Traditionell steht Rioja für lange in Barriques gereifte Rotweine. Jetzt streben junge Winzer Weine an, die weniger vom Holz, sondern von der Herkunft erzählen.
Von Thomas Götz
Es heißt, die Rioja sei das Land der tausend Weine. Und doch ist ihr Bild hierzulande erstaunlich klar umrissen: Barrique, Rotwein, Klassiker. Manche dieser Weine überdauern Generationen, wie eine Verkostung historischer Jahrgänge zum 100-jährigen Jubiläum der DOCa Rioja im nordspanischen Logroño kürzlich wieder zeigte. Das gilt nicht nur für Rotweine, sondern auch für die weißen. Besonders in Erinnerung blieb die 1986 Castillo Ygay Gran Reserva Especial Blanco. Die Cuvée aus Viura und einigen Prozent Malvasía zeigt, dass Rioja auch bei Weißweinen zu Großem fähig ist. Das Gewächs verbrachte 21 Jahre in amerikanischen Barriques, danach sechs Jahre in Betontanks und weitere 13 Jahre in der Flasche. Im Glas präsentiert es sich in leuchtend klarem Gold, ohne jeden Anflug von Brauntönen. Am Gaumen fühlt es sich tief an und ist immer noch von vibrierender Frische. Die enorme Länge und Intensität bringen einen dieser seltenen Momente hervor, in denen man spürt, was große Weine ausmacht. Gut möglich, dass dieser Blanco älter wird als die Weintrinker, die 1986 geboren wurden.
Auch nach 70 Jahren noch frisch
Dasselbe gilt für den 1956 Marqués de Riscal. Die Farbe dieses Rotweins aus Tempranillo, Cabernet Sauvignon, Mazuelo und Graciano hat sich im Laufe der Jahrzehnte in ein blasses Ziegelrot verwandelt. Doch zugleich hat er eine beeindruckende Vitalität und Griffigkeit am Gaumen bewahrt — auch nach 70 Jahren bleibt die Säure das tragende Element, während sich die Textur irgendwo zwischen seidig und wachsartig bewegt und ein sinnliches Mundgefühl hervorbringt. Ein Faustino aus dem legendären Jahrgang 1964 wies eine ähnlich frische und elegante Stilistik auf. Auch er hatte diese fein polierten Tannine und zeigte dazu die balsamisch-erdigen Tertiäraromen, wie sie bei langer Flaschenreife entstehen. Gekeltert ist er aus den Rebsorten Tempranillo, Graciano, Mazuelo und Viura.
Alte Riojas sind schlanker und straffer
Oft heißt es, ein bedeutender Unterschied zwischen klassischen und modernen Riojas liege in der Dauer der Fassreife: Die klassischen Riojas seien viel länger, mitunter Jahrzehnte im Barrique gereift. Tatsächlich trifft das nur teilweise zu, wie ein Blick in die Geschichte zeigt: Der 1956er Marqués de Riscal kommt etwa auf 45 Monate im Eichenfass, und der 1964er Faustino lag sogar nur 30 Monate im Barrique — auf solche Ausbauzeiten kommen auch viele der heutigen Gran Reservas.
Alkoholgehalt und Stilistik entscheiden
Entscheidend sind vielmehr der Alkoholgehalt und die Stilistik: Der 1956er Riscal weist nur 12 Vol.% auf, der 1964er Faustino 12,5 Vol.%. Damals wurden die Trauben früher geerntet und weniger stark extrahiert, als es ab den 1980er Jahren im Zuge der „Parkerisierung“ üblich wurde. Das macht diese alten Riojas schlank, straff und säurebetont — statt vollmundig und tanningeprägt. Für letztere Stilistik stand im Tasting etwa die 2001 CVNE Imperial Gran Reserva: Sie ist im Vergleich dichter strukturiert, hat mehr Körper und Alkohol, ist dunkler und reifer in der Frucht. Der gänzlich andere Ausdruck dieser Gran Reserva ist also nicht allein auf ihr jüngeres Alter zurückzuführen.
Die neuen Gesichter der Rioja

