„Schattengewächse“: Italiens unbekannte Spitzenrotweine

Italien ist ein Land mit vielen Nischen, in denen spannende, teilweise auch große Weine wachsen, die dennoch wenig bekannt sind. Jens Priewe hat zehn dieser „Schattengewächse“ in einer Blindprobe verkostet.

Neu­lich habe ich in der eng­li­schen Wein­zeit­schrift Decan­ter einen Arti­kel über unbe­kann­te Spit­zen­wei­ne aus Ita­li­en gele­sen. Am bes­ten an dem Arti­kel fand ich die Über­schrift: Unsung Heroes. Frei über­setzt: unbe­sun­ge­ne Hel­den. Genau so eine Degus­ta­ti­on habe ich Ende Janu­ar in Köln im Roton­da Busi­ness Club ver­an­stal­tet. Mei­ne Über­schrift war aller­dings nicht so gut wie die der Kol­le­gen vom Decan­ter. Sie hieß Schat­ten­ge­wäch­se. Klingt so ein biss­chen nach Mau­er­blüm­chen, obwohl die Wei­ne, die prä­sen­tiert wur­den, alles ande­re als Mau­er­blüm­chen sind. Nur sind sie inter­na­tio­nal nicht so bekannt wie Sas­si­ca­ia, Ornel­l­a­ia & Co. Unsung Heroes hät­te bes­ser gepasst. Lei­der gibt es kei­ne all­ge­mein­ver­ständ­li­che deut­sche Über­set­zung für die­sen Aus­druck.

Weniger berühmt, weniger teuer

Jeden­falls wur­den von den Teil­neh­mern – alles wein­er­fah­re­ne Unter­neh­mer und Mana­ger – zehn Spit­zen­rot­wei­ne aus ver­schie­de­nen Reb­sor­ten und Regio­nen Ita­li­ens blind ver­kos­tet. Also Äpfel und Bir­nen und Kiwis und Zitro­nen mit­ein­an­der. Auf den ers­ten Blick viel­leicht nicht sehr pro­fes­sio­nell. Aber es ging bei die­ser Pro­be ja nicht um ein Ran­king, son­dern dar­um zu zei­gen, dass es in Ita­li­en außer den bekann­ten Blue Chips noch ande­re groß­ar­ti­ge Rot­wei­ne gibt, die weni­ger berühmt und weni­ger teu­er, aber den­noch sehr gut sind und anspruchs­vol­len Wein­trin­kern schme­cken könn­ten (was sie auch taten).

Vergleich mit Italiens Blue Chips

Bei der Aus­wahl der Schat­ten­ge­wäch­se hat­te ich dar­auf geach­tet, mög­lichst vie­le ita­lie­ni­sche Regio­nen ein­zu­be­zie­hen. Trotz­dem ist mei­ne Aus­wahl sub­jek­tiv. Ich hät­te auch ande­re Wei­ne aus die­sen Regio­nen nomi­nie­ren kön­nen. Um zu sehen, wie die Schat­ten­ge­wäch­se qua­li­ta­tiv ein­ge­ord­net wer­den müs­sen, habe ich zwei Blue Chips als „Pira­ten“ in die Pro­be ein­ge­baut: Ornel­l­a­ia und Sola­ia. Sie kos­ten drei- bis sechs­mal so viel wie die meis­ten der Schat­ten­ge­wäch­se und sind, wie die Pro­be gezeigt hat, kei­nes­wegs auto­ma­tisch bes­ser.

Wie sich die Wei­ne geschla­gen haben? Auf den nächs­ten Sei­ten die ins­ge­samt 12 Eti­ket­ten mit mei­nen per­sön­li­chen Kom­men­ta­ren.

