Vino Nobile di Montepulciano 2012 und 2013: nicht groß, aber gut

Stefan Krimm hat die neuen Jahrgänge des Vino Nobile di Montepulciano verkostet und bestätigt: Die Kehrtwende hält an. Der schwierige Jahrgang 2013 hat gute, der große Jahrgang 2012 sehr gute Qualitäten gebracht.

Über den Vino Nobi­le di Mon­te­pul­cia­no hat es in den letz­ten fünf Jahr­hun­der­ten vie­le loben­de Kom­men­ta­re gege­ben. In den letz­ten drei Jahr­zehn­ten fie­len sie aller­dings erkenn­bar nüch­ter­ner aus. Nicht sel­ten emp­fan­den Kon­su­men­ten und Kri­ti­ker den angeb­li­chen „Bru­der“ des Bru­nel­lo di Mon­tal­ci­no etwas bäu­er­lich und mit kel­ler­tech­ni­schen Feh­lern behaf­tet. Die­se reich­ten von früh­zei­ti­gem Gezehrt­sein bis zu Brett­ano­my­ces. Das Prä­di­kat Nobi­le wirk­te daher oft unver­dient.

Nicht immer dem Prädikat „Nobile“ gerecht geworden

Auch die Preis­po­li­tik gro­ßer Erzeu­ger, etwa die der Vec­chia Can­ti­na, der ältes­ten Genos­sen­schaft der Tos­ka­na, signa­li­sier­te, dass man sich selbst nicht wirk­lich in einer Rei­he mit den illus­tren Wei­nen sah, die zusam­men mit dem Vino Nobi­le 1980 den DOCG-Status erhal­ten hat­ten: Baro­lo, Bar­ba­res­co und Bru­nel­lo di Mon­tal­ci­no.

In den letz­ten bei­den Jahr­zehn­ten haben sich die Ver­hält­nis­se geän­dert, und wie stets waren es fau­len Kom­pro­mis­sen abge­neig­te Pio­nie­re, die den Ton anga­ben: klei­ne und mitt­le­re Güter wie Bos­ca­rel­li, Le Casal­te, Fogna­no und Con­tuc­ci, aber auch gro­ße wie Poli­zia­no und Avi­gno­ne­si. Sie setz­ten neue Stan­dards und fan­den Nach­ah­mer. Das Ergeb­nis des erfolg­ten Wan­dels: die Wei­ne von Mon­te­pul­cia­no wer­den mitt­ler­wei­le zum gro­ßen Teil „ter­ro­ir­ge­recht“ erzeugt und in Kel­lern aus­ge­baut, denen es tech­nisch an nichts fehlt.

International wieder präsentabel

Le Bèrne
Le Bèr­ne

Die Basis­sor­te im Anbau­ge­biet des Vino Nobi­le ist die San­giove­se – wie im Chi­an­ti Clas­si­co, in Mon­tal­ci­no und den meis­ten tos­ka­ni­schen Appel­la­tio­nen. Nur wird die Sor­te in Mon­te­pul­cia­no anders genannt: Prug­no­lo Gen­ti­le. Sie muss nach dem DOCG-Statut 70 Pro­zent der Cuvée aus­ma­chen. Sie bil­det – ins­be­son­de­re aus älte­ren Anla­gen mit begrenz­ten Erträ­gen – die ver­läss­li­che Basis eines regio­nal gepräg­ten, aber inter­na­tio­nal durch­aus prä­sen­ta­blen Weins.

