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Château d’Esclan: Wie schmeckt ein 100-Euro-Rosé?

„Garrus“ von Château d’Esclans
„Garrus“ von Château d’Esclans
Kriegen Sie auch manchmal Post von Leuten, die Sie nicht kennen? Jens Priewe schon. „Beste Grüße, Sacha“ stand auf der Karte. Beigefügt vier Flaschen Rosé aus der Provence. Es sollte die teuerste Rosé-Probe werden, die er je machte.

Krie­gen Sie auch manch­mal Post von Leu­ten, die Sie nicht ken­nen? Jens Priewe schon. „Bes­te Grü­ße, Sacha“ stand auf der Kar­te. Bei­ge­fügt vier Fla­schen Rosé aus der Pro­vence. Es soll­te die teu­ers­te Rosé-Probe wer­den, die er je mach­te.

„Garrus“ von Château d’Esclans
„Gar­rus“ von Châ­teau d’Esclans

Das Pri­vi­leg von Wein­jour­na­lis­ten ist, dass sie häu­fig bemus­tert wer­den. Jede Woche lie­fert der Paket­bo­te zwei- bis drei­mal Wein­kar­tons an mei­ner Haus­tür ab. Sie wur­den nicht bestellt. Der Inhalt ist als Pro­be­wein dekla­riert.

Man­cher Wein­jour­na­list emp­fin­det das Pri­vi­leg als läs­tig. Denn die Wei­ne müs­sen natür­lich ver­kos­tet und kom­men­tiert wer­den. Wenn mög­lich, in den Zei­tun­gen, Zeit­schrif­ten oder Online-Medien, für die der Jour­na­list schreibt. Sicher, es gibt schlim­me­re Jobs. Aber Ver­kos­ten ist nicht Trin­ken, und das Kom­men­tie­ren kos­tet Zeit. Hin­ter­her muss das Leer­gut auch noch ent­sorgt wer­den. Das Gute ist, dass der Trink­fluss im Haus­halt die­ser Berufs­grup­pe auf die­se Wei­se dau­er­haft gewähr­leis­tet ist (was bei Jour­na­lis­ten, die oft in ziem­lich pre­kä­ren Ver­hält­nis­sen leben, nicht ganz unwich­tig ist).

Wie in der Wohnhöhle eines Alkoholikers

Flaschenlager in Jens Priewes Büro
Fla­schen­la­ger in Jens Prie­wes Büro

Ich neh­me, zuge­ge­ben, mei­nen Job nicht immer so ernst, wie ich es müss­te. Ich hor­te die Pro­ben­wei­ne, ver­schie­be die har­te Arbeit des Ver­kos­tens und Kom­men­tie­rens auf mor­gen. Oder über­mor­gen. Manch­mal auch auf irgend­wann. Die Fol­ge: In mei­nem Büro sieht es aus wie in der Wohn­höh­le eines Alko­ho­li­kers (sie­he aktu­el­les Foto), mit dem Unter­schied, dass des­sen Fla­schen leer, mei­ne noch unan­ge­bro­chen sind.

Doch nun zum Anlass die­ses Bei­trags. Neu­lich brach­te mir der Paket­bo­te einen Kar­ton Wein mit vier Fla­schen Rosé. Ohne Rech­nung, nur mit einer Kar­te, auf der von Hand geschrie­ben stand „Avec mes meillieurs sen­ti­ments et bon­ne dégusta­ti­on, Sacha.“

Ich ken­ne kei­nen Sacha. Und auch den Namen des Wein­guts, in des­sen Namen mir Sacha schrieb, hat­te ich noch nie gehört. Châ­teau d’Esclans heißt es und liegt, wie ich her­aus­googel­te, im Hin­ter­land von St. Tro­pez. Okay, dach­te ich, es ist Som­mer, nächs­te Woche kom­men sowie­so ein paar Freun­de, da wirfst du den Grill an, schmeißt ein paar Tintenfisch-Tuben dar­auf, beträu­felst sie mit Oli­ven­l­öl, würzt sie mit Meer­salz und schwar­zem Pfef­fer und stellst die Rosé-Weine dazu, gut gekühlt natür­lich.

