Anfang September jeden Jahres präsentieren die Österreichischen Traditionsweingüter neue Jahrgänge und neue Ziele. Joel B. Payne berichtet.
Zum 14. Mal haben die Österreichischen Traditionsweingüter (ÖTW) ihre neuen Jahrgänge vorgestellt. Ort des Geschehens: das Märchenschloss Grafenegg zwischen Krems und Tulln an der Donau. Eine Woche lang schenken die Winzer für über 300 Fachjournalisten aus aller Welt ihre Weine aus und stehen ihnen persönlich Rede und Antwort. Am Abend wird im weitläufigen Schlosspark, der für seine klassischen Open Air Konzerte berühmt ist, gefeiert.
Erstmals auch das Burgenland mit von der Partie
Beim diesjährigen Single Vineyard Summit war erstmals auch das Burgenland vertreten als letztes, bisher noch noch fehlendendes Bundesland. Damit haben die ÖTW, die häufig mit der „Union des Grands Crus“ in Bordeaux oder mit dem VDP in Deutschland verglichen werden, ein wesentliches strategisches Ziel erreicht: die Schaffung eines bundesweiten Rahmens für die Klassifizierung österreichischer Weine. Damit umfasst dieses System erstmals sämtliche dreizehn Weinbaugebiete des Landes – ein wichtiger Schritt zur Verankerung des Herkunftsgedankens im österreichischen Weinbaus. Diese Begegnungen gehen weit über eine gewöhnliche Verkostung hinaus. Sie ermöglichen Einblicke in die Eigenheiten des Jahrgangs, den Einfluss einzelner Rieden und die Entscheidungen im Weinberg wie im Keller, die den Charakter eines Weines maßgeblich prägen. Gerade dieser unmittelbare Austausch macht den Reiz der Veranstaltung aus und verleiht ihr innerhalb der internationalen Weinwelt eine besondere Stellung.
Michael Moosbrugger geht, Michael Malat übernimmt

Während der Eröffnungsfeier gab Michael Moosbrugger, Geschäftsführer von Schloss Gobelsburg im Kamptal, bekannt, dass er sein Amt als Vorsitzender zum Jahresende niederlegen und damit seine zwei Jahrzehnte währende Führung des Verbands beenden werde. Zu seinem Nachfolger wurde Michael Malat vom gleichnamigen Weingut im Kremstal gewählt. Er wird den Vorsitz mit Beginn des Jahres 2027 übernehmen. Als stellvertretender Vorsitzender wird ihm Markus Huber aus dem Traisental zur Seite stehen. Mit Moosbruggers Abschied endet eine Ära für die ÖTW. Während seiner Amtszeit entwickelte sich der Verband von einer regionalen Initiative zu einer landesweiten Organisation, die alle österreichischen Weinbaugebiete umfasst und eine entscheidende Rolle bei der Einführung eines herkunftsorientierten Klassifizierungssystems spielt. Die Zahl der Mitgliedsbetriebe stieg von 25 auf 91 in acht österreichischen Weinbaugebieten. Gleichzeitig knüpfte Moosbrugger enge Partnerschaften mit anderen führenden regionalen Vereinigungen, darunter Vinea Wachau, die Renommierten Weingüter Burgenland und die Steirischen Terroir- und Klassikweingüter. In dieser Zeit festigte der Verband seine Stellung als eine der maßgeblichen Triebkräfte hinter der Ausrichtung des österreichischen Weinbaus auf Herkunft. Zu den wesentlichen Initiativen zählten die Entwicklung eines Klassifizierungssystems für Weinlagen, die Erstellung detaillierter Lagenkarten sowie die Herausgabe eines umfassenden Katalogs, der die bedeutendsten Rieden des Landes dokumentiert.
