Württemberg und sein Blaufränkisch-Problem: Verrat am Lemberger?

Im VDP Württemberg ist ein Streit entbrannt über den Versuch einiger Winzer, ihre Lemberger-Rotweine Blaufränkisch zu nennen. Im Mittelpunkt: der junge Moritz Haidle. Der Kompromiss, der mühsam gefunden wurde, ist nicht sehr hilfreich, findet Patrick Hemminger.

Lem­ber­ger – wenn Sie die­sen Namen hören, an was den­ken Sie? An spek­ta­ku­lär gute Gro­ße Gewäch­se von VDP-Betrieben wie Karl Haid­le oder Drautz-Able? Oder an mai­scheer­hitz­te Rot­wei­ne, nicht sel­ten rest­süß und mit Trol­lin­ger ver­schnit­ten?

Allein dass es die­se Fra­ge gibt, zeigt das Pro­blem des Würt­tem­ber­ger Lem­ber­gers. Dabei gilt er man­chen Fach­leu­ten als die hoch­wer­tigs­te deut­sche Rot­wein­sor­te neben dem Spät­bur­gun­der. Der Wein­kri­ti­ker Stuart Pigott schrieb ein­mal: „Wenn der wah­re Lem­ber­ger kommt, dann wird er nicht nur mich über­ra­schen und auch nicht nur die deut­schen Kol­le­gen, dann über­rascht er die Wein­welt.“

Nur sind die Fach­leu­te in der Min­der­heit. Die Mehr­heit, die ihren Wein im Super­markt und Dis­coun­ter kauft, weiß nichts vom Poten­ti­al, das im Lem­ber­ger schlum­mert und greift beden­ken­los zum halb­tro­cke­nen Bil­lig­schop­pen. Da die­ser in Würt­tem­berg nach wie vor über­all im Regal steht und die Win­zer­ge­nos­sen­schaf­ten gro­ße Wer­be­an­zei­gen schal­ten, wird sich am Image der Reb­sor­te nichts ändern.

Haidle will das Provinzimage der Rebsorte ändern

Win­zer Moritz Haid­le aus dem Rems­tal ärgert das. „Wenn es immer noch nie­mand begrif­fen hat, dass das eine tol­le Reb­sor­te ist, dann läuft was falsch. Immer­hin haben wir vor 30 Jah­ren damit begon­nen, hoch­wer­ti­ge Rot­wei­ne dar­aus zu machen.“ Haid­le ist 29 Jah­re alt und hat vor ein paar Jah­ren das Wein­gut Karl Haid­le von sei­nem Vater über­nom­men. Sei­ne Hob­bys prä­gen sein Image als jun­ger Wil­der: Graf­fi­ti und Rap.

Moritz Haidle
Moritz Haid­le

Vor ein paar Jah­ren glaub­te er, eine Lösung für das Image­pro­blem des Lem­ber­ger gefun­den zu haben. Die Reb­sor­te hat näm­lich noch einen ande­ren Namen, und der hat in der Wein­welt der­zeit einen guten Klang: Blau­frän­kisch. Das ist der exzel­len­ten Arbeit der Öster­rei­cher Win­zer zu ver­dan­ken, die seit eini­gen Jah­ren mit her­aus­ra­gen­den Rot­wei­nen für Auf­se­hen sor­gen.

