Terroir-Wein Bue Apis: alte Sorte, alte Reben, alte Winzer

Stefan Krimm war in Süditalien und hat den Bue Apis entdeckt, einen urwüchsigen Rotwein aus alten Aglianico-Reben, der mehr ist als das Objekt der Begierde für Genießer. Er ist ein Monument antiker Weinkultur.

Kommt man – ins­be­son­de­re bei bedeck­tem Him­mel – zum ers­ten Mal in die Wein­bergs­la­ge Pan­ta­nel­la im Hang des Taburno-Massivs, spürt man fast so etwas wie Beklem­mung: Die bis zu 27 Meter lan­gen Äste der rie­si­gen Wein­stö­cke schei­nen zu leben. Wie dunk­le Pythons schlän­geln sie sich über die Erde und um die Pfäh­le, die sie stüt­zen. Doch die Beklem­mung weicht schnell, wenn man erfährt, was es mit die­sem Wein­berg auf sich hat.

Gepflanzt zu Zeiten des Wiener Kongresses

Das Taburno-Massiv liegt in der süd­ita­lie­ni­schen Regi­on Kam­pa­ni­en. Genau: andert­halb Auto­stun­den nord­öst­lich von Nea­pel. Ein kars­ti­ger Hügel­zug inmit­ten wil­der Natur, sieht man von den Wein­ber­gen ab. Die Reb­an­la­ge, von der hier die Rede ist, gehört zu den ältes­ten in Ita­li­en, ja in Euro­pa. Es sind Aglianico-Reben, die dort wach­sen. Aglia­ni­co ist die bes­te und am häu­figs­ten in Kam­pa­ni­en anzu­tref­fen­de Rot­wein­sor­te.

Alter Aglianico-Rebstock
Alter Aglianico-Rebstock

Die Reben sind wahr­schein­lich Anfang des 19. Jahr­hun­derts gepflanzt wor­den, zu Zei­ten des Wie­ner Kon­gres­ses, also heu­te zwi­schen 180 und 200 Jah­ren alt und wur­zel­echt. Heißt: nicht ver­edelt. Ober­arm­di­cke Reben, manns­hoch, in sich ver­kno­tet, fast her­risch anmu­tend und den Ort, an dem sie ste­hen, kom­plett in Beschlag neh­mend. Die Reb­laus, die sonst über­all in Euro­pa seit dem letz­ten Drit­tel des 19. Jahr­hun­derts für tabu­la rasa sorg­te und gan­ze Wein­land­schaf­ten ver­wüs­te­te, hat es bis heu­te nicht geschafft, an die­sen Ort zu gelan­gen. Das Insekt scheut san­di­ge Böden.

Einer der spannendsten Rotweine Süditaliens

Ange­lo Piaz­za und Lucia Capo­ra­so, die betag­ten Besit­zer die­ses Wein­bergs, den man zum Welt­erbe der Wein­kul­tur zäh­len darf, hüten ihre Reben wie einen Aug­ap­fel. Zwar tra­gen die­se im Herbst nur weni­ge Trau­ben, die aber sind von aller­ers­ter Güte. Der Wein, der aus ihnen gewon­nen wird, ist die größ­te Kost­bar­keit der Can­ti­na del Tab­ur­no, die nur tau­send Meter von dem alten Wein­berg ent­fernt in dem Dorf Foglia­ni­se liegt.

Angelo Piazza und Lucia Caporaso
Ange­lo Piaz­za und Lucia Capo­ra­so

An sie lie­fern Ange­lo und Lucia ihre Trau­ben ab. Der Wein, den Genos­sen­schaft dar­aus macht, heißt Bue Apis und ist einer der span­nends­ten, eigen­stän­digs­ten und bes­ten Rot­wei­ne Süd­ita­li­ens. Sein Ruf reicht inzwi­schen weit über Ita­li­en hin­aus bis nach Nord­ame­ri­ka, wo er seit Jah­ren schon eine gro­ße Lieb­ha­ber­ge­mein­de hat.

