In diesen Tagen werden die neuen GG freigegeben. Jens Priewe war bei der Vorpremiere dabei.
Dass Wein in der Krise ist wegen schwächelnder Nachfrage, das hat man am vergangenen Wochenende in Wiesbaden nicht gemerkt. Die 250 Weinexperten, die in die Kurkolonnaden gekommen waren, um die gerade neu auf den Markt kommenden Großen Gewächse, abgekürzt GG, zu begutachten, waren bester Laune: Händler, Gastronomen, Sommeliers und Sommelièren, Master of Wine, Weinakademiker, jede Menge Content Creators, PR-Agenturleute, Journalisten. Eingeladen hatte der VDP, der Verband Deutscher Prädikatweingüter, in dem rund 200 handverlesene Weingüter aus allen Anbaugebieten Deutschlands organisiert sind. Sie bilden die Speerspitze des deutschen Weins. Sie haben die strengsten Qualitätskriterien, verlangen die präzisesten Herkunftsangaben, betreiben die transparenteste Kommunikation nach außen. Nach außen heißt: nicht nur innerhalb Deutschlands, sondern global. Die Einladung des VDP zur Vorpremiere der GG ging deshalb an Kritiker und Buyer aus aller Herren Länder: von den USA über Großbritannien bis nach Indien, China, Taiwan und Japan – 22 Länder insgesamt. Drei Tage lang wurde geschlürft, gespuckt und geschluckt. Zwei Tage war auch ich dabei.
Ein Stelldichein internationaler Weinexperten
Die GG machen nur fünf Prozent im Sortiment der VDP-Weingüter aus, aber es sind die besten Rieslinge, Weiß- und Grauburgunder, Chardonnay, Spätburgunder und Lemberger, die in Deutschland erzeugt werden. Sie kosten zwischen 35 und 350 Euro, je nach Qualitätsanspruch und nach Renommée des Weinguts. Sie dürfen frühestens am 1. September nach dem Jahr der Lese auf den Markt kommen, sind streng nach Herkunft (Lagen) geordnet und müssen in die Kategorie trocken fallen. 396 GG standen dieses Jahr zur Probe, rund hundert habe ich verkosten können. Mehr ging nicht. Übrigens: Das Verkosten ist die eine Sache, der Austausch der Teilnehmer untereinander die andere, die ebenso wichtige, vielleicht noch wichtigere. Viele Anwesende kennen sich, gehen in der Mittagspause zusammen essen, nutzen die Gelegenheit sich auszutauschen. Heiner Lobenberg, Bremer Weinhändler, war mit seinen wichtigsten Mannen nach Wiesbaden gekommen. Moritz Lüke, Geschäftsführer von Grand Cru Select und Wein Art, dirigierte die Einkäufer und Berater der verschiedenen Hawesko-Gesellschaften. Schlumberger, ebenfalls ein großer Distributeur mit Deutschland-weitem Vertrieb, war ebenfalls multipräsent. VINUM-Chefredakteur Harald Scholl und sein Co-Chefredakteur probieren im Duett. Ulrich Sautter vom Falstaff, Wolfgang Faßbender vom Weinwisser, der Italiener Aldo Fiordelli, der für James Suckling verkostet, seit Stuart Pigott dort abgeheuert hat, die Direktorin des schwedischen Monopols sowie zahlreiche Vertreter von Sterne-Restaurants, Weinbars, Weinshops – für sie alle ist Wiesbaden ein Pflichttermin. Stephan Reinhardt, der für Robert Parker verkostet, fehlte diesmal. Aber er hat den größten Teil der Weine schon vorher probiert. Dafür sah man Caro Maurer, Deutschlands ersten weiblicher Master of Wine, umso eifriger vor ihrem stets aufgeklappten Laptop verkosten. Sie soll die die große VDP-Auktion im September in Bad Kreuznach moderieren.
