Weihnachten gilt als besinnliche Zeit. Jens Priewe besinnt sich, welche Weine ihn im abgelaufenen Jahr besonders beeindruckt haben
Der Beruf bringt es mit sich, dass ich zu vielen Weinproben eingeladen werde und oft Weine trinken kann, denen man als normaler Weintrinker selten begegnet. Oder Weine trinkt, die man sich selbst nicht leisten könnte (beziehungsweise wollte). Von diesen Weinen zu berichten, gehört zum Job eines Weinjournalisten dazu. Aber der Job sollte sich nicht darin erschöpfen. Es hat immer etwas Snobistisches, über Weine zu schreiben, die für normale Weintrinker unerreichbar sind. Deshalb suche ich stets auch nach alltagstauglichen Weinen, die man auch an einem grauen Montag öffnen würde, wenn es zu Hause nur Bratkartoffeln oder Spaghetti Bolognese gibt. Sie zu finden ist wesentlich schwieriger als teure Spitzenweine zu finden, jedenfalls dann, wenn sie von gehobener Qualität sein sollen. Natürlich suche ich auch festliche Weine, die zu besonderen Gelegenheiten kredenzt werden und die man mit Freunden teilt, die etwas von Wein verstehen – aber sie müssen besser sein als Preis und Herkunft vermuten lassen. Ob sie aus Deutschland oder irgendeinem unbekannten Winkel unseres Planeten stammen, ist mir dabei völlig egal. Gute und besondere Qualitäten gibt es an vielen Stellen der Erde, und ich erlaube mir, einige besonders interessante zu erwähnen, die man nicht auf den Vorschlagslisten von Händlern, von SPIEGEL Online und der BILD-Zeitung findet. Übrigens: Zum Unterschied zu anderen Publikationen bekommt weinkenner.de keine Händler-Vergütungen, wenn es zum Kauf eines der Weine kommt.
Der Ungekünstelte
2024 Malagousia Single Vineyard „Turtles“, Alpha Estate
An exklusiven, teuren Weißweinen herrscht in der Welt kein Mangel. Dieser Malagousia ist weder exklusiv noch teuer. Er ist sehr gut und charaktervoll und in seiner Preislage das Beste, was ich im letzten Jahr getrunken habe. Gegen die teils banalen, teils verkopften Weißweine aus anderen Mittelmeerländern überzeugt er mit seiner gradlinigen, völlig ungekünstelten Art. Er wurde nur im Edelstahltank, nicht im Holzfass ausgebaut, ist trocken mit schmelziger, an Williamsbirnen und Lychee erinnernden Frucht und frischer Säure – die neue Generation griechischer Weine. Malagousia ist die häufigste Weißweinsorte Griechenlands. In diesem Fall kommt sie aus dem kühlen Amyndeon im Norden Griechenlands. Alpha Estate, das Weingut, ist kein Geheimtipp. Seine Weine finden sich in vielen griechischen Restaurants auf der Weinkarte. Allein wegen dieses Weißweins lohnt der Besuch.
€ 11,50
Der Schäumende
2009 Chardonnay Reserve Brut, Sekthaus Raumland
Seit sich herumgesprochen hat, dass hochklassige Champagner, Sekte und andere Schaumweine weniger zum Anstoßen als zum Essen gemacht sind, ist die Nachfrage nach Prickelndem in Deutschland stark gestiegen. Franzosen, Italiener, Spanier haben es uns vorgemacht. Dieser Winzersekt eines der besten deutschen Schaumweinerzeuger gehört in die Kategrorie “nobel“. Eine Chardonnay Réserve Brut aus dem Jahrgang 2009, knapp 8 Jahre auf der Hefe gelegen und danach noch mehrere Jahre (bis heute) auf der Flasche nachgereift. Raumland hat in den letzten Jahren regelmäßig eine kleinen Menge Chardonnay Réserve in Magnumflaschen gefüllt und in die Schatzkammer gelegt. Ich hatte kürzlich Gelegenheit, die Jahrgänge 2017, 2015, 2013, 2011 und 2009 probieren zu können. Alle hervorragend, der 2009er überragend. Hochmineralisch wie ein Chablis Grand Cru, leicht nussig infolge der langen Reife, gleichzeitig cremig-frisch auf der Zunge, als sei er gestern erst degorgiert worden. Ein paar Flaschen sind in der Schatzkammer noch vorhanden.
