Große Gewächse 2017: Pfalz so gut wie 2008 – oder besser

Große Gewächse Pfalz
Nie vorher wurden die Top-Rieslinge in der Pfalz so früh gelesen wie in 2017. Die Trauben waren reif und so gesund, dass strahlend schöne Weine entstanden. Jens Priewe hat die Großen Gewächse probiert.

Sabi­ne Mos­ba­cher ist kei­ne Frau, die zum Über­trei­ben neigt. Aber wenn es um die Gro­ßen Gewäch­se (GG) des Jahr­gangs 2017 geht, die jetzt im Ver­kauf sind, begin­nen ihre Augen zu glän­zen: „Sehr, sehr gute Wei­ne, nicht zu üppig und mit schö­ner Säu­re, die in ein paar Jah­ren größ­tes Trink­ver­gnü­gen berei­ten wer­den.“ Teil­wei­se auch jetzt schon. Weil die Haupt­le­se in 2017 rund vier Wochen frü­her begann als nor­mal, näm­lich schon um den 8. Sep­tem­ber her­um, hat­ten die Wei­ne schon einen Monat län­ger gereift, als sie auf die Fla­sche kamen. Das wirkt sich heu­te posi­tiv auf die Trink­rei­fe aus.

Sabine Mosbacher
Sabi­ne Mos­ba­cher

Über das ein­fachs­te GG aus dem Wein­gut Georg Mos­ba­cher, dem „Kie­sel­berg“ in Dei­des­heim, heißt es auf mei­nem Pro­ben­zet­tel. „Ner­vös und frech, aber trink­be­reit.“ Riesling-Liebhaber, die es gra­vi­tä­ti­scher mögen, war­ten noch etwas zu und ent­schei­den sich dann für die GG aus den Fors­ter Lagen: das geschmei­di­ge „Unge­heu­er“, den saftig-mineralischen „Jesui­ten­gar­ten“ und – als Spit­ze – den „Pech­stein“, den mit­rei­ßens­ten, kom­plet­tes­ten Ries­ling mit dem größ­ten Span­nungs­bo­gen. Das ein­zi­ge Mosbacher-GG, das mir weni­ger gut gefal­len hat, ist das Freund­stück: zu rund, zu gefäl­lig.

Rebholz: „So gut wie 2008“

Die 2017er GG hat­te ich bereits Ende August 2018 auf der so genann­ten „Vor­pre­mie­re“ in Wies­ba­den ver­kos­ten kön­nen, auf der sie erst­mals offi­zi­ell vor­ge­stellt wor­den waren. Mein Urteil war schon damals posi­tiv, obgleich die Wei­ne frisch gefüllt waren und die Kom­men­ta­re der anwe­sen­den Händ­ler und Jour­na­lis­ten noch etwas ver­hal­ten klan­gen. Bestä­tigt in mei­nem Urteil hat mich die Nach­pro­be bei VDP On Tour vor ein paar Tagen, als der Win­zer­treck in Mün­chen Sta­ti­on mach­te (nach Ham­burg und Köln vor­her), um die Wei­ne einem brei­ten Publi­kum vor­zu­stel­len.

Die Wei­ne besit­zen unstrit­tig Sub­stanz, ohne ins Üppi­ge zu gehen (wie teil­wei­se 2016). Sie sind gut balan­ciert mit teil­wei­se hoher Säu­re, die fast aus­schließ­lich aus Wein­säu­re besteht und daher weich und saf­tig ist. „Ein ganz gro­ßer Jahr­gang“, ist Hans­jörg Reb­holz über­zeugt. „Ich kann natür­lich nur für mich spre­chen, aber ich glau­be, dass 2017 min­des­tens genau­so gut und lang­le­big sein wird wie 2008, für mich der bis­lang bes­te Jahr­gang in die­sem Jahr­hun­dert.“