War­um also wei­ter­hin mit Würt­tem­ber­ger Regio­nal­stolz auf dem Namen Lem­ber­ger behar­ren? War­um auf die hoch­wer­ti­gen Wei­ne nicht ein­fach Blau­frän­kisch schrei­ben und das Pro­vin­zi­mage von heu­te auf mor­gen hin­ter sich las­sen? „Vie­le Win­zer außer­halb Würt­tem­bergs pro­du­zie­ren die­sen Wein mitt­ler­wei­le auch, und fast alle nen­nen ihn Blau­frän­kisch“, sagt Haid­le. Tho­mas See­ger und Burg Raven­stein aus Baden zum Bei­spiel, St. Ant­o­ny aus Rhein­hes­sen, Mar­kus Schnei­der und Phil­ipp Kuhn aus der Pfalz. Offi­zi­el­le Zah­len, wer Lem­ber­ger und wer Blau­frän­kisch auf sei­ne Eti­ket­ten druckt, gibt es nicht. Vie­le sind es bis jetzt noch nicht: Von den 1.846 Hekt­ar mit Lem­ber­ger bestock­ten Wein­ber­gen ste­hen 1.705 in Würt­tem­berg (Anga­ben aus 2015), wo sich die Zahl der Blaufränkisch-Etiketten aus Tra­di­ti­ons­grün­den in Gren­zen hal­ten dürf­te.

Württemberg hat keine schlechteren Reben als Österreich

Es gebe genug Men­schen, die ger­ne Blau­frän­kisch trän­ken, denen aber nie ein Lem­ber­ger ins Glas kom­me, sagt Haid­le. „Selbst man­che Fach­leu­te wis­sen nicht, dass die Sor­ten iden­tisch sind. Und wer es weiß, ist oft der Mei­nung, in Öster­reich stün­den ande­re, bes­se­re Klo­ne und hier in Würt­tem­berg die bil­li­gen Mas­sen­trä­ger“, sagt er. Das ist natür­lich Unsinn. Die Reb­stö­cke, die sein Vater vor 30 Jah­ren im Rems­tal pflanz­te – damals dort die ers­ten Lem­ber­ger – sind genau­so gut wie der der Kol­le­gen in Öster­reich.

Weinberge in Württemberg
Wein­ber­ge in Würt­tem­berg

Immer wie­der dis­ku­tier­te Haid­le mit sei­nem Win­zer­kol­le­gen Rai­ner Schnait­mann die Idee, ihre Lem­ber­ger als Blau­frän­kisch zu eti­ket­tie­ren. Eine offi­zi­el­le Rege­lung gab es damals im Süden Deutsch­lands noch nicht. Zur Pro­wein 2015 stell­te er sei­nen Lem­ber­ger Guts­wein erst­mals als Blau­frän­kisch vor. „Ich hab Schiss gehabt, dass mir die tra­di­tio­nel­len Kun­den aufs Dach stei­gen. Es ist aber sehr gut gelau­fen, die Rück­mel­dun­gen waren fast nur posi­tiv“, sagt Haid­le. Danach wur­de das The­ma im VDP-Württemberg dis­ku­tiert – und die Wogen schlu­gen hoch. Eini­ge waren empört, ande­re fan­den den Blaufränkisch-Vorschlag inter­es­sant, wie­der ande­re mein­ten, jeder sol­le machen, was er für rich­tig hal­te. Das tat Haid­le dann auch. Von sei­nem Erfolg auf der Pro­wein bestä­tigt, bestand er bei der Prä­sen­ta­ti­on der Gro­ßen Gewäch­se des VDP in Wies­ba­den letz­ten Som­mer dar­auf, sei­ne Lem­ber­ger eben­falls als Blau­frän­kisch anzu­stel­len. Wie­der wur­de im VDP hef­tig gestrit­ten, ob das zuläs­sig sei. Doch Haid­le zog die Sache durch.

VDP Vorsitzender Markus Drautz: „Liberale Haltung“

Danach berief der VDP Würt­tem­berg eine Son­der­sit­zung ein und beschloss mit knap­per Mehr­heit, dass bei den Guts- und Orts­wei­nen bei­de Namen ver­wen­det wer­den dür­fen, bei den Ers­ten Lagen und den Gro­ßen Gewäch­sen hin­ge­gen nur der Name Lem­ber­ger erlaubt ist.

