Rosé, einmal anders: Weg von den Primäraromen

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Paul Kern stellt vier „Anti-Rosés“ vor, die reifen können (und sollten). Sie sind eher für die feine Tafel prädestiniert als für Terrasse oder Swimmingpool.

Zwie­bel­far­ben bis him­beer­rot, frisch, unkom­pli­ziert, expres­siv fruch­tig, manch­mal kit­schig mit leich­ter Rest­sü­ße – so sind die meis­ten Rosé-Weine, egal ob aus Süd­frank­reich (wo der Löwen­an­teil der euro­päi­schen Rosés her­kommt) oder aus einem ande­ren euro­päi­schen Land. Sich an sol­chen Rosés zu delek­tie­ren, ist nicht ver­werf­lich. Auch wenn vie­le banal sind: Gut gekühlt kön­nen sie durch­aus lecker sein. Nur eines sind sie nie: groß­ar­tig.

Die „Anti-Rosé“-Weine haben ihre Qualitäten jenseits der Frucht

Müs­sen sie das? Nicht unbe­dingt. Es gibt aller­dings Rosé-Weine, die raf­fi­nier­ter sind und einen etwas höhe­ren Genuss ver­spre­chen, zumin­dest für die, die der bana­len, bon­bon­fruch­ti­gen Rosés müde gewor­den sind. Sie wol­len weg von den Pri­mär­aro­men, rei­ten folg­lich nicht auf der fruchtig-frischen Wel­le, son­dern zei­gen Noten, wie man sie auch in rei­fe­ren Weiß­wei­nen fin­det. Sie kos­ten ein biss­chen mehr als die Wald- und Wiesen-Rosés aus dem Super­markt­re­gal – sogar deut­lich mehr. Und es gibt sie nicht im Six­pack. Sol­che „Anti-Rosés“, wie ich sie hier nen­nen möch­te,  haben ihre Qua­li­tä­ten jen­seits der Frucht: her­be, cre­mi­ge, wür­zi­ge, hol­zi­ge oder oxi­da­ti­ve Noten, in eini­gen Fäl­len auch alles auf ein­mal.

Gran Reser­va Ros­a­do von Viña Ton­do­nia: Pate aller lang­le­bi­gen Rosés

Pate aller „Anti-Rosés ist die Gran Reserva Rosado von Viña Tondonia

Der Pate die­ser „Anti-Rosés“ ist die Gran Reser­va Ros­a­do von López Her­e­dia (Viña Ton­do­nia), einem legen­dä­ren Wein­gut in der Rio­ja. Die­sen Wein gab es, lan­ge bevor der Rosé bei uns in Mode kam. Er wird aus den roten Sor­ten Gar­nacha und Tem­pranil­lo sowie der wei­ßen Viura-Traube gekel­tert, die gemein­sam ver­go­ren und anschlie­ßend meh­re­re Jah­re in alten Holz­fäs­sern gereift wer­den – und zwar lan­ge, sehr lan­ge. 2011 ist gera­de der aktu­el­le Jahr­gang. Kna­ckig frisch ist die­ser Wein natür­lich nicht mehr, rich­tig fruch­tig auch nicht. Will er auch nicht sein. Er besitzt eine but­t­ri­ge Fül­le, zeigt Aro­men von gebrann­ten Man­deln, Zimt, rau­chi­gem Whis­ky, ist aber gleich­zei­tig von einer  wei­chen, prä­gnan­ten Säu­re durch­zo­gen: ein Rosé im alt­spa­ni­schen Stil, den man nicht auf der Ter­ras­se, son­dern an  einer Tafel mit wei­ßem Tisch­tuch zu fei­nen Spei­sen trinkt. Aller­dings ist er rar und ent­spre­chend schwie­rig zu fin­den. Mit 50 bis 70 Euro erfor­dert er eine klei­ne Inves­ti­ti­on (Preis: 66 Euro bei Loben­bergs, aber nur für Stamm­kun­den). Aber die­ser Ros­a­do ist, wie gesagt, nur Pate eini­ger ande­rer Rosés, die mehr bie­ten wol­len als lecke­ren Geschmack. Ich möch­te Ihnen, lie­be Leser, vier „Anti-Rosés“ vor­stel­len, die nicht banal und garan­tiert kitsch­frei sind.

