ta­kel (95/100).

Der „Wildenstein“: verschlossen, aber transparant

Etwas anders ver­hält es sich mit dem „Wil­den­stein“. Er ist das Non Plus Ultra der Huber­schen Kol­lek­ti­on und der rars­te Wein des Gutes, des­sen Preis sich irgend­wo um 150 Euro ein­ge­pen­delt hat. Er kommt aus dem Mal­ter­din­ger Bie­nen­berg, und zwar von ein paar hand­tuch­gro­ßen Ter­ras­sen, die von alten Natur­stein­mau­ern gestützt wer­den. Der Unter­grund besteht dort aus röt­li­chem, eisen­hal­ti­gen Fels, der dem Wein sei­nen mine­ra­li­schen Stem­pel auf­drückt. Auch wenn der „Wil­den­stein“ der dun­kels­te, aro­men­tiefs­te, straffs­te und tan­nin­reichs­te Wein ist und immer am längs­ten braucht, um sich zu ent­fal­ten: Er ist im Glas prä­sen­ter als zum Bei­spiel der „Schloss­berg“. In mei­nen Noti­zen steht: „Blau­rot die Far­be, Feu­er­stein und Hefe in der Nase, trotz Tan­nin saf­tig mit ver­spiel­ter Frucht von schwar­zer Johan­nis­bee­re und gerös­te­ten Zwetsch­gen, sam­te­ne Tex­tur, sub­li­me Fül­le, leich­te Extrakt­sü­ße…“ Ein Wein, der ver­schlos­sen, aber gleich­zei­tig völ­lig trans­pa­rent ist. Ein Slee­per, wür­de Par­ker sagen (96/100).

Der „Bienenberg“: Engelhaft über die Zunge schwebend

Aber – und das ist in 2019 die Über­ra­schung gewe­sen – das GG vom „Bie­nen­berg“, wo die Hubers 15 Hekt­ar besit­zen, davon über zehn Hekt­ar Gros­se Lagen, ist in 2019 kei­ne Licht­jah­re ent­fernt vom „Wil­den­stein“. Es prunkt mit Sauerkirsch- und Veil­chen­duft, bril­liert mit Süße und Säu­re­nerv. Auch wenn es nicht die Tie­fe des „Wil­den­stein“ besitzt, so ist es von jener Leich­tig­keit, die es fast engel­haft über die Zun­ge schwe­ben lässt (94/100). Die knapp 50 Euro, die der Wein kos­tet, ist er mit jedem Trop­fen wert. Wie packend Juli­an Hubers Spät­bur­gun­der sind, zeigt sein vier­tes GG von der „Som­mer­hal­de“ in Bom­bach. Es prä­sen­tiert sich von allen GG der­zeit am offens­ten. Wer nicht zehn Jah­re war­ten will, bekommt mit die­sem Wein einen klei­nen Ein­blick in Hubers Spät­bur­gun­der­welt – mehr­stün­di­ges Karaf­fie­ren vor­aus­ge­setzt (93/100).

Hubers Problem ist, die Nachfrage zu befriedigen

Das Pro­blem ist, von die­sen GG ein paar Fläsch­lein zu ergat­tern. Am Wein­gut ist der Jahr­gang 2019 längst aus­re­ser­viert (obwohl der Vor­gän­ger­jahr­gang gera­de erst in den Han­del gekom­men ist), Die Händ­ler geben die Wei­ne meist nur an treue Kun­den ab. Oder sie wer­den per Kop­pel­ge­schäft mit ande­ren Wei­nen des Gutes ange­bo­ten, meist im Ver­hält­nis 1 : 5. Der „Wil­den­stein“ taucht in Ange­bots­lis­ten gar nicht erst auf. Kop­pel­ge­schäf­te soll­te nie­man­den vom Kauf abhal­ten, denn auch mit den ande­ren Wei­nen Hubers sind Spätburgunder-Freunde gut bedient – etwa mit den „Alten Reben“. Die­ser Spät­bur­gun­der ist für mich eine Art Geheim­tipp in 2019. Auch wenn er nicht offi­zi­ell als GG klas­si­fi­ziert ist: Die Trau­ben kom­men aus Gro­ßen Lagen und wer­den sehr ähn­lich vini­fi­ziert (94/100). Die Tat­sa­che, dass die „Alten Reben“ nicht viel weni­ger kos­ten, beweist, dass der Wein durch­aus auf Augen­hö­he mit den Spit­zen­wei­nen ist.