Bue Apis ist eine anti­ke Figur aus ägyp­ti­schem Gra­nit, die einen Stier dar­stellt und 1629 am Flüss­chen Saba­to bei Benevent gefun­den wur­de – nicht weit von Foglia­ni­se. Heu­te steht die Skulp­tur an der Aus­fall­stra­ße von Benevent zur Basi­li­ca del­la Madon­na del­le Gra­zie.

In der ägyp­ti­schen Mytho­lo­gie spiel­te der Apis-Stier eine bedeut­sa­me Rol­le als Trä­ger der Son­nen­schei­be, als Frucht­bar­keits­sym­bol, bis­wei­len auch furcht­erre­gen­der und gewalt­tä­ti­ger „Herold“ des Schöpfer- und Toten­got­tes Ptah. Als Sym­bol der Stär­ke ist der Name für den Wein gera­de­zu maß­ge­schnei­dert.

Unter Kennern genießt der Wein höchsten Respekt

Die alten Stö­cke, an denen die Trau­ben für den Bue Apis wach­sen, reprä­sen­tie­ren den Aglia­ni­co ama­ro, eine beson­ders tan­n­in­stren­ge Vari­an­te der alten Reb­sor­te, die von den Grie­chen aus ihrer Hei­mat mit­ge­bracht und vor rund 2500 Jah­ren in ganz Süd­ita­li­en kul­ti­viert wur­de. Sie genießt bei Ken­nern wegen der Kom­ple­xi­tät, Ele­ganz und Alte­rungs­fä­hig­keit ihrer Wei­ne hohen Respekt. Pro­fes­sor Denis Dubour­dieu, welt­weit ange­se­he­ner Öno­lo­ge der Uni­ver­si­tät Bor­deaux, hält sie für die ältes­te kom­mer­zi­ell ange­bau­te Rot­wein­sor­te welt­weit.

Vor allem in Kam­pa­ni­en und der benach­bar­ten Regi­on Basi­li­ka­ta ist die Agli­an­co weit ver­brei­tet. Fach­leu­te unter­schei­den drei Bio­ty­pen: den von Tab­ur­no, den von Tau­ra­si und den vom Mon­te Vul­tu­re in der Basi­li­ka­ta. Die letzt­ge­nann­ten zwei Anbau­ge­bie­te erge­ben mit ihren vul­ka­ni­schen Böden stren­ge bezie­hungs­wei­se pfeff­ri­ge Aglianico-Weine. Auf den sand- und kal­ki­gen Lehm­bö­den von Tab­ur­no fällt der Wein dage­gen etwas wür­zi­ger aus.

Aglianico pur

Die Can­ti­na del Tab­ur­no ist eine Genos­sen­schafts­kel­le­rei mit 600 Hekt­ar Reb­flä­che. Sie hat den beson­de­ren Schutz des Aglia­ni­co auf ihr Panier geschrie­ben und arbei­tet dabei mit Pro­fes­sor Lui­gi Moio zusam­men, der an der Uni­ver­si­tät Nea­pel den Lehr­stuhl für Öno­lo­gie inne­hat und als aus­ge­spro­che­ner Spe­zia­list für die­se Reb­sor­te gilt. Am bes­ten ist nach den gemach­ten und sorg­fäl­tig aus­ge­wer­te­ten Erfah­run­gen eine Pflanz­dich­te von 5000 Stö­cken pro Hekt­ar. Im Hin­blick auf Säu­re­puf­fe­rung, Mil­de­rung der Tan­ni­ne und Sta­bi­li­sie­rung der Far­be gilt die Benut­zung der rich­ti­gen Fäs­ser als ent­schei­dend. Die Win­zer in der Regi­on haben ihren Aglianico-Wein frü­her ger­ne mit Caber­net Sau­vi­gnon und Mer­lot ver­schnit­ten, um die­se Zie­le zu errei­chen. Die­se Sor­ten sind sowohl im Wein­berg wie im Kel­ler viel leich­ter zu hand­ha­ben als die sper­ri­ge Aglia­ni­co. Außer­dem kön­nen sie ein­ein­halb bis zwei Mona­te frü­her gele­sen wer­den: näm­lich im Sep­tem­ber und nicht erst Ende Okto­ber bis Mit­te Novem­ber, wie die Aglia­ni­co. Die Bei­mi­schung der bei­den fran­zö­si­schen Reb­sor­ten ist aber nicht zuläs­sig und wird mitt­ler­wei­le streng kon­trol­liert – bis hin zur Beschlag­nah­mung eines gan­zen Jahr­gangs durch die Finanz­po­li­zei, wie vor eini­gen Jah­ren beim Bru­nel­lo vor­ex­er­ziert, wo der Ver­dacht der Bei­mi­schung von Mer­lot bestand.

