Tagebuch der lustvollen Qualen (6): Ein Lob des Weinklimaschranks

Weinberg Chateau Latour
Ulrich Sautter bietet noch einmal alle Kräfte auf, um auch den letzten Tag der Primeurwoche mit Anstand hinter sich zu bringen und ohne bleibende körperliche Schäden nach Hamburg heimzukehren. Draußen zeigt das Thermometer 31 Grad Celsius, und auf dem Programm stehen Latour, die beiden Pichon Longuevilles, Leoville las Cases.

Auch heu­te, am letz­ten Tag der en primeur-Woche, kocht die Luft wie­der. Am Nach­mit­tag wird das Ther­mo­me­ter 31 Grad Cel­si­us anzei­gen. Doch die Wei­ne, die auf Châ­teau Grand Puy Ducas­se aus­ge­schenkt wer­den, sind per­fekt tem­pe­riert. Mir wird klar, welch genia­le Erfin­dung der Wein­kli­ma­schrank ist. Das Châ­teau liegt direkt neben dem Rat­haus von Pau­il­lac an der Ufer­stra­ße mit Blick auf die Giron­de. Ich darf mich aber nicht ablen­ken las­sen. 34 Wei­ne müs­sen mit der gebo­te­nen Kon­zen­tra­ti­on pro­biert wer­den. Haut-Médoc, St-Julien, Pau­il­lac, St-Estèphe, so hei­ßen die Her­künf­te.

Probe auf Château Calon Ségur

Chateau LatourEs sind nicht die ers­ten Wei­ne, die ich am heu­ti­gen Tag pro­bie­re. In der Früh war ich bereits auf Châ­teau Calon Ségur, wo des­sen Wei­ne zusam­men mit denen von Mey­ney und Mon­tro­se zur Ver­kos­tung stan­den. Erst­mals wur­de auch der Wein von Cap­bern Gas­que­ton zur Pro­be ange­bo­ten. Das Châ­teau (der Güte­klas­se nach ein cru bour­geois) ist schon lan­ge in Fami­li­en­be­sitz. Bis­her wur­de der Wein jedoch noch nie en pri­meur ver­kauft. Wenn die Prei­se raus sind, wird es sich loh­nen, einen Blick auf die Ange­bots­lis­ten zu wer­fen. Denn Cap­bern Gas­que­ton zeigt einen ähn­li­chen Stil wie Calon Ségur, wenn­gleich er natür­lich nicht ganz das Volu­men und die Tie­fe eines Cru Clas­sé erreicht.

Latour und Pichon Longueville

Visites LatourDer Lunch ent­fällt heu­te, da ab 14.30 Uhr die offi­zi­el­le Abschieds­par­ty auf Châ­teau Haut Bages Libé­ral statt­fin­det. Im Gehen picke ich noch ein paar Käse­wür­fel auf, die die Gast­ge­ber von Grand Puy Ducas­se auf einem Tel­ler bereit­ge­stellt haben, und stär­ke mich mit Mine­ral­was­ser. Ich habe noch wei­te­re Ter­mi­ne, möch­te – wenn schon in Pau­il­lac – unbe­dingt die Wei­ne von Pichon Longue­vil­le (Baron), Latour und Pichon Lalan­de (Com­tesse) pro­bie­ren. Ein Trio mit sehr unglei­chen Wei­nen. Kei­ne Über­ra­schung, wer in mei­ner Gunst vorn liegt: Der majes­tä­ti­sche Latour über­ragt sei­ne in 2010 etwas ange­strengt wir­ken­den Nach­barn gleich um meh­re­re Güte­klas­sen.

Im Labor von Léoville-Las-Cases

Einer mei­ner liebs­ten Ter­mi­ne wäh­rend der Pri­meur­wo­che ist stets die Ver­kos­tung mit Bru­no Rolland, dem Mait­re de Chai auf Châ­teau Léoville-Las-Cases. Mon­sieur Rolland –mei­nes Wis­sens nicht mit dem berühm­ten öno­lo­gi­schen Bera­ter Michel Rolland ver­wandt – gelei­tet mich zur Ver­kos­tung stets ins Labor des Wein­guts. Dort geht es ohne rote Tep­pi­che und ohne Chi­chi ganz allein um den Wein. Und mit den Schwester-Gütern Nen­in (aus Pome­rol) und Poten­sac (aus dem unte­ren Médoc) ste­hen immer vor dem Léoville-Trio schon eini­ge attrak­ti­ve Wei­ne zur Pro­be an.

Pontet-Canet biodynamisch

Labor LeovilleVon St-Julien geht es noch ein­mal zurück nach Pau­il­lac, zu Pontet-Canet. 2010 ist der ers­te Jahr­gang, in dem sich das 5ième Cru zer­ti­fi­ziert „bio­dy­na­misch“ nen­nen darf. Auf der gesam­ten Wein­berg­flä­che von 80 Hekt­ar befolgt die Mann­schaft die zuwei­len etwas schrä­gen Regeln Rudolf Stei­ners. 24 Hekt­ar wur­den sogar aus­schließ­lich mit Pfer­den und ohne Trak­tor bear­bei­tet. Pfer­de wie­gen weni­ger als ein Trak­tor und ver­dich­ten den Boden nicht. So kann sich ein viel­fäl­ti­ge­res Boden­le­ben ent­wi­ckeln. Nach den shake hands mit Alfred Tes­se­ron, dem Besit­zer, sei­ner Nich­te Méla­nie sowie dem Güter­di­rek­tor Jean-Michel Com­me stei­gen wir in unse­re Autos. Die Pri­meur­wo­che ist vor­über.

Mittelmaß gibt es kaum

Auf der Rück­fahrt nach Bor­deaux ver­zich­te ich auf die Benut­zung der Schnell­stra­ße, son­dern wäh­le die „Rou­te des Châ­teaux“, um die Ein­drü­cke der letz­ten Woche an mir vor­über­zie­hen zu las­sen. Nach 645 Wei­nen, die ich pro­biert habe, lau­tet mein Fazit: Die Wei­ne sind ent­we­der sehr gut oder ziem­lich beschei­den. Mit­tel­maß gibt es in 2010 kaum. Und wäh­rend mei­ne Gedan­ken noch mit die­sem wech­sel­haf­ten, schil­lern­den Jahr­gang krei­sen, wer­den mei­ne Augen gewahr, dass links und rechts der Stra­ße bereits der Jahr­gang 2011 aus­treibt.

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