Domaine de Terrebrune – Bandol Rosé 2020

Aus Ban­dol kom­men eini­ge der bes­ten Rosé-Weine Frank­reichs. Anders als in den ande­ren Sub­re­gio­nen der Pro­vençe domi­niert hier die Sor­te Mour­vèd­re, die etwa zwei Drit­tel der Cuvée des Terrebrune-Rosés aus­macht. Jung getrun­ken, zeigt er Aro­men von fri­schen Wald­früch­ten und pro­vença­li­schen Würz­kräu­tern. Unty­pisch für einen Rosé aus hei­ßen Regio­nen, wo man eigent­lich um jedes Gramm Säu­re dank­bar ist, durch­läuft der Ter­re­bru­ne den bio­lo­gi­schen Säu­re­ab­bau, was ihm eine lang­an­hal­ten­de Cre­mig­keit ver­leiht. Doch die­ser Rosé gewinnt, wenn man ihn lie­gen lässt. Geor­ges Delil­le, der Win­zer, garan­tiert, dass er sich min­des­tens zehn Jah­re auf der Fla­sche ver­fei­nert. Ich habe aus Neu­gier mal den 2007er getrun­ken. Auch nach 14 Jah­ren hat die­ser Rosé noch eine straf­fe Tex­tur und eine noch immer ani­mie­ren­de Säu­re. Aro­ma­tisch macht sich die Rei­fe natür­lich bemerk­bar, mit Noten von Süß­rahm­but­ter und Apri­ko­sen­mar­me­la­de, aber ganz ohne Rest­sü­ße. Kein Wein für den Swim­ming­pool, aber ein fas­zi­nie­ren­der Wein für alle, die der Pri­mär­aro­men über­drüs­sig sind und kom­ple­xe Struk­tu­ren lie­ben, egal ob rot, weiß – oder in die­sem Fall Rosé.

Preis: 22,90 €

Bezug: Les Amis Du Vin (alte Jahr­gän­ge auf Anfra­ge)

Thymiopoulos Vineyards – Rosé de Xinomavro 2019

Apos­to­los Thy­mio­pou­los, Win­zer im nord­grie­chi­schen Naous­sa, ist auf Xino­mav­ro spe­zia­li­siert, die bes­te rote Reb­sor­te Grie­chen­lands. Auf­grund ihres fes­ten Tan­nins, ihrer prä­gnan­ten Säu­re und sei­nes cha­rak­te­ris­ti­schen Dufts nach ver­blüh­ten Rosen wird sie häu­fig mit der Nebbiolo-Traube ver­gli­chen. Sein Rosé ist klar von der her­ben Typi­zi­tät der Reb­sor­te geprägt, hat viel Biss, Säu­re und Gerb­stoff. Mich erin­nert das Aro­ma an gekoch­tem Rooi­bos­tee und Angos­tu­ra­bit­ter. Sicher, die Grie­che hat nicht den Cha­rak­ter von Ter­re­bru­ne und nicht die Grö­ße des Viña Ton­do­nia, ist aber ein span­nen­der „Anti-Rosé“ für Men­schen mit einem unver­kitsch­ten Geschmack.