Die Weine



2013 Mille e Una Notte, Donnafugata (Sizilien)

Milleeunanotte

Nicht so unbe­kannt, wie ich dach­te. Meh­re­re Teil­neh­mer hat­ten die­sen tief­dunk­len sizi­lia­ni­schen Nero d’Avola (mit ein paar Pro­zent Petit Ver­dot, Syrah und ande­ren Sor­ten) schon getrun­ken, eini­ge bezeich­ne­ten ihn sogar als ihren Lieb­lings­wein. Auch ich hal­te den Mil­le e Una Not­te für einen der drei bes­ten Rot­wei­ne Sizi­li­ens, so dicht, wie er sich prä­sen­tiert, so tief­fruch­tig, so über­ra­schend wür­zig mit einer spek­ta­ku­lä­ren Mix­tur von gelier­ter Brom­bee­re, Pini­en­harz, Scho­ko­la­de, dazu mit fei­nem, süßen Tan­nin.

Ein pathe­ti­scher Wein, dem es gelingt, die Bot­schaft von der moder­nen sizi­lia­ni­schen Öno­lo­gie in die Welt zu tra­gen. Was ich damit mei­ne? Hohe Rei­fe ohne Alko­hol­ex­zes­se, ohne mar­me­la­di­ge Noten bei gleich­zei­tig gros­ser Fri­sche. Ein­fach Klas­se.

Preis: 43,90 Euro
Bezug: www.superiore.de

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2014 Montiano, Falesco (Latium)

Montiano

Ein hun­dert­pro­zen­ti­ger Mer­lot, der in Lati­um gewach­sen ist an der Gren­ze zu Umbri­en – wein­bau­mä­ßig ein Nie­mands­land (sieht man von dem bana­len Weiß­wein Est! Est!! Est!!! ab, der dort plan­ta­gen­mä­ßig ange­baut wird). In der wei­ten Welt, vor allem in den USA, ist die­ser Wein hoch­ge­schätzt und bril­liert mit Bewer­tun­gen zwi­schen 91 und 94 Punk­ten. Schat­ten­ge­wächs ist also nicht der rich­ti­ge Aus­druck für ihn. Ver­ant­wort­lich für den Mon­tia­no sind Ren­zo und Ric­car­do Cotarel­la, zwei Öno­lo­gen von Welt­ruf, deren Fami­lie das Wein­gut Fales­co gehört. Ren­zo ist Che­fö­no­lo­ge bei Antin­o­ri, Ric­car­do welt­weit täti­ger Wein­be­ra­ter mit zahl­rei­chen Man­da­ten für renom­mier­te Wein­gü­ter.

Nun war der Jahr­gang 2014 fast über­all in Ita­li­en höchst pro­ble­ma­tisch, und das merkt man die­sem Mon­tia­no auch an. Er ist rein­tö­nig, sau­ber, klar geglie­dert mit aus­drucks­vol­ler Frucht, aber ins­ge­samt doch etwas schmal gera­ten, ohne gro­ße Tie­fe, rela­tiv ein­di­men­sio­nal. Man kann ihn ele­gant nen­nen, doch gegen die Pha­lanx der ande­ren Schat­ten­ge­wäch­se tat sich der Mon­tia­no dann doch schwer. Eigent­lich gehört er nicht in die­se Pro­be, was Ren­zo und Ric­car­do Cotarel­la ver­mut­lich bestä­ti­gen wür­den und was sich auch im Preis aus­drückt.

Preis: 32,00 Euro
Bezug: www.xtrawine.com

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2015 Galatrona, Petrolo (Toskana)

Galatrona

Ohne Zwei­fel einer der bes­ten rein­sor­ti­gen Mer­lots Ita­li­ens: kühn, ehr­gei­zig, anspruchs­voll, teu­er. Und doch ist er ganz anders als etwa der Mas­se­to, der im mediterran-warmen Kli­ma Bolg­he­ri nahe der tos­ka­ni­schen Mit­tel­meer­küs­te wächst. Die Trau­ben für den Gala­tro­na kom­men zwar auch aus der Tos­ka­na. Aber das Wein­gut Petro­lo liegt im ber­gi­gen Hin­ter­land die­ser Regi­on an der öst­li­chen Gren­ze des Chi­an­ti Clas­si­co. Ein „Berg­wein“ also, und das schmeckt man sofort: fleischig-streng mit Noten von geräu­cher­tem Schin­ken, Leder, Lakritz, in 2015 rela­tiv üppig, doch durch­zo­gen von einer fei­nen Säu­re und rau­em Tan­nin. In der Run­de, in der wir den Wein pro­bier­ten, flog nie­mand auf die­sen Wein, was auch ver­ständ­lich ist.