Das Gros der GG liegt zwischen 92 und 94 Punkten

Woll­te man die 2017er Wei­ne mit Punk­ten bewer­ten, lägen die guten, gelun­ge­nen Exem­pla­re zwi­schen 92 und 94 Punk­ten, die raren Spit­zen auch bei 96 Punk­ten, der eine oder ande­re viel­leicht sogar dar­über. Das ist Welt­klas­se. Anma­ßend? Wer sich klar macht, dass es sich bei den GG um die Königs­klas­se des deut­schen Weins han­delt, wird die Fra­ge ver­nei­nen. Denn die Wei­ne sind rar, mit erheb­li­chem Auf­wand erzeugt und nicht belie­big ver­mehr­bar. Bil­lig kön­nen sol­che Hoch­ge­wäch­se nicht sein. Das Gros liegt preis­lich zwi­schen 30 und 45 Euro mit einer kla­ren Ten­denz nach oben. Spit­zen­wei­ne wie die GG vom „Kir­chen­stück“ in Forst haben schon die 70 Euro-Schwelle über­schrit­ten. Und das Ende der Fah­nen­stan­ge ist noch lan­ge nicht erreicht. Vie­le Riesling-Liebhaber wer­den ob die­ser Prei­se den Kopf schüt­teln. Doch das Gute ist, dass es unter­halb der Königs­klas­se exzel­len­te Wei­ne für unter 20 Euro, teil­wei­se auch für unter zehn Euro gibt, die nicht nur all­tags­taug­lich sind, son­dern den GG manch­mal nahe kom­men.

Philipp Kuhn, Knipser, Pfeffingen

Fan­gen wir im Nor­den an, in der Mit­tel­hardt. Phil­ipp Kuhn, der immer noch als „Auf­stei­ger“ titu­liert wird, obwohl er seit 1992 im Wein­gut ist und spä­tes­tens seit 2005 zur A-Garnitur der Pfalz gehört, hat in 2017 fünf GG vom Ries­ling gefüllt. Drei habe ich ver­kos­ten kön­nen. Das ver­meint­lich ein­fachs­te ist der „Schwar­ze Herr­gott“ aus Zell, ein feinfühlig-routiniert gemach­ter Kalkstein-Riesling, ver­hal­ten fruch­tig mit aus­ge­prägt sal­zi­ger Kom­po­nen­te und rie­si­gem Span­nungs­bo­gen. Dra­ma­tisch. Der „Kirsch­gar­ten“ und der „Sau­ma­gen“ sind volu­mi­nö­ser: ers­ter mit viel tro­pi­scher Frucht, letz­te­rer mineralisch-rauchig.

Philipp Kuhn
Phil­ipp Kuhn

Kuhns Laumers­hei­mer Nach­bar Knip­ser  war­tet in 2017 mit einem fan­tas­ti­schem GG vom „Stein­bu­ckel“ auf, das mich begeis­ter­te, wenn­gleich ich nicht sicher bin, ob es allen gut gefällt: zu phe­no­lisch, zu gra­phi­tisch, zu vie­le medi­zi­na­le Noten, folg­lich wenig Charme. Ein abge­fah­re­ner Wein, um es im Gangsta-Sprech der Genera­ti­on Ries­ling zu sagen. Knip­sers zwei­tes GG vom „Man­del­gar­ten“ ist jeden­falls wesent­lich lie­bens­wür­di­ger, schmel­zi­ger, zar­ter.

Pfef­fin­gen in Ung­stein hat zwei Ries­ling GG im Ange­bot, die bei­de sehr gut, aber nicht unbe­dingt Main­stream sind: der flint­stei­ni­ge, erdig-würzige „Weil­berg“ und der klot­zi­ge „Her­ren­berg“ mit hoher Säu­re und rei­fer Frucht – ein Wein für Anspruchs­vol­le und Gedul­di­ge.

