„Blood Into Wine“: zwei Weinpioniere im Wilden Westen

Maynard James Keenan ist ein Rockstar. Mit seinen Bands „Tool“, „A Perfect Circle“ und „Puscifer“ hat er in der letzten beiden Jahrzehnten weltweit mehr als 30 Millionen Alben verkauft. Seit einigen Jahren betreibt er Weinanbau in der Wüste von Arizona – unter extremen klimatischen Bedingungen. Die selbstironische Dokumentation „Blood into Wine“ erzählt von dieser Pionierarbeit und einem außergewöhnlichen Künstler, für den seine Winzer-Karriere mehr ist als nur eine Laune.

May­nard James Keen­an meint es ernst mit dem, was er tut. Abseits des Main­streams hat er sich mit sei­ner Band „Tool“ als einer der ein­fluss­reichs­ten Rock­mu­si­ker unse­rer Zeit eta­bliert. Seit eini­gen Jah­ren hat der eigen­wil­li­ge, medi­en­scheue Künst­ler das Leben im Tour­bus, umge­ben von Deka­denz, gegen die har­te Arbeit im Wein­berg ein­ge­tauscht. Nicht aus einer Lau­ne oder Pro­fit­gier her­aus, son­dern aus tie­fer Über­zeu­gung. Das machen schon die ers­ten Sze­nen der viel beach­te­ten Kino­do­ku­men­ta­ti­on „Blood into Wine“ deut­lich.

Keine Winzer wie alle anderen

Der Wein­an­bau ist Teil von Keen­ans Gesamt­kon­zept als Künst­ler, sei­ne Annä­he­rung an das The­ma von phi­lo­so­phi­scher, spi­ri­tu­el­ler Natur. Er ver­steht Wein als „gött­li­ches Wesen“. Die Wein­trau­be sei wei­ter­ent­wi­ckelt als jede ande­re Frucht, so Keen­an. Mit sei­nem Men­tor, dem Öno­lo­gen Eric Glom­ski, teilt er den Ehr­geiz sowie das unbe­ding­te Stre­ben nach Qua­li­tät und Nach­hal­tig­keit. Und bei­de sind sich einig, dass sie kei­ne Win­zer wie alle ande­ren sein wol­len.

Blood into Wine: Maynard James Keenan in seinem Weinberg | Foto: Sony Music
Blood into Wine: May­nard James Keen­an in sei­nem Wein­berg | Foto: Sony Music

Des­halb wach­sen Keen­ans Reb­stö­cke auch nicht in Napa Val­ley oder Sono­ma Coun­ty, son­dern im Ver­de Val­ley, nahe dem 343-Einwohner-Städtchen Jero­me in Ari­zo­na – mit­ten im Wil­den Wes­ten. Die Land­schaft ist karg – bizar­re Fels­for­ma­tio­nen, Kak­te­en, viel Staub, wenig Was­ser. Es über­rascht nicht, dass die NASA die Gegend zu Test­zwe­cken für ihre Mars­mis­sio­nen nutzt.

Hier Wein anzu­bau­en, ist eine Grenz­erfah­rung: Neben Frost­pe­ri­oden im Win­ter, mon­sun­ar­ti­gen Regen­fäl­len im Som­mer, hoher Luft­feuch­tig­keit, ört­li­cher Büro­kra­tie und uralten Was­ser­rech­ten stel­len auch Schäd­lin­ge, Wasch­bä­ren und ande­res Getier Keen­an und Glom­ski vor immer neue Her­aus­for­de­run­gen. Etwa wenn des Nachts Nabel­schwei­ne ein­fal­len und vier Spa­lie­re Sangiovese-Trauben rest­los abfres­sen. Trotz­dem glau­ben die bei­den an das Poten­zi­al die­ses unwirt­li­chen, vul­ka­ni­schen Land­strichs.

Harte Arbeit, wenig Glamour

Seit 2007 fir­mie­ren Eric Glom­ski und May­nard James Keen­an unter dem Ban­ner „Ari­zo­na Strong­hold Viney­ards“. Glom­ski ist Grün­der der Page Spring Cel­lars in Corn­vil­le, Ari­zo­na, und arbei­te­te zuvor als Wein­ma­cher bei David Bruce in Kali­for­ni­en. Keen­an ist seit eini­gen Jah­ren Besit­zer der Cadu­ceus Cel­lars sowie der Mer­kin Viney­ards & Orchards.

