Zwei überraschend gute Weißweine, ein überschätzter Rosé, ein wunderbar gereifter Schaumwein, ein geheimnisvoller und ein braver Roter.
Der April liegt hinter uns. Er ist ein wichtiger Monat für Menschen, die sich beruflich mit Wein beschäftigen. Erstens kommen die neuen Jahrgänge auf den Markt. Entsprechend groß ist die Neugier. Und zweitens war es in im April teilweise noch winterlich kalt, Rotweinzeit also. Wer wie ich auch privat gern Wein trinkt, holt dann auch mal einen älteren Jahrgang aus dem Keller. Denn nach ein paar Jahren kommt die Stunde der Wahrheit. Erfüllt der Wein die Erwartungen oder war er Geld und Vorschusslorbeer nicht wert? Überraschungen sind vorprogrammiert. Hier sind sechs Weine, die ich in den letzten vier Wochen, getrunken habe, und die Überraschungen in die eine und die andere Richtung beschert haben.
2024 Malagousia „Achaia“, Tetramythos
Malagousia gehört zu den drei häufigsten Weißweinsorten Griechenlands. Sie wird inzwischen in nahezu allen Landesteilen angebaut und ergibt typisch mediterrane, leicht würzige Weine. Der Malagousia „Achaia“ aus dem Bio-Weingut Tetramythos wächst im Norden der Peleponnes bei Patras. Ohne Experte für griechische Weine zu sein, traue ich mich zu sagen: Der „Achaia“ gehört zu den sehr gehobenen Qualitäten aus dieser Sorte. Subtil fruchtig mit einer zarten kräuterwürzigen Note, präsentiert er sich als weicher, verhalten fülliger Wein mit süß-salzigem Schmelz, der sich leicht und unkompliziert trinkt und dennoch anspruchsvoll ist. Mir wurde er erstmals eingeschenkt zu einem Rote Bete-Carpaccio mit Feta in einem griechischen Restaurant. Funktionierte. Neulich habe ich mir dann ein Erbsenrisotto mit Kerbel und Kefir dazu gemacht (abgeguckt von Carlo Cracco aus Mailand). Wow. Ich meine die Kombination.
12,90 Euro
2024 Lugana „Trecampane“, Maranonga
Dieser Wein gehört zur neuen Generation der Lugana. Er ist nicht dieser biedere, nach nichts schmeckende Lugana, sondern ein feingliedriger, nach Grapefruit und Kieselstein duftender Wein mit bester Substanz, feiner Säure, guter Länge. Alessandro und Laura Cutolo, ein junges, biologisch arbeitendes Winzerpaar aus Pozzolengo, schafft es, dem Wein einen Hauch von Eleganz zu geben. Schon ihr Basis-Lugana ist, so leicht und spielerisch er sich präsentiert, bestechend. Richtig ernst wird es beim Trecampane, der fast ein Jahr auf der Hefe gelegen hat und entsprechend cremig ist – für mich eine der spannendsten Neuentdeckungen der letzten Monate vom Gardasee.
18,60 Euro
www.linke-weine.de u.a.
1983 Giulio Ferrari Riserva del Fondatore, Ferrari Fratelli Lunelli
Auf diesen Jahrgang des berühmten Schaumweins aus dem Trentino war ich besonders gespannt. Der 1983er hatte seinerzeit in der Blindprobe eines renommierten englischen Fachjournals höhere Bewertungen bekommen als der entsprechende Dom Pérignon. Das hatte es bis dahin noch nie gegeben. Ich mag gereiften Dom Pérignon sehr und war deshalb neugierig, wie sich der „Giulio“ im Vergleich zum „Dom“ macht. Ergebnis: eine lebendige, gelbe Farbe, ein Bouquet von kandierter Zitrone, karamelliger Walnuss und viel, viel Hefe, eine etwas reduzierte Perlage und immer noch recht frisch am Gaumen. Also nach über 40 Jahren kein Greis, sondern ein nobler, in sich ruhender, würdevoller Schaumwein von großer Spannbreite, auch wenn ich zugebe: Es wäre vermutlich ein noch größerer Genuss gewesen, ihn vor fünf oder zehn Jahren getrunken zu haben. Der „Giulio“ wird reinsortig aus Chardonnay gewonnen, der aus einer Einzellage in 600 Meter Höhe im Etschtal wächst. Er liegt etwa zehn Jahre auf der Hefe. Der 1983er ist nicht mehr im Handel erhältlich. Gelegentlich tauchen Einzelflaschen im Raritätenhandel auf, die dann zwischen 600 und 800 Euro gehandelt werden. Die jüngeren Jahrgänge dieses Schaumweins erhalten zumindest bei Parker regelmäßig höhere Bewertungen als die entsprechenden Jahrgänge Dom Pérignon (wobei allerdings hinzugefügt werden muss, dass es andere Tester sind, die für Frankreich bzw. Italien werten).
