Weingut Warth: Trollinger reloaded aus Untertürkheim

Klaus-Dieter und Christa Warth
Trollinger ist der am meisten belächelte Rotwein Deutschlands. Er ist leicht, labbrig, meistens restsüß. Doch er kann auch anders sein kann. Klaus-Dieter Warth aus Untertürkheim gehört zu den Trollinger-Erneuerern.

Trol­lin­ger galt lan­ge Jah­re als das flüs­si­ge Brot der Schwa­ben. Die Ver­tre­ter die­ses Volks­stam­mes tran­ken den blass­ro­ten Wein täg­lich, mit und ohne Essen, auch liter­wei­se. Von dem, was man in ande­ren Tei­len der Welt unter Rot­wein ver­steht, war der Trol­lin­ger so weit ent­fernt wie der Andromeda-Nebel vom Pla­ne­ten Erde. Aber Schwa­ben ist, was den Wein angeht, nun mal eine Gala­xie für sich.

Ist oder war? Der Typus des Schwa­ben, der schon mit dem Hen­kel­glas in der Hand gebo­ren wird, stirbt aus. Mit ihm der Wein, den er so ger­ne „schlotz­te“. Die Trollinger-Rebfläche ist zwar immer noch groß, aber deut­lich geschrumpft. Der Wein kämpft mitt­ler­wei­le auch im eige­nen Land um Aner­ken­nung. Eine Hand­voll Würt­tem­ber­ger Win­zer – par­don: Wein­gärt­ner oder Wen­ger­ter – will sich nicht damit abfin­den, dass ihr Haus­wein so ver­hunzt wird wie in der Ver­gan­gen­heit. Sie hat sich auf die Fah­nen geschrie­ben, aus dem blass­ro­ten, dün­nen, gerb­stoff­lo­sen und meist noch gesüß­ten Trop­fen einen rich­ti­gen Wein zu machen.

Allen vor­an die Brü­der Aldin­ger in Fell­bach mit ihren bei­den Benchmark-Trollingern „Alte Reben“ und SINE, aber auch klei­ne, unbe­kann­te­re Wein­gärt­ner wie Felix Sprin­ger aus Heil­bronn (Trol­lin­ger „Alte Reben“), der Sankt-Annagarten in Beil­stein (Genera­ti­on Trol­lin­ger), die genos­sen­schaft­li­che Win­zer­initia­ti­ve Trollinger2Punkt0 der Wein­gärt­ner Heu­chel­berg in Schwai­gern (Trol­lin­ger Visi­on), in Lauf­fen (Trol­lin­ger Kat­zen­beis­ser) und Cleebronn-Güglingen (Her­zog C Trol­lin­ger), das Col­le­gi­um Wir­tem­berg in Stutt­gart (Trol­lin­ger „Alte Reben“). Und, last not least, Klaus-Dieter Warth aus Unter­türk­heim, der sich zwar nicht ganz, aber doch über­wie­gend dem tro­cke­nen, ertrags­re­du­zier­ten, im Holz gereif­ten Trol­lin­ger ver­schrie­ben hat. Selbst sein ein­fachs­ter Trol­lin­ger, der Thad­dä­us für 6,30 Euro, wird erst nach drei Jah­ren frei­ge­ge­ben – genau­so wie der ambi­tio­nier­te Barrique-Trollinger Quer­cus für 32 Euro.

Eingang zur Weingutsstube

weinkenner.de Der Trol­lin­ger ist immer noch die am häu­figs­ten ange­bau­te Reb­sor­te in Würt­tem­berg. Dabei ist der Wein eigent­lich schon tot­ge­sagt.

Warth Ich sehe das nicht so nega­tiv wie die Kri­ti­ker. Die jun­ge Genera­ti­on hat den Trol­lin­ger wie­der ent­deckt. Und bei den bis 45-Jährigen regis­trie­re ich eine Abkehr vom Tan­nin, also von dunk­len, gerb­stoff­rei­chen Rot­wei­nen, wie sie in Würt­tem­berg seit 20, 30 Jah­ren als Luxus­cu­vées kur­sie­ren. Man sucht unkom­pli­zier­te­re Wei­ne. Da fällt der Blick auto­ma­tisch wie­der auf den Trol­lin­ger, aller­dings nur auf den guten.

weinkenner.de Gibt es guten Trol­lin­ger?

Warth Aber selbst­ver­ständ­lich. Die Sor­te Trol­lin­ger hat mehr Poten­zi­al als die meis­ten Leu­te glau­ben. Man muss sie nur rich­tig behan­deln.

weinkenner.de Und wie, bit­te­schön?