Rings, Karl Schäfer, Ritter

Ein Kraft­pa­ket wie aus der Mucki­bu­de ist das „Saumagen“-GG von Stef­fen und Andre­as Rings. Bei RTL hät­te es viel­leicht Chan­cen Bache­lor zu wer­den, mit sei­ner schrof­fen Säu­re und der her­ben Frucht aber wie­der auch nicht. Mir per­sön­lich hat Rings „Weil­berg“ etwas bes­ser gefal­len, weil er weni­ger urwüch­sig, dafür etwas geschlif­fe­ner ist. Übri­gens: Die Rings sind wirk­lich „Auf­stei­ger“. Atem­be­rau­bend, was die Brü­der in den letz­ten Jah­ren geschaf­fen haben, nicht nur bei den Top­wei­nen.

Aus dem Bad Dürk­hei­mer Wein­gut Karl Schä­fer kom­men dies­mal zwei sehr unter­schied­li­che GG. Der „Weil­berg“ holt weit aus, ist reich dotiert mit tro­pi­scher Frucht auf der einen und Kräu­ter­wür­ze auf der ande­ren Sei­te, besitzt eine kräf­ti­ge, aber nicht schmerz­haft hohe Säu­re, ist majes­tä­tisch und quick­le­ben­dig zugleich. Ein high poten­ti­al, des­sen Stun­de noch lan­ge nicht schla­gen wird. Der „Michels­berg“ ent­täuscht mich dage­gen: ein alt­mo­di­scher Wein, leicht rest­süß bei sehr mode­ra­ter Säu­re und rei­fer, fast über­rei­fer Frucht. Was sich Job von Nell und sein Kel­ler­meis­ter dabei gedacht haben, erschließt sich mir nicht.

Wer Wei­ne von Typ Everybody’s Dar­ling sucht, wird bei Fitz-Ritter in Bad Dürk­heim fün­dig. Sowohl das GG vom „Her­ren­berg“ als auch das vom Michels­berg sind schön rund, rich­tig lecker, ziem­lich unan­stren­gend. Man könn­te auch sagen: etwas seicht.

Bürklin-Wolf kommt jetzt erst mit den 2016er raus

Die Musik spielt, was den Wein angeht, natür­lich in Forst, die­sem niedlich-harmlosen Stra­ßen­dörf­chen, von dem die Worscht- und Dampf­nu­del­tou­ris­ten nicht ahnen, dass es eine Art Puligny-Montrachet des Ries­lings ist. Die gro­ßen Lagen der Mit­tel­haar­dt lie­gen sämt­lich auf Fors­ter Gemein­de­ge­biet. Das „Unge­heu­er“ zum Bei­spiel, ein legen­dä­rer Wein­berg, aus einem Gemisch von Basalt, Kalk­mer­gel, Bunt­sand­stein bestehend, hat in 2017 char­man­te, leicht­füs­si­ge Ries­lin­ge her­vor­ge­bracht, und zwar durch die Bank. Das gilt für Bassermann-Jordan eben­so wie für Reichs­rat von Buhl, Georg Siben, Acham-Magin und – wie oben schon erwähnt – für Georg Mos­ba­cher. Die „Ungeheuer“-Weine sind der Ein­stieg in die Welt der GG, nicht über­mä­ßig kom­plex, aber aus­drucks­voll und schon antrink­bar. Das Niveau von 2016 errei­chen sie mei­ner Mei­nung nach aller­dings nicht. Das zeigt Bürklin-Wolf, das sei­ne GG immer ein Jahr spä­ter her­aus­bringt und jetzt mit sei­nem 2016er „Unge­heu­er“ auf­war­tet: irre kom­plex, schier unend­li­ches Aro­men­spek­trum, ent­schie­den tro­cken – ein spek­ta­ku­lä­rer Wein. Die ande­ren 2016er, die Bet­ti­na Bür­k­lin im Kel­ler hat, sind eben­falls groß­ar­tig, aber in der glei­chen Liga wie die 2017er der Kol­le­gen: der kraft­vol­le „Pech­stein“ mit sei­ner don­nern­den Säu­re und der rau­chi­gen Mine­ra­lik sowie der jetzt noch sper­ri­ge, fast abwei­sen­de, aber unge­mein zukunfts­träch­ti­ge „Rei­ter­pfad in der Hohl“.

