Málaga: Das Comeback der Bergweine

© Bodegas Victoria Ordonez
Wer Málaga hört, denkt an Costa del Sol und den Geburtsort von Picasso. Aber Wein? Absolut ja, sagt Thomas Götz und berichtet von einem Ortsbesuch.

Es war ein­mal ein welt­be­rühm­tes Anbau­ge­biet. Wein aus Mála­ga wur­de von Goe­the und Schil­ler getrun­ken und bei Christie’s in Lon­don ver­stei­gert. Dann kam 1878 die Reb­laus und ver­nich­te­te 112.000 Hekt­ar Reb­land. Anders als die benach­bar­te Sherry-Region konn­te sich Mála­ga nie von die­ser Kata­stro­phe erho­len. Wirk­lich nie? Heu­te sor­gen weg­wei­sen­de Win­zer und Win­ze­rin­nen für ein Revi­val.

Eine davon ist Vic­to­ria Ordoñez. Sie ent­stammt einer loka­len Wein­händ­ler­fa­mi­lie, stu­dier­te Medi­zin und arbei­te­te als Ärz­tin. Dann stieg sie beim Pro­jekt ihres Bru­ders Jor­ge ein und lern­te 2004 die Win­zer­le­gen­de Alois Kra­cher ken­nen. Fort­an kel­ter­te sie in Mála­ga unter Anlei­tung des Öster­rei­chers tro­cke­ne Weiß­wei­ne und natür­li­che Süß­wei­ne aus Mos­ca­tel. Bis Alois Kra­cher im Dezem­ber 2007 ver­starb. Vic­to­ria blieb dem Wein­gut ihres Bru­ders erhal­ten, ehe ihre Kar­rie­re eine Wen­dung nahm …

History Repeating – ein trockener PX aus den Montes de Málaga

In Büchern aus dem 18. und 19. Jahr­hun­dert stieß sie nach eige­nen Wor­ten „auf einen Schatz, der voll­stän­dig begra­ben lag“. Die Autoren rüh­men einen tro­cken aus­ge­bau­ten Weiß­wein aus den Ber­gen von Mála­ga, gekel­tert aus der Reb­sor­te Pedro Ximé­nez (PX). Im 20. Jahr­hun­dert ging die­ser Wein­stil völ­lig ver­lo­ren, aus PX ent­stan­den ein­zig gespri­te­te Süß­wei­ne. „Die­se Infor­ma­tio­nen waren so inter­es­sant, dass ich ihnen nach­ge­hen muss­te“, erzählt Vic­to­ria. Sodann bestand ihr Ziel dar­in, den ver­ges­se­nen Wein in einem eige­nen Pro­jekt wie­der auf­le­ben zu las­sen. Sie begab sich auf die Suche nach einer Lage, die in den his­to­ri­schen Wer­ken auf­ge­führt ist. Im Gebiet Mon­tes de Mála­ga wächst Wein auf bis zu 1000 Metern Höhe.

Vic­to­ria Ordo­nez in Mon­tes de Mala­ga © Tho­mas Götz

Auf einer stei­len schma­len Pis­te rutsch­te ihr Auto ab und riss sie den Hang hin­un­ter. Dank glück­li­cher Umstän­de über­leb­te sie. Die Nar­ben und der Schre­cken, die sie davon­trug, hiel­ten sie nicht davon ab, den Wein­berg eini­ge Wochen spä­ter zu fin­den. Ein Deal mit dem Eigen­tü­mer war rasch erzielt. Im Herbst 2015 ern­te­te sie erst­mals die Trau­ben der Lage San­to Pitar für ihren spek­ta­ku­lä­ren Weiß­wein Vola­de­ros. Die Par­zel­le wur­de von der Reb­laus ver­schont. Wie alt die Reben sind, weiß nie­mand so genau. Sicher ist hin­ge­gen, dass Vola­de­ros von Vic­to­ria Ordoñez an die Tra­di­ti­on der gro­ßen Berg­wei­ne aus Mála­ga anknüpft: Ein tro­cke­ner PX vol­ler Fein­heit, Tief­gang und Fines­se und einer der inter­es­san­tes­ten Weiß­wei­ne Spa­ni­ens.

Viticultura Heroica – die vertikalen Weinberge der Axarquia

Ein sen­sa­tio­nel­les Ter­ro­ir bie­tet die benach­bar­te Axar­quia, eine Berg­ket­te im Hin­ter­land der Cos­ta del Sol, nur zwan­zig Kilo­me­ter von Málaga-Stadt ent­fernt. Die dor­ti­gen Steil­la­gen sind mit bis zu 70 Pro­zent Gefäl­le der­art bru­tal, dass sie nur etwas für schwin­del­freie Win­zer sind. Vicen­te Inat und Juan Muñoz gehö­ren die­ser Spe­zi­es an. Gemein­sam grün­de­ten sie das Wein­gut Viñe­dos Ver­ti­ca­les, die Über­set­zung lau­tet „Ver­ti­ka­le Wein­ber­ge“. In dem abschüs­si­gen Gelän­de ist an den Ein­satz von Trak­to­ren nicht zu den­ken. Jed­we­de Arbeit wird von Hand ver­rich­tet. Beim Pflü­gen und der Wein­le­se kom­men ergän­zend Maul­tie­re zum Ein­satz. Von einer Viti­cul­tu­ra Heroi­ca, einem „Hel­den­haf­ten Wein­bau“, ist gemein­hin die Rede.

