Rheinhessen GG 2018: meisterhafte Weine, Winzer mit sicherer Hand

Rheinhessen GG 2018: meisterhafte Weine, Winzer mit sicherer Hand
Auch in Rheinhessen war 2018 der wärmste Jahrgang seit langem. Den Grossen Gewächsen (GG) schmeckt man es nicht an, findet Jens Priewe. Die Rieslinge sind eher kühl, straff und hochmineralisch.

Ange­sichts der Grös­se des Wein­an­bau­ge­biets hat der Ver­band Deut­scher Prä­di­kats­wein­gü­ter (VDP) rela­tiv weni­ge Mit­glie­der in Rhein­hes­sen, näm­lich 17. Davon haben 14 ihre Wei­ne bei der „Vor­pre­mie­re“, die Ende August im Kur­haus in Wies­ba­den statt­fand, zur Pro­be ange­stellt. Der Gesamt­ein­druck: beein­dru­ckend, und das trotz rekordverdächtig-früher Lese. Viel­leicht hat den Win­zern gehol­fen, dass es zwi­schen der von Juni bis Okto­ber herr­schen­den Dau­er­hit­ze eini­ge Gewit­ter­schau­er gege­ben hat, die für Abküh­lung sorg­ten. Jeden­falls haben die rhein­hes­si­schen Win­zer die Her­aus­for­de­run­gen des Jahr­gangs durch­weg mit siche­rer Hand gemeis­tert. Nir­gend­wo über­rei­fe, aber nir­gend­wo auch unrei­fe Wei­ne. Kein Ver­gleich zu de 2003, dem ande­ren Hit­ze­jahr, in dem vie­le Ries­lin­ge schmeck­ten, als kämen sie aus Süd­ita­li­en oder Süd­frank­reich. Ins­ge­samt habe ich die Wei­ne etwas höher bepunk­tet als in 2017 – nicht weil sie unbe­dingt bes­ser sind als im Vor­jahr, son­dern weil ich fin­de, dass das Niveau die­ser eben­so raren wie ein­zig­ar­ti­gen Wei­ne deut­lich ange­ho­ben wer­den soll­te.

Gutzler überrascht mit brillanten Weinen

Weinlese im Westhofener Morstein
Wein­le­se im West­ho­fe­ner Mor­stein

Ich fan­ge mal mit dem Wein­gut an, des­sen Wei­ne mich am meis­ten über­rascht haben: Gutz­ler in Gund­heim. Inti­me Ken­ner Rhein­hes­sens haben die­ses Wein­gut längst auf ihrer Lis­te. Aber eine über­re­gio­na­le Bekannt­heit ist Micha­el Gutz­ler bis jetzt noch nicht beschie­den gewe­sen. Am bekann­tes­ten ist er für sei­ne Spät­bur­gun­der. Ich habe in Wies­ba­den sei­ne bei­den GG vom Ries­ling pro­biert, die er ange­stellt hat­te. Bei­de sind zur Zeit völ­lig ver­schlos­sen, fast unge­niess­bar. Aber was für ein Stoff, der sich hin­ter die­ser abwei­sen­den Fas­sa­de ver­birgt! Das GG vom Kir­chen­stück um das Worm­ser Lieb­frau­en­stift her­um ist ein tougher, seh­ni­ger Wein, der dank kräf­ti­ger Gerb­stoff­struk­tur (Mai­sche­stand­zeit) noch sehr zurück­hal­tend ist und nur wenig von sei­nen Ter­roirno­ten (nas­ser Kie­sel, Kräu­ter­li­mo­na­de) preis­gibt: ein schüch­ter­ner Wein mit aller­bes­ter Pro­gno­se für die Zukunft (93). Das wer­ti­ge­re der bei­den GG kommt vom West­ho­fe­ner Mor­stein, wo purer Kalk­fels den Unter­grund bil­det: hoch­kom­plex, aber straff gewo­ben mit auf­fäl­li­gen Schwarzbrot- und Min­zen­o­ten, eben­falls sehr phe­no­lisch und gut gerüs­tet für eine lan­ge Ver­fei­ne­rung auf er Fla­sche (95). Neben­bei gesagt: Gutz­lers GG gehö­ren zu den preis­wer­tes­ten Rhein­hes­sens. Das Kir­chen­stück kos­tet 24 Euro, der Mor­stein 29,50 Euro.