Es feh­len die momen­ta­ne Fas­zi­na­ti­on, der sofor­ti­ge Flash, bei den meis­ten Wein­trin­kern auch die Fan­ta­sie, wie sich die­ser Wei­ne auf der Fla­sche ver­fei­nern wird. In der Regel tut er das zuver­läs­sig. Jahr­gän­ge wie 2001, 2000 und 1999 sind heu­te ein Hoch­ge­nuss. Den­noch hal­te ich Bewer­tun­gen von 96, 97 oder 98 Punk­ten, wie sie Merlot-vernarrte ame­ri­ka­ni­sche Wein­kri­ti­ker für den Gala­tro­na abge­ben, für leicht über­zo­gen. Mit 94 Punk­ten wäre er sehr gut bedient.

Preis: 79,00 Euro
Bezug: www.superiore.de

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2015 Valgiano, Tenuta di Valgiano (Toskana)

Valgiano

Die­sen Wein kann­te nie­mand aus der Run­de, was mich nicht ver­wun­dert hat. Er kommt zwar aus der Tos­ka­na, aber aus einer Nische, die kaum einer auf dem Zet­tel hat. Die Nische befin­det sich nörd­lich von Luc­ca am Fuß des Apen­nin auf 250 Meter Höhe. Bedeu­ten­de Wei­ne sind dort in der Ver­gan­gen­heit nie gewach­sen. Ver­mut­lich hat Sel­bi­ges auch nie­mand ver­sucht. Erst 1993 hat sich ein jun­ges, etwas ver­rück­tes, natur­be­weg­tes und lebens­fro­hes  Pär­chen dort nie­der­ge­las­sen mit dem Vor­satz, einen mög­lichst guten Wein zu erzeu­gen. Dass es ein bedeu­ten­der Wein wer­den wür­de, ahn­ten die Bei­den nicht, hoff­ten es aber.

Heu­te ist die Sache ein­deu­tig: Der Val­gia­no (60% San­giove­se, 20% Syrah, 20% Mer­lot) ist einer der bes­ten Rot­wei­ne der Tos­ka­na. Lei­der wird er von Wein­kri­ti­kern, die dem Irr­glau­ben anhän­gen, dass ein guter Wein sie gleich beim ers­ten Schluck anfi­xen muss, gern igno­riert. Oder schlim­mer noch: sträf­lich unter­be­wer­tet. More­no Petri­ni (der aus der Mai­län­der Schuh­in­dus­trie kommt) und Lau­ra di Col­lo­bia­no (die aus der gro­ßen Fiat-Familie stammt) – so hei­ßen die bei­den Wein-Abenteurer – schert es wenig. Sie stre­ben sowie­so nicht den Main­stream des Premiumwein-Segments an, son­dern fei­len mit gro­ßer Detail­be­ses­sen­heit am Cha­rak­ter ihres Val­gia­no. Will hei­ßen: bio­dy­na­mi­sche Wein­bergs­ar­beit und nicht-interventionistische Öno­lo­gie.

