Österreich im Pet Nat-Fieber: Funky unterm Weihnachtsbaum

Die Urform der Flaschengärung, die Méthode Ancestrale, feiert Wiederauferstehung - und Österreich ist voll dabei. Jens Priewe probierte 10 der besten Pet Nats aus dem Nachbarland.

Pet Nat steht für Pétil­lant Natu­rel. Gemeint sind damit Weiss­wei­ne, die noch gärend auf die Fla­sche gezo­gen wur­den und dort ihre Gärung been­den. Da die Fla­sche mit einem Kron­kork ver­schlos­sen ist, kann das CO2 nicht ent­wei­chen. Es bleibt im Wein gelöst. Im Gegen­satz zur klas­si­schen Fla­schen­gä­rung – etwa Cham­pa­gner – wird der Wein in der Regel weder ent­heft („degor­giert“) noch wird ihm Dosa­ge (Zucker) hin­zu­ge­fügt. Er ist also mehr oder min­der trüb. Und das Tolls­te: Er wird mit Kron­kork ver­schlos­sen. Man braucht für ihn also kei­nen Kor­ken­zie­her, son­dern nur einen Fla­schen­öff­ner.

Die meisten Pet Nats sind Perlweine

Pet Nats sol­len bewusst anders schme­cken als Sek­te. Sie ent­hal­ten kei­ne Süß-Dosage, wie sie den Win­zer­sek­ten (und auch dem Cham­pa­gner) vor der Ver­kor­kung fast immer hin­zu­ge­fügt  wird. Und sie sind gänz­lich unge­schwe­felt. Die meis­ten sind Perl­wei­ne – schäu­men also nur schwach. Sie ent­wi­ckeln nur 2,5 Atmo­sphä­ren Druck. „Sprud­ler“ nen­nen vie­le öster­rei­chi­sche Pet Nat-Produzenten des­halb ihre Pro­duk­te – nicht abwer­tend, son­dern durch­aus stolz.

Kann sein, dass ein Pet Nat etwas strange schmeckt

Auf die jun­ge Win­zer­ge­nera­ti­on übt die Idee eines natür­lich ver­go­re­nen und ver­sek­te­ten Weins eine gro­ße Fas­zi­na­ti­on aus.  Sie haben die Idee, nicht nur im Wein­berg, son­dern auch im Kel­ler so natür­lich wie mög­lich zu arbei­ten und auf alle her­kömm­li­chen Wein­be­hand­lungs­mit­tel zu ver­zich­ten, also auch auf jeg­li­che Schö­nungs­mit­tel,. Auf Rein­zucht­he­fen ver­zich­ten sie sowie­so. Aber wenn ein Wein mit wil­den Hefen ver­go­ren wird und hin­ter­her noch mona­te­lang auf die­sen Hefen liegt (bei Still­wei­nen wer­den die Hefen nach Ende der Gärung weg­ge­fil­tert), kann es sein, das der Wein etwas stran­ge schmeckt. Und genau das tun vie­le Pet Nats. Ich habe Pet Nats getrun­ken, die nach Senf­kör­nern, nach Mehl­staub und nach Gur­ken­was­ser schmeck­ten – für Har­mo­nie­lieb­ha­ber nicht ein­fach, schon gar nicht Weih­nach­ten

Jede Flasche schmeckt anders

Pet Nats wer­den gern als fun­ky bezeich­net.  Zu deutsch: abge­fah­ren. Jede Fla­sche schmeckt ein biss­chen anders, weil die Hefen in ihr anders arbei­ten. Die wenigs­ten Pet Nat sind kno­chen­tro­cken. Die meis­ten wei­sen eine leich­te Rest­sü­ße auf, weil die Gärung aus irgend­wel­chen Grün­den ste­hen geblie­ben ist, bevor das letz­te Gramm Zucker umge­wan­delt wur­de. War­um das pas­siert ist, wis­sen auch die Win­zer nicht. Die Natur hat es so gewollt. Viel­leicht ist das der Grund, war­um jun­ge Wein­trin­ker so sehr auf Pet Nat ste­hen. Sie lie­ben das Unbe­re­chen­ba­re, das Ver­rück­te, das Aben­teu­er. Wer braucht schon Cham­pa­gner, wenn es Pet Nat gibt? fra­gen sie.