Die Sichtbarkeit des Klassifizierungssystems erhöhen
Mit seiner Verbindung aus Tradition, Innovation und mit der Vielfalt seiner Rieden hat sich Österreich durch die ÖTW-Initiativen fest als Erzeuger außergewöhnlicher Weine etabliert. Malat hob in seiner Dankesrede hervor: „Unsere gemeinsame Grundlage ist nicht nur unser Erbe, sondern auch eine der überzeugendsten Geschichten, die der österreichische Wein auf der internationalen Bühne zu erzählen hat.“ In den kommenden Jahren wird es seine Aufgabe sein, diese Vision in neue Impulse umzusetzen. Ein wesentlicher Schwerpunkt wird dabei darauf liegen, die Sichtbarkeit des österreichischen Lagenklassifizierungssystems zu erhöhen und dessen Prinzipien einem breiteren Publikum verständlich zu machen. Durch eine stärkere Vermittlung der Bedeutung von Herkunft, Terroir und Rieden will er die internationale Wahrnehmung des Systems schärfen. Zugleich sollen sowohl Konsumenten als auch Fachleute einen leichteren Zugang zur Vielfalt der österreichischen Weinlandschaften erhalten.
Die Unterscheidung von Premiers und Grands Crus
Da sich der Verband in seinem Selbstverständnis stärker an Burgund als an Bordeaux orientiert, wird eines der nächsten Ziele darin bestehen, die Hierarchie der Weinlagen durch die Unterscheidung zwischen Premiers und Grands Crus weiter zu verfeinern. Bislang wurde ein derartiges Modell lediglich in der Steiermark vollzogen. Die Ausweitung solcher Unterscheidungen auf weitere Regionen würde eine bedeutende Weiterentwicklung des österreichischen Weinklassifizierungssystems darstellen und die Unterschiede in Qualität und Charakter zwischen den herausragendsten Weinlagen des Landes zusätzlich unterstreichen.

Jahrgang 2024: reife Frucht und große Fülle
So wie einzelne Rieden Weine mit unverwechselbarem Charakter hervorbringen, gilt dies auch für die jeweiligen Jahrgänge. Die Vegetationsperiode 2024 war beispielsweise von einer Reihe extremer Wetterereignisse geprägt – darunter Frost, Hagel, Starkregen und vor allem lang anhaltende Hitzeperioden. Infolgedessen fielen die Erträge zwar geringer aus, doch die Qualität erweist sich als bemerkenswert hoch. Die Trauben erreichten eine ausgezeichnete physiologische Reife und brachten Weine hervor, die sich durch reife Frucht, große Fülle und einen unmittelbaren Charme auszeichnen, zugleich aber eine moderate Säure bewahren. Alkoholgehalt und Trockenextrakt lagen dabei tendenziell etwas höher als in den kühleren, klassisch geprägten Jahrgängen vergangener Jahrzehnte. Darin spiegeln sich sowohl die außergewöhnlichen klimatischen Bedingungen des Jahres als auch die zunehmenden Auswirkungen des Klimawandels wider. Während der Jahrgang 2024 bei den Weißweinen vielfach als sehr gut und mitunter sogar als hervorragend gelten kann, tendiert sein Stil eher zu Reife und Fülle als zu straffer Klassik. Die größte Aufmerksamkeit genießt derzeit jedoch die rote Seite des Jahrgangs. Zahlreiche Winzer sind überzeugt, dass die Rotweine das Potenzial der warmen Vegetationsperiode besonders eindrucksvoll ausgeschöpft haben. Solche Einschätzungen bleiben allerdings vorläufig, da beinahe alle beim diesjährigen Summit vorgestellten Weine aus den Jahren 2023 und 2022 stammten.
Jahrgang 2025: aromatische Komplexität bei moderatem Alkohol
Der Jahrgang 2025 hingegen war von deutlich ausgeglicheneren Bedingungen geprägt. Ausreichende Wasserreserven, kaum nennenswerte Frostschäden und eine vergleichsweise langsame Reifephase schufen ideale Voraussetzungen für die Entwicklung der Trauben. Die daraus hervorgegangenen Weine verbinden Frische und Eleganz mit moderaten Alkoholwerten und spiegeln einen Vegetationsverlauf wider, der von einer gleichmäßigen und behutsamen Reifung geprägt war. Die Säurewerte lagen spürbar höher als im Jahr 2024, was den Weinen mehr Spannung, Präzision und Lagerpotenzial verlieh. Diese Kombination aus Frische, aromatischer Komplexität, moderatem Alkoholgehalt und innerer Spannung erinnert an jene klassischen Jahrgänge, die seit Langem als Maßstab für österreichischen Wein gelten, und dürfte vor allem jene ansprechen, die Finesse der Wucht vorziehen.

