Würden Sie zu diesem Gericht einen Bordeaux trinken?

Lauwarmer Schokoladenkuchen zu Rotwein | Foto: ©CIVB
Lauwarmer Schokoladenkuchen | ©CIVB
Können Sie durchaus – auch wenn es gegen herkömmliche Regeln verstößt. Patrick Hemminger hat an einem Bootcamp zum Foodpairing teilgenommen. Die Aufgabe: trockene Rotweine wie den Bordeaux mit passenden Speisen zu kombinieren.

Bor­deaux hat ein Image­pro­blem. Nicht was die gro­ßen Wei­ne angeht, auf die Ken­ner jedes Jahr unge­dul­dig war­ten und für die sie Fla­schen­prei­se von 100 Euro und mehr zah­len. Wohl aber die zahl­rei­chen klei­nen Châ­teaux und Domai­nes in den nie­der­ran­gi­gen Appel­la­tio­nen rund um die selbst ernann­te Wein­haupt­stadt der Welt. Und die ste­hen für 97 Pro­zent der Pro­duk­ti­on des gesam­ten Bor­de­lais.

Der Bordeaux-Hype geht an den kleinen Châteaux völlig vorbei

Die­se meist namens­lo­sen Wein­er­zeu­ger tau­chen sel­ten bis nie in den Schlag­zei­len auf. Der Bordeaux-Hype geht völ­lig an ihnen vor­bei. „Ist Bor­deaux wirk­lich der lecke­re Bra­ten, von dem jeder eine Schei­be haben will?“ fragt sich der Som­me­lier und Jour­na­list Sebas­ti­an Bord­thäu­ser, einer der bes­ten Wein­er­klä­rer unter den deut­schen Som­me­liers. Und er gibt selbst die Ant­wort: „Eher nicht.“ Man­che Men­schen inter­es­sie­ren sich nicht für Bor­deaux­wei­ne, weil sie von vorn­her­ein den­ken, die­se sei­en teu­er. Oder weil sie mei­nen, Bor­deaux­wei­ne sei­en schwer. Ande­re haben schon mal einen Bor­deaux getrun­ken, der ihnen nicht geschmeckt hat, und glau­ben nun, jeden, der es hören will (oder auch nicht), auf­klä­ren zu müs­sen, dass Bor­deaux nicht so gut ist, wie behaup­tet wird.

Wie­der ande­re gehen mit der Erkennt­nis hau­sie­ren, dass man jun­ge Bor­deaux nicht trin­ken kön­ne, nur gereif­te mach­ten Spaß. Vor­ur­tei­le, Halb­wahr­hei­ten, Phan­ta­si­en.

Bestes Preis-/Leistungsverhältnis bei Rotweinen

Zum Prei­s­ar­gu­ment. Vie­le Men­schen las­sen sich von den Phan­ta­sie­prei­sen der teu­ren Châ­teaux täu­schen. In Wahr­heit gibt es bereits für weni­ger als 30 Euro, ja auch schon unter zehn Euro, gute Bor­deaux. Bor­deaux bie­tet, wie wir auf weinkenner.de geschrie­ben haben, der­zeit das bes­te Preis-/Leistungsverhältnis in Euro­pa auf dem Rot­wein­sek­tor.

Zum Geschmack­s­ar­gu­ment: Die Anbau­flä­che des Bor­de­lais, des größ­ten zusam­men­hän­gen­den Wein­bau­ge­biets der Welt, beträgt rund 120.000 Hekt­ar Wein­ber­ge (zum Ver­gleich: Deutsch­land hat ins­ge­samt 102.000 Hekt­ar Reb­flä­che). Wer nun behaup­tet, Bor­deaux schlecht­hin wür­de ihm nicht schme­cken, der bewegt sich auf dem glei­chen Niveau wie jener Banau­se, der das­sel­be von deut­schem Wein behaup­tet.

DEN Bor­deaux gibt es nicht, genau­so wenig wie es DEN deut­schen Wein gibt.

Sebas­ti­an Bord­thäu­ser sagt: „Es ist in Bor­deaux viel weni­ger in Stein gemei­ßelt, als vie­le den­ken. Dafür ist die Regi­on ein­fach zu groß.“

Heute schmecken auch junge Bordeaux schon ziemlich gut

Weinlese in Bordeaux | Foto: ©CIVB
Wein­le­se in Bor­deaux | ©CIVB

Ohne­hin geschieht gera­de vie­les im Bor­de­lais. Bio­win­zer wur­den lan­ge belä­chelt, inzwi­schen befin­det sich ein Drit­tel der Betrie­be in Umstel­lung auf das EU-Label.

Die strik­te Tren­nung in rech­tes Ufer = Mer­lot und lin­kes Ufer = Caber­net Sau­vi­gnon gilt auch immer weni­ger.

Um die Wei­ne frü­her zugäng­lich zu machen, geben immer mehr Win­zer am lin­ken Gironde-Ufer Mer­lot in ihre Cuvée. Aller­dings bekom­men die Wei­ne dadurch manch­mal einen höhe­ren Alko­hol­ge­halt. Die Reb­sor­te neigt bei war­men und lan­gen Som­mern zu hohen Zucker­wer­ten und damit zu hohem Alko­hol­ge­halt.