Bassermann-Jordan und die lockere Hand

Zurück zu den 2017ern. Bei Bassermann-Jordan ist der „Pech­stein“ dies­mal nicht der über­ra­gen­de Wein der 2017er Kol­lek­ti­on. Beim „Jesui­ten­gar­ten“ knis­tert es wesent­lich mehr. Das heißt nicht, dass man den „Pech­stein“ ver­ges­sen könn­te. Viel­leicht kommt in fünf oder zehn Jah­ren die gan­ze Exo­tik und die geball­te Mine­ra­li­tät, die ihn aus­zeich­net, bes­ser zum Aus­druck. Der­zeit über­la­gern die jugendlich-fruchtigen Aro­men den Wein, die nie­mand so gut her­aus­ar­bei­ten kann wie Kel­ler­meis­ter Ulrich Mell, was dazu führt, dass die GG von Bassermann-Jordan in den ers­ten Jah­ren immer hei­ter und har­mo­nisch, fast vor­der­grün­dig wir­ken, so als sei­en sie mit locke­rer Hand gemacht (das gilt auch für die Dei­des­hei­mer GG von „Kalk­ofen“ und „Lan­gen­mor­gen“). Ein GG ist aber kein Gute-Laune-Wein. Den kriegt man für weni­ger Geld. Wer ein GG kauft, will ein Erleb­nis haben.

Eine Aus­nah­me macht, was die locke­re Hand angeht, das „Kir­chen­stück“ von Bassermann-Jordan, der rars­te (nur ca. 1500 Fla­schen) und teu­ers­te tro­cke­ne Wein des Hau­ses (ca. 75 Euro). Er thront wie ein Fix­stern über dem Sor­ti­ment des ehe­ma­li­gen Gehei­men Rates: ein Wein im Span­nungs­feld rei­fer Maracuja- und packen­der Limetten-Noten, dazu sub­ti­le jodi­ge Aro­men und ein Hauch schmau­chi­ges Schieß­pul­ver. Ein­mal im Leben soll­te man ihn getrun­ken haben – in rei­fem Zustand natür­lich, nicht in embryo­na­lem Zustand. Das heißt: jetzt kau­fen, spä­ter öff­nen.

Reichsrat von Buhl das Gegenstück von Bassermann

Von Reichs­rat von Buhl sind aus 2017 nur das „Unge­heu­er“ und der „Kie­sel­berg“ (aus Dei­des­heim) sowie das „Reiterpfad-Hofstück“ (aus Rup­perts­berg) frei­ge­ge­ben: alle drei streng, schnör­kel­los, von einer packen­den Säu­re durch­zo­gen (alle über 8 gr/l), mehr Limet­ten als Maracuja-Aromen, kno­chen­tro­cken – das Gegen­stück zu Bassermann-Jordan. Trotz­dem sind sie nicht, wie so oft in der Ver­gan­gen­heit, völ­lig unnah­bar in die­sem jun­gen Sta­di­um. Für mich her­aus­ste­chend ist der „Rei­ter­pfad“ mit dem Aro­ma von rei­fer Grape­fruit und Lit­schi. Aus 2016 waren zur Pro­be ange­stellt die Top­la­gen „Freund­stück“, „Jesui­ten­gar­ten“ und „Kir­chen­stück“. Beim kom­pro­miss­los tro­cke­nen „Freund­stück“ kommt jetzt der süße Schmelz zum Tra­gen, der andeu­tet, wel­che Aro­men­kom­ple­xi­tät in dem Wein steckt. Auch der „Jesui­ten­gar­ten“ ist inner­halb eines Jah­res zu einem schmelzig-weichen Wein mutiert, der sei­ne Unnah­bar­keit ver­lo­ren hat. Über das „Kir­chen­stück“ steht in mei­nem Notiz­block: „Viel­leicht sowas wie der Mon­tra­chet des Ries­lings…“