Vicen­te Inat von Viñe­dos Ver­ti­ca­les © Tho­mas Götz

Die Wein­ber­ge der Axar­quia lie­gen auf 400 bis 900 Höhen­me­tern und erfah­ren eine ste­te Bri­se vom nahen Mit­tel­meer, was zur drin­gend benö­tig­ten Abküh­lung im hei­ßen Som­mer bei­trägt. Der Bestand an alten Buschre­ben ist groß, bei Viñe­dos Ver­ti­ca­les kom­men sie auf bis zu 130 Jah­re. Am häu­figs­ten ist die wei­ße Mos­ca­tel de Ale­jan­dría ver­tre­ten, die hier auf purem Schie­fer­stein wächst. Eine Rari­tät ist dage­gen die rote Romé. Laut Kon­troll­rat des DO-Gebiets exis­tiert die Trau­be ein­zig in Mála­ga und dies nur auf vier (!) Hekt­ar. Aus der Sor­te kel­tern Viñe­dos Ver­ti­ca­les den Rot­wein El Cama­león, der sich ganz im Stil des neu­en Spa­ni­ens prä­sen­tiert: hel­le Far­be, schlan­ke Sta­tur, saf­ti­ger Säu­re­zug, mode­ra­ter Alko­hol­ge­halt. Die meis­ten Wein­trin­ker mögen Spa­ni­en mit dun­kel­fruch­ti­gen und schwe­ren Rot­wei­nen ver­bin­den, doch die spa­ni­sche Avant­gar­de geht in die kom­plett ent­ge­gen­ge­setz­te Rich­tung. Eben­falls Spit­ze sind der salzig-mineralische Weiß­wein La Ras­pa aus Mos­ca­tel und Dora­dil­la und der enorm straf­fe Magné­ti­co aus roter Gar­nacha.

Frischer Bergwein unter andalusischer Sonne

Mit der Romé-Traube arbei­tet auch Cla­ra Ver­heij in ihrem Wein­gut Ben­to­miz. Die Nie­der­län­de­rin erzeugt dar­aus einen knackig-mineralischen Rosé. Im Ober­ge­schoss der schi­cken Kel­le­rei im Bauhaus-Stil betreibt ihr Part­ner André Both ein vor­züg­li­ches Restau­rant. Kaum weni­ger beein­dru­ckend ist die Aus­sicht aufs Mit­tel­meer. An kla­ren Tagen reicht der Blick bis nach Marok­ko.

Cla­ra Ver­heij von der Bode­gas Ben­to­miz © Tho­mas Götz

Im Gespräch betont die Win­ze­rin die Wich­tig­keit einer frü­hen Lese. Bee­ren mit guten Säu­re­wer­ten sind für sie der Schlüs­sel, um so gran­di­os balan­cier­te und fri­sche Süß­wei­ne wie ihren Ari­ya­nas Natu­ralmen­te Dul­ce zu erhal­ten. Die Moscatel-Trauben legt sie für sie­ben bis zehn Tage auf Mat­ten im Frei­en aus. Durch Son­nen­ein­wir­kung dehy­drie­ren die Bee­ren, sie ver­lie­ren an Flüs­sig­keit und schrum­peln. Zucker und Säu­re blei­ben hin­ge­gen erhal­ten und legen an Kon­zen­tra­ti­on zu. Mit die­sem tra­di­tio­nel­len Ver­fah­ren wer­den in Anda­lu­si­en nicht nur Bee­ren für Süß­wei­ne, son­dern auch Rosi­nen gewon­nen, wofür Mála­ga eben­falls bekannt ist, man den­ke nur an die gleich­na­mi­ge Eis­sor­te. Doch dies ist eine ande­re Sto­ry. Schlie­ßen wir lie­ber mit der Gewiss­heit, dass der einst so berühm­te und danach in der Ver­sen­kung ver­schwun­de­ne „Mála­ga Moun­tain Wine“ wie­der stark im Kom­men ist.

Málaga: Ausgewählte Weine

Es exis­tie­ren zwei Her­kunfts­be­zeich­nun­gen: Als DO Sier­ras de Mála­ga sind tro­cke­ne Rot-, Rosé- und Weiß­wei­ne klas­si­fi­ziert. Gespri­te­te Wei­ne und natür­li­che Süß­wei­ne fir­mie­ren unter der Her­kunft DO Mála­ga. 

