St. Emilion 2023: erste Eindrücke von den Chateaux Figeac und Corbin

Ver­gan­ge­ne Woche fan­den die en primeur-Verkostungen in Bor­deaux statt. Andrew Black hat Ana­bel­le Bar­di­net von Cha­teau Cor­bin und Fré­dé­ric Faye von Cha­teau Figeac befragt, wel­ches Attri­but dem Jahr­gang 2023 gebührt. Bei­der Ant­wort: solai­re, nicht klassisch.

Cha­teau Figeac hat 54 Hekt­ar unter Reben und ist ein Grand Cru Clas­sé „A“. Seit Michel Rolland Figeac in öno­lo­gi­schen Fra­gen berät, liegt die Qua­li­tät des Weins nach Mei­nung inter­na­tio­na­ler Exper­ten auf dem Niveau sei­nes Nach­barn Che­val Blanc. Fré­dé­ric Faye ver­wal­tet das Cha­teau im Auf­trag der Eigen­tü­mer­fa­mi­lie Manoncourt.

Andrew Black Letz­ten Herbst haben Sie den Mer­lot früh gele­sen und die Trau­ben knapp zwei Wochen in der Kühl­zel­le gela­gert, bevor die gro­ße Hit­ze im Sep­tem­ber ein­setz­te. Danach ging es dar­um, die Scha­len des Caber­net Franc weich und reif zu krie­gen, ohne Über­rei­fe zu produzieren.

Fré­dé­ric Faye Als wir den Mer­lot lasen, waren die Scha­len des Caber­net Franc noch hart. Sie waren nicht schlecht und nicht vege­ta­bil, aber sie waren noch zu zäh für unse­ren Geschmack. Wir brauch­ten in den fol­gen­den Tagen Feuchtigkeit…Aber es dau­er­te ein biss­chen – genau 12 Tage. Das war der längs­te Zeit­raum, den wir jemals bei Figeac zwi­schen dem Ende der Merlot-Ernte und dem Beginn der Caber­nets hat­ten. Aber wir haben es am Ende geschafft, obwohl es bedeu­te­te, die Ern­te bis zum 5. Okto­ber zu verlängern.

Andrew Black War es ris­kant, so lan­ge zu war­ten? Regen könn­te den Saft ver­wäs­sern oder die Ent­ste­hung von Botry­tis auslösen…

Fré­dé­ric Faye Das Wet­ter war feucht, aber es reg­ne­te nicht wirk­lich viel. Die feuch­te Atmo­sphä­re reich­te aus, um die Scha­len des Caber­net weich zu machen ohne nega­ti­ve Effek­te. Der Saft des Caber­net Franc wur­de kon­zen­triert und die Rei­fe­gra­de wur­den verbessert.

Andrew Black Waren Sie auch mit dem Caber­net Sau­vi­gnon zufrieden?

Fré­dé­ric Faye Wir waren mehr vom Caber­net Franc beein­druckt. Wir brau­chen alle drei Sor­ten, damit ein gro­ßer Figeac ent­steht, aber der Caber­net Franc glänz­te in die­sem Jahr­gang wirklich.

Andrew Black Waren Sie ent­täuscht von Ihrem Caber­net Sauvignon?

Fré­dé­ric Faye Ins­ge­samt war es ein tro­cke­nes Jahr, und da der Caber­net Sau­vi­gnon auf Kies­bö­den gepflanzt ist, waren die Bee­ren beson­ders klein und der Saft kon­zen­triert. Bis er voll­stän­dig reif war, gab es ein unglei­ches Ver­hält­nis von Saft und Schalen.

Andrew Black Hat das die Vini­fi­ka­ti­on kom­pli­ziert gemacht?

Fré­dé­ric Faye Beim Caber­net Sau­vi­gnon haben wir beson­ders dar­auf geach­tet, ihn nicht zu stark zu extra­hie­ren oder zu über­kon­zen­trie­ren. Wir hiel­ten die Tem­pe­ra­tur in den Fäs­sern nied­rig und führ­ten fast kei­ne Pige­ages durch.

Andrew Black Mit den tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten, die Sie haben, muss es ein Ver­gnü­gen sein, unter schwie­ri­gen äuße­ren Bedin­gun­gen zu vinifizieren.