2025er Weißweine hochfein, 2024er Spätburgunder so lala
Das Urteil über den Jahrgang und über die Performance der einzelnen Weingüter sind Themen, die in den Arbeitspausen und bis tief in die Nacht diskutiert wurden. Über den 2025er Weißwein-Jahrgang war man sich schnell einig: Er hat hochfeine Weine hervorgebracht, die stilistisch irgendwo zwischen 2021 und 2022 liegen, also einem kühlen und einem warmen Jahr. Sie besitzen ein großes Reifepotenzial, sind aber auch jetzt schon gut zugänglich, charmieren mit zarter Frucht und warmem Schmelz. Noch besser als 2023. „Weine mit rasantem Trinkfluss, einfach Weltklasse“, drückte es Chris Biber aus, der in München mit Bruder und Vater die Weinhandlung Weinfurore betreibt. Er ist jedes Jahr in Wiesbaden dabei, gilt als guter Verkoster und hat die Kundschaft, die GG kauft. Das Komische sei, berichtet er, dass die teuersten und die preiswertesten Weine am besten laufen, also GG und die einfachen Gutsweine. An allem dazwischen ist das Interesse gering – eine Beobachtung, die auch ich gemacht habe. Die Ersten Gewächse, abgekürzt 1G, kosten die Hälfte eines GG und liegen in den Bewertungen oft nur einen Punkt unter diesen. Oder die Ortsweine, die noch preiswerter und qualitativ teilweise bestechend gut sind. Soweit die schwächelnde Nachfrage mit den knapper werdenden Budgets der Menschen zu tun hat, tut sich hier ein weites Feld auf, auf dem man sich wunderbar austoben könnte. Ortsweine und 1G haben den in der Optik vieler Weinfreaks den Makel, dass sie in der Hierarchie nur auf Platz 2 und 3 stehen, und wer ist schon mit Silber oder Bronze zufrieden, wenn man Gold kriegen kann? „Die Angst vor dem Unspektakulären“ war neulich eine Kolumne auf der Website des Hamburger Importeurs Tesdorpf überschrieben. Die Worte beschreiben das Phänomen ganz gut.

Über die 2024er Spätburgunder, die den größten Teil der in Wiesbaden gezeigten roten GG ausmachten, lässt sich leider nicht so viel Gutes sagen wie über die 2025er Weißweine. Sie seien so lala, lautete der vorherrschende Tenor. Ich habe alle 78 angestellten GG verkostet und bin ziemlich ernüchtert. Meine Einschätzungen werde ich in den nächsten Wochen auf weinkenner.de veröffentlichen.
Konsumzurückhaltung in Deutschland
Von jahrgangsbedingten Dellen abgesehen, lässt sich aber festhalten, dass deutsche Weine nicht nur in der Spitze unglaublich gut, sondern auch in der Breite gewachsen sind. Eigentlich müsste die Nachfrage explodieren. Leider ist das nicht der Fall. Im vergangenen Jahr setzten die VDP-Weingüter zwei Millionen Flaschen weniger ab als 2024. Das entsprach einem Umsatzrückgang von 20 Millionen Euro. Dabei geht es den VDP-Betrieben noch vergleichsweise gut. Über die Hälfte konnte stabile oder sogar steigende Umsätze verzeichnen. Bei den Winzern in der zweiten und dritten Reihe sowie bei den Genossenschaften ist die Stimmung wesentlich düsterer (obwohl sich auch dort tolle Weine finden lassen). Auch beim Export konnten die VDP-Betriebe stärker punkten als Nicht-VDP-Güter. 25 Prozent ihres Umsatzes wurde im Ausland gemacht, wobei die Exporte von Anbaugebiet zu Anbaugebiet und von Weingut zu Weingut stark schwanken. Doch in den USA, dem wichtigsten Exportmarkt, gilt ab 1. Juli ein Zoll von 15 Prozent. Er wird die Exporte in den nächsten Jahren schrumpfen lassen.
Hoffnung auf Export – und auf Silvaner?