Vic­to­ria Ordoñez – 2017 Vola­de­ros, DO Sier­ras de Mála­ga

Ein sor­ten­rei­ner Pedro Ximè­nez. Die Trau­ben stam­men aus zwei Par­zel­len auf fast 1000 Metern Höhe. Alte Reben mit nied­ri­gen Erträ­gen von weni­ger als 1000 kg/ha. Die Win­ze­rin ver­wen­det nur den Vor­lauf­most. Gärung und Aus­bau in fran­zö­si­schen Eichen­holz­fäs­sern (500 Liter). Ein gro­ßer Weiß­wein mit Län­ge, Kom­ple­xi­tät, Fines­se und Rei­fe­po­ten­zi­al.

Preis: um 30 Euro

Bezug: www.vinos.de

Viñedos Ver­ti­ca­les – 2020 La Ras­pa, DO Sier­ras de Mála­ga

Weiß­wein aus den auto­chtho­nen Reb­sor­ten Mos­ca­tel de Ale­jan­dría (70%) und Dora­dil­la. Letz­te­re ist aro­ma­tisch eher neu­tral, gibt dem Wein dafür Kör­per und Tex­tur. Ver­schie­de­ne Wein­ber­ge auf 500 bis 800 Metern Höhe. Gärung im Stahl­tank. Aus­bau in Zemen­tam­pho­ren. Flo­ra­le, duf­ti­ge Nase. Am Gau­men druck­voll und mit Zug. Cris­py und mine­ra­lisch. Sal­zi­ge Noten im Abgang.

Preis: um 10 Euro

Bezug: www.drinksco.de

Bode­gas Ben­to­miz – 2018 Ari­ya­nas Natu­ralmen­te Dul­ce, DO Mála­ga

Natür­li­cher Süß­wein aus Mos­ca­tel de Ale­jan­dría. Die reif gele­se­nen Trau­ben trock­nen für meh­re­re Tage auf Mat­ten im Frei­en, so dass sich die Zucker­kon­zen­tra­ti­on in den Bee­ren erhöht. Der Gär­pro­zess wird nicht durch Alko­hol­zu­ga­be gestoppt, son­dern durch Absen­ken der Tem­pe­ra­tur im Stahl­tank. Die­ses Gewächs hat eine fei­ne Süße bei aro­ma­ti­scher Inten­si­tät. Dazu eine fabel­haf­te Fri­sche und einen Tick Bit­ter­keit im Abgang, die einen ani­mie­ren­den Twist dar­stellt.

Preis: um 25 Euro

Bezug: www.vinoalma.de

Tel­mo Rodri­guez – 2017 Moli­no Real Moun­tain Blan­co, DO Sier­ras de Mála­ga

Spa­ni­ens Wein­star Tel­mo Rodri­guez erkann­te bereits in den 1990ern das gro­ße Poten­zi­al der Axar­quia und nimmt eine Füh­rungs­rol­le im Come­back der dor­ti­gen Berg­wei­ne ein. In sei­nem Pro­jekt erzeugt er natür­li­che Süß­wei­ne und eben­so die­sen tro­cke­nen Weiß­wein aus Mos­ca­tel de Ale­jan­dría. Tip­top Balan­ce aus Frucht, leb­haf­ter Säu­re und cre­mi­ger Tex­tur.

Preis: um 14 Euro

Bezug: www.gute-weine.de

Sedel­la Vinos – 2017 Lade­ras de Sedel­la, DO Sier­ras de Mála­ga

Rot­wein aus einem Misch­satz mit den auto­chtho­nen Trau­ben Romé, Jaén Negro und Gar­nacha. Wein­be­rei­tung in Beton­ei­ern und in Holz. Rot­fruch­tig und erdig in der Nase. Saf­tig und ele­gant am Gau­men. Gut struk­tu­riert, ohne von Tan­nin domi­niert zu sein. Trink­s­pass und Anspruch in einem.

Preis: um 16 Euro

Bezug: www.weine-feinkost.de

Dimobe – Arcos de Mocli­ne­jo Seco Tra­sañejo, DO Mála­ga

Tra­di­tio­nel­ler, gespri­te­ter Málaga­wein aus der Reb­sor­te PX. Der Aus­bau erfolgt im Solera-System in Fäs­sern aus ame­ri­ka­ni­scher Eiche. Das Durch­schnitts­al­ter des Weins liegt bei über 30 Jah­ren. Im Stil ähn­lich einem Olo­ro­so aus Jerez. Bern­stein­far­ben, fei­ne Säu­re, Aro­men von enor­mer Inten­si­tät mit Rauch, Nüs­sen und Tof­fee. Lan­ger tro­cke­ner Abgang. Sinn­lich und kom­plex.

Preis: um 45 Euro

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