Vernatsch-Cup: die besten Weine aus Südtirols ältester Sorte

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Jedes Jahr im Juni treffen sich ein gutes Dutzend Sommeliers und Fachjournalisten im Südtiroler Vigilius Mountain Resort, um die besten Vernatsch-Weine zu küren. Jens Priewe war dabei.

Ver­natsch ist zwar nicht mehr der häu­figs­te Süd­ti­ro­ler Wein, aber immer noch der typischs­te. Er gilt als Leicht­wein, weil er so unkom­pli­ziert zu trin­ken ist: schö­ne mandelig-kirschige Frucht, mode­ra­te Säu­re, kein stö­ren­des Tan­nin. In der Far­be mehr oder min­der hell­rot, wird er nahe­zu über­all zwi­schen Meran und Salurn pro­du­ziert, Aller­dings ist sein Anteil am Reben­sor­ti­ment auf rund 8 Pro­zent geschrumpft. Vor 30 Jah­ren lag er bei etwa 60 Pro­zent. Für den Rück­gang gibt es meh­re­re Grün­de. Der ers­te: Der inter­na­tio­na­le Trend ging damals zu „dunk­len“ Rot­wei­nen. Was Süd­ti­rol angeht, also zu Lag­rein, Mer­lot, Caber­net, natür­lich auch zu Blau­bur­gun­der, wenn man Pinot Nero zu den dunk­len Wei­nen rech­nen will. Die­ser Trend ist bis heu­te ungebrochen.

Weiße Sorten haben den Vernatsch verdrängt

Noch stär­ker war (und ist) jedoch der Trend zu den Weiß­wei­nen. Mit ihnen konn­te Süd­ti­rol auch außer­halb sei­ner Gren­zen punk­ten, etwa im Export nach Deutsch­land und Ita­li­en (Ver­käu­fe nach Ita­li­en wer­den von den Süd­ti­ro­lern als „Export“ bezeich­net). Der wich­tigs­te Grund aber ist das Trink­ver­hal­ten der Süd­ti­ro­ler selbst. Vor 30 Jah­ren begann der blau­be­schürz­te Ein­hei­mi­sche sei­nen Tag mit einem Gläs­chen Ver­natsch, auch zwei, mor­gens um neun. Und das Vernatsch-Trinken zog sich über den gan­zen Tag bis in die Nacht hin. Das legen­dä­re Törg­ge­len mit Speck, Käse und Kas­ta­ni­en ist nichts anders als Vernatsch-Dauerkonsum. Die­se Gene­ra­ti­on ver­schwin­det lang­sam. Die Jun­gen trin­ken Grau­bur­gun­der, Char­don­nay, Weiß­bur­gun­der – jene Sor­ten, die den Ver­natsch ver­drängt haben.

Vigilius Mountain Resort – zwei Tage lang Mittelpunkt der Vernatsch-Welt

„Sehr trau­rig“ nennt Ulrich Lad­ur­ner die­sen Zustand. Der Süd­ti­ro­ler Fabri­kant für glu­ten­freie Lebens­mit­tel („Dr. Schaer“) liebt Ver­natsch. Für ihn ist der Wein ein Stück Hei­mat. Er bedau­ert, dass der Hell­ro­te bei den Kon­su­men­ten in Miss­kre­dit gera­ten ist. Um dem ent­ge­gen­zu­wir­ken, läd er jedes Jahr eine viel­köp­fi­ge Jury zwei Tage lang in das ihm gehö­ren­de Vigi­li­us Moun­tain Resort zum Ver­natsch Cup ein. Es gilt, die bes­ten Wei­ne aus die­ser Reb­sor­te zu ermit­teln und zu prä­mie­ren. In die­sen zwei Tagen ist das ober­halb von Tscherms auf 1500 Meter Höhe gele­ge­ne Öko-Luxus Resort, das nur mit Seil­bahn zu errei­chen ist, der Mit­tel­punkt der Vernatsch-Welt. Ein gutes Dut­zend Som­me­liers aus hoch deko­rier­ten Süd­ti­ro­ler Restau­rants und ein paar Wein­fach­jour­na­lis­ten pro­bie­ren die Wei­ne blind und bewer­ten sie – in sechs ver­schie­de­nen Kate­go­rien. Ins­ge­samt waren dies­mal 84 Wei­ne am Start, 30 kamen ins Finale.