Etikett Kirchenstück

Reich­lich schwär­me­risch, zuge­ge­ben. Aber bei so einem Wein darf man mal unsach­lich wer­den. Von Win­ning, das drit­te der Niederberger-Güter an der Mit­tel­haar­dt, hat­te dies­mal kei­ne GG nach Wies­ba­den geschickt. Die 2017er GG wer­den erst ab Mai die­ses Jah­res frei­ge­ge­ben.

Siben, Bergdolt, Acham-Magin, Müller-Catoir

Georg Siben Erben (hat im letz­ten Jahr das Restau­rant „Sibens Gutskü­che“ in Dei­des­heim auf­ge­macht) hat mit dem „Grain­hü­bel“ und – mehr noch – mit dem „Unge­heu­er“ zwei beacht­li­che GG im Kel­ler, die den Vor­teil haben, ver­gleichs­wei­se preis­wert und nicht sofort aus­ver­kauft zu sein. Ähn­li­ches gilt für Rai­ner und Caro­lin Berg­dolt vom völ­lig unter­schätz­ten Klos­ter­gut St. Lam­precht in Dutt­wei­ler, das eigent­lich für sei­ne famo­sen Weiß­bur­gun­der berühmt ist. Ihr Riesling-GG vom „Reiterpfad-Achtmorgen“ ist zwar von den Spit­zen­ge­wäch­sen noch ein klei­nes Stück ent­fernt, aber sehr acht­bar.

Barbara Acham
Bar­ba­ra Acham

Den aller­größ­ten Respekt aber habe ich (zum wie­der­hol­ten Mal) vor der Kol­lek­ti­on von Acham-Magin. Das Wein­gut ist nicht nur in den bes­ten Lagen von Forst begü­tert, Bar­ba­ra Acham und Vin­cent Troesch haben auch den Ehr­geiz, eben­sol­che Wei­ne aus ihnen zu erzeu­gen. Ihre vier GG ste­hen den Wei­nen der illus­tren Nach­barn kaum nach. Das „Kir­chen­stück“ schießt auch hier den Vogel ab. Trotz sei­ner Aro­men­tie­fe und inne­ren Fül­le ruht der Wein in sich. Der „Pech­stein“ ist ner­vö­ser. Mit sei­ner hel­len Mine­ra­lik, der aus­ge­präg­ten Gelb­fruch­tig­keit und den chlorophyllig-grünen Aro­men im Hin­ter­grund gehört er zu den her­aus­ra­gen­den Wei­nen aus die­ser Lage. Noch dra­ma­ti­scher ist der „Jesui­ten­gar­ten“, wäh­rend das „Unge­heu­er“ mit hoher Kom­ple­xi­tät und meis­ter­haf­ter Balan­ce beein­druckt.

Völ­lig kalt gelas­sen hat mich dage­gen Müller-Catoirs GG vom „Bür­ger­gar­ten ‚Im Breu­mel’“, das Stuart Pigott auf dem Por­tal von James Suck­ling groß­zü­gig mit 96 Punk­ten bedacht hat. Kon­ven­tio­nell in der Sti­lis­tik und ver­däch­tig süß – die­ser Wein war für mich der schwächs­te der gan­zen Ver­kos­tung.