Kai Schätzel: Man liebt sie, oder man lehnt sie ab

Der Rote Hang
Der Rote Hang

Die schwie­rigs­ten Wei­ne kom­men – nicht zum ers­ten Mal – von Kai Schät­zel aus Nier­stein. Er ist mit bes­ten Lagen am Roten Hang geseg­net. Aber was er dar­aus macht, ist im jun­gen Sta­di­um eher ver­stö­rend als begeis­ternd. Als Reprä­sen­tant des „ent­fet­te­ten“ Weins sind sei­ne Ries­lin­ge extrem karg, extrem nied­rig im Alko­hol (11,5 %Vol.), extrem hefes­tin­kig, ohne jeg­li­chen Charme. Nam­haf­te Wein­kri­ti­ker zol­len ihm dafür höchs­ten Respekt, betrach­ten ihn als Avant­gar­dis­ten und machen ihn zur „auf­re­gends­ten, span­nends­ten Erschei­nung unter deut­schen Win­zern“ (Ste­phan Rein­hardt, The Wine Advo­ca­te). Schät­zel selbst sagt, dass sei­ne Wei­ne zwar (gewollt) leich­ter sind als ande­re, aber dafür extrem halt­bar. Und da die GG für ein lan­ges Leben kon­zi­piert sind, nicht für schnel­len Kon­sum, zählt nicht das frü­he, son­dern das spä­te Urteil. Mir fehlt die Erfah­rung mit sei­nen Wei­nen. Ich wür­de sagen: Man liebt sie, oder man lehnt sie ab. Auf jeden Fall sind es, aus heu­ti­ger Sicht, ver­rück­te Wei­ne. Über sein Pet­ten­thal GG steht auf mei­nem Pro­ben­zet­tel: „Schiess­pul­ver, Schmauch und ande­re Feu­er­werks­ar­ti­kel“. Sein GG vom Ölberg fand ich „grenz­wer­tig“. Über sein GG vom Hip­ping schrieb ich: „Nichts als Reduk­ti­on und schar­fe, rohe Säu­re“. Klingt nicht sehr schmei­chel­haft. Aber auch wenn mir die Wei­ne der­zeit nicht schme­cken – ich glau­be an sie. Wenn sie hal­ten, was erfah­re­ne­re Exper­ten als ich ver­spre­chen, wür­de ich ihnen beden­ken­los 96 Punk­te zuge­ste­hen, sei­nem Pet­ten­thal auch mehr. Zwei Grün­de: So peni­bel und qua­li­täts­be­ses­sen, wie er im Wein­berg arbei­tet, kann eigent­lich nichts schief gehen. Aus­ser­dem habe ich sei­nen 2018er Pet­ten­thal Ries­ling Kabi­nett Ers­te Lage getrun­ken, der noch leich­ter ist als sei­ne GG, weil er von einer zar­ten Rest­süs­se durch­zo­gen ist. Die­ser Wein ist über­ir­disch, ein Kult­wein mitt­ler­wei­le. 240 Fla­schen von ihm wer­den am 22. Sep­tem­ber 2019 bei der gros­sen VDP Herbst­auk­ti­on in Bad Kreuz­nach ver­stei­gert. Im letz­ten Jahr wur­de die Magnum bei 240 Euro  zuge­schla­gen – nicht schlecht für einen Kabi­nett. Wenn Schät­zels tro­cke­ne GG nur ein wenig von die­sem Kabi­nett haben, wären sie alle Vor­schuss­lor­bee­ren wert. Mit 49 Euro bezie­hungs­wei­se 136 Euro für die 0,75 l-Flasche vom Pet­ten­thal sind sie aller­dings auch gut bezahlt (Sub­skrip­ti­on bei Gute Wei­ne Loben­berg).