Für die Méthode Ancestrale braucht es keine Technik

Erfun­den wur­de der Pétil­lant Natu­rel in Frank­reich. Wahr­schein­lich waren die ers­ten Cham­pa­gner schlich­te Pet Nats. Métho­de Ances­tra­le hiess die­se Urform der Fla­schen­gä­rung. Auch Métho­de Rura­le genannt. Nach­dem die Métho­de Tra­di­tio­nel­le, wie die klas­si­sche Fla­schen­gä­rung seit der Wit­we Cli­quot heißt, ihren Sie­ges­zug ange­tre­ten hat, ver­schwand die Métho­de Ances­tra­le fast völ­lig vom Bild­schirm. Erst in den letz­ten Jah­ren wur­de sie in Frank­reich wie­der ent­deckt und erlebt jetzt eine Wie­der­auf­er­ste­hung. Einer der Haupt­grün­de ist, dass prak­tisch kei­ne Tech­nik nötig ist, um die Wei­ne auf die­se Wei­se zum Schäu­men zu brin­gen. Man braucht kei­ne Füll­do­sa­ge (liqueur de tira­ge), kein Rüt­tel­pult, kein Eis­bad, kei­ne Fil­ter.  Und zum Trin­ken braucht es kei­ne stei­fe Eti­ket­te. „Fun­ky unterm Weih­nachts­baum“ heißt die Devi­se.

Österreich wurde von der Pet Nat-Welle mehr erwischt als Deutschland

Von Frank­reich aus ver­brei­te­te sich Pet Nat nach Spa­ni­en, Ita­li­en, Kali­for­ni­en – und nach Öster­reich. Öster­reich wur­de von der Pet Nat-Welle sehr viel stär­ker erfasst als Deutsch­land. Win­zer wie Josef Mai­er vom Gey­er­hof und Chris­ti­na Hugl aus Krems, Chris­toph Hoch und Mat­thi­as Hager aus dem Kamp­tal, Micha­el Gindl aus dem Wein­vier­tel, Lich­ten­ber­ger & Gon­za­les aus dem Neusiedlersee-Hügelland – sie alle sind schon früh auf der Pet Nat-Welle gerit­ten. Inzwi­schen hat die Wel­le auch renom­mier­te Win­zer wie Toni Hartl, Claus Prei­sin­ger, Ger­hard Pitt­nau­er, Hel­muth Ren­ner, Jurt­schitsch und ande­re erfasst. Und: Der öster­rei­chi­sche Gault Mil­lau hat bereits 2017 den ers­ten Pet Nat-Kongress ver­an­stal­tet.


Die Weine

2017 The Experimental Wine, Artisan Wines (Neusiedlersee)

Expe­ri­men­tell ist die­ser Pet Nat auf jeden Fall, auch kühn. Wenn man den Kron­kork löst, sieht man im Fla­schen­hals noch die Hefe. Ent­spre­chend trüb ist der Wein im Glas. Doch hin­ter den Hefe­schlie­ren ver­birgt sich ein sehr gelun­ge­ner, sau­be­rer Wein aus Sauvignon-Trauben, der, auch wenn er nicht schäum­te, mit Genuss getrun­ken wür­de. Hin­ter Arti­san Wines ver­brirgt sich das Wein­gut Franz Schnei­der aus Halb­turn. Mehr als ein paar hun­dert Fla­schen Pet Nat pro­du­ziert es nicht.

Preis: 15 Euro ab Wein­gut www.artianwines.at

 

Kalkspitz, Christian Hoch (Krems)

Die­ser Pet Nat aus Grü­nem Velt­li­ner (und ande­ren Trau­ben) könn­te aus dem Klei­der­schrank von Omas Win­ter­gar­de­ro­be kom­men: Er schmeckt nach Mot­ten­ku­geln und Jod. Gewöh­nungs­be­dürf­tig also, was der „ver­rück­te Öster­rei­cher“ und Demeter-Winzer Chris­ti­an Hoch da auf die Fla­sche gebracht hat. Doch wer sich auf den Wein ein­lässt, bemerkt auch Posi­ti­ves: die Leich­tig­keit, die schö­ne Säu­re, die schnör­kel­lo­se Art, den kom­pro­miss­los tro­cke­nen Geschmack: ein wil­der, unge­zähm­ter Perl­wein, der Gegen­ent­wurf zum kom­mer­zi­el­len Wein­ma­chen.