Die Hoffnungen der Winzer konzentrieren sich deshalb auf andere Märkte, etwa auf die Schweiz, auf Polen, ganz stark auf die skandinavischen Länder und auf die „alte Dame“ Großbritannien. Die Engländer wissen deutschen Wein seit Jahrzehnten zu schätzen, speziell den deutschen Riesling. Als ich mich abends in der Wiesbadener Innenstadt, wo fünf fränkische Winzer zu einen kleinen Empfang geladen hatten, plötzlich neben Anthony Rose wiederfand, der für den englischen Decanter schreibt und ein Urgestein des angelsächsischen Weinjournalismus ist, wunderte ich mich darum schon ein wenig, dass er bei Paul Weltner aus Rödelsee Silvaner probierte. „Is Silvaner the next big thing in Germany? wollte er von mir wissen. Ich antwortete: „Depends on you and what you publish.“ Er zog sein Handy aus der Tasche, zeigte das Foto seines privaten Flaschenkühlschranks zu Hause mit lauter Fächern für Bordeaux-, Burgunder- und Schlegelflaschen und sagte: „Sorry, Bocksbeutel doesn’t fit.“ No big thing sollte das wohl heißen. Wir lachten. Dann wies er auf seinen Kollegen Richard Bramfield, der nebenan bei Rainer Sauer aus Escherndorf probierte. Bramfield, ebenfalls ein Master of Wine, arbeitet für Lidl in England. Er hatte mir schon im letzten Jahr erzählt, dass Lidl ihm für die Beschreibung eines Weins in Prospekten und im Internet maximal 19 Worte zugesteht. Nicht mehr. Wenn sich danach nichts dreht beim Umsatz, waren es die falschen Worte. Aber wenn es die richtigen sind, dann könnte der fränkische Silvaner durchaus das next big thing werden. Ich wollte Richard nicht stören und fragen, was er über den Silvaner denkt. Er war beschäftigt. Vielleicht suchte er bereits nach den richtigen Worten. Ich fürchte allerdings, dass es Worte, die so magisch sind, dass sie Silvaner in der VDP-Preislage ins Lidl-Sortiment katapultieren, nicht gibt.

China hat die Hoffnungen deutscher Winzer enttäuscht
Zurück zu den Exportmärkten. Auf dem 1,3 Milliarden-Volk der Chinesen ruhten jahrelang die Hoffnungen deutscher Winzer. Doch die Weingüter, die in China gute Geschäfte machen, kann man an den Fingern einer Hand abzählen. Weißwein füllt in China sowieso nur eine kleine Nische. Chinesen trinken vornehmlich Rotwein (und Whisky). Der größte Teil des deutschen Weinexports ging bis zur Corona-Krise an die Mitarbeiter deutscher Firmen in China und an die Restaurants internationaler Hotelketten. Joel Payne, langjähriger Chefredakteur von VINUM und China-Kenner, erzählte mir bei Frühstück, dass zwei der drei großen chinesischen Weinimporteure, die sich auf Wein aus Deutschland spezialisiert hatten, pleite sind und der dritte nur weitermachen kann, weil margenstärkere (und populärere) Weine anderer Länder ihn mitschleppen. Zwar gibt es VDP-Mitglieder, die mehrere zehntausend Flaschen jährlich ins Reich der Mitte liefern, allerdings aus zugekauften Trauben, für 2 Euro pro Flasche und ohne den Traubenadler auf der Kapsel (das VDP-Symbol). Von ihren GG ordern die Chinesen 24 Flaschen – alle zwei Jahre.
Das Beste kommt zuletzt
Wenn die Kurkolonnaden abends schließen, ist naturlich längst noch nicht Feierabend. In einem benachbarten Hotel geht es weiter. Da bieten ein gutes Dutzend VDP-Güter Weine zum Verkosten an, die sie am 7. September zur großen VDP-Versteigerung nach Bad Kreuznach geben. Spezielle Abfüllungen, Reserven, alte Jahrgänge, die nicht offiziell in den Handel gehen, sondern in kleinen Lots an Sammler und Spezialitätenhändler verauktioniert werden. Aus dem 2025er Jahrgang war das überragende Riesling GG von Dönnhoff aus der Oberhäuser Brücke Monopol dabei, Wagner-Stempels grandioser EMT aus dem Sieferheimer Heerkretz, Schäfer-Fröhlichs Ultra-Premium „Final“ und die großartige 2019er Riesling Kirchspiel Gran Reserve von Groebe aus Westhofen – um nur ein paar Highlights zu nennen. Wer ein oder zwei Fläschlein oder mehr abhaben möchte, muss über Kommissionäre mitsteigern. Solvent sollte er allerdings sein, wenigstens ein bisschen.

















