€ 109 (Magnum)
Der Magische
2023 Vosne-Romanée Vielles Vignes, Cécile Tremblay
Jedes Jahr im November werden 100 der besten Winzer der Welt in die Pfalz zu Meiningers Finest100 geladen. Händler, Sommeliers und ein paar Journalisten erhalten dann die Möglichkeit, Weine kennenzulernen, die sie sonst selten oder nie probieren können. In diesem Jahr war Cécile Tremblay unter den 100 Eingeladenen. Während die ganze Welt von Georges Roumier, Armand Rousseau, Leroy, Méo-Camuzet und der Domaine de la Romanée-Conti schwärmt, ist über diese Burgunder vigneronne wenig gesprochen. Dabei schmücken ihre Weine die Liste jedes Pariser 3-Sterne-Restaurants. Cécile startete erst 2002 mit wenigen Parzellen, die ihr die Familie hinterlassen hatte, stellte sie biodynamisch um und begann ein Jahr später mit der Vermarktung. Was sie anders macht? Nicht viel. Aber was sie macht, ist präzis und überlegt: skrupulöse Traubenselektion, sanfte Extraktion, spontane Vergärung. Die Fässer, die sie benutzt, sind maßgeschneidert für die Größe ihrer Parzellen. So entstehen magische Weine, meditativ und extrovertiert zugleich. Der Echézeaux Grand Cru ist ihr berühmtester Wein. Er kostet 1600 Euro pro Flasche. Ich habe aber immer noch ihren einfachen Village-Wein aus Vosne-Romanée auf der Zunge mit seiner erdigen Mineralität und der verführerischen Pinot-Süße. Er kommt von zwei kleinen Parzellen mit 50jährigen Rebstöcken und kostet nur halb so viel wie ein verchromter Auspuff eines Porsche Cayenne.
€ 360
Der Geheimtipp
2021 Wester Reach Pinot Noir, DuMol
DuMol hat sich in den letzten Jahren zum führenden Pinot Noir- und Chardonnay-Produzenten in Kalifornien entwickelt. Seine Chardonnays haben fast einen europäischen Appeal, während die Pinot Noirs mit ihrer kühlen, expressiven Frucht typisch sind für die sauren, vulkanischen Böden des Russian River. Mit Andy Smith, dem Winemaker, hatte ich im letzten Sommer in München mehrere Pinots verkosten können. Durch die Bank tolle Weine mit hell strahlender Frucht, rauchiger Würze, enormer Frische. Der Wester Reach ist DuMols einfachster Pinot Noir und doch schon ein besonderer Wein. Er ist purer als die französischen Pinot Noirs und substanzreicher als die deutschen Spätburgunder. Wer ein großes Burgunderglas besitzt und die Pinot-Magie sucht, braucht nicht auf Weihnachten oder Silvester zu warten, um den Wein zu öffnen. Er kann sich mit ihm jederzeit einen besonderen Moment machen.
€ 83,90
Der Schwerelose
2024 Riesling trocken Abts E Grosses Gewächs, Weingut Keller
Es mag arrogant wirken, angesichts Zehntausender Rieslinge, die in Deutschland erzeugt werden, einen herauszugreifen und zu behaupten, er sei der beste. Aber wenn ich danach gefragt würde und antworten müsste, dann würde ich in diesem Moment die Abtserde von Klaus-Peter Keller nennen (abgekürzt Abts E). Kellers gesamte 2024er Kollektion, die ich im Sommer bei den Weinproben zum FEINSCHMECKER Wein Guide verkosten konnte, ist grandios, und der Abts E stach heraus. Leichtfüssig und von einer Wahnsinnssäure durchzogen, die aber nicht schmerzt. Sie ist weinig und lässt den Wein geradezu schwerelos erscheinen. „Macht mich sprachlos“ hatte ich über den Wein im Guide geschrieben. Leider bin ich nicht der einzige Mensch auf dem Planeten, der vom Abts E fasziniert ist. Entsprechend schwer ist er zu finden. Er kommt im März 2026 in den Handel und ist im Weingut längst ausreserviert. Bei dem einen oder anderen Händler wird man ihn wohl finden. Vielleicht ist dieser auch bereit, ein Fläschlein oder zwei abzugeben. Über den Preis, der sich jenseits der 300 Euro bewegen dürfte, sollte man in diesem Fall nicht lange diskutieren.