Preis: 17,03 Euro

www.weinco.at

 

2017 Pet Nat 360°, Geyerhof (Krems)

Das Öko­wein­gut Gey­er­hof war eines der ers­ten in Öster­reich, das einen Wein nach der Métho­de Ances­tra­le ver­sek­te­te. Der 360° Pet Nat aus dem Jahr­gang 2017 ist ein fül­li­ger, cre­mi­ger Prick­ler aus rei­fen Grü­ne Veltliner-Trauben. Er ist fast gold­gelb in der Far­be und leicht rest­süß (zumin­dest die Fla­sche, die ich ver­kos­tet habe), mäßig pri­ckelnd und ohne sicht­ba­ren Hefe­trub. Koch­ap­fel, Quit­te, Honig­me­lo­ne, Zimt habe ich notiert.

Preis: 23,50 Euro ab Wein­gut

www.geyerhof.at

 

2018 „Funky“ Pet Nat Brut Nature, Weingut Landauer-Gisperg (Thermenregion)

„Fun­ky“ passt per­fekt bei die­sem Pet Nat: ein stark hefe­be­ton­ter Schäu­mer, kno­chen­tro­cken und ohne Frucht aus einem Bio-Weingut aus Tat­ten­dorf in der Ther­men­re­gi­on, als vegan dekla­riert. Besitzt Ras­se, ist wild, aber mit­reis­send und alles ande­re als ein Gau­men­schmeich­ler.

Preis: 13,50 Euro ab Wein­gut www.winzerhof.eu

 

2018 In a Hell Mood, Rennersistas

Die­ser Pet Nat ist stran­ge:  Koch­ap­fel, Nüs­se, Back­he­fe, alte Kuchen. Man muß ihn sich erar­bei­ten. Die Reb­sor­ten sind wahr­schein­lich Char­don­nay, Weiss­bur­gun­der und Welsch­ries­ling. Genau­es wird nicht mit­ge­teilt. Die Ren­ner­sis­tas, das sind Ste­fa­nie und Susan­ne Ren­ner aus Gols im Bur­gen­land. Der Name ihres Pet Nat nimmt Bezug auf den Vor­na­men ihres Vaters Hel­muth, dem Inha­ber des renom­mier­ten Pannobile-Weinguts Ren­ner. Er lässt die Töch­ter gewäh­ren – und kon­zen­triert sich sei­ner­seits auf kon­ven­tio­nel­len Sekt.

Preis: 20,90 Euro

www.8greenbottles.de

 

2017 Grüner Veltliner Pet Nat, Christina Hugl (Kamptal)

Hand­werk­lich sau­be­rer, gekonnt gemach­ter Pet Nat aus Grü­ner Veltliner-Trauben, leicht pri­ckelnd mit Noten von Hefe und Apfel, ent­fernt an einen Cider erin­nernd, jedoch fri­scher. Die­ser Pet Nat ist degor­giert, mit einer klei­nen Dosa­ge ver­se­hen und mit einem Pilz­kor­ken samt Agraf­fe ver­schlos­sen, wie ein rich­ti­ger Sekt: ein „ordent­li­cher“ Pet Nat. Die jun­ge Chris­ti­a­na­Hugl hat sich ganz auf schäu­men­de Wei­ne spe­zia­li­siert. Allein 5 Pet Nats pro­du­ziert sie. „Spru­del“ nennt sie sie.

Preis: 18 Euro über das Wein­gut www.christinahugl.at

 

2018 Pet Nat P „Bambule!“, Judith Beck (Neusiedlersee)

„Bam­bu­le“ heisst Auf­ruhr. Doch so auf­rüh­rig, wie Judith Beck meint, ist ihr Pet Nat gar nicht (das P steht für die Sor­te Pinot Noir). Im Gegen­teil: ein mil­der, fast arti­ger Perl­wein, geschmack­lich eine Mix­tur von Apfel und Hefe, ohne Schlie­ren, fast tro­cken, nicht geschwe­felt, nicht geschönt, vegan. „Laß die Leu­te reden“ bekun­det das enfant ter­ri­ble der bur­gen­län­di­schen Wein­sze­ne ihr Des­in­ter­es­se am Für und Wider des Pat Nat. Doch eigent­lich kann man nur Gutes über den Ihren sagen.