Warth Ertrags­re­du­zie­rung im Wein­berg und Ver­gä­rung wie ande­re Rot­wei­ne auch. Also nicht drei­tä­ti­ge, son­dern drei­wö­chi­ge Mai­sche­gä­rung. Und jeden Tag Unter­sto­ßen des Tres­ter­huts von Hand, damit Scha­len und Ker­ne immer von Wein umspült sind. Kei­ne Mai­scheer­hit­zung. Sie glau­ben gar nicht, wie farb­in­ten­siv der Trol­lin­ger plötz­lich wird, wenn man ihn so vini­fi­ziert.

weinkenner.de Wo soll die Far­be her­kom­men? Trollinger-Beeren haben eine dün­ne Scha­le und sind bes­ten­falls blass­rot.

Halbierte Trollinger-Traube
Hal­bier­te Trollinger-Traube

Warth Wenn man über 100 Hek­to­li­ter pro Hekt­ar ern­tet, haben Sie recht. Außer­dem sind die Bee­ren des Trol­lin­ger rela­tiv groß, der vie­le Saft, der in ihnen ent­hal­ten ist, ver­wäs­sert die Far­be. Aus sol­chen Trau­ben krie­gen Sie natür­lich kei­nen guten Wein. Ich redu­zie­re den Behang der Reb­stö­cke dras­tisch, so dass nur noch eine Trau­be oder, für die ein­fa­chen Wei­ne, zwei Trau­ben am Trieb hän­gen.

weinkenner.de Dadurch krie­gen Sie bes­se­re Qua­li­tä­ten, aber kei­ne farb­in­ten­si­ve­ren Wei­ne.

Warth Dann hal­bie­re ich die Trau­ben mit der Sche­re, schnei­de die Schul­tern her­aus, so dass die Son­nen­strah­len auch ins Trau­ben­in­ne­re vor­drin­gen. Und sie­he da: Plötz­lich fär­ben sich die Bee­ren auch im Inne­ren dun­kel.

weinkenner.de Wie hoch sind die Hekt­ar­er­trä­ge bei Ihnen?

Warth Für den Trol­lin­ger vom Cann­stadter Zucker­le 80 Hek­to­li­ter, für den Bar­tho­lo­mä­us 40 Hek­to­li­ter…

weinkenner.de Das wäre Pre­mier Cru-Niveau im Bur­gund.

Warth Von Gesetz wegen sind 110 Hek­to­li­ter pro Hekt­ar im betrieb­li­chen Durch­schnitt erlaubt. Wenn Sie also bei Ihrem Ries­ling weni­ger pro­du­zie­ren, kön­nen Sie beim Trol­lin­ger umso mehr ern­ten.

weinkenner.de Das heißt, es kön­nen gege­be­nen­falls ganz legal auch 150 Hek­to­li­ter Trol­lin­ger geern­tet wer­den.

Warth Wenn die 110 Hek­to­li­ter – auf die gesam­te Betriebs­flä­che berech­net – nicht über­schrit­ten wer­den: ja.

Flaschen Etikett Trollinger 2014 (Custom)
Flaschen Etikett Trollinger 2015 (Custom)

weinkenner.de Der Trol­lin­ger ist eine spät rei­fen­de Sor­te. Wann lesen Sie nor­ma­ler­wei­se?

Warth Frü­her haben wir die Trau­ben erst Ende Okto­ber gele­sen. In den letz­ten Jah­ren haben wir immer frü­her mit der Lese begon­nen. Im war­men Jahr 2018 haben wir bereits Anfang Okto­ber gele­sen. Der Bar­tho­lo­mä­us, unser Spitzen-Trollinger, hat dann 14 Vol.% Alko­hol, manch­mal auch 15 Vol.%. Das ist viel, aber zusam­men mit der nied­ri­gen Säu­re wird er dadurch sehr weich und rund.

weinkenner.de Vie­le Trol­lin­ger sind rest­süß…

Warth Wer ein brei­tes Publi­kum bedie­nen muss wie Weingärtner-Genossenschaften, kommt um fein­her­be Wei­ne nicht her­um. Auch wir haben im Literflaschen-Bereich Trol­lin­ger mit Rest­sü­ße. Aber unse­re Qua­li­täts­wei­ne, also vom ein­fa­chen Ein-Stern-Wein bis zum Drei-Stern Spit­zen­ge­wächs, sind alle durch­ge­go­ren. Sie haben zwi­schen null und drei Gramm Rest­zu­cker. Die aller­meis­ten unse­rer Kun­den erwar­ten echt tro­cke­ne Wei­ne von uns.

weinkenner.de Für den Bar­tho­lo­mä­us müs­sen sie dafür auch 14,50 Euro zah­len…

Warth Nicht weil er tro­cken ist, son­dern weil er beson­ders gut ist. Der Wein ist, wie gesagt, stark ertrags­re­du­ziert, auf­wen­dig vini­fi­ziert und hat drei Jah­re im gro­ßen Holz­fass gele­gen, bevor er gefüllt und frei­ge­ge­ben wur­de. Obwohl er tro­cken aus­ge­baut ist, ist er unkom­pli­ziert zu trin­ken. Der Grund ist klar: Er hat Sub­stanz und eine rei­fe Frucht. Unse­re Kun­den hono­rie­ren das.

weinkenner.de Der Schwa­be trinkt täg­lich Trol­lin­ger, und er trinkt ihn auch außer­halb der Mahl­zei­ten. Stimmt das?