Das Resul­tat ist ein tief­grün­di­ger, facet­ten­rei­cher Wein, der irgend­wo zwi­schen Bolg­he­ri Supe­rio­re und Chi­an­ti Clas­si­co Gran Riser­va pen­delt. Hoch­fein in der Frucht, etwas rus­ti­kal im Tan­nin, besitzt er einen Span­nungs­bo­gen, der ihn für alle, die der schmu­se­wei­chen Cabernet-/Merlot-Cuvées über­drüs­sig sind, unwi­der­steh­lich macht. Nicht alle mei­ne Mittrin­ker woll­ten das so sehen, wohl auch, weil der 2015er (übri­gens ein gran­dio­ser Jahr­gang) noch etwas sprö­de und ver­schlos­sen ist. Seit ich vor eini­gen Jah­ren jedoch die Tenuta di Val­gia­no besuch­te und mit Lau­ra und More­no den 2002er trank, den kleins­ten Jahr­gang im neu­en Jahr­tau­send, und die­ser sich als ein fein gereif­ter, hoch­ele­gan­ter Wein erwies, ist mir klar, wel­ches Poten­zi­al in die­sem Wein steckt – zumal im 2015er.

Preis: 79,90 Euro
Bezug: www.superiore.de

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PIRAT: 2014 Ornellaia, Tenuta dell’Ornellaia (Toskana)

Ornellaia

Der Ornel­l­a­ia, der an der tos­ka­ni­schen Mit­tel­meer­küs­te bei Bolg­he­ri wächst, ist auf den Wein­kar­ten der renom­mier­tes­ten Restau­rants der Welt zu fin­den. Er genießt einen Ruf wie Don­ner­hall und heimst hohe und höchs­te Bewer­tun­gen der inter­na­tio­na­len Kri­ti­ker ein. Der 2014er fällt jahr­gangs­be­dingt etwas beschei­de­ner aus. Er besitzt nicht die Fül­le des 2012er, nicht die Fines­se des 2013ers und nicht die Per­fek­ti­on des (eben auf den Markt gekom­me­nen) 2015ers. Trotz­dem ist der 2014er ein sehr guter Wein, der mit Ele­ganz wett­macht, was ihm an Reich­tum fehlt.

Vie­le Ornel­l­a­ia aus klei­nen Jahr­gän­gen bie­ten nach fünf bis acht Jah­ren hohen Trink­ge­nuss, was ich aus eige­ner Erfah­rung weiß (zuletzt beim 2002er erlebt). Vom 2014er wur­de nur die Hälf­te der übli­chen Men­ge abge­füllt, aber was in der Fla­sche ist, ist sti­lis­tisch vom Aller­feins­ten. Wer auf Wucht und Reich­tum ver­zich­ten kann, ist mit die­sem Wein bes­ser bedient als mit den so genann­ten gro­ßen Jahr­gän­gen. Natür­lich: Im Ver­gleich zu den Schat­ten­ge­wäch­sen mit all ihren Ecken und Kan­ten erweist sich die­ser Pirat als makel­lo­ser Benchmark-Wein. Wer ihn trinkt weiß, dass er sich nicht auf ein Aben­teu­er ein­lässt.

Preis: 149,00 Euro
Bezug: www.silkes-weinkeller.de

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2011 Montepulciano d’Abruzzo „Villa Gemma“, Masciarelli (Abruzzen)

Villa Gemma

Die Regi­on Abruz­zen ist ein schla­fen­der Rie­se, der lang­sam auf­wacht. Gian­ni Masci­a­rel­li war einer der ers­ten, der sich den Schlaf aus den Augen rieb und 1981 ein Wein­gut grün­de­te, das bis heu­te zu den füh­ren­den und stil­bil­den­den der Regi­on gehört. Schon weni­ge Jah­re spä­ter kam der ers­te „Vil­la Gem­ma“ auf den Markt. Er war eine Kampf­an­sa­ge an die Massenwein-Industrie der Abruz­zen, die die Regi­on damals domi­nier­te. Bis heu­te ist die­ser Wein, der zu hun­dert Pro­zent aus der Reb­sor­te Mon­te­pul­cia­no erzeugt wird, das Schlacht­ross die­ses Wein­guts: ein tief­dunk­ler, vor Tan­nin strot­zen­der Grand Vin, opu­lent, mit­rei­ßend, geprägt von bitter-süßer Frucht (Lese: Ende Okto­ber!) und dickem Tan­nin. Er weist immer deut­lich über 14 Vol.% Alko­hol auf und ist äußerst rei­fe­be­dürf­tig. Wie rei­fe­be­dürf­tig, zeigt schon die Tat­sa­che, dass er 24 Mona­te im Bar­ri­que aus­ge­baut wird und danach noch drei Jah­re auf der Fla­sche im Kel­ler bleibt, bis er fünf Jah­re nach der Lese auf den Markt kommt.