Preis: 19,90 Euro

www.8greenbottles.de

 

2018 Pet Nat Rosé, Toni Hartl (Neusiedlersee Hügelland)

Höchst ori­gi­nel­ler Perl­wein, der auch den Gau­men von Mainstream-Geniessern zu befrie­di­gen weiß: kei­ne schrä­gen Hefeschlamm-Aromen, son­dern fei­ner kan­dier­ter Apfel mit einem Hauch von Wald­erd­bee­ren. Die deut­lich ver­nehm­ba­re Rest­süs­se steu­ert ihren Teil zum Genuss bei (laut Wein­gut soll der Wein tro­cken sein). Die Far­be Rosa habe ich übri­gens nicht erken­nen kön­nen. Der Wein aus mei­ner Fla­sche leuch­tet in schöns­tem Gold­gelb. Und natur­trüb war das, was der Fla­sche spru­del­te, die ich hat­te, auch nicht. So ist das eben beim Pet Nat: Nichts ist so, wie der Win­zer sagt. Der Wein macht, was er will.

Preis: 14,90 Euro

www.weinshop24.cc

 

2018 Pet Nat “Rosenquarz“, Birgit Braunstein (Neusiedlersee-Hügelland)

Die­ser Rosé zeigt sich in schöns­ten Erd­beer­rot und lässt kaum ahnen, dass er ein Pet Nat ist. So sau­ber, so homo­gen, so aus­ge­wo­gen ist er, dass er auch als lecke­rer Sekt durch­ge­hen könn­te. Aus Zwei­gelt und Blau­frän­kisch gekel­tert, schmeck­te mei­ne Fla­sche wie durch­ge­go­ren. Trotz (oder wegen) der rela­tiv hohen Säu­re ist die­ser Rosen­quarz ein deli­ka­ter, saf­ti­ger Perl­wein. Ein lupen­rei­ner Pet Nat ist er aller­dings nicht. Er wur­de vor der Frei­ga­be degor­giert. Trub sucht man des­halb in ihm ver­geb­lich.

Preis: 23,97 Euro

www.weinco.de

 

2018 Pitt Nat Rosé, Gerhard Pittnauer (Neusiedlersee)

Die­ser Pet Nat ist mit siche­rer Hand erzeugt, wes­halb er in feins­tem Alt­ro­sa  erstrahlt ohne Hefe­trub oder sons­ti­ges Depot und auch sonst sehr sau­ber und har­mo­nisch über den Gau­men läuft: eine mil­de, leicht per­len­de Cuvée aus Blau­frän­kisch, Mer­lot und Syrah mit deut­lich schmeck­ba­rer Him­beer­no­te, gefäl­lig, leicht rest­süß mit hefi­gem Nach­hall.

Preis: 18,70 Euro

www.weinfurore.de

 

Pet Nat, Gut Oberstockstall (Wagram)

Das ist der mit Abstand der bes­te und inter­es­san­tes­te öster­rei­chi­sche Pet Nat, den ich ver­kos­tet habe. Aus dem Wein­gut Ober­stockstall im Anbau­ge­biet Wagram stam­mend und aus Zweigelt-Trauben gewon­nen, prä­sen­tiert er sich zwie­bel­far­ben wie ein blas­ser Rosé, leicht schlie­rig, fast durch­ge­go­ren (des­halb auch 12,5 Vol.% Alko­hol), von urwüch­si­ger Aro­ma­tik mit viel Schieß­pul­ver, Rosen­pa­pri­ka, Gum­mi­bär­chen –  eine bizar­re, aber höchst deli­ka­te Mischung. Die wil­de Hefe liegt noch auf dem Fla­schen­bo­den: Beweis dafür, dass die­ser Pet Nat nicht degor­giert und nicht geschwe­felt wur­de. Eine Meis­ter­leis­tung von Fritz Salo­mon und sei­ner Frau Bir­git.

Preis: 15 Euro ab Wein­gut www.gutoberstockstall.at

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