Preis: 11,90 € bei

Bezug: The Wine House, Ulm

Buçaco Palace Hotel – Rosado Reservado 2018

Das por­tu­gie­si­sche Luxus­ho­tel Buça­co Palace, das sich genau an der Gren­ze zwi­schen den Wein­an­bau­ge­bie­ten Dão und Bair­ra­da befin­det, unter­hält seit jeher ein eige­nes (mitt­ler­wei­le von Nie­po­ort betrie­be­nes) Wein­gut, das drei Wei­ne kel­tert: rot, weiß und rosé. Letz­te­rer besteht aus der auto­chtho­nen Reb­sor­te Baga und wird sechs Mona­te in gebrauch­ten Bar­ri­ques gereift. Ähn­lich wie der Ros­a­do von Viña Ton­do­nia spielt der Buça­co mit fei­nen oxi­da­ti­ven Noten, ist dabei aber noch­mal eine Spur vir­tuo­ser. Der Wein ist viel­schich­tig mit Aro­men von grü­nem Apfel und unge­rös­te­ten Hasel­nüs­sen, ähn­lich wie ein Florhefe-geprägter Fino-Sherry. Ein deut­li­cher Unter­schied zum Tondonia-Rosado ist die kla­re Rosé-Charakteristik des Buça­co, der ganz klar umris­se­ne Aro­men roter Johan­nis­bee­ren mit­bringt, die geni­al von einer hefig-röschen Kom­po­nen­te umran­det wer­den – wie Johan­nis­beer­kon­fi­tü­re auf ofen­war­mem But­ter­brot. Ein gro­ßer Wein!

Preis: 38,00 €

Bezug: Wein am Limit, Ham­burg

Château Cibon – Cuvée Marius 2018

Tibou­ren ist eine uralte pro­vença­li­sche Reb­sor­te, die in der zwei­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts aller­dings mehr und mehr den Big Play­ern wie Gren­ache oder Syrah wei­chen muss­te. Auf Châ­teau Cibon hat man sich auf die­se Reb­sor­te spe­zia­li­siert und schenkt ihr für den Rosé genau­so viel Auf­merk­sam­keit wie für die Rot­wei­ne. Die Cuvée Mari­us ist das rosa Flagg­schiff, reift knapp zwei Jah­re auf der Hefe in neu­en Fuder­fäs­sern und ist so von Crè­me, Schmelz und dezent von Vanil­le geprägt. Aro­ma­tisch fügt sich der Wein per­fekt in die medi­ter­ra­ne Aro­men­welt ein, hat Noten von jun­gen Knob­lauch­stie­len und einem sal­zi­gen Umami-Ton, der an Oli­ven­la­ke erin­nert. Durch sei­ne breit­schult­ri­ge Art (14 Vol.% Alko­hol) ist er ein per­fek­ter Part­ner für anspruchs­vol­le­re pro­vença­li­sche Gerich­te mit Oli­ven­öl oder für eine Bouil­la­baisse.
Preis: 41 Euro

Bezug: Loben­bergs, Bre­men

Über den Autor

2 Kommentare

  • Ein schö­ner Arti­kel, dan­ke. Erfri­schend anders, sowie Rosé ohne Bon­bon­nund Ter­ras­se. Der Ton­do­nia Ros­a­do ist groß­ar­tig aber 2011 natür­lich noch sehr jung. Ich wür­de den Wein erst in 4 oder 5 Jah­ren öff­nen aber auch jetzt macht er natür­lich viel Freu­de. Dazu kann ich noch den Alma Tobia Ros­a­do emp­feh­len. Im Bar­ri­que femen­tiert ist er auch kraft­voll aber viel pri­mär fruch­ti­ger und macht auch jung schon eine Rie­sen­freu­de.

    Grü­ße

    rioja-and-riesling

  • Lie­ber Herr Kern, vie­len Dank für den infor­ma­ti­ven Arti­kel!
    Die Wei­ne der Domai­ne de Ter­re­bru­ne wer­den seit letz­tem Jahr vom Wein­con­tor Wies­ba­den impor­tiert, der Rosé 2020 kos­tet 19,95€ zzgl. Ver­sand­kos­ten. Kein web­shop, man kann den Wein per mail bestel­len: selection@weincontor-wiesbaden.de.

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