Fré­dé­ric Faye Es ist ein Luxus für uns. Für jedes der 30 Fäs­ser, die wir haben, ent­wi­ckel­ten wir eine eige­ne Stra­te­gie. Wir pass­ten die Über­pum­pun­gen  in Häu­fig­keit, Men­ge und Volu­men den Geschmacks­merk­ma­len jeden Fas­ses an. Das spiel­te eine wich­ti­ge Rol­le. Aber ich wür­de sagen, der Schlüs­sel zum Erfolg des Jahr­gangs 2023 bestand dar­in, den Mer­lot zu ern­ten, als er noch aro­ma­tisch frisch war, und ihn bei küh­ler Tem­pe­ra­tur zu lagern.

Andrew Black Der Anteil des Caber­net Sau­vi­gnon in der Assem­bla­ge ist etwas nied­rig. Ist das eine Kon­se­quenz der klei­ne­ren Erntemenge?

Fré­dé­ric Faye Teil­wei­se. Aber es gibt einen wei­te­ren Grund. Wenn wir mehr Caber­net Sau­vi­gnon bei­gefügt hät­ten, sagen wir 30 Pro­zent, hät­te der Figeac 2023 zu viel Dich­te gehabt. Das hät­te der Fines­se und der Ele­ganz geschadet.

Andrew Black Spie­gelt der Jahr­gang 2023 eher das hei­ße Wet­ter im Spät­som­mer oder die küh­le­ren Bedin­gun­gen vor­her wider?

Fré­dé­ric Faye Ins­ge­samt war 2023 ein tro­cke­nes Jahr bei Figeac. Die Bedin­gun­gen unter­schie­den sich in Bor­deaux je nach Ter­ro­ir und erzeug­ten unter­schied­li­che aro­ma­ti­sche Pro­fi­le. Bei Figeac hat der 2023 ein war­mes Profil.

Andrew Black An wel­chen Jahr­gang erin­nert de 2023er?

Fré­dé­ric Faye Wir kön­nen 2022 aus­schlie­ßen, weil 2022 her­aus­ra­gend war. 2023 war ein tro­cke­nes, son­ni­ges Jahr, aber kein Hit­ze­jahr­gang wie 2018 zum Bei­spiel. Der Alko­hol­ge­halt im Jahr 2023 war mit etwa 13,5 Vo.% moderat.

Andrew Black Wie hoch schät­zen Sie Ihren Jahr­gang 2023 im Ver­gleich zu den jüngs­ten Jahrgängen?

Fré­dé­ric Faye Da gibt es kei­nen Zwei­fel für mich, dass 2023 bes­ser ist als 2021, 2017, 2014 und 2012. Ich wür­de es jedoch nicht als ein außer­ge­wöhn­li­ches Jahr wie 2020 oder 2022 bezeich­nen. Unser 2023er teilt vie­le Eigen­schaf­ten mit dem 2019er.

Andrew Black Wie es aus­sieht, könn­te der 2023er, wenn der Preis stimmt, ein attrak­ti­ver Kauf sein?

Fré­dé­ric Faye Sie haben den Nagel auf den Kopf getrof­fen! Die Preis­ge­stal­tung wird sehr wich­tig sein. Wenn wir möch­ten, dass die en pri­meur-Kam­pa­gne gut läuft, wird Bor­deaux sehr auf­merk­sam auf den Markt und vor allem auf die Ver­brau­cher ach­ten müssen.

CHÂTEAU FIGEAC 2023
Assem­bla­ge: Mer­lot 41%, Caber­net Franc 32%, Caber­net Sau­vi­gnon 27%
Lese­zeit­punkt: 6. Sep­tem­ber bis 5. Okto­ber 2023
Ertrag: 45 hl/ha
Vini­fi­ka­ti­on: in Eichenfässern
Aus­bau: 100% neue Eichenfässer

 


Cha­teau Cor­bin, ein Grand Cru Clas­sé, umfasst 13 Hekt­ar und liegt im Nord­wes­ten von St. Emi­li­on nahe der Gren­ze zu Pome­rol. Ana­bel­le Cruse-Bardinet ist Besit­ze­rin und Öno­lo­gin des Chateau.

Andrew Black Wie zufrie­den sind Sie mit dem Jahr­gang 2023?

Ana­bel­le Bar­di­net Ich war bereits zur Ern­te­zeit begeis­tert. Aller­dings erkann­te ich im Kel­ler bald, dass der Wein eine eige­ne Vini­fi­ka­ti­ons­stra­te­gie braucht: eine län­ge­re Mazer­a­ti­on. Es schien, als wol­le er ein­fach län­ger auf den Scha­len blei­ben. Der Wein war bereits vor­her dicht und flei­schig, doch die­se Eigen­schaf­ten wur­den durch län­ge­ren Kon­takt mit den Scha­len noch verstärkt.

Andrew Black Gab es ein Risi­ko der Überextraktion?

