Ses Talaioles: Zwei tolle Rotweine aus Mallorca

Auf Mallorca kann man Urlaub, aber auch Wein machen. Der Hamburger Projektentwickler Hendrik De Waal tut beides. Er hat einer alten Finca wieder neues Leben eingehaucht und erzeugt dort einen der besten Rotweine der Insel. Verantwortlich für ihn ist der junge Weinbautechniker Sebastian Keller aus Deutschland. Im Hintergrund zieht ein alter Riesling-Fahrensmann die Strippen: der Pfälzer Winzer Bernd Philippi.

Nur zwei Wei­ne kom­men aus dem Kel­ler der Fin­ca Ses Talaio­les. Bei­de sind rot. Bei­de wer­den mehr oder min­der aus den glei­chen Reb­sor­ten erzeugt. Bei­de sind auf­fal­lend gut – nicht nur vor dem Hin­ter­grund des eher beschei­de­nen mal­lor­qui­ni­schen Wein­ni­veaus. Der eine Wein heißt Ses­tal. Er wird aus kern­ge­sun­den, voll­rei­fen Trau­ben gewon­nen, die auf extrem stei­ni­gen Reb­flä­chen im Osten der Insel wach­sen: ein dun­kel­ru­bin­ro­ter Wein, voll­mun­dig und schwer, aber leicht zu trin­ken mit schö­ner, aus­drucks­vol­ler Frucht und mine­ra­li­scher Fül­le, die es gestat­tet, ihn neben eini­ge der gro­ßen Wei­ne des spa­ni­schen Fest­lan­des zu stel­len.

Der ande­re Wein heißt Ses­ta­li­no. Er wird aus den Fäs­sern mit dem Wein der rest­li­chen Trau­ben zusam­men­ge­stellt – eine Art klei­ne­rer Bru­der des Ses­tal. Bei­de besit­zen Cha­rak­ter und Indi­vi­dua­li­tät und sind auch für Wein­trin­ker, die mit Mal­lor­ca nichts im Sinn haben, ein gro­ßer Genuss. „Die Wei­ne sind in ihrer Fül­le ein Spie­gel­bild des war­men medi­ter­ra­nen Kli­mas, das auf Mal­lor­ca herrscht“, sagt Sebas­ti­an Kel­ler, der die Wei­ne ver­ant­wor­tet.

Steinigste Böden der Insel

Der 30Jährige, der im würt­tem­ber­gi­schen Weins­berg stu­diert hat, ist für die Wein­pro­duk­ti­on von Ses Talaio­les zustän­dig. Bevor er 2003 auf die Insel kam, hat er Prak­ti­ka in Süd­afri­ka, Frank­reich, Chi­le und Por­tu­gal absol­viert sowie in Kall­stadt bei Bernd Phil­ip­pi gear­bei­tet, dem frü­he­ren Besit­zer des renom­mier­ten Ries­ling­guts Koehler-Ruprecht. Mit ihm ver­bin­det Kel­ler eine lan­ge Freund­schaft. Nach­dem die Ham­bur­ger Unter­neh­mer­fa­mi­lie De Waal (archi­tek­to­nisch spek­ta­ku­lä­re Bau­pro­jek­te in der Han­se­stadt wie der Astra-Turm und der Elb­berg Cam­pus) die Fin­ca im Jah­re 2000 erwor­ben hat­te, wur­de Phil­ip­pi als Bera­ter enga­giert, um die Wein­ber­ge neu anzu­le­gen.

Die­ser schlug Kel­ler für den Job des Wein­ma­chers vor Ort vor. Der jun­ge Mann akzep­tier­te, lern­te Spa­nisch und knie­te sich in die Arbeit hin­ein. Die Reben soll­ten an den stei­nigs­ten Stel­len des Besit­zes gepflanzt wer­den, da wo die Hoch­ebe­ne um die Stadt Mana­cor sanft zum Meer abfällt und der har­te Kalk­mer­gel bis an die Ober­flä­che reicht. Die Ein­hei­mi­schen schüt­tel­ten den Kopf über das Vor­ha­ben. Nach ihrer Mei­nung sind der­art kar­ge Böden für eine land­wirt­schaft­li­che Nut­zung unge­eig­net. Für Gemü­se und Getrei­de mag ihr Urteil gel­ten, für Wein nicht. Denn die Reben brin­gen auf die­sen Böden bes­te Trau­ben­qua­li­tä­ten her­vor – genau das, was das Gespann Philippi/Keller sich wünsch­te. Mit schwe­rem Gerät wur­de der Unter­grund auf­ge­lo­ckert, die ton­nen­schwe­ren Gesteins­bro­cken ent­fernt und die Reben im Dicht­stand gesetzt: Caber­net Sau­vi­gnon, Caber­net franc, Mer­lot, Syrah, Tem­pranil­lo sowie die ein­hei­mi­schen Sor­ten Cal­let und Man­to Negro.