Kom­bi­niert wird der San­giove­se mit auto­chtho­nen Sor­ten wie Cana­io­lo, Colo­ri­no und Mam­mo­lo sowie mit den zuge­wan­der­ten Mer­lot und Caber­net Sau­vi­gnon. Kel­ler­tech­ni­sche Feh­ler wer­den kaum noch gemacht. Und man hat zu akzep­tie­ren gelernt, dass der Nobi­le di Mon­te­pul­cia­no sich nicht als Bru­der des Bru­nel­lo di Mon­tal­ci­no prä­sen­tie­ren kann. Dass er ein ganz eige­nes, meist schlan­ke­res Pro­fil hat: fri­scher ist, bee­ri­ger, oft auch stof­fi­ger und nicht ganz so inten­siv und fül­lig. Anders eben, aber in sei­ner Eigen­stän­dig­keit sehr respek­ta­bel. Und man segelt nicht mehr so krampf­haft hin­ter einer Bezeich­nung her, die durch die erziel­ba­ren Prei­se für den Wein wie die für das Reb­land nicht bestä­tigt wird. Die Nobile-Erzeuger sind mit die­sem Kurs, ganz gut gefah­ren, wie die im Febru­ar vor­ge­stell­ten Wei­ne des nicht ganz ein­fa­chen, rela­tiv küh­len und feuch­ten Jahr­gangs 2013 und die Riser­ve des Spit­zen­jahrs 2012 bestä­tig­ten.

Hier die Wei­ne, die meis­tens über­zeugt haben:

2013 Vino Nobile di Montepulciano


NameBeschrei­bungPunk­te
Le Bèr­neIm zurück­hal­ten­den, aber viel­schich­ti­gen Duft vor allem Veil­chen und wür­zi­ge Wald­bee­ren; am Gau­men gutes Volu­men, aus­drucks­vol­le nuan­cier­te Frucht, mit Schmelz, Schliff und vor­züg­li­cher inne­rer Span­nung.92
Il Grep­po „Grep­po Anti­co“Aro­men von Hei­del­bee­ren, Erd­bee­ren und Kräu­tern; auf der Zun­ge reif, dicht und kul­ti­viert mit guter Struk­tur, schö­ner Balan­ce und lan­gem Nach­hall.91
Fat­to­ria del Cer­ro „Anti­ca Chi­usi­na Sele­zio­ne“Im Duft stof­fig, mit Him­bee­ren, Erd­bee­ren und Bit­ter­scho­ko­la­de; am Gau­men viel­schich­tig mit inten­si­ver Frucht, beacht­li­chem Volu­men, kräf­ti­gen Tan­ni­nen und guter Balan­ce.90
Le Ber­til­leFein­wür­zi­ge Aro­men von rei­fen Hei­del­bee­ren mit einem Hauch Wald­bo­den; im Mund saf­tig mit beein­dru­cken­der Ver­bin­dung von Ele­ganz und soli­der Stof­fig­keit, sehr lan­ger Nach­hall.89
Casa­le David­diAni­ma­lisch unter­leg­ter Duft nach Wald­bee­ren, Pflau­men und Schwarz­kir­sche; im Mund dazu fei­ne Spit­zen, gro­ße Ele­ganz und lan­ger küh­ler Nach­hall.89
Poli­zia­noWür­zi­ge Aro­men von Hei­del­bee­ren, Kir­schen und etwas Bit­ter­scho­ko­la­de; am Gau­men noch recht ver­schlos­sen, aber kon­zen­triert mit schö­nem Schliff und recht lan­gem Nach­hall.89