Christmann ist großes Theater

Bleibt Stef­fen Christ­mann, der 2017 eine bären­star­ke Kol­lek­ti­on vor­ge­legt hat. Ich wür­de das (erst vor drei Jah­ren wie­der ins Katas­ter ein­ge­tra­ge­ne) GG „Meer­sprin­ne im Man­del­gar­ten“ fast so hoch taxie­ren wie das vom „Idig“, der Mono­pol­la­ge des Wein­guts: ganz dicht gewo­ben, rei­fe Bee­re mit viel Phy­sa­lis und einem Hauch Wal­nuss, Ten­denz zum Baro­cken. Der „Idig“ dage­gen zurück­hal­tend im Duft mit zar­ter Mine­ra­lik, kaum Frucht, sehr prä­zi­se und extrem fein. Auch das GG vom „Reiterpfad- Hof­stück“ besitzt einen gro­ßem Atem, wäh­rend der „Lan­gen­mor­gen“ mit sei­ner speckig-eleganten Art  und der geschlif­fe­nen Säu­re über­zeugt. Was Christ­mann aus sei­nen Gro­ßen Lagen raus­holt, ist nicht gro­ßes Kino, son­dern gro­ßes Thea­ter.

Messmer, Minges, Münzberg, Siegrist

Ab in die Süd­pfalz, die immer ein wenig im Schat­ten der Mit­tel­haar­dt steht. Die Bur­gun­der­sor­ten spie­len bei den Süd­pfäl­zer Win­zern eine ent­schie­den grös­se­re Rol­le als bei ihren Kol­le­gen wei­ter nörd­lich. Ins­be­son­de­re der Weiß­bur­gun­der erreicht Qua­li­tä­ten, wie sie in der Mit­tel­haar­dt sel­ten bis nie erreicht wer­den. An die­ser Stel­le soll es jedoch aus­schließ­lich um Ries­ling gehen. Etwa um Gre­gor und Mar­tin Mess­mers GG vom „Schäwer“ in Burr­wei­ler. Ein Grauschiefer-Riesling: herz­haft, ker­nig, rus­ti­ka­le Ele­ganz. Den Schliff eines „Unge­heu­ers“ oder die Mine­ra­lik eines „Pech­steins“ hat er nicht. So what: alles ande­re als ein lang­wei­li­ger Wein.

Grauschiefer in Burrweiler Schäwer
Grau­schie­fer in Burr­wei­ler Schäwer

Aus der glei­chen Lage prä­sen­tie­ren Theo Min­ges und sei­ne Toch­ter Regi­ne einen urwüch­si­gen, mus­ku­lö­sen Ries­ling mit bes­ter Sub­stanz und gro­ßem Rei­fe­po­ten­zi­al: saf­tig, straff, vol­ler Tem­pe­ra­ment. Ihr zwei­tes GG aus der Lage „Höl­le – Unte­rer Fau­len­berg“ ist wild, unge­zähmt, noch wenig zusam­men­ge­wach­sen, aber äußerst viel­schich­tig und kom­plex. Wer Min­ges’ Ries­lin­ge kennt weiß, dass sie mehr Zeit als ande­re Wei­ne brau­chen, nach fünf Jah­ren aber Begeis­te­rungs­stür­me aus­lö­sen kön­nen wie ein Sieg­tor in der Nach­spiel­zeit.

Etwas rus­ti­ka­ler aus­ge­fal­len ist Gun­ter Kess­lers GG vom „Münz­berg – Schlan­gen­pfiff“ – gut fun­diert, vom Keu­per­bo­den mit schö­ner Mine­ra­lik geseg­net, aber mit etwas rau­her Säu­re. Auch Tho­mas Sie­grists „Son­nen­berg“ ist kein Wein von der Prä­zi­si­on eines Schwei­zer Chro­no­me­ters. Aber wer will stän­dig Per­fek­ti­on? Quiet­schi­ger grü­ner Apfel trifft in die­sem GG auf hoch­rei­fe Quit­te. Die Säu­re kratzt. Aber der Wein hat eine Bot­schaft. Gemein ist die­sen vier Süd­pfäl­zer Wein­gü­tern übri­gens, dass die Prei­se für ihre GG sehr boden­stän­dig sind – und damit äußerst trink­ani­mie­rend.