Ob der Kun­de das ver­steht? Mar­kus Drautz, Vor­sit­zen­der des VDP Würt­tem­berg, ist skep­tisch. „Die­ser Kom­pro­miss ist ein Zei­chen unse­rer libe­ra­len Hal­tung“, sagt der 36-jährige Win­zer, der mit sei­ner Mut­ter zusam­men das Wein­gut Drautz-Able bei Heil­bronn lei­tet. Dabei war er erst­mal sau­er auf sei­nen Kol­le­gen Haid­le wegen des­sen eigen­mäch­ti­gen Vor­sto­ßes in Wies­ba­den. „Aber ich bin ihm nicht böse. Ich kann ihn ja auch ver­ste­hen nach sei­nem Erfolg mit dem Guts­wein.“ Trotz­dem kön­ne in einem Ver­ein wie dem VDP nicht jeder machen, was er wol­le.

Per­sön­lich fin­det Drautz es nicht schlimm, wenn ein Win­zer sei­nen Lem­ber­ger lie­ber Blau­frän­kisch nen­nen will. Für ihn ist das aber nicht mehr als ein Marketing-Gag. Statt sol­che Gags zu ver­an­stal­ten, soll­ten die Win­zer lie­ber dar­über auf­klä­ren, dass es sich um die glei­che Reb­sor­te han­delt. Außer­dem kön­nen die Würt­tem­ber­ger Win­zer sei­ner Ansicht nach stolz sein auf das, was sie als Lem­ber­ger in die Fla­sche fül­len. „Wir haben es nicht nötig, am Erfolg der Öster­rei­cher mit­zu­ver­die­nen“, sagt er.

Thomas Seeger im benachbarten Baden erzeugt schon lange Baufränkisch

Tho­mas See­ger vom Wein­gut See­ger in Baden macht das seit eini­gen Jah­ren und ist sehr zufrie­den damit. Er bewirt­schaf­tet 10,5 Hekt­ar, davon sind 15% mit Blau­frän­kisch bepflanzt. Bis vor ein paar Jah­ren füll­te er die rein­sor­ti­gen Wei­ne als Lem­ber­ger ab. Aber ihm ging auf die Ner­ven, dass vie­le Kun­den aus Würt­tem­berg sei­ne Wei­ne nicht haben woll­ten – und zwar wegen des schlech­ten Images der Reb­sor­te. Vor ein paar Jah­ren hat­te er die Nase voll und schrieb Blau­frän­kisch auf die Eti­ket­ten. „Jetzt kom­men die glei­chen Kun­den und freu­en sich“, sagt der Mitt­fünf­zi­ger. „Den Unter­schied machen sie schon am Namen fest.“ Aller­dings, so fügt er an, sei er nicht in Würt­tem­berg und habe nicht die­sel­be Tra­di­ti­on im Rücken, da fal­le eine Umbe­nen­nung leich­ter. Zur neu­en Rege­lung im benach­bar­ten Anbau­ge­biet hat er eine kla­re Mei­nung: „Dap­pi­cher geht’s nicht.“

Lemberger-Trauben in besten Lagen
Lemberger-Trauben in bes­ten Lagen

Wer hat Recht? Wer Unrecht? Ich kann sowohl die Ansich­ten von Mar­kus Drautz als auch von Moritz Haid­le ver­ste­hen. Nur sorgt die aktu­el­le Regel nicht für Klar­heit für den End­ver­brau­cher, und das soll­te mei­ner Mei­nung nach über allem ande­ren ste­hen. Aber wie schwie­rig selbst die­se Mei­nung sein kann, zei­gen die bei­den Impor­teu­re, die Drautz und Haid­le in den USA haben. Drautz bekam die Emp­feh­lung, sei­nen Wein auf jeden Fall Lem­ber­ger zu nen­nen – das kön­ne man in den USA viel bes­ser aus­spre­chen. Haid­les Impor­teur hin­ge­gen drang dar­auf, auf jeden Fall Blau­frän­kisch auf die Eti­ket­ten zu dru­cken. Der Name sei durch die Öster­rei­cher bereits bekannt lie­ße sich des­halb deut­lich bes­ser ver­kau­fen.

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