Zum Alters-Argument: Das Muss der lan­gen Rei­fe­zeit war ein­mal. „Vor 15 Jah­ren hat man bei den Primeur-Verkostungen auf Tan­nin gebis­sen. Heu­te möch­te man die Sachen am liebs­ten sofort aus­trin­ken, so wun­der­bar sind sie manch­mal schon in jun­gen Jah­ren“, sagt Bord­thäu­ser.

Bootcamp statt Masterclass

Hat man all die­se Vor­ur­tei­le erkannt und öff­net eine Fla­sche Bor­deaux, dann meist wenn es gegrill­tes oder geschmor­tes Fleisch zum Essen gibt. Dabei sind die Wei­ne weit­aus inter­es­san­te­re Spei­sen­be­glei­ter. Die „Éco­le du Vin de Bor­deaux“ hat­te kürz­lich in Mün­chen zu einem Boot­camp gela­den – eine ange­neh­me Abwechs­lung zu den gan­zen Mas­ter­clas­ses, die dau­ernd statt­fin­den. Ich hat­te mich für die­se Ver­an­stal­tung ange­mel­det.

Klassiker: Bordeaux zu rotem Fleisch | Foto: ©Culinarypixel
Bor­deaux zu rotem Fleisch | ©Culi­na­ry­pi­xel

 

Die Teil­neh­mer ver­kos­te­ten zehn Wei­ne, jeder unter 30 Euro End­ver­brau­cher­preis, und muss­ten die­se team­wei­se mit einem fünf­gän­gi­gen Menü kom­bi­nie­ren – von Fisch bis hin zum Scho­ko­ku­chen.

Der ers­te Gang war gepopp­ter Lan­gosti­no (im Teig frit­tiert) mit Shii­take­pil­zen, Sel­le­rie, Eda­ma­me und Sesam-Sushi-Reis. Mein Team ent­schied sich als Beglei­tung für den 2012er La Reser­ve d’Angludet, den Zweit­wein von Châ­teau d’Angludet aus Mar­gaux. Der Wein wirkt am Gau­men sehr üppig, fast flei­schig, und das wür­de sich unse­rer Mei­nung nach gut mit dem vie­len Uma­mi des Gerichts ver­tra­gen. Tat es auch (€ 32,00; www.moevenpick-wein.de).

Bordeaux zu lauwarmer Seeforelle?

Lauwarmer Saibling: Bier besser als Bordeaux | Foto: ©Culinarypixel
Lau­war­mer Saib­ling | ©Culi­na­ry­pi­xel

Der zwei­te Gang war – aber für alle Teams – ein schwie­ri­ge­res Unter­fan­gen. Es gab lau­war­me See­fo­rel­le mit Muskat-Kürbis und süß-saurem Spitz­kohl. Das Aro­men­spek­trum die­ses Gan­ges war der­art kom­plex, dass ein Som­me­lier auf­seuf­zend mein­te: „Im Restau­rant wür­de ich die Segel strei­chen und dazu ein Bier ser­vie­ren.“

Danach wur­de es wie­der ein­fa­cher. Das Car­pac­cio vom Man­ga­litz­aschwein mit Röstzwiebel-Jus, Brun­nen­kres­se und lau­war­mem Eigelb har­mo­nier­te her­vor­ra­gend mit dem 2012er La Fleur de Châ­teau Haut Piquat aus Lussac-Saint-Émilion. Die Süße des Jus pass­te gut zu den Aro­men von Süß­holz, Vanil­le und Tabak des Weins (€ 11,00; www.weinteufel.de).

Lauwarmer Schokoladenkuchen zu Rotwein

Lauwarmer Schokoladenkuchen zu Rotwein | Foto: ©CIVB
Lau­war­mer Scho­ko­la­den­ku­chen | ©CIVB

Gang Num­mer vier war ein Heim­spiel für den 2010er Châ­teau Fer­ran­de aus der Appel­la­ti­on Gra­ves. Sei­ne Noten von dunk­len Bee­ren, Leder und schwar­zem Pfef­fer, die Extrakt­sü­ße und vol­le Frucht ergänz­ten aufs Schöns­te das Böffla­mot mit geschmor­ten Urka­rot­ten (eben­falls leicht süß) und Gewürz-Blaukrautpüree (€ 24,92; www.millesima.de).

Vor dem Des­sert hat­ten wir alle Zwei­fel, dass das gut gehen könn­te: lau­war­mer Scho­ko­la­den­ku­chen mit Tonkabohnen-Eis zu Rot­wein? Wir woll­ten dem 2015er Châ­teau Roc de Lev­raut eine Chan­ce geben, einem 6-Euro-Bordeaux Supé­ri­eur. Viel­leicht wür­den die dezen­ten Schoko-Aromen des Weins funk­tio­nie­ren, hoff­ten wir. Rich­tig gedacht: Roter Bor­deaux kann sogar zu Des­sert pas­sen.

 

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