Der neue Südtiroler Stern
2024 Schlossberg Weißburgunder, Baron Longo
Seit Jahren schon ist Südtirol die spannendste Weißwein-Region Italiens. Vor allem der Weißburgunder hat den Ruf Südtirols mächtig aufpoliert. Der Weißburgunder Vorberg von den Terlaner Genossen, der Sirmian von Nals Margreid, die Renaissance Riserva von Markus Prackwieser, der Tyrol von den Meraner Genossen – alles Weißburgunder-Ikonen. Neu in diesem Reigen ist der Schlossberg Weißburgunder von Baron Longo. Ich hatte neulich Gelegenheit, ihn im Ristorante Alfredo in Köln zu trinken – und habe ihn in vollen Zügen genossen. Ein Weißburgunder von 40jährigen Reben, die noch an der Pergel wachsen, nicht in großer Höhe (wie die meisten anderen Weißburgunder), sondern „nur“ 300 Meter hoch oberhalb von Neumarkt an jenem markanten Rundhügel, auf dem das Schloss der Familie Longo thront. Ein muskulöser Weißburgunder von disziplinierter Fülle, spontan vergoren mit feinen Reduktionsnoten, im großen Holzfass ausgebaut. Er haftet lange am Gaumen und klingt mit Noten von Zitrus, Kafir, Kräutersalz aus. Ein paar Jahre Verfeinerung auf der Flasche werden ihm gut tun.
€ 35,50
Der Saftige
Passing Clouds, Muri
Was sich in dieser Flasche befindet, ist kein Wein. Es ist fermentierter Saft von weißen Johannisbeeren, Stachelbeeren und Quitte, gewürzt mit Jasmin, Waldmeister und anderen Ingredienzien. Ein spritziges Getränk mit null Alkohol, in dem weder Trauben noch Wein verarbeitet wurden. Auch wenn ich als Weintrinker nicht zur Zielgruppe der Muri-Kunden gehöre: Ich finde die Idee, alkoholfreie Drinks zu entwickeln, die zum Essen passen, genial. Erst recht, wenn sie so raffiniert komponiert sind und so gut schmecken wie die Muri-Getränke. Mit den de-alkoholisierten Weinen, die mit Kräutern, Tees und reichlich Zucker gaumenkompatibel gemacht werden, und auf die auch besseren Restaurants meinen, nicht verzichten zu können, haben sie nichts zu tun. Die Idee zu den fermentierten Säften hatte der gebürtige Schotte Murray Paterson, den ich im November zufällig in Hamburg traf, wo er vom FEINBSCHMECKER paradoxerweise mit einem Wine Award geehrt wurde. Er sitzt mit seiner Firma Muri-Drinks in Kopenhagen und kreiert rund ein Dutzend verschiedene Drinks, die meisten trocken und alle leicht perlig. Passing Clouds ist einer der Blends, laut Murray perfekt zu Austern, würzigen Currys und asiatischen Bowls passend. Der rosefarbene Yamilé, ein anderer Blend, besteht aus fermentierter Himbeere und geräuchertem Rhabarber, der rote Fade to Black aus roten und schwarzen Johannisbeeren mit Kamille, Feigenblättern und Piniennadeln.