Während die großen Namen ihre Geschichte fortschreiben, hat sich eine neue Generation formiert, die die Rioja neu denkt — freier und individueller. „Rioja ist kein Stil, sondern eine vielfältige Region“, sagt Winzerin Jade Gross, die, obwohl noch in den Dreißigern, schon auf eine bemerkenswerte Laufbahn blickt. Aufgewachsen in Hongkong als Tochter eines US-amerikanischen Vaters und einer chinesischen Mutter, führte sie ihr Weg nach einer Kochausbildung in Paris über mehrere Stationen ins baskische 2-Sterne-Restaurant Mugaritz. Dort begann sie mit 23 zu kochen und wurde mit 26 Küchenchefin.
Die Freundschaft mit dem riojanischen Kultwinzer Abel Mendoza brachte Jade Gross dazu, ihr Leben erneut zu ändern: Sie verließ die Sternegastronomie und keltert seit 2019 Weine im Dorf San Vicente de la Sonsierra — zwischen dem Fluss Ebro und dem Bergzug Sierra Cantabria gelegen. Ihre Produktion stieg von 800 Flaschen im ersten Jahrgang auf gut 10.000. Größer will sie nicht werden, sagt sie, denn als Perfektionistin führt sie im Weinberg und Keller alle Tätigkeiten selbst aus.
Vorwärts in die Vergangenheit!
Gross keltert vier Rot- und Weißweine, darunter einen saftigen, ausdrucksstarken Rioja mit dem ungewöhnlichen Namen Piano, Piano, der neben Tempranillo auch Graciano und weiße Viura enthält. Weiße Trauben in einem Rotwein mögen ungewöhnlich sein, sind aber eine alte Rioja-Tradition, die einige Winzer getreu dem Motto „Vorwärts in die Vergangenheit“ wiederbeleben. Sie sorgen für einen Tick mehr Frische und einen niedrigeren pH-Wert, was im Zuge des Klimawandels von Vorteil sein kann.
„Piano, Piano“ sei ein Wortspiel, erklärt Gross: Früher habe sie klassisches Klavier gespielt, und zugleich neige sie dazu, vieles schnell erledigen zu wollen. „Aber beim Weinmachen musste ich lernen, langsamer und geduldiger zu werden.“ Heute sieht sich die Neuwinzerin als Teil einer wachsenden Bewegung in Rioja: „Es ist eine aufregende Zeit, in der immer mehr Personen eigene Projekte gründen und Orts- und Lagenweine auf Topniveau keltern.“
Weinberg vor Keller
Mit „Orts- und Lagenweine“ gibt Gross zwei Stichworte für den Paradigmenwechsel in der Rioja. Die unterschiedlichen Mentalitäten zeigen sich bereits bei Weingutsbesuchen: Die großen Traditionshäuser führen durch imposante Keller mit Tausenden Barriques und erklären die Unterschiede zwischen französischer und amerikanischer Eiche sowie deren Röstgrade. Die Vertreter der jüngeren Generation hingegen führen in die Weinberge, sprechen über Biodiversität, Böden und Mikroklima. Ihr Motto lautet „Weinberg vor Keller“. Oft suchen sie nach alten Rebgärten in abgelegenen Zonen mit kargen Böden, die nach ihrer Meinung die spezielleren Weine ergeben.
Boden statt Barrique

Einer dieser Winzer ist Carlos Mazo: „Vergiss Crianza, Reserva und Gran Reserva“, sagt er klipp und klar. „Ich arbeite mit großen Fudern und Betontanks — meine Weine sollen nicht von der Zeit im Barrique, sondern von meiner Region und den Rebsorten erzählen.“
Sein Weingut liegt 100 Kilometer östlich von San Vicente de la Sonsierra, den Ebro flussabwärts, in der Rioja Oriental, wo das Klima heißer und trockener ist. „Schon an der Architektur erkennt man die unterschiedlichen Böden“, erklärt Mazo auf dem Dorfplatz von Aldeanueva de Ebro. „Unsere Häuser sind aus roten Lehmziegeln, während man in der baskischen Rioja Alavesa beigen Sand- oder Kalkstein verwendet.“
Vom Weinbauern zum Vigneron
Die Rioja Oriental steht meist im Schatten der bekannteren Zonen Rioja Alta und Alavesa. Sie ist traditionell das Land der Weinbauern, die ihre Trauben an Genossenschaften oder die großen Häuser in Rioja Alta verkaufen. Auch Carlos Mazo stammt aus solch einer Familie. Sein Vater arbeitete im Weinberg für den Großbetrieb Campo Viejo. Er baute außerdem selbst Wein an, verkaufte die Trauben aber weiter und füllte nie eigenen Wein ab. Erst als Mazo die fünf Hektar der Familie übernahm, vollzog er diesen Schritt. Den Fokus legt er auf Orts- und Lagenweine sowie auf die Rebsorte Garnacha, die besser ins warme, mediterrane Klima von Rioja Oriental passt, weil sie hitzebeständiger ist und Säure besser konserviert als die Tempranillo.
Keine schweren Weine keltern, sondern feine

Zunächst erzeugte Mazo seine Weine in der Garage seines Vaters, seit 2020 in einer eigenen kleinen Kellerei. Er arbeitet handwerklich, etwa mit einer alten Handpresse, und mit traditionellen Methoden. Die Trauben stampft er mit den Füßen, vergärt sie mit Stielen und ohne Temperaturkontrolle — so wie es die kleinen Winzer in seinem Dorf früher gemacht haben. Mazo sagt, er wolle keine schweren Weine keltern, und tatsächlich zählen seine Gewächse zu den feinsten der gesamten Rioja. Fantastisch ist der Rotwein Nace La Sierra aus einem Mischsatz mit Garnacha, Tinto Velasco und weißem Calagraño. Der 2023er ist äußerst gradlinig, gleichzeitig subtil mit einem anregenden Hauch von Kräuterherbe. Trotz eines überdurchschnittlich heißen Jahrgangs ist er wunderbar frisch und schlank.
Mazo: „Die besten Weine in meiner Gegend machen“
Um noch mehr Frische zu erhalten, hat sich Mazo in den Yerga-Bergen einige Parzellen in 700 Metern Höhe gekauft. Die Fahrt dorthin führt über holprige Feldwege, vorbei an wildem Gestrüpp. Seit 1990 ist die Rebfläche der Rioja um 24.000 Hektar angewachsen. Dies führte zu Überproduktion und einem Verfall der Traubenpreise. Aus wirtschaftlichen Gründen geben viele Weinbauern die abgelegenen und schwer zu bearbeitenden Parzellen in den Bergen auf. Weiter unten im flachen Ebrotal können die Weinberge bewässert werden, die Böden sind fruchtbarer und die Erträge höher. Doch Mazo tickt anders: Ihm geht es nicht darum, möglichst einfach möglichst viele Trauben zu ernten. Er will stattdessen „die besten Weinberge und die frischesten Trauben, weil ich die besten Weine in meiner Gegend machen möchte.“ Damit verkörpert er die neue, ambitionierte Generation unabhängiger Kleinwinzer in der Rioja.
Die Rioja steht auch für Clarete – Roséwein