Verzicht auf Barriques

Mar­co Giu­lio­li, der Öno­lo­ge der Can­ti­na del Tab­ur­no, sagt, dass man kei­ne Wei­ne im inter­na­tio­na­len Stil her­stel­len möch­te. Des­halb reift der Bue Apis auch nicht mehr in Bar­ri­ques oder in gro­ßen Fäs­sern aus sla­wo­ni­scher Eiche, son­dern in Kastanienholz-Fässern aus der Regi­on. Etwa 6000 Fla­schen wer­den von ihm pro Jahr gefüllt und sind sofort aus­re­ser­viert. In sei­ner Jugend ist der Wein sehr dicht, bis­wei­len streng und von har­tem Tan­nin geprägt. Sei­ne inne­re Kom­ple­xi­tät und die fei­ne Nuan­cie­rung zei­gen sich erst nach eini­gen Jah­ren. Geduld ist also von­nö­ten, um den Bue Apis in vol­len Zügen genie­ßen zu kön­nen.

Logo der Cantina del Taburno
Logo der Can­ti­na del Tab­ur­no

Bei den alten Ägyp­tern war die Lebens­zeit des Apis-Stiers auf 25 Jah­re beschränkt, die sich aus einer Kom­bi­na­ti­on von Sonnen- und Mond­zy­klus erga­ben. Dann wur­de das hei­li­ge Tier im Nil ertränkt, betrau­ert und ein­bal­sa­miert, um einem Nach­fol­ger Platz zu machen. In guten Jah­ren kann der Bue Apis die­se Lebens­zeit auch errei­chen.

Der Wein


2011 Aglianico del Taburno DOCG „Bue Apis“| Cantina del Taburno

Saf­ti­ge, dunk­le Wald­bee­ren und zer­rie­be­ne Blät­ter mit einem Hauch Bit­ter­scho­ko­la­de und einer Spur Tabak; am Gau­men dich­te, saf­ti­ge Fül­le, Hei­del­bee­ren und Schwarz­kir­schen mit fei­nem Johannisbeer-Biss, leich­te, bes­tens inte­grier­te Vanil­le­no­ten, stof­fig mit schö­nem Kör­per, Spiel, Kraft und Ele­ganz, exzel­len­te Span­nung, lan­ger Nach­hall mit fei­nen Bit­ter­no­ten. Soll­te noch lie­gen und hat sehr gutes Ent­wick­lungs­po­ten­zi­al.

Bewer­tung: 92 Punk­te
Preis: ca. 55 Euro


2008 Aglianico del Taburno DOC „Bue Apis“ | Cantina del Taburno

In der Nase anfangs zurück­hal­tend, mit der Zeit ent­fal­ten sich inten­si­ve, leicht rauchig-erdige Aro­men von Schwarz­kir­sche, wür­zi­gen Brom­bee­ren und zer­rie­be­nen Blät­tern, unter­legt von etwas Tabak  und Süß­holz; am Gau­men Schwarz­kir­sche und Wald­bee­ren, dicht und stof­fig, beein­dru­cken­de Mine­ra­li­tät, Biss und inne­re Span­nung, Tan­ni­ne noch etwas sper­rig, beacht­li­cher Kör­per, sehr lan­ger Nach­hall, braucht noch Zeit.

Bewer­tung: 91 Punk­te
Preis: ca. 50 Euro


Bezug: www.la-cantina-weinhandel.de, www.nuritalienischeprodukte.de

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