Kranz jedes Jahr ein bisschen besser

Boris Kranz aus Ilbe­s­heim hat sich mit sei­nem GG von der „Kal­mit“ in den letz­ten Jah­ren schon einen Namen gemacht (viel­leicht beim Weiß­bur­gun­der noch mehr als beim Ries­ling). Nicht nur ich, son­dern auch ande­re haben den Ein­druck, dass der Win­zer jedes Jahr ein biss­chen zulegt – 2017 aber­mals. Sein „Kalmit“-Riesling bün­delt die Mine­ra­lik des Land­schne­cken­kalks, der den Unter­grund bil­det, wie ein Strahl, so dass ein kraft­vol­ler, extrem grad­li­ni­ger Wein ent­stan­den ist, der neben Zitrus­frucht Anklän­ge an sal­zi­ge Aus­tern­scha­len und grü­ne Algen auf­weist und zu gro­ßen Hoff­nun­gen Anlass gibt. Zum ers­ten Mal hat Kranz ein zwei­tes GG von Ries­ling gefüllt, den „Kirch­berg“. Ihn habe ich lei­der noch nicht pro­bie­ren kön­nen.

Rebholz und Wehrheim

Drei begeis­tern­de GG hat Hans­jörg Reb­holz geern­tet. Sie alle kom­men vom „Kas­ta­ni­en­busch“, der Para­de­la­ge von Sie­bel­din­gen, die boden­mä­ßig aller­dings sehr hete­ro­gen und aus­deh­nungs­mä­ßig etwas zu groß gera­ten ist. Doch aus dem hoch­wer­ti­gen hin­te­ren Teil kom­men Ries­lin­ge (und Weiß­bur­gun­der), die schlan­ker sind als die Mittelhaardt-Gewächse, aber dafür oft fines­sen­rei­cher.

Hansjörg Rebholz
Hans­jörg Reb­holz

Mir per­sön­lich hat in 2017 das GG von der Muschelkalk-Insel „Im Son­nen­schein“ am bes­ten gefal­len: ein sal­zi­ger, sehr tro­cke­ner Wein, der küh­le mine­ra­li­sche Noten und war­me tro­pi­sche Frucht­aro­men in sich ver­eint. Ande­re mögen den „Ganz Horn“ vor­zie­hen, der auf Bunt­sand­stein wächst und etwas üppi­ger aus­fällt. Oder das GG vom „Kas­ta­ni­en­busch“, das von den höchs­ten Par­zel­len der Lage kommt und in die­sem Jahr trotz bes­ter Sub­stanz unge­heu­er leicht­fü­ßig daher­kommt.

Fazit: Reb­holz’ GG sind eine Art Mess­lat­te für die Pfalz. Ähn­lich hoch wür­de ich aller­dings uch Wehr­heims „Kastanienbusch”-Riesling ein­ord­nen, der auf­grund des Stahltank-Ausbaus natür­lich eine etwas ande­re Sti­lis­tik auf­weist als die im gro­ßen Holz gereif­ten Rebholz-Rieslinge. Wehr­heims GG vom „Kas­ta­ni­en­busch – Köp­pel“ kommt erst spä­ter auf den Markt.

Übri­gens: In den Kel­lern vie­ler VDP-Winzer herrscht Tris­tesse, weil sie leer sind. Aus­ver­kauft. Die Kon­su­men­ten haben begrif­fen, dass 2017 ein guter Jahr­gang war, ein sehr, sehr guter.

Über den Autor
Jens Priewe stammt aus Schleswig-Holstein. Nach dem Stu­di­um der Wirtschafts- und Sozi­al­ge­schich­te arbei­te­te er zwei Jahr­zehn­te als poli­ti­scher und wirt­schafts­po­li­ti­scher Jour­na­list für Nach­rich­ten­ma­ga­zi­ne und Zeit­schrif­ten. Danach wid­me­te er sich dem Wein, schrieb meh­re­re Bücher und grün­de­te 2010 mit ande­ren Gesell­schaf­tern zusam­men Weinkenner.de.

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