€ 23
Der Weitgereiste
2021 Shiraz Balhannah Vineyard, Shaw & Smith
Australien, wo dieser Rotwein herkommt, ist weit weg, und mancher Europäer fragt sich, ob man einen Wein Tausende von Kilometern herbeischiffen soll, wo es doch eigentlich genug guten Wein in Europa gibt. Die Frage ist berechtigt. Der einzige Grund besteht darin, dass es einen Wein wie diesen nicht in Europa gibt. Er ist nämlich nicht nur gut, sondern auch speziell. Wuchtig auf der einen Seite (wie man es von australischem Shiraz kennt), aber doch viel unkomplizierter über den Gaumen laufend als ein Cornas oder Côte Rôtie von der Rhône. Um das, was an Geschmack in ihm steckt, zu beschreiben, brauchen die internationalen Weinkritiker ein ganzes botanisches Lexikon: Lavendel, Oliven, Wachholder, Petersilientinktur, Stechwinde, Agave, Kriechpflaume, Wildkirsch, um nur einige Aromen zu nennen. Was auch immer davon zutrifft: Der Balhannah ist gehört zur neuen Generation australischer Shiraz, die extrem pur, extrem intensiv, extrem präzis gearbeitet sind und dadurch extrem attraktiv sind. Er kommt aus den kühlen Adelaide Hills. Nur wenige Kisten gelangen nach Europa, die meisten verschwinden in englischen Kellern. Ich habe den Wein im letzten Sommer mehrfach getrunken und würde den Wein auch selbst importieren, wenn es nicht schon andere täten.
€ 55
Der Mitreissende
2022 Chianti Classico, Querciabella
165 Chianti Classico habe ich im letzten Frühjahr in Florenz verkostet, und in der Kategorie „Annata“ hat mich der Wein von Querciabella am meisten begeistert. Annata ist die unterste Stufe in der dreistufigen Chianti Classico-Hierarchie, sozusagen der Jahrgangswein, der schon ab 1. Oktober des auf die Lese folgenden Jahres auf den Markt kommen darf. Die Annata war und ist für mich immer noch der schönste, weil urtümlichste Chianti Classico. Im Vergleich zur höherwertigen Riserva und zur Gran Selezione bringt er die frische, delikate Frucht der Sangiovese-Traube am besten zum Ausdruck. Bedarf es dafür eines Beweises, ist es der Wein von Querciabella. Auf meinem Probenzettel stand: violettrot in der Farbe mit den typischen Veilchen-, Brombeer- und Wachholderaromen, bissige Frucht, glattes Tannin, viel Spannung. Kürzlich habe ich wieder eine Flasche desselben Jahrgangs aufgemacht: Die Spannung ist geblieben, die Aromen auch, nur die Frucht ist wärmer, reicher, präziser, nicht mehr so wild und bissig wie damals. Kurz: ein mitreißender Wein, fast schon zu strukturiert für eine einfache Annata. Aber das nehme ich gern in Kauf.
€ 18,42
Der Herzhafte
2021 Cabernet Moravia, Zdeněk Vykoukal
Dieser Rotwein kommt aus Tschechien und ist ziemlich unbekannt. Warum er auf meiner Vorschlagsliste landet? Weil nicht alle Weintrinker gleich sind. Einige ziehen herzhafte Weine den glatten, geschliffenen vor, auch wenn sie vielleicht etwas rumpelig sind und Ecken und Kanten aufweisen. Dieser Cabernet Moravia ist relativ hell in der Farbe, herzhaft fruchtig mit viel roter Johannisbeere und ein bisschen dunklem Pfeffer. Fachleute würden sagen, er sei unterkomplex. Aus ihrer Sicht haben sie Recht. Aber es gibt Weintrinker, die verzichten gern auf Tüddelüt und legen mehr Wert auf Gradlinigkeit und Eindeutigkeit, wenn der Wein ansonsten in sich stimmig ist. Auch ich bin manchmal der hochkomplexen, vielschichtigen, ambitionierten Weine müde und sehne mich nach dem Luxus des Einfachen. So war es zum Beispiel im letzten Sommer, als ich zum ersten Mal diesen Wein aufmachte und feststellte, dass er gar nicht rumpelig ist und man sich schnell mit ihm anfreunden kann. Ihn gut zu kühlen ist dringend anzuraten. Übrigens: Cabernet Moravia ist eine Kreuzung von Cabernet franc und Zweigelt. Man findet sie noch in Mähren, was früher österreich-ungarisches Kronland war, bevor Napoleon 1805 in Austerlitz die vereinigten Heere von Zar und Kaiser in die Flucht schlug. „Terroir Austerlitz“ hat Zdeněk Vykokal deshalb aufs Etikett geschrieben. Er ist Eisenbahner, Heavy Metal-Gitarrist und beseelter Winzer.
€ 19







































