Michel, Stigler, Bercher, Staatsweingut, Blankenhorn

Die Spät­bur­gun­der der ande­ren badi­schen VDP-Vertreter zei­gen eher eine kon­ven­tio­nel­le Sti­lis­tik, was kei­nes­wegs nega­tiv ist, auch wenn ihnen das Leicht­füs­si­ge manch­mal abgeht. Josef Michels GG vom „Schloss­berg“ aus Ach­kar­ren über­zeugt mit sat­ter, sau­be­rer Frucht und guter Balan­ce: Da ist Esprit drin (90/100). An Ele­ganz zuge­legt hat in den letz­ten Jah­ren Stig­ler in Ihrin­gen. Gleich fünf GG hat die Fami­lie im Ange­bot. Drei habe ich pro­bie­ren kön­nen. Am deut­lichs­ten ist die Phi­lo­so­phie von Maxi­mi­li­an Stig­ler, der seit 2017 im Betrieb ist, am GG vom Ober­rot­wei­ler „Eich­berg“ abzu­le­sen (Jahr­gang 2018): ein zar­ter Spät­bur­gun­der mit küh­ler Frucht und spür­ba­rer Säu­re, früh gele­sen mit erdi­ger Rote Bete-Note und ohne jeg­li­che Reife-Arabesken (91/100). Etwas anders Stig­lers 2017er GG vom Vor­de­ren Wink­ler­berg aus dem Gewann „Back­öfe­le“: opu­lent, kraft­voll, mit wei­cher Säu­re und fili­gra­ner Tan­n­in­struk­tur (90). Das intensiv-fruchtigste GG kommt vom „Schloss­berg“ aus Frei­burg. Es war­tet mit eher war­mer Frucht und mil­der Säu­re auf (90/100). Von engel­haf­ter Ele­ganz sind die Stig­ler­schen GG aller­dings noch ein klei­nes Stück ent­fernt.

Das gilt auch für die Bercher-Brüder in Burk­heim. Ihr 2019er GG vom „Feu­er­berg Kes­sel­berg“ ist ein leich­tes Kali­ber, aber dicht gewo­ben mit kräf­ti­ger, würzig-blumiger Vulkanboden-Aromatik plus fre­cher Säu­re (90/100). Das Staats­wein­gut Frei­burg hat mit sei­nem „Dok­tor­gar­ten“ ein GG erzeugt, das ohne Fehl und Tadel ist, aber eher in die Kate­go­rie „brav“ gehört (89/100). Ich konn­te den 2019er aller­dings nur als Fass­pro­be pro­bie­ren. Außer­or­dent­lich gut gelun­gen ist das 2018er „Son­nen­stück“ aus dem Wein­gut Blan­ken­horn in Schli­en­gen. Die­ses GG besitzt Sub­stanz, ist kräf­tig und zart zugleich, prä­zis gear­bei­tet mit war­mer, fein zise­lier­ter Frucht (92/100). Dass es aus dem Mark­gräf­ler­land, also dem Süden Badens kommt, schmeckt man schnell her­aus.

Kein Freund der hypereleganten Leichtweine: Dr. Heger

Bleibt Dr. Heger, einer der Refe­renz­be­trie­be am Kai­ser­stuhl. Viel­leicht sind die Hegers schon zu lan­ge im Geschäft, um dem Trend zu hyper­ele­gan­ten Leicht­wei­nen nach­zu­lau­fen, deren Ele­ganz ja immer auch ein biss­chen auf Kos­ten der Geschmacks­fül­le geht. Wer Joa­chim Heger kennt, der weiß, dass er kein Freund der Karg­heit ist, son­dern bei allem Sinn für die Fein­hei­ten des Spät­bur­gun­ders die Fül­le, das Herz­haf­te, das Voll­mun­di­ge liebt – im Glas, bei Tisch und auch im gespro­che­nen Wort. Sein 2019er „Häus­le­bo­den“ ist das Epi­tom eines Kai­ser­stüh­ler Spät­bur­gun­ders: schlank, aber gene­rös mit viel mine­ra­li­scher Wür­ze, rei­fer Frucht, pikan­ter Pinot-Süße. Die Trau­ben kom­men von über 60 Jah­re alten Reb­stö­cken – Feld­se­lek­tio­nen aus eige­nen und benach­bar­ten Wein­gär­ten, gewach­sen in einer küh­len Süd­west­la­ge im wärms­ten, süd­lichs­ten Teil des Kai­ser­stuhls.