Preis: 185 Euro (Jahrgang 2015)
2025 AIX Rosé, Domaine Saint Aix
Wo man auch hinschaut, dieser Wein ist schon da. Mit seiner pinken Farbe und den drei übergroß gedruckten Buchstaben auf dem Etikett leuchtet er schon von weitem im Regal. Verführerisch wirkt er, und ist es wohl auch: Der AIX ist einer der erfolgreichsten Rosés, nicht nur in Deutschland, sondern in 50 Ländern der Erde. Ich habe den neuen Jahrgang 2025 kürzlich auf der Weinmesse ProWein in Düsseldorf getrunken, und er hat bestätigt, was ich vorher schon wusste, mich aber zögern liess auszusprechen: Der Wein ist oberflächlich. Dünn, glatt, kaum Spuren am Gaumen hinterlassend. Vielleicht tanzt er am Anfang eine Sekunde lang auf der Zungenspitze. Aber danach versickert er unbemerkt hinter den Papillen. Ein technischer Wein: makellos, massentauglich. Mir ist klar, dass ich mit dem Urteil anecke und eine Minderheitsmeinung vertrete. Aber Eric Kurver, der niederländische Eigner des Weinguts, bestätigt mich. Er wollte, als er vor zehn Jahren die alte Domaine de la Séouve in der Provence kaufte und zu neuem Leben erweckte, den besten Rosé der Welt für jeden Tag machen. Was immer das heisst: Besonders ehrgeizig klingt es nicht. Sei’s drum: die Menschen mögen den AIX, zahlen sogar doppelt so viel, wie er wert ist. Dabei gibt es so viele tolle Rosés in der Provence…
16,80 Euro
https://sentivini.de, www.tesdorpf.de, www.gut-weine.de u.a.
2019 Côtes de Provence Rouge Secret, Chateau des Sarrins
Über 80 Prozent des Weins, der in der Provence erzeugt wird, ist Rosé. Rotwein ist nur noch ein Nischenprodukt. Umso mehr freut es mich, einen Rotwein gefunden zu haben, der nicht nur gut, sondern auch speziell ist und richtig Charakter hat. Um genau zu sein: Selbst gefunden habe nicht ich ihn. Alice Paillard, die Tochter von Bruno und Mitinhaberin des gleichnamigen Champagnerhauses, hatte ihn mir geschickt mit freundlichen Grüßen zu Weihnachten. Aufgemacht habe ich die Flasche erst vor ein paar Wochen, und ich bekenne: Es war ein Vergnügen ihn zu trinken. Kraftvoll und robust ist er, dunkel in der Farbe, durchzogen von weichem, mürben Tannin. Ein bisschen Geheimnis steckt auch im Secret. Er besteht zur Hälfte aus Syrah, zur anderen Hälfte aus Grenache, Mouvèdre, Cabernet Sauvignon und altem Carignan. Wer ihn karaffiert und vielleicht noch einen Tag stehen lässt, merkt nicht, dass er lange 36 Monate in kleinen Holzfässern gereift ist. Die toastige Holznote verschwindet und macht Platz für Blaubeere, Piniennadeln, Rosmarin – der Duft provençalischer Wildnis. 1995 hatte die Familie Paillard das Chateau im Hinterland von Toulon gekauft und renoviert. Die 30 Hektar Weinberge liegen wie Inseln inmitten der endlosen Krüppeleichen- und Pinienwälder. Neben diesem Roten erzeugt sie noch einen Weiß- und einen Roséwein, beide vorzüglich. Wer guten Champagner machen kann, wird an einem Stillwein nicht scheitern.
Preis: 26,55 Euro
www.weinversand-fehser.de, www.walterdeitermann.de, www.wine4friends.de
2019 Benedictus, Weinkonvent Dürrenzimmern (Württemberg)
Drei Jahre lang stand diese Flasche bei mir auf dem Probentisch, zusammen mit einem Dutzend anderer Weine, die unbedingt probiert werden wollten. Drei Jahre lang bin an dem Wein vorbeigegangen, ohne ihn zu öffnen. Jedesmal habe ich mir geschworen: Morgen ziehst du den Korken. Und morgen kam dann irgendein anderer Wein, der noch dringender degustiert werden musste. Vor ein paar Wochen habe ich dann einfach im Vorbeigehen die Flasche gegriffen und geöffnet. War nicht schwer. Sie hat nämlich gar keinen Korken, sondern einen Schraubverschluss. Der Wein, laut Etikett „im Eichenfass gereift“, hat mir gut gefallen. Ich bin immer ein bisschen skeptisch, wenn ein deutscher Wein mit „Barrique“ oder „Eichenholz“ wirbt. In diesem Fall kann ich Entwarnung geben. Der Benedictus ist weder vanillig noch röstig. Er ist rund und weich und wird von reifer, saftiger Frucht getragen, nicht von irgendwelchen Holzaromen. Ein Wein von mittlerem Körper, gewonnen aus Cabernet Dorsa, Cabernet Sauvignon, Dornfelder, Lemberger, Spätburgunder, die ertragsreduziert angebaut werden, in gebrauchten Barriques ausgebaut, mild in der Säure, intensiv im Geschmack und, was wichtig ist, auch nach drei Jahren unfachmännischer Lagerung in meinem Büro noch sehr frisch. Ein bisschen brav, könnte man einwenden. Aber wer vollmundigere, geschliffenere Rotweine will, wird bei den Dürrenzimmerer Genossen mit ihren 167 Hektar Rebfläche im Württemberger Unterland durchaus fündig. Er muss nur seinen Geldbeutel weiter aufmachen. Der Benedictus ist ein Spitzenwein der zweiten Linie (Cellarius), also unterhalb der Top-Range angesiedelt, was sich in einem verbraucherfreundlichen Preis niederschlägt.
14,50 Euro (Jahrgang 2022), https://weinkonvent-duerrenzimmern.de








































