Ana­bel­le Bar­di­net Wir muss­ten jedes Fass genau beob­ach­ten, um sicher­zu­stel­len, dass wir die Dich­te nicht ver­lie­ren. Das war nicht ein­fach. Die Ver­kos­tung der ein­zel­nen Fäs­ser war in 2023 schwie­rig auf­grund des hohen Gehalts an Apfel­säu­re, die ein Merk­mal die­ses Jahr­gangs ist. Die­se Arbeit erfor­der­te Geduld und Präzision.

Andrew Black Der Bau Ihres neu­en Gär­kel­lers war ein Mei­len­stein für die Vini­fi­ka­ti­on des Jahr­gangs. Wel­che ande­ren Fak­to­ren tru­gen 2023 zu die­ser erhöh­ten Prä­zi­si­on bei?

Ana­bel­le Bar­di­net Es gab eine Rei­he von Fak­to­ren. Ers­tens gab es bei der Ern­te eine sehr stren­ge Selek­ti­on. Unse­re opti­sche Sor­tier­an­la­ge, mit der wir die Dich­te des Safts mes­sen kön­nen, ist dar­auf ein­ge­stellt, alles aus­zu­sor­tie­ren, was nicht ganz per­fekt ist. Außer­dem haben wir, weil die Mazer­a­tio­nen län­ger dau­er­te, kei­nen Press­wein ver­wen­det. Schließ­lich haben wir uns ent­schie­den, kei­nen Zweit­wein auf den Markt zu brin­gen. Das ermög­lich­te es uns, uns voll­stän­dig auf den Grand Vin zu kon­zen­trie­ren. Die Par­tien, die es nicht in den Grand Vin schaff­ten, wur­den ein­fach im Fass verkauft.

Andrew Black Wie wür­den Sie das Pro­fil des Cor­bin 2023 beschreiben?

Ana­bel­le Bar­di­net Fri­sche und leben­di­ge Frucht­aro­men tre­ten in den Vor­der­grund. Und das Inter­es­san­te ist, dass der Wein trotz einer gro­ßen Ern­te­men­ge wirk­lich eine opti­ma­le Dich­te auf­weist. Der mitt­le­re Gau­men ist fest und gut strukturiert.

Andrew Black Ein wei­te­rer sehr guter Jahr­gang also, aber mit einer ande­ren Per­sön­lich­keit als die vorherigen?

Ana­bel­le Bar­di­net Ja, er ist kom­plett anders als 2022, aber auch als 2021.

Andrew Black Ist er viel­leicht mit 2019 vergleichbar?

Ana­bel­le Bar­di­net 2023 ist reich­hal­ti­ger. Was auf­fällt, ist die Attrak­ti­vi­tät und der Charme schon zu Beginn. Wenn man ihn pro­biert, möch­te man ihn sofort trin­ken. Der Auf­takt am Gau­men ist wun­der­bar süß. Und dann zeigt sich die Dich­te und Flei­schig­keit am mitt­le­ren Gaumen.

Andrew Black Das übli­che Kli­schee in Bor­deaux heut­zu­ta­ge ist „klas­sisch“ oder „solai­re“, also son­nig, warm.

Ana­bel­le Bar­di­net Der 2023er hat Ele­men­te von beiden.

Andrew Black Jeder­mann wird ihn mögen, nicht wahr?

Ana­bel­le Bar­di­net Ja, aber die Wein­trin­ker soll­ten unter­schied­li­che Qua­li­täts­ni­veaus und Pro­fi­le erwar­ten. Nicht alle Appel­la­tio­nen und Berei­che hat­ten das glei­che Glück wie wir in unse­rem Teil von Saint-Émilion. Die Wei­ne wer­den die all­ge­mei­ne Hete­ro­ge­ni­tät des Jahr­gangs widerspiegeln.

Andrew Black Wie wür­den Sie Ihren Jahr­gang 2023 in weni­gen Wor­ten zusammenfassen?

Ana­bel­le Bar­di­net Ele­gan­te Fri­sche und sam­ti­ge Dichte.

CHÂTEAU CORBIN 2023
Assem­bla­ge: 95% Mer­lot, 5% Caber­net Franc
Lese­zeit­punkt: 7. – 27. Sep­tem­ber 2023
Vini­fi­zie­rung: in Betongefäßen
Aus­bau: in neu­en Fäs­sern, Beton­ge­fä­ßen und Glas

 

Fort­set­zung folgt am Frei­tag, den 10. Mai: Pome­rol 2023. Inter­view mit Guil­laume Thien­pont (Vieux Cha­teau Cer­tan) und Mari­el­le Casa­ux (La Conseillante).

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