Wenn es stimmt, was die Öno­lo­gen und Win­zer sagen, dass die Sor­te Mon­te­pul­cia­no ein wil­des Tier ist, das gebän­digt wer­den müs­se, dann schmeckt man es die­sem Wein ein wenig an. Er wirkt mit sei­ner hoch­rei­fen, fast kom­pot­ti­gen Frucht und sei­ner über­bor­den­den Fül­le immer ein biss­chen unbe­re­chen­bar, ja frech. Aber es stimmt auch, dass es Masci­a­rel­li in der Regel gut gelingt, das wil­de Tier zu zäh­men. Mag der „Vil­la Gem­ma“ ein schwe­rer Bro­cken sein: Er ist nicht über­la­den, nicht alko­hol­las­tig. Das Tan­nin, das im jun­gen Sta­di­um noch sper­rig ist, hält ihn zusam­men. Die­ser Mon­te­pul­cia­no d’Abruzzo ist ein Leucht­turm unter den Rot­wei­nen des Südens. Dass er nicht der Lieb­lings­wein der Pro­ben­teil­neh­mer war, ver­wun­dert kaum. Wei­ne sei­nes Kali­bers sind nicht für heu­te, son­dern für die Zukunft kon­zi­piert. Ich wür­de den 2011er, den wir im Glas hat­ten, etwa 2024 aus dem Kel­ler holen, an einem kal­ten Win­ter­tag, wenn der Kühl­schrank mal wie­der leer ist, das Auto vor der Tür nicht anspringt, und bei den Freun­den, die man um Hil­fe bit­ten möch­te, sich immer nur die Mail­box mel­det.

Preis: 48,90 Euro
Bezug: www.silkes-weinkeller.de

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2011 San Leonardo, Tenuta San Leonardo (Trentino)

San Leonardo

Die­ser Wein begeis­ter­te nahe­zu alle Teil­neh­mer der Köl­ner Wein­pro­be – auch mich. Ich ken­ne den Wein, seit er 1982 das ers­te Mal abge­füllt wur­de. Aber nie war er so gut wie in den letz­ten Jah­ren. Das war­me Jahr 2011 ist opu­len­ter aus­ge­fal­len als sonst, was ange­sichts der nörd­li­chen Lage der Wein­ber­ge nicht nach­tei­lig ist. Die Sor­te Caber­net Sau­vi­gnon (aus der die­ser Wein zu 60% besteht) braucht Wär­me, um voll aus­zu­rei­fen. Aber mehr Wär­me noch braucht die Car­menè­re (30%), die in Nord­ita­li­en frü­her weit ver­brei­tet war, inzwi­schen aber fast völ­lig aus den Wein­ber­gen ver­schwun­den ist, weil sie nie aus­reif­te und in den Wei­nen häss­li­che grü­ne Noten hin­ter­ließ. In den Wein­ber­gen der Tenuta San Leo­nar­do ist sie geblie­ben. Die Mar­che­si Guer­rie­ri Gon­za­ga, die Besit­zer der Tenuta San Leo­nar­do, haben an ihr fest­ge­hal­ten. Sie fan­den (und fin­den), dass die gra­si­gen Noten das „Gewürz“ in ihrem Wein sind. Sie machen des­sen Beson­der­heit aus unter den zahl­lo­sen Bordeaux-Cuvées, die an allen Ecken Ita­li­ens aus dem Boden sprie­ßen. Die Mar­che­si haben Recht behal­ten – aller­dings dank glück­li­cher Umstän­de.