Blood into Wine: May­nard James Keen­an mit den bei­den Komi­kern Tim Hei­de­cker und Eric Ware­heim | Foto: Sony Music

Mit viel Selbst­iro­nie und tro­cke­nem Humor zeigt die auch in ihrer Erzähl­form unge­wöhn­li­che Doku­men­ta­ti­on von Ryan Page und Chris­to­pher Pome­ren­ke, dass ein Leben als Wein­ma­cher in ers­ter Linie aus viel Arbeit und wenig Gla­mour besteht. „Blood into Wine“ ist kei­ne plum­pe Selbst­dar­stel­lung eines gelang­weil­ten Rock­mu­si­kers oder ein glo­ri­fi­zie­ren­der Wer­be­film für Keen­ans Caduceus-Weine gewor­den. Denn Rück- und Fehl­schlä­ge wer­den eben­so the­ma­ti­siert wie Erfol­ge. Zwi­schen den Inter­views sind als Run­ning Gag immer wie­der Sze­nen mit den US-Komikern Tim Hei­de­cker und Eric Ware­heim zu sehen, die als respekt­lo­se, Wein ver­ach­ten­de Talkshow-Moderatoren ihren weit­ge­hend stum­men Gesprächs­gast (Keen­an) pie­sa­cken, wo es nur geht.

Kostprobe mit James Suckling

Neben etli­chen Promi-Auftritten (unter ande­ren von Schau­spie­le­rin und Model Mil­la Jovo­vich, Musi­ker Tim Alex­an­der oder Come­di­an Pat­ton Oswalt) kommt auch der renom­mier­te Wein­kri­ti­ker James Suck­ling zu Wort. Der reist mit Degus­ta­ti­ons­glas im Sil­ber­köf­fer­chen aus Ita­li­en zu einer Kost­pro­be an und ist nicht von jedem der von Keen­an und Glom­ski kre­denz­ten Trop­fen rest­los über­zeugt, hat aber den­noch viel Lob für die bei­den unkon­ven­tio­nel­len Wein­ma­cher übrig. Neben­bei erfährt der Zuschau­er, was es mit Wein­be­wer­tun­gen auf sich hat und wel­chen Ein­fluss sie genie­ßen.

Blood into Wine: Glom­ski und Keen­an mit Wein­kri­ti­ker James Suck­ling | Foto: Sony Music

Der hys­te­ri­schen Anhän­ger­schar von „Tool“ und „A Per­fect Cir­cle“ sind Punk­te­sys­te­me und Beschrei­bungs­flos­keln wie „struk­tu­rier­tes Tan­nin“, „fili­gra­ne Frucht“ oder „feu­ri­ger Nach­hall“ ziem­lich egal: Die Fans schlep­pen die Wei­ne gleich kis­ten­wei­se aus den Läden und erschei­nen zu Auto­gramm­stun­den mit Fla­schen statt CDs.

Unterhaltsam für Musik- und Weinfans

„Blood into Wine“ ist ein Ver­gnü­gen für Musik­fans, aber auch für Wein­lieb­ha­ber abso­lut unter­halt­sam – selbst, wenn man sich nicht für Keen­ans ver­track­ten Prog-Rock erwär­men kann, den er selbst als „Thin­king Man’s Metal“ bezeich­net. „Blood into Wine“ zeigt zwei Men­schen mit Lei­den­schaft und Visi­on, wirft einen ori­gi­nel­len Blick auf das The­ma Wein, greift dabei unter­schied­lichs­te Aspek­te auf und ver­mag es, Men­schen für eine Sache zu begeis­tern, zu der sie bis­lang wenig oder gar kei­nen Zugang hat­ten. Nicht ent­ge­hen las­sen soll­te man sich den etwas ver­steck­ten Kurz­film am Ende: Komi­ker Bob Oden­kirk erklärt das Wein­ma­chen und kommt zu dem Schluss: „Alles, was ihr über Wein wisst, ist total falsch!“

Blood into Wine
USA 2010
Spiel­dau­er: 99 Minu­ten
FSK: ohne Alters­be­schrän­kung
Sony Music Enter­tain­ment

Die DVD ist u.a. hier erhält­lich. 

http://www.bloodintowine.com/

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