Die acht Sieger

1. Kate­go­rie

KALTERERSERE/AUSLESE

2022 Kal­ter­er­see “der Keil“, Wein­gut Manin­cor (Kal­tern)

2. Kate­go­rie

MERANER

2022 Mera­ner Ver­natsch “Schi­cken­burg“, Kel­le­rei Meran (Mar­ling)

3. Kate­go­rie

SÜDTIROL VERNATSCH

2022 Süd­ti­rol Ver­natsch „Hexen­bich­ler“, Kel­le­rei Tra­min (Tra­min)

4. Kate­go­rie

ST. MAGDALENER

2022 St. Mag­da­le­ner clas­si­co, Ansitz Wald­gries (Bozen)

5. Kate­go­rie

SELEKTION

2022 Kal­ter­er­see Aus­le­se clas­si­co supe­ri­or “Arthur Rai­ner”, Wein­gut See­per­le (St. Josef am See)

2022 Süd­ti­rol Ver­natsch „Selek­ti­on Turm­hof“, Wein­gut Tie­fen­brun­ner (Entik­lar)

6. Kate­go­rie

GEREIFT

2021 St. Mag­da­le­ner clas­si­co „Gran Marie”, Flie­der­hof (St. Magdalener)

2018 St. Mag­da­le­ner clas­si­co “Moar”, Kel­le­rei Bozen (Bozen)

 

 

Die 8 Sie­ger­wei­ne vor dem Vigi­li­us Moun­tain Resort ©Fotokofler_Lana

Ansitz Waldgries mit dem „Publikumsliebling“

Unter den Sie­gern wur­de auch noch ein „Publi­kums­lieb­ling“ ermit­telt, dies­mal von einer Lai­en­ju­ry. Ihn erhielt der St. Mag­da­le­ner clas­si­co vom Ansitz Wald­gries. Das ist aus zwei­er­lei Hin­sicht bemer­kens­wert. Ers­tens ist Wald­gries damit der über die Jah­re am häu­figs­ten prä­mier­te Hof beim Ver­natsch Cup. Zwei­tens ist der St. Mag­da­le­ner clas­si­co gar nicht der Top­wein in sei­nem Sor­ti­ment. Das wäre der St. Mag­da­le­ner „Anthe­os“, der als 2021er in der Kate­go­rie „Gereift“ im Wett­be­werb war, aber dort nicht den Sieg errun­gen hat­te. Für mich ist der „Anthe­os“ trotz­dem die Num­mer Eins im Anbau­ge­biet St. Mag­da­le­ner. Chris­ti­an Platt­ner, der Wald­g­rie­ser Wein­bau­er, kel­tert ihn aus einer Mischung aus alten bezie­hungs­wei­se his­to­ri­schen Vernatsch-Spielarten (mit 8 Pro­zent Lag­rein), die teil­wei­se nicht ent­rappt und lan­ge maze­riert wer­den. Sein ein­fa­cher St. Mag­da­le­ner clas­si­co ist dage­gen aus­schließ­lich aus Edel­ver­natsch gewon­nen, dadurch weni­ger viel­schich­tig, aber „trin­ki­ger“ – inso­fern ein ver­dien­ter „Publi­kums­lieb­ling“.

Der Exot vom Pfannenstielhof

Übri­gens stand auf mei­nem Zet­tel auch der 2021 St. Mag­da­le­ner Clas­si­co „Isar­cus“ vom Gries­bau­er­hof ganz oben, ein in Bar­ri­ques gereif­ter Wein, bes­tens struk­tu­riert und gut balan­ciert. Der Barrique-Ausbau schien die Jury jedoch nicht zu über­zeu­gen. Und noch einen Wein habe ich sehr bewun­dert, obwohl er eben­falls nicht zu den Sie­gern gehör­te: der 2017er St. Mag­da­le­ner clas­si­co „Der Pfan­nen­stiel“ vom Pfan­nen­stiel­hof. Im Ver­gleich zu den packen­de­ren, weil jün­ge­ren Wei­nen in der Kate­go­rie „Gereift“ war er eine Art Exot: hell in der Far­be (nur 5% Lag­rein), nach fünf Jah­ren im Edel­stahl­tank abge­klärt und gereift und mit einer bur­gun­der­haf­ten Süße aus­ge­stat­tet – ein Meis­ter­stück von Johan­nes Pfei­fer und wohl das Maxi­mum, das man aus einem Vernatsch-Wein her­aus­ho­len kann.

Der Vernatsch-Anteil schrumpft weiter

Ulrich Lad­ur­ner, den Haus­her­ren, wird es freu­en, dass der Ver­natsch bei Ken­nern wie­der so viel Aner­ken­nung fin­det, jeden­falls im Aus­land bezie­hungs­wei­se bei aus­län­di­schen Südtirol-Touristen. Lei­der reicht das nicht. Der Vernatsch-Anteil am Süd­ti­ro­ler Reben­sor­ti­ment geht wei­ter zurück. Die Süd­ti­ro­ler selbst sind es, die dem Wein noch immer all­zu distan­ziert gegen­über stehen.

 

 

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