Denn die Kli­ma­er­wär­mung macht, dass die Car­menè­re inzwi­schen auch im Etsch­tal in den meis­ten (viel­leicht auch allen) Jah­ren aus­reift. Hin­zu kommt, dass der öno­lo­gi­sche Bera­ter Car­lo Fer­rini, der die Mar­che­si seit eini­gen Jah­ren berät, offen­sicht­lich sofort begrif­fen hat, wie wich­tig es ist, dass nur phy­sio­lo­gisch voll­rei­fe Carmenère-Trauben in die Cuvée auf­ge­nom­men wer­den. Das Resul­tat ist beein­dru­ckend: ein dicht gewo­be­ner Wein mit fei­nem Veil­chen­duft, schmelzig-weicher Frucht und zahl­rei­chen bal­sa­mi­schen Noten, die von Leder über Pil­ze und Tabak bis zu Süß­la­kritz rei­chen, dazu eine fast sei­di­ge Tex­tur. Dass so ein Hoch­ge­wächs aus dem Tren­ti­no kommt, über­rasch­te vie­le der Teil­neh­mer. Die­sen Wein im Kel­ler zu haben, ist eine siche­re Bank. Übri­gens: Ich ken­ne kaum ein so mus­ter­gül­tig geführ­tes und ästhe­tisch ange­leg­tes Wein­gut in Ita­li­en wie San Leo­nar­do.

Preis: ab 57,00 Euro
Bezug: www.silkes-weinkeller.de

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2012 „Montevetrano“ Rosso Salerno, Montevetrano (Kampanien)

montevetrano

Die­ser fas­zi­nie­ren­de Rot­wein wächst süd­lich von Nea­pel bei Saler­no. Der ame­ri­ka­ni­sche Wein­kri­ti­ker Robert Par­ker hat­te ihn in sei­ner Begeis­te­rung mal als „Sas­si­ci­a­ia des Südens“ bezeich­net, was gut gemeint war, aber völ­lig irre­füh­rend ist. Der Sas­si­ca­ia ent­hält weder Mer­lot (in die­sem Wein zu 20% dabei) noch Aglia­ni­co (30%) und ist ein Kind des mediterran-kühlen Nor­dens und nicht mediterran-warmen Südens, wie der Mon­te­ve­tra­no. Sei’s drum: Der Mon­te­ve­tra­no ist für Lieb­ha­ber der ita­lie­ni­schen Wein­kul­tur schon lan­ge ein Juwel, auch wenn sein Bekannt­heits­grad in Deutsch­land noch gering ist.

Die­ser geschmei­di­ge, eher zurück­ge­nom­me­ne Wein (im Ver­gleich zu manch ande­ren, eher „lau­ten“ Rot­wei­nen der Regi­on Kam­pa­ni­en) bril­liert mit gesto­chen kla­rer Frucht (die im war­men Jahr 2012 aller­dings sehr süß aus­ge­fal­len ist), tie­fem Cassis-Aroma mit viel schwar­zem Pfef­fer und sei­di­ger Tex­tur. Ein ech­ter „Held“ in der Wein­pro­be, der den Vor­teil hat, auch jetzt schon mit gro­ßem Ver­gnü­gen getrun­ken zu wer­den.

Preis: 43,90 Euro
Bezug: www.gourmondo.de

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PIRAT: 2011 Solaia, Antinori (Toskana)

Solaia

Der Sola­ia ist ein Kult­wein. Er genießt welt­wei­tes Anse­hen, ist rar, sünd­haft teu­er und unver­schämt gut. Ich trank den 2011er zuletzt in einem Mün­che­ner Restau­rant und zahl­te für die Magn­um­fla­sche knapp 700 Euro – kein Betrag, den man so ein­fach mal in der Por­to­kas­se hat. Aber die­ser 2011er war für mich und die damals mit mir am Tisch Sit­zen­den ein gro­ßer Genuss. Ganz anders bei der Köl­ner Wein­pro­be. Der Unter­schied: Der Sola­ia (80% Caber­net Sau­vi­gnon, 15% San­giove­se, 5% Caber­net franc) wur­de ver­kos­tet und nicht zum Essen getrun­ken, und da zeig­te sich schnell, dass in dem warm-heißen Jahr 2011 ein fet­ter Bro­cken aus ihm gewor­den ist: behä­big, alko­hol­reich, vor Gly­ze­rin strot­zend, zwar vol­ler Wohl­ge­schmack, aber ohne inne­re Fein­heit und ohne Dif­fe­ren­zie­rung. Zu glatt, zu adi­pös ein­fach.

Einer der Pro­ben­teil­neh­mer, der aus der Auto­in­dus­trie kam, bemän­gel­te den feh­len­den grip, also die man­geln­de Boden­haf­tung. Das trifft den Nagel auf den Kopf. Und als ich spä­ter im Büro nach­schau­te, wie ande­re Wein­kri­ti­ker den 2011er Sola­ia beur­teil­ten, muss­te ich fest­stel­len, dass er die wenigs­ten Punk­te von allen Jahr­gän­gen erhal­ten hat, die von die­sem Kult­wein auf den Markt gekom­men sind. Par­ker gibt ihm gera­de 91 Punk­te und schreibt: „Ich bin von ihm nicht völ­lig über­zeugt…“ Ich auch nicht: Meh­re­re Schat­ten­ge­wäch­se, die wir in Köln ver­kos­te­ten, stell­ten die­sen Wein in den Schat­ten.

Preis: 164,00 Euro
Bezug: www.weinhelden.de

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2010 Amarone della Valpolicella, Romano Dal Forno (Venetien)

Amarone

Die­ser Wein ist rar, teu­er und exklu­siv, aber eigent­lich kein Schat­ten­ge­wächs. Wein­ken­ner in aller Welt rei­ßen sich dar­um, ein paar Fläsch­lein von ihm abzu­be­kom­men. Sie wis­sen: Der Ama­ro­ne von Roma­no Dal For­no steht über allen Amarone-Weinen, nicht nur preis­lich. Er bie­tet eine kalei­do­sko­par­ti­ge Fül­le von Aro­men, wie man sie in ande­ren Rot­wei­nen nicht fin­det: Port­wein­früch­te, Back­pflau­men, Kirsch­li­kör, Kan­dis­zu­cker, Tro­cken­blu­men, Teer, Nel­ken­ge­würz, Trüf­fel – um nur eini­ge zu nen­nen. Mit 17 Vol.% Alko­hol gehört er eigent­lich in den Spi­ri­tuo­sen­schrank. Jeden­falls wiegt er schwer auf der Zun­ge. Sein Geheim­nis ist Roma­no Dal For­no selbst. Er trock­net sei­ne Trau­ben extrem lan­ge an, sorgt dafür, dass nur gesun­de Bee­ren ein­ge­maischt wer­den, presst vor­sich­tig ab und bekommt am Ende nur eine sehr gerin­ge Men­ge Wein.

So hoch­wer­tig er ist, so exo­tisch ist er auch. Auf die­se Fra­ge, zu wel­cher Mahl­zeit man ihn am bes­ten trin­ke, ant­wor­te­te der Win­zer ein­mal: „Der Wein ist die Mahl­zeit.“ Kann man so sehen. In der Wein­pro­be stach er durch sei­ne Beson­der­heit her­aus. Die einen moch­ten ihn, die ande­ren stan­den ihm rat­los gegen­über. Für mich ist die­ser Ama­ro­ne von über­ir­di­scher Qua­li­tät, was heißt, dass ich auf Erden lie­ber Dal For­nos ein­fa­chen Val­po­li­cel­la trin­ke (der frei­lich alles ande­re als ein­fach ist und auch schon 70 Euro kos­tet). Er besitzt ein­fach mehr Fri­sche und fällt weni­ger port­wein­mä­ßig aus. Aber das ist Geschmacks­sa­che.