Warth Das war frü­her. Der Schwa­be, der jeden Tag einen Liter Trol­lin­ger trank und das sie­ben Mal in der Woche, ist prak­tisch aus­ge­stor­ben. Heu­te ist der Trol­lin­ger ein Genuss­wein. Er wird zur schwä­bi­schen But­ter­bre­zel oder zum Ves­per­korb getrun­ken, natür­lich auch zur war­men Mahl­zei­ten: Unser Cann­stadter Zucker­le passt gut zum Gais­bur­ger Marsch.

weinkenner.de Gais­bur­ger Marsch?

Warth Das ist ein tra­di­tio­nel­les schwä­bi­sches Ein­topf­ge­richt: klein­ge­schnit­te­nes Och­sen­fleisch, Fleisch­brü­he, Kar­tof­feln, Spätz­le – wie gemacht für einen guten Trol­lin­ger.

weinkenner.de Sind 7,60 Euro für einen gei­zi­gen Schwa­ben nicht zu viel?

Warth Wer den Trol­lin­ger liter­wei­se trinkt, wird bei dem Preis ver­mut­lich zusam­men­zu­cken. Aber Genus­s­trin­ker schreckt der Preis über­haupt nicht. Der Bar­tho­lo­mä­us, einer unser zwei Spitzen-Trollinger, kos­tet sogar fast dop­pelt so viel. Den kön­nen Sie übri­gens auch gut zu Reh­wild oder zu einem Steak trin­ken. Und den Quer­cus, unse­ren Barrique-Trollinger, zur Ente. Mit Fisch und Rot­wein tue ich mich dage­gen etwas schwer.

weinkenner.de Ist der Trol­lin­ger ein Wein, den nur der Schwa­be mag und ver­steht?

Warth Nicht mehr. Mitt­ler­wei­le haben ihn auch Wein­lieb­ha­ber außer­halb der Regi­on ent­deckt. In Ber­lin ste­hen unse­re Trol­lin­ger im Restau­rant Weiss in Char­lot­ten­burg auf der Kar­te, in Wede­mark bei Han­no­ver im Restau­rant Zum Eichen­krug. Nur die Bade­ner trin­ken unse­ren Wein nicht.

weinkenner.de Die Schwa­ben trin­ken ja auch kei­nen Mark­gräf­ler Gut­edel und kei­nen Spät­bur­gun­der vom Kai­ser­stuhl…

Warth Eher nicht. Wir glau­ben an unse­re loka­len Wei­ne. Das Rems­tal ist eine Aus­flugs­re­gi­on. Am Wochen­en­de kom­men vie­le Stutt­gar­ter, um hier spa­zie­ren oder essen zu gehen. Da kehrt man auch gern beim Wein­gut ein, pro­biert und nimmt ein paar Fläsch­le mit.

weinkenner.de Hat der Trol­lin­ger in Würt­tem­berg einen Stand­ort­vor­teil?

Warth Wir haben einen Stand­ort­vor­teil. Wir lie­gen nur acht Kilo­me­ter vom Zen­trum Stutt­garts ent­fernt.

weinkenner.de Was ist der größ­te Kon­kur­rent des Trol­lin­ger? Der Lem­ber­ger? Der Spät­bur­gun­der?

Warth Ich wür­de sagen: die Weiß­wei­ne. Wenn der Trollinger-Konsum ins­ge­samt etwas zurück­geht, dann wegen des Ries­lings.

Über den Autor
Jens Priewe

Jens Priewe hat vie­le Jah­re als Politik- und Wirt­schafts­jour­na­list gear­bei­tet, bevor er auf das The­ma Wein umsat­tel­te. Er schreibt Kolum­nen für den Fein­schme­cker und für das schwei­ze­ri­sche Wein­ma­ga­zin Mer­um. Für den Wein­ken­ner, deren Gesell­schaf­ter er ist, hat er seit der Grün­dung über 200 Arti­kel bei­gesteu­ert. Außer­dem ist er Ver­fas­ser meh­re­rer erfolg­rei­cher Wein­bü­cher (u. a. „Wein – die gros­se Schu­le“, „Grund­kurs Wein“). Er stammt aus Schleswig-Holstein, lebt aber seit fast 40 Jah­ren in Mün­chen.

1 Kommentar

Antwort schreiben