Tiberi­ni „Pode­re Le Caggio­le“Fei­ner Duft mit an getrock­ne­te Kir­schen erin­nerrn­der Süße; am Gau­men trans­pa­ren­te Frucht, reif mit schö­nem Schmelz, geschlif­fe­nen Tan­ni­nen und lan­gem Nach­hall.89
La Brac­ce­s­caIn der Nase zurück­hal­tend mit leicht rau­chi­gen Waldbeeren-Aromen und etwas Bit­ter­scho­ko­la­de; am Gau­men inten­siv mit guter Struk­tur und fei­nen, geschlif­fe­nen Tan­ni­nen.89
Lom­bar­doAro­men von Wald­bee­ren und Eichen­moos, leicht ani­ma­lisch; im Mund reif und ele­gant, schö­ne Span­nung Frische-Süße, geschlif­fe­ne Tan­ni­ne, schon gut trink­bar, aber mit Per­spek­ti­ve.89
Bar­ba­ne­ra „Duca di Saragna­no“Süße, jun­ge, blü­ti­ge Aro­men von Kir­sche und Brom­bee­re, unter­legt mit etwas Scho­ko­la­de; am Gau­men frisch, leb­haft und trink­ani­mie­rend mit fei­nen Tan­ni­nen.89
DeiLeb­haf­te, fri­sche Brombeer-Frucht und Pflau­men­saft, unter­legt mit etwas Holz; am Gau­men reif mit fei­ner Süße und etwas Lor­beer. Ein aus­ba­lan­cier­ter Wein mit lan­gem Nach­hall.88
Lun­a­do­ro „Paglia­re­to“Nase geprägt von leicht rau­chi­gen Wald­bee­ren, Pflau­men und Bit­ter­scho­ko­la­de; am Gau­men noch ver­schlos­sen, aber mit guter Struk­tur, schö­nem Schliff und fri­schem, recht lan­gem Nach­hall.88
Vil­la Sant’AnnaIm Duft Hei­del­bee­ren mit leicht ani­ma­li­schen Anklän­gen und etwas Gra­phit; am Gau­men gut struk­tu­riert, dicht und stof­fig mit lan­gem, küh­lem Nach­hall und deut­li­chem Ent­wick­lungs­po­ten­ti­al.88
Val­di­pi­at­ta „Vigna d’Alfiero Sele­zio­ne“Duft nach süßen Wald­bee­ren; am Gau­men eher schlank, mit fei­nen Gelee­noten, schö­nem Schliff und rei­fen Tan­ni­nen.88
Can­ne­toIn der Nase zurück­hal­tend: rote Früch­te mit einer klei­nen Spur Pfef­fer und Vanil­le; im Mund kom­pakt und kraft­voll, getrock­ne­te Kir­schen und Kräu­ter, schö­ner Schliff, guter Kör­per.87
Gat­ta­vec­chi „Par­ce­to Sele­zio­ne“In der Nase Blü­ten und süße Wald­bee­ren; auf der Zun­ge schmel­zig, reif und weich, fei­ne Süße. Ein Schmeich­ler!87
Fas­sa­tiLeicht bei­zen­de Aro­men von Wald­bee­ren und Bit­ter­scho­ko­la­de; am Gau­men dann gut abge­stimmt, etwas modisch wir­kend, mit kräf­ti­gen Tan­ni­nen und lan­gem Nach­hall.87