Künstliche Bewässerung nicht nötig

Vom ers­ten Jahr­gang an, dem 2006er, zeig­te sich, dass die Über­le­gun­gen rich­tig waren. Die kar­gen Böden und die Nah­rungs­kon­kur­renz der Reb­stö­cke unter­ein­an­der führ­ten dazu, dass die­se schnell tie­fe Wur­zeln bil­de­ten, um an Feuch­tig­keit zu kom­men. Resul­tat: An jedem Stock hän­gen nur weni­ge, aber umso hoch­wer­ti­ge­re Trau­ben. Sie bil­den die Basis für die außer­or­dent­li­che Qua­li­tät des Weins. „Wir haben kei­ne spe­zi­el­len Tricks und Knif­fe, die wir anwen­den “, bekennt Kel­ler. „Wir ver­las­sen uns dar­auf, dass der Boden, das Licht und die küh­len Bri­sen, die vom Meer her­über wehen, uns gute Trau­ben­qua­li­tä­ten besche­ren.“ Reicht die Son­ne aus, um die Trau­ben zu rei­fen? „Von der Son­ne haben wir eher zu viel als zu wenig.“ Und die Tro­cken­heit im Som­mer? „Zur Sicher­heit haben wir eine Anla­ge zur Tröpf­chen­be­reg­nung instal­liert. Sie wur­de aber bis­her noch nie gebraucht.“

Chemie ist tabu auf Ses Talaioles

Tat­säch­lich sind die Wei­ne von Ses Talaio­les nicht nur üppig und schwer, son­dern auch alko­hol­reich. 14,5 Vol.% sind fast die Regel. Doch der Alko­hol ist gut ein­ge­bun­den. Hohe Extrak­te sor­gen für ein Gegen­ge­wicht: „Außer­dem tun wir alles, um die Fri­sche und Frucht zu erhal­ten.“ Der eben­erdi­ge Kel­ler, eine alte Remi­se, in der frü­her die Pfer­de unter­ge­stellt wur­den, ist ther­mo­iso­liert und wird kli­ma­ti­siert.

Die Ver­ar­bei­tung der Trau­ben im Kel­ler folgt ein­fa­chen Vor­ga­ben: Spon­tan­ver­gä­rung, drei bis vier Wochen Scha­len­kon­takt, Sto­ßen der Mai­sche von Hand, danach Aus­bau des Weins in Bar­ri­ques. Ses­tal und Ses­ta­li­no wer­den auf glei­che Wei­se aus­ge­baut. Nach 24 Mona­ten gehen die Wei­ne unfil­triert auf die Fla­sche. Die Fri­sche ist aber auch ein Resul­tat der geo­gra­fi­schen Lage der Fin­ca. Sie liegt nur weni­ge Kilo­me­ter von der Küs­te ent­fernt. Von dort weht stän­dig ein leich­ter, mil­der Wind her­über, der die Luft zwi­schen den Reb­zei­len abkühlt und beson­ders abends die Tem­pe­ra­tu­ren fal­len lässt. Und wenn es mal reg­net, trock­net der Wind Blät­ter und Trau­ben schnell ab, so dass die Gefahr von Schim­mel und ande­ren Pilz­krank­hei­ten gering ist. Fun­gi­zi­de müs­sen nicht gespritzt wer­den. Che­mie ist auf Ses Talaio­les tabu.

Tief versunken zwischen Steineichenwäldern

Das Anwe­sen liegt abseits der gro­ßen Ver­kehrs­we­ge der Insel. Tief ver­sun­ken zwi­schen Steineichen-Wäldern, Mager­wie­sen und Fel­dern mit rost­ro­ter Erde, war die Fin­ca jah­re­lang unbe­wohnt, bevor die Fami­lie De Waal sie erwarb. Der mar­kan­te vier­ecki­ge Turm, von dem aus man in der Fer­ne das blaue Band des Mit­tel­mee­res sieht, stammt aus der Zeit der islamisch-christlichen Glau­bens­kämp­fe, die im 13. Jahr­hun­dert auch auf Mal­lor­ca tob­ten. Von den ins­ge­samt hun­dert Hekt­ar Land, die zu Ses Talaio­les gehö­ren, sind der­zeit sechs Hekt­ar mit Reben bestockt. Das rest­li­che Land ist mit Stein­ei­chen bedeckt, unter denen 50 Schwei­ne der alten mal­lor­qui­ni­schen Ras­se Pata Negra legen. Außer­dem wer­den Getrei­de und Oli­ven ange­baut sowie Man­deln, Fei­gen, Johan­nis­brot und Gemü­se. In den dich­ten Stein­ei­chen­wäl­dern wer­den 20 Schwei­ne der alten Ras­se Negro Mal­lor­quin gehal­ten. „Die Besit­zer­fa­mi­lie hat sich zum Ziel gesetzt, die Misch­kul­tur, die das Land­gut frü­her cha­rak­te­ri­sier­te, wie­der her­zu­stel­len“, sagt Kel­ler.

Übri­gens: Auf Mal­lor­ca sind die Wei­ne von Ses Talaio­les schwer erhält­lich. Ledig­lich in weni­gen Restau­rants ste­hen sie auf der Kar­te, etwa im Sal in Por­tocris­to, bei Jens in Camp de Mar, im Riz­zi und im Fla­nigan in Puer­to Por­tals. Der größ­te Teil der Pro­duk­ti­on wird in die Schweiz und nach Deutsch­land ver­kauft. „Auf Mal­lor­ca weiß man nie, ob der Händ­ler oder Gas­tro­nom, nach­dem er die Wei­ne abholt und gela­den hat, sei­nen Lie­fer­wa­gen nicht ein paar Stun­den in der Son­ne ste­hen lässt, um Sies­ta zu machen“, weiß Kel­ler aus leid­vol­ler Erfah­rung.

Über den Autor

2 Kommentare

Antwort schreiben