Grüner Veltliner – Österreichs Aushängeschild
Mit einer Rebfläche von rund 45.000 Hektar zählt Österreich zwar nicht zu den großen Weinbaunationen der Welt, doch was ihm an Größe fehlt, macht das Land durch Qualität wett. Gemessen an der Rebfläche belegt Österreich weltweit lediglich Rang 17. Rund 17.200 Hektar der österreichischen Rebflächen sind mit Grünem Veltliner bestockt. Damit macht das Aushängeschild des Landes mehr als ein Drittel der gesamten Rebfläche aus und trägt wohl noch stärker zu dessen internationalem Renommee bei. Wer verstehen möchte, warum das so ist, muss lediglich einen Blick auf Weine wie den 2025er Grünem Veltliner Ried Steinberg von Fritsch aus dem Wagram werfen. Oder auf den 2025er Ried Zwirch von Ludwig Neumayer aus dem Traisental. Oder den 2025er Ried Achleithen Smaragd von Rudi Pichler aus der Wachau. Jeder dieser Weine interpretiert die Rebsorte auf eigenständige Weise und veranschaulicht, wie tiefgreifend Lage, Klima und die Handschrift des Winzers den Charakter prägen.
Riesling aus Österreich – “einen Umweg wert”
Der Riesling spielt hingegen im österreichischen Weinbau eine vergleichsweise bescheidene Rolle und nimmt lediglich 1.900 Hektar ein. Das Elsass mit rund 3.750 Hektar Rebfläche und Deutschland mit mehr als 24.250 Hektar verfügen über eine weitaus breitere Basis, auf die sie zurückgreifen können. Doch Quantität ist nicht gleich Qualität. Weine wie der 2025er Ehrenfels von Proidl im Kremstal, der 2024er Ried Heiligenstein-Rotfels von Johannes Hirsch im Kamptal oder der 2024er Ried Achleiten Stockkultur Smaragd von Prager in der Wachau sind – um die berühmte Formulierung von Michelin aufzugreifen – zweifellos einen Umweg wert. Sie zählen zu den weltweit markantesten Ausprägungen des Rieslings und vereinen Präzision, Tiefe sowie eine bemerkenswerte Fähigkeit, ihre Herkunft widerzuspiegeln. Bemerkenswert ist darüber hinaus das erfreuliche Preisniveau. Gerade darin liegt einer der großen Vorzüge des Weinlands Österreichs: Weltklasse ist hier oft noch zu Preisen erhältlich, die andernorts längst der Vergangenheit angehören.
Das nächste große Ding: Blaufränkisch
Verständlicherweise wird Österreich von vielen Konsumenten in erster Linie mit Weißwein in Verbindung gebracht. Tatsächlich sind jedoch knapp 14.000 Hektar, beziehungsweise rund 32 Prozent der gesamten Rebfläche des Landes, mit roten Rebsorten bestockt. Der Schwerpunkt des österreichischen Rotweinbaus liegt im Burgenland, das zugleich als Heimat des Blaufränkisch gilt – jener Rebsorte, die das Fundament vieler der bedeutendsten Rotweine des Landes bildet. Auf dem diesjährigen Gipfeltreffen erinnerten Weine wie der 2023er Blaufränkisch Ried Goldberg von Prieler, der 2023er Ried Saybritz von Wachter-Wiesler oder der 2022er Ried Altenberg von Paul Achs eindrucksvoll daran, warum diese international noch relativ wenig geschätzte Rebsorte – in Deutschland besser unter dem Namen Lemberger bekannt – weit größere Aufmerksamkeit verdient. Durch die Verbindung von Frische, Struktur und einem unverwechselbaren Geschmack zeigen sie das bemerkenswerte Potenzial des Blaufränkisch, Rotweine von Charakter hervorzubringen.



















