Keine Weine, wie der Deutsche sich Rosé vorstellt

Château d'Esclans
Châ­teau d'Esclans

Doch schon wenig spä­ter nahm ich Abstand von dem Plan. Denn was Sacha mir geschickt hat­te, waren kei­ne leich­ten, fruch­ti­gen Ter­ras­sen­wei­ne, erd­beer­far­ben oder lachs­rot, frisch, kna­ckig, Typ Weiß­herbst – also das, was sich ein deut­scher Wein­trin­ker unter Rosé vor­stellt. Sach­as Wei­ne waren ganz anders. Ich muss­te nicht ein­mal die Fla­schen öff­nen, um das fest­zu­stel­len.

Einer schim­mer­te wie Kup­fer, zwei ande­re hat­ten einen Alko­hol­ge­halt von 14 Vol.%. Der Vier­te war so blass, dass sei­ne Far­be eher als Shades of Grey denn als Pink bezeich­net wer­den könn­te. Bevor ich mich ernst­haft mit die­sen merk­wür­di­gen Trop­fen zu befas­sen begann, googel­te ich erst­mal, um her­aus­zu­krie­gen, ob die Wei­ne von Châ­teau d’Esclans über­haupt in Deutsch­land ver­tre­ten sind. Sind sie. Das Inter­net sag­te mir auch, dass der ein­fachs­te von Sach­as Rosés 19 Euro, der teu­ers­te 99,90 Euro kos­tet.

Scho­ckie­ren kön­nen mich Wein­prei­se schon lan­ge nicht mehr. Aber ein Rosé für 100 Euro ist mir in den letz­ten drei­ßig Jah­ren noch nicht unter­ge­kom­men. Viel­leicht habe ich einen Trend ver­schla­fen? Oder lebt, wer nicht in regel­mä­ßig in St. Tro­pez Urlaub macht, hin­ter dem Mond?

Trend zu höherwertigen Roséweinen

Alte Grenache-Reben
Alte Grenache-Reben

Letz­te­re Fra­ge beant­wor­te ich mit einem kla­ren Nein, ers­te­re mit Ja. Dass Roséwei­ne im Trend lie­gen, weiß inzwi­schen zwar jeder. Aber dass es eine Ten­denz zu höher­wer­ti­gen Roséwei­nen gibt, war mir bis­her nicht klar: also zu Wei­nen, die nach mehr als nur Him­beer­bon­bon schme­cken und mehr als nur Ter­ras­sen­wei­ne sind. In Süd­afrank­reich ver­le­gen sich immer mehr Wein­gü­ter dar­auf, aus den roten Trau­ben, die bei ihnen wach­sen, ele­gan­te Rosés zu erzeu­gen statt klo­bi­ge Rot­wei­ne, die der Markt nicht braucht. Die­se Rosés besit­zen zwar die Struk­tur eines Rot­weins, aber den Duft und die Fein­hei­ten eines Weiß­weins. Der Mira­val von Ange­la Jolie und Bratt Pitt ist ein gutes Bei­spiel für die­se Zwit­ter­we­sen. Aber es gibt auch zahl­rei­che ande­re Rosés, die eher wie erblass­te Rot­wei­ne schme­cken als wie klas­si­sche Rosés. Sie kos­ten schnell mal 17 Euro und mehr, dafür bie­ten sie Kom­ple­xi­tät, Län­ge, Ent­wick­lungs­po­ten­zi­al.

Das Châ­teau d’Esclans  ist, wie ich nach­re­cher­chiert habe, der wich­tigs­te Reprä­sen­tant die­ser neu­en Rosé-Philosophie. Die inter­na­tio­na­le Wein­kri­tik reiht sei­ne Wei­ne unter den Rosés der Welt uni­so­no ganz oben ein. In der Spit­ze wer­den sie sogar mit den wei­ßen Bur­gun­dern ver­gli­chen, obwohl die­se gar nicht pink­far­ben sind. Aber die Far­be ist, wie die Kol­le­gin Caro Mau­rer neu­lich in einem Zei­tungs­bei­trag schrieb, bei die­ser Art von Wei­nen egal. Mit deut­schen Weiß­herbs­ten und ähn­li­chen Tröpf­chen haben die Esclans-Weine jeden­falls so viel gemein wie eine Haus­kätz­chen mit einem Ben­ga­li­schen Tiger. Das habe ich schnell gemerkt, als ich Sach­as Fla­schen öff­ne­te.


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Kommentar

  • HALLOOOOO!?
    Rochen­flü­gel! – geht`s noch?

    Ansonst ist der Bericht ja schön geschrieben,aber bit­te kein Wal­ba­by oder Del­phin zu einem Ries­ling GG!
    Hof­fe es kam an.

    Grüß­le

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