2012 Vino Nobile di Montepulicano Riserva


NameBeschrei­bungPunk­te
Grac­cia­no del­la SetaEin­drucks­vol­ler Duft nach roten Früch­ten mit etwas Pflau­me und Tabak; am Gau­men nuan­ciert mit gro­ßer Ele­ganz, geschlif­fe­ne Tan­ni­ne, per­fek­te Balan­ce und sehr lan­ger Nach­hall.93
Can­ne­to „Sele­zio­ne Casi­na di Doro“Inten­si­ve Aro­men von Wald­bee­ren mit einer Spur Unter­holz und Teer; im Mund leb­haf­te Frucht mit fei­nen geschlif­fe­nen Gelee­noten, klei­nen Spit­zen und beein­dru­cken­der Span­nung.92
Con­tuc­ciLeicht rau­chi­ge, von Hei­del­bee­ren, Schwarz­kir­sche und Unter­holz gepräg­te Nase; am Gau­men reif und schmel­zig mit Anklang an Brom­beer­ge­lee, schö­ne Balan­ce, sehr lan­ger Nach­hall.92
Dei „Bosso­na“Im Duft Unter­holz, Leder, schwar­ze Oli­ven und etwas Lakrit­ze; auf der Zun­ge Schwarz­kir­sche und ein Hauch Kaf­fee, schö­ner Schmelz, rei­fe Tan­ni­ne, lan­ger Nach­hall. Gelun­ge­ne Ver­bin­dung von Ele­ganz und Kraft.91
Car­pi­ne­toIm ein­drucks­vol­len, leicht ani­ma­li­schen Duft Schwarz­kir­sche, eine Spur Tin­te und Vanil­le; auch am Gau­men von beein­dru­cken­der Viel­falt, Kraft und Stof­fig­keit, eigen­stän­dig und lang.91
Lun­a­do­ro „Quer­cio­ne“Duft geprägt von leicht rau­chi­gen Kirsch-Noten; am Gau­men reif und weich, die schmel­zi­ge, leicht pflau­mi­ge Frucht unter­legt mit einem Hauch von Bit­ter­scho­ko­la­de, gute Balan­ce, sehr lan­ger Nach­hall. Ein edler Wein.91
Casa­le David­diSüße, schmei­cheln­de Aro­men von rei­fen Wald­bee­ren und Schwarz­kir­sche; am Gau­men ele­gant, mit Anklän­gen an Sat­tel­le­der und fei­nen Gelee­noten. Kraft­voll und schmel­zig mit beacht­li­chem Schliff91
Avi­gno­ne­si „Gran­di Anna­te“Nase geprägt von rei­fen Wald­bee­ren und Holun­der, unter­legt mit etwas Scho­ko­la­de; am Gau­men rund und reif mit gut ein­ge­bun­de­nen Tan­ni­nen, schö­ner Balan­ce und lan­gem Nach­hall90
Il Moli­nac­cio „La Poia­na“Inten­si­ve Aro­men von süßen Brom­bee­ren und Sat­tel­le­der; am Gau­men reif und geschlif­fen mit Anklän­gen an getrock­ne­te Kir­schen, gute Balan­ce von Kraft und Schmelz.89
Il Con­ven­ti­noIm Duft zurück­hal­tend mit rei­fen Wald­bee­ren und Leder; am Gau­men klas­sisch und kul­ti­viert, mit beacht­li­chem Volu­men, schmel­zi­ger Frucht, rei­fen Tan­ni­nen und beein­dru­cken­dem Nach­hall.89
Bar­ba­ne­ra „Duca di Saragna­no“Aro­men von Wald­bee­ren und Schwarz­kir­sche; auf der Zun­ge trans­pa­ren­te Frucht, ele­gant, weich und reif mit geschmei­di­gen Tan­ni­nen und gutem Ent­wick­lungs­po­ten­ti­al.89
Ica­rio „Vita­roc­cia“Im Duft süße Brom­bee­ren; auf der Zun­ge trans­pa­rent, weich und geschlif­fen, schö­ner Kör­per, viel Charme und lan­ger, leicht küh­ler Nach­hall.88
Über den Autor

Ste­fan Krimm, pro­mo­vier­ter His­to­ri­ker, war bis Febru­ar 2011 Refe­rats­lei­ter im baye­ri­schen Kul­tus­mi­nis­te­ri­um. Seit 1991 publi­ziert er in ver­schie­de­nen Fach­ma­ga­zi­nen Arti­kel über Wein. Sei­ne Schwer­punk­te lie­gen im fran­zö­si­schen Süden (Pro­vence, Rhô­ne, Langue­doc, Rouss­il­lon) und Süd­wes­ten bis nach Bor­deaux sowie in Fran­ken. 1999 leg­te er zusam­men mit Die­ter Weber ein Buch über Goe­the und den Wein vor. 2002 wur­de sei­ne Arbeit mit einem Son­der­preis des Prix du Cham­pa­gne Lan­son gewür­digt. 2003 er hielt er in Paris mit der Tro­phée Lou­is Mari­nier einen inter­na­tio­na­len Jour­na­lis­ten­preis der Win­zer von Bor­deaux. Krimm lebt in der Nähe von Mün­chen.

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