Joa­chim Heger und Pferd Wil­li © Baschi Ben­der

Das Resul­tat ist ein Wein, der sub­til und power­ful zugleich ist (94/100 Punk­te). „Wink­ler­berg Wan­ne“ heißt die Gro­ße Lage offi­zi­ell. Hegers zwei­tes GG, der „Rap­pen­ecker“, besitzt nicht ganz die Struk­tur des „Häus­le­bo­den“, lebt aber auch von der Span­nung zwi­schen rei­fer (nicht zu früh gele­se­ner) Frucht und küh­ler Fri­sche (93/100). Lei­der gibt es nur etwa 700 Fla­schen. Das drit­te GG kommt vom „Schloss­berg“ in Ach­kar­ren und ist der­je­ni­ge Spät­bur­gun­der im Heger­schen Sor­ti­ment, der sich ein paar baro­cke Schnör­kel leis­tet (92/100). Alle 2019er Wei­ne gehen ver­mut­lich erst im nächs­ten Sep­tem­ber in den Ver­kauf. Wer die Zeit bis dahin über­brü­cken will, ist mit Hegers Spät­bur­gun­der „Mimus“ aus einer Ers­ten Lage immer bes­tens bedient. Oder mit der Pinot Noir „Edi­ti­on A“ der Win­zer­ge­nos­sen­schaft Ach­kar­ren, wenn es nicht Heger und nicht unbe­dingt ein VDP-Betrieb sein muss, wohl aber ein sehr, sehr guter Grand Cru sein soll.

© Wein­gut Burg Ravens­burg

Heitlinger, Burg Ravensburg und ein paar Weine außerhalb des VDP

Über­haupt dür­fen Wein­gü­ter außer­halb des VDP Baden nicht igno­riert wer­den. Mar­tin Wass­mer, Fritz Wass­mer, Hans­pe­ter Zier­ei­sen, Rein­hold und Cor­ne­lia Schnei­der, Joh­ner, Shel­ter Wine­ry, Vor­grimm­ler – sie alle erzeu­gen Spät­bur­gun­der auf hohem und höchs­tem Niveau. Lei­der habe ich deren 2019er noch nicht ver­kos­ten kön­nen. Zwei GG aus dem VDP habe ich aller­dings noch auf mei­nem Notiz­block. Es sind 2018er. Ich erwäh­ne sie als letz­te, weil sie im Som­mer, als ich sie pro­bier­te, noch ziem­lich rup­pig und unge­ord­net waren – obwohl sie ein Jahr Rei­fe­zeit mehr hat­ten als die jun­gen 2019er.

Die Rede ist vom 2018er „Löch­le“ von Burg Ravens­burg und dem 2018er „König­be­cher“ von Heit­lin­ger. Bei­de sind Schwes­ter­wein­gü­ter und haben den glei­chen Kel­ler­meis­ter. Bei­de sind kom­pakt, fast mus­ku­lös, haben ein kräf­ti­ges Tan­nin­rück­grat, eine kes­se Säu­re, die lang­fris­tig Fri­sche garan­tie­ren dürf­te. Bei­de zei­gen der­zeit noch wenig von ihrer Klas­se. Ihre Stun­de ist noch nicht gekom­men – noch lan­ge nicht. Der „Löch­le“ ist kräf­ti­ger, der „Königs­be­cher“ einen Tick spie­le­ri­scher. Bei­de ver­die­nen 92 Punk­te. Nicht pro­bie­ren konn­te ich Heit­lin­gers Spitzen-Pinot Noir vom „Worms­berg“ in Tie­fen­bach. Er ist extrem rar und wird nur fla­schen­wei­se an eine aus­ge­such­te Kli­en­tel ver­kauft. Der 2015er, den ich zuletzt trank, impo­nier­te mit hoher Ele­ganz und rie­si­gem Poten­zi­al, das er damals noch nicht abge­ru­fen hat­te – um zur Fuss­ball­spra­che zurück­zu­keh­ren.

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