Preis: ab 250,00 Euro
Bezug: www.amazon.dewww.garibaldi.de

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2013 Turriga, Antonio Argiolas (Sardinien)

Turriga

Unter Fach­leu­ten hoch geschätzt und als einer der bes­ten Rot­wei­ne Sar­di­ni­ens bezeich­net (oft auch als der bes­te), man­gelt es dem Turri­ga (85% Can­no­nau, je 5% Bova­le, Cari­gna­no, Mal­va­sia nera) aus dem Hin­ter­land von Caglia­ri in der brei­ten Öffent­lich­keit noch ein wenig an Aner­ken­nung. Am Wein kann es nicht lie­gen. Er bie­tet sowohl hohe Qua­li­tät als auch Spe­zia­li­tät. Hin­ter der Sor­te Can­no­nau, die die Basis die­ses Weins bil­det, ver­birgt sich die sar­di­sche Vari­an­te der fran­zö­si­schen Grenache, die man vor allem an der Süd­li­chen Rhô­ne fin­det.

Ent­spre­chend breit­schult­rig prä­sen­tiert sich der Wein, in der Nase das typi­sche Veilchen- und Pflau­men­aro­ma, unter­legt mit medi­ter­ra­nen Wild­kräu­tern, am Gau­men Kräu­ter­wür­ze und Gra­nit­staub, im Abgang streng mit viel schwar­zem Pfef­fer. Ein Uni­kat von Wein, des­sen Beson­der­heit mit Wor­ten schwer zu erfas­sen ist – und die auch nicht jedem in der Run­de gefiel. Trotz­dem zöger­te nie­mand, die­sem noch jun­gen Wein ein sehr hohes Niveau zu beschei­ni­gen. Die Bewer­tun­gen der inter­na­tio­na­len Wei­kri­tik schwan­ken zwi­schen 91 und 94 Punk­ten. Der 2013er liegt etwa in der Mit­te.

Preis: 45,90 Euro
Bezug: www.gute-weine.de

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2015 Lagrein Riserva „Taber“, Kellerei Bozen (Südtirol)

Lagrein Taber

Ken­ner wis­sen, dass es in Süd­ti­rol jedes Jahr immer die­sel­ben drei bis vier Lagrein-Weine sind, die die Spit­zen­po­si­tio­nen ein­neh­men. Der „Taber“ gehört jedes Mal dazu. Auch im sehr guten Jahr 2015 hat die Kel­le­rei Bozen einen begeis­tern­den Wein auf den Markt gebracht, der Rus­ti­ka­li­tät mit Ele­ganz ver­bin­det und des­halb auch sol­chen Zun­gen, die an inter­na­tio­na­len Wei­nen geschult sind, höl­lisch Spaß macht. Nicht das schlech­tes­te Zeug­nis für einen Wein aus einer regio­na­len Reb­sor­te! Unter den dunk­len Wei­nen Süd­ti­rols ist der Lag­rein sicher der inter­es­san­tes­te. Aber er ist häu­fig etwas rau, kan­tig, säu­er­lich bei gleich­zei­tig rei­fer Frucht.

Der „Taber“ dage­gen ist aus einem Guss: viel dunk­le Frucht in Nase und auf der Zun­ge, von einer fei­nen Säu­re geädert, die ihn bei aller Rei­fe frisch und jung hält, dazu ein kräf­ti­ges, rausam­ti­ges Tan­nin, dem Kel­ler­meis­ter Ste­phan Filip­pi wäh­rend des Aus­baus in klei­nen Holz­fäs­sern den nöti­gen Schliff gege­ben hat. Mein Ein­druck: einer der bes­ten „Taber“, die je auf die Fla­sche gekom­men sind.

Preis: 33,90 Euro
Bezug: www.superiore.de

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