Kühling-Gillot: exzellente Kollektion

"Rotliegendes" bei Nackenheim
“Rot­lie­gen­des” bei Nacken­heim

In die­se Preis­di­men­sio­nen sto­ßen die ande­ren Wei­ne vom Roten Hang noch nicht vor – aus­ser der Nacken­hei­mer Rothen­berg „wur­zel­echt“ von Kühling-Gillot. Des­sen Preis wird in 2018 von 100 auf 120 Euro ange­ho­ben. Zuviel? Er ist immer ziem­lich schnell aus­ver­kauft: gold­gelb in der Far­be dank Mai­sche­stand­zeit, ent­spre­chend phe­no­lisch, vie­le Reduk­ti­ons­no­ten auf­grund Spon­tan­ver­gä­rung, cre­mig durch lan­ges Hefel­ager, reich an Facet­ten, ohne aus­la­dend zu sein. Erfah­rungs­ge­mäss eine siche­re Bank (95). Nicht viel schlech­ter ist aller­dings Kühling-Gillots GG von der wärms­ten Lage am Roten Hang, dem Pet­ten­thal, das in den letz­ten Jah­ren ein wenig abge­speckt hat, aber des­we­gen kein Mager­mo­del wie bei Schät­zel gewor­den ist. Im Gegen­teil: viel Wür­ze, aber auch viel Hintergrund-Mineralität sowie eine zar­te rau­chi­ge Note, die sich wie ein roter Faden durch den Wein zieht (94). Eben­falls exzel­lent: Hip­ping (94) und Ölberg (92).

Gunderloch: packend und begeisternd

Vom Nach­bar­wein­gut Gun­der­loch habe ich schon in den letz­ten Jah­ren exzel­len­te GG im Glas gehabt. Der jun­ge Johan­nes Has­sel­bach, der von der Aus­bil­dung her ein Quer­ein­stei­ger ist, aber durch Prak­ti­ka im In- und Aus­land nicht nur das Winzer-Handwerk gelernt, son­dern auch viel Fin­ger­spit­zen­ge­fühl ent­wi­ckelt hat, hat in 2018 zwei sehr gute und ein begeis­tern­des GG auf die Fla­sche gebracht: sehr gut sind der Hip­ping (93), der mit sei­ner rohen, anfangs etwas rus­ti­kal wir­ken­den Säu­re einer­seits und den tro­pi­schen Frucht­aro­men ande­rer­seits einen wei­ten Bogen spannt, und der packen­de Rothen­berg (93). Noch mehr Poten­zi­al sehe ich im Pet­ten­thal: der­zeit ein eher zurück­hal­ten­der Ries­ling, der beim ers­ten Schluck etwas indif­fe­rent wirkt, aber im Glas schnell zeigt, von welch inne­rer Fül­le und Inten­si­tät er ist. Limet­te, Man­dar­in­scha­le, Ing­wer habe ich notiert. Momen­tan domi­nie­ren noch die Spon­ti­no­ten (94).

Klaus-Peter Keller: Power und Finesse

Den ulti­ma­ti­ven Pet­ten­thal (wenn es sowas gibt) lie­fern in 2018 aller­dings die Kel­lers. Sie besit­zen nur eine klei­ne Par­zel­le in der steil zum Rhein abfal­len­den, 31 Hekt­ar gros­sen Lage. Aber was Klaus-Peter Kel­ler dar­aus macht, ist spek­ta­ku­lär: ein Wein mit Power und Fines­se, der alles hat, was einen gros­sen Weiss­wein aus­macht. Grü­ne und gel­be Frucht, schmau­chi­ge Feuerstein-Mineralität, sei­di­ge Tex­tur und einen zar­ten, fast mar­zi­pan­ar­ti­gen Schmelz – 99 Punk­te für die­sen kühl-intellektuellen Wein. Damit hän­ge ich mich weit aus dem Fens­ter. Aber gibt es vie­le bes­se­re Weiss­wei­ne auf der Welt? Kaum. Kel­ler spielt mit Coche-Dury, Lef­lai­ve, Rou­lot, Dau­vis­sat in einer Liga, und die wer­den ähn­lich hoch bepunk­tet. Kel­lers Pet­ten­thal GG kommt übri­gens nicht regu­lär in den Ver­kauf. Der gröss­te Teil – 360 Fla­schen – kommt eben­falls am 22. Sep­tem­ber 2019 in Bad Kreuz­nach unter den Ham­mer. Aus­ruf­preis: 100 Euro. Im letz­ten Jahr erfolg­te der Zuschlag bei 760 Euro, dazu kom­men Mehr­wert­steu­er und Kom­mis­si­on. In 2018 wer­den die Gebo­te wei­ter stei­gen. Soll­te ein Händ­ler ein paar Fla­schen erstei­gern und sei­nen Kun­den anbie­ten, müs­sen die­se mit deut­lich über 1000 Euro pro Fla­sche rech­nen. Ich hof­fe nur, dass die texa­ni­schen Ölmil­li­ar­dä­re, Lon­do­ner Hedgefonds-Manager und Mos­kau­er Olig­ar­chen den Wein zu schät­zen wis­sen.

St. Anthony: könnte mehr als es tut

Dass spe­zi­ell die Lage Pet­ten­thal so beein­dru­cken­de Wei­ne lie­fert, ist kein Zufall. Nir­gend­wo am Roten Hang tre­ten der rote Ton­schie­fer und der rote Sand­stein (genannt „das Rot­lie­gen­de“) so sicht­bar an die Ober­flä­che wie dort. Das heisst aber nicht, dass die ande­ren, wei­ter süd­li­chen Lagen weni­ger wer­tig sind. Sie brin­gen nur ande­re Sti­lis­ti­ken her­vor. Orbel ist die am wei­tes­ten vom Rhein ent­fern­te Lage, die aber in Zei­ten der Kli­ma­er­wär­mung einen unschätz­ba­ren Vor­teil hat: küh­le Nacht­tem­pe­ra­tu­ren. Das GG von St. Ant­o­ny GG aus die­ser Lage hat des­halb nicht die Fül­le und Kraft von Pet­ten­thal & Co., besticht aber durch Schlank­heit und Ele­ganz (89). Ich gebe zu: von einem GG erwar­te ich etwas mehr, Dirk Würtz, der Wein­ver­ant­wort­li­che bei St. Ant­o­ny, wahr­schein­lich auch. Sonst wür­de er das Orbel GG preis­lich nicht auf bes­se­res Orts­wein­ni­veau set­zen (19 Euro). Das Wein­gut ver­fügt über den gröss­ten Gros­se Lagen-Besitz am Roten Hang, ein­schliess­lich Schlüs­sel­par­zel­len in Pet­ten­thal, Hip­ping, Zehnt­mor­gen und der gross­ar­ti­gen, aber seit Jah­ren nicht mehr als GG abge­füll­ten Mono­pol­la­ge Bru­ders­berg. War­um St. Ant­o­ny aus­ge­rech­net sein kleins­tes GG  zur Vor­pre­mie­re anstellt und nicht die ande­ren, erschliesst sich mir nicht.

Brüder Dr. Becker und Winter

Die wei­ter süd­lich an der Rhein­front lie­gen­de Staat­li­che Wein­bau­do­mä­ne Oppen­heim und der Rap­pen­hof hat­ten ihre GG nicht zur Pro­be ein­ge­reicht. Das Wein­gut Brü­der Dr. Becker aus Lud­wigs­hö­he war mit zwei GG aus Dien­heim ver­tre­ten: der Tafel­stein etwas brav mit sehr rei­fer Frucht, sti­lis­tisch eher kon­ven­tio­nell (90), der Fal­ken­berg eben­falls von mode­ra­ter Fül­le, aber küh­ler Frucht und packen­der Säu­re (91). Das Kalk­stein­riff um West­ho­fen ist ein zwei­tes wich­ti­ges Wein­bau­zen­trum Rhein­hes­sens. Neben Gutz­ler, von dem am Anfang schon die Rede war, hat auch Ste­fan Win­ter dort drei Lagen, die hoch­wer­ti­ge Ter­ro­irs dar­stel­len. Genau: in Dit­tel­heim. Win­ters GG vom Gei­er­berg (Ton­mer­gel) ist der seh­nigs­te, sal­zigs­te, kühls­te von allen: ein Ries­ling aufs Wesent­li­che redu­ziert (93). Der Klopp­berg (Ton­mer­gel mit Kalk­stein) hat mehr Fleisch auf den Rip­pen, ist hoch­mi­ne­ra­lisch ohne vor­der­grün­di­ge Frucht: nicht ganz so for­dernd wie die ande­ren bei­den (93). Der Lecker­berg (Kalk­ver­wit­te­rungs­ge­stein) ist der fili­grans­te, ras­sigs­te und packens­te der drei, die übri­gens alle unter 30 Euro kos­ten (93). Sie alle sind spon­tan ver­go­ren, mit lan­ger Mai­sche­stand­zeit vini­fi­ziert, im Stahl­tank aus­ge­baut und für Lieb­ha­ber gedacht, die von einem GG mehr als Main­stream erwar­ten.

K. F. Groebe und Wittmann

Ganz anders die bei­den GG von K. F. Gro­ebe aus West­ho­fen: klas­si­sche Ries­lin­ge, mehr von rei­fer Frucht als von der Mine­ra­li­tät geprägt, schon antrink­bar. Das Kirch­spiel ist der kraft­vol­le­re Wein, der mehr Gerb­stoff­rück­grat besitzt, kom­pak­ter ist (90), wäh­rend das Auler­de GG den Jahr­gang als reich und üppig inter­pre­tiert und dem­zu­fol­ge mehr in die Brei­te geht (89). Bei­de wer­den, da bin ich mir sicher, ihre Lieb­ha­ber fin­den. Von einem GG aber erwar­te ich, bei allem Respekt, ein biss­chen mehr. Phil­ipp Witt­mann auf der gegen­über lie­gen­den Stras­sen­sei­te hat zum Bei­spiel eine ganz ande­re Sicht­wei­se vom Jahr­gang 2018. Er wider­steht der Ver­su­chung, opu­len­te Wei­ne in die­sem war­men Jahr zu machen. Er sucht die schnör­kel­lo­sen, knap­pen Wei­ne, die eher in sich gekehrt sind und ihre Fül­le und Fein­heit erst lang­sam offen­ba­ren. Sein ein­fachs­tes GG Auler­de ist sicher nicht spek­ta­ku­lär, aber prä­zis und – obwohl von der wärms­ten Lage kom­mend – eher kühl und clean: Apfel, Pfir­sich, Salz­al­gen (93). Span­nen­der ist das GG vom Kirch­spiel: kalei­do­sko­par­ti­ge Fül­le, aber streng gebün­delt, kein Gramm Fett, leicht adstrin­gie­rend, saftig-mineralisch, dabei auch mit „grü­nen“ Würz­no­ten ver­se­hen (95). Der Mor­stein ist von allen GG das rela­tiv üppigs­te. Es ist wär­mer, gelb­fruch­ti­ger, saf­ti­ger, gleich­zei­tig aber straff und unge­heu­er pur: könn­te ein ganz Gros­ser wer­den (95). Ich per­sön­lich habe einen Fai­ble für das Brun­nen­häus­chen, das dich­tes­te, tiefs­te, am wenigs­tens aus­la­den­de GG von Witt­mann. Nach mei­ner Mei­nung ist es in 2018 beson­ders gut gelun­gen: „tough, ohne Ara­bes­ken, just punch“ hab ich in mei­nen Notiz­block geschrie­ben. Will sagen: exakt auf den Punkt gebracht (96).

Battenfeld-Spanier: Flüssiger Fels

Auch Battenfeld-Spanier war­tet mit exzel­len­ten Wei­nen auf. Wer nicht war­ten und sofort genies­sen möch­te, soll­te zum GG vom Nieder-Flörsheimer Frau­en­berg grei­fen: Der Wein springt förm­lich aus dem Glas, ist spie­le­risch leicht, bringt viel Mine­ra­lik und wür­zi­ge Stein­obstaro­men an den Gau­men, ist sehr ele­gant, aber nicht über­mäs­sig kom­plex. Trotz­dem: Toll, was Hans Otto Spa­ni­er aus dem Jahr­gang her­aus geholt hat (93). Auch das Kir­chen­stück aus Hohen-Sülzen ist beein­dru­ckend: ein super­fei­ner Wein, der, wenn er Lite­ra­tur wäre, nicht in die Kate­go­rie Pro­sa, son­dern Poe­sie gehör­te. Aller­dings muss ich hin­zu­fü­gen: Fast an der Gren­ze zum Gefäl­li­gen (93). Hin­ter­grün­di­ger und packen­der, weil kar­ger, ist das GG vom Zel­ler­weg „Am Schwar­zen Herr­gott“: für mich der bes­te Wein des Sor­ti­ments – flüs­si­ger Fels, wie der Win­zer ger­ne sagt, dazu ein Hauch von schwar­zer Johan­nis­bee­re (94).

Klaus-Peter Keller: streng und dicht gewoben

Blei­ben die Kel­lers. Sie waren dies­mal nur mit einem GG auf der Vor­pre­mie­re ver­tre­ten. Ihr Abts E, aus eine Par­zel­le in der Gros­sen Lage Brun­nen­häus­chen kom­mend, war beim ers­ten Schluck eine Ent­täu­schung: extrem phe­no­lisch mit vie­len grü­nen Noten, viel Apfel­säu­re, wenig Saft, völ­lig unzu­gäng­lich. Ein Wein, der nichts von sich preis­gibt, nur abwei­send wirkt. Mir fiel es rich­tig schwer, etwas Posi­ti­ves in ihm zu erken­nen. Aber wie so häu­fig bei jun­gen, frisch gefüll­ten Wei­nen: je ver­schlos­se­ner sie sich geben, des­to mehr steckt ihnen. Nach einer hal­ben Stun­de öff­ne­te er vor­sich­tig sei­ne Aro­men­kis­te: Apfeltar­te, gemah­le­ner Gra­nit, Limet­te ström­ten plötz­lich aus dem Glas. Aber immer noch blieb er der stren­ge, dicht gewo­be­ne Wein, der er auch am Anfang war, zudem von einer Wahn­sinns­äu­re durch­zo­gen. Dass die­ses GG aus dem wärms­ten Jahr­gang seit Beginn der Tem­pe­ra­tur­auf­zeich­nun­gen kommt, dar­auf kommt man im Traum nicht (96+).

Wagner-Stempel: anfangs Abba, später Rolling Stones

Auch Dani­el Wag­ner vom Wein­gut Wagner-Stempel aus Sie­fers­heim, das süd­öst­lich von Bad Kreuz­nach an der Gren­ze zum Anbau­ge­biet Nahe liegt, ist nicht berühmt für Wei­ne vom Typ everybody’s dar­ling. Auf sein mit­reis­sen­des GG von der Lage Heer­kretz trifft eben­falls zu, dass es noch nicht zum Trin­ken geeig­net ist. Nur soviel lässt sich sagen: ein dra­ma­ti­scher Wein, gewach­sen in einer unge­schütz­ten, nacht­küh­len Lage, die in einem war­men Jahr wie 2018 einen extrem span­nungs­rei­chen Wein her­vor­ge­bracht hat. Der Heer­kretz besitzt unglaub­lich viel Sub­stanz, wenig Frucht, reich­lich sal­zi­ge Geschmacks­kom­po­nen­ten sowie eine mar­kan­te, aber wei­ni­ge Apfel­säu­re (95). Nichts für einen gemüt­li­chen Abend mit Mut­tis Brot­zeit­tel­ler, son­dern ein Wein, den eigent­lich nur trin­ken soll­te, wer die spek­ta­ku­lä­re Lage, die auf einem Bran­dungs­kliff des Urmee­res liegt, per­sön­lich in Augen­schein genom­men hat. War­um nicht ein­mal nach Sie­fers­heim fah­ren? Das Dorf ist ein Wan­der­pra­dies, und bei Wagner-Stempel gibt es schö­ne Gäs­te­zim­mer. Das zwei­te Sie­fers­hei­mer GG vom Höll­berg ist ganz anders: eben­falls reich und anspruchs­voll, aber weni­ger unge­stüm mit mehr war­mer, gel­ber Frucht (94). Das drit­te GG kommt von Schar­lach­berg in Bin­gen, also von ein paar Kilo­me­ter wei­ter nörd­lich. Der Wein ist eben­falls ein Mono­lith, aber säu­re­be­ton­ter als die bei­den ande­ren bei­den GG. Er char­miert mit viel Frucht und Wür­ze (93). „Vor­ne Abba, hin­ten Rol­ling Stones“ fiel mir dazu ein.

Schloss Westerhaus, Kruger-Rumpf, Bischel

Eben­falls im Schar­lach­berg begü­tert ist Schloß Wes­ter­haus. Das präch­ti­ge Wein­gut der Fami­lie von Opel hat das bes­te GG sei­ner Geschich­te pro­du­ziert: spon­tan ver­go­ren, cre­mig, hoch­mi­ne­ra­lisch – ein klei­ner Coup der jun­gen Grä­fin von Schönau-Glauchau, die das Wein­gut in der vier­ten Genera­ti­on führt. Für mich ist es das GG mit dem bes­ten Preis-/Leistungsverhältnis in Rhein­hes­sen (92). Das Schar­lach­berg GG von Kruger-Rumpf ist eben­falls sehr anspruchs­voll, aber etwas opu­len­ter mit einem brei­te­ren Frucht­spek­trum, das von grü­nem Apfel bis Mara­cu­ja reicht (92). Es ist dazu ange­tan, die Gros­sen Gewäch­se auch Kon­su­men­ten schmack­haft zu machen, die wegen zuviel Frea­ki­ness nor­ma­ler­wei­se lie­ber bei den Orts­wei­nen blei­ben. Schliess­lich Bischel. Für Chris­ti­an und Mat­thi­as Run­kel, die bei­den jun­gen Win­zer aus Appen­heim, ist der Jahr­gang 2018 eine GG-Premiere, sind sie doch erst seit Janu­ar VDP-Mitglied. Ihr Schar­lach­berg GG ist ein guter Auf­takt (92), der aller­dings von ihrer Stamm­la­ge, dem Appen­hei­mer Hun­dert­gul­den, an Inten­si­tät und Tie­fe über­flü­gelt wird: ein tol­ler Wein, der zwar noch von der Hefe über­la­gert ist, aber schon eini­ges von sei­ner geball­ten Frucht (Limet­te, Grape­frucht) und Mine­ra­li­tät (Kalk­staub) her­zeigt (94). Bischels drit­tes GG vom Heer­kretz ist schnör­kel­los, aber bes­tens fun­diert, mineralisch-pur. Auch die­ser Wein wird Jah­re brau­chen, bis er sein gan­zes Poten­zi­al ent­fal­tet (93).

Prinz Salm präsentiert seine 2017er

Damit der Kauf eines GG nicht zum Blind­flug ins Unge­wis­se wird, prä­sen­tie­ren immer mehr Wein­gü­ter ihre Wei­ne erst ein Jahr spä­ter – zumin­dest eini­ge ihrer Wei­ne. So auch Prinz Salm, der sowohl an der Nahe als auch in Rhein­hes­sen über Wein­ber­ge ver­fügt. Die säu­re­be­ton­te und kom­pro­miss­los tro­cke­ne Aus­bau­wei­se sei­ner GG macht es schwie­rig, sie im frü­hen Sta­di­um rich­tig wert­zu­schät­zen. Des­halb stell­te Felix Prinz Salm-Salm in Wies­ba­den nicht sei­ne 2018er, son­dern die 2017er GG vor. Und sie­he da, sie offen­bart sich, die Klas­se der Wei­ne. Fein­strah­lig, zart­fruch­tig, ver­hal­ten mine­ra­lisch und mit gros­sem Span­nungs­bo­gen ver­se­hen der Schar­lach­berg (92), deut­lich ath­le­ti­scher der Kirch­berg: leicht adstrin­gie­rend, ins Gold­gel­be ten­die­rend mit star­kem inne­ren Kern, don­nern­der Säu­re, aber immer noch ein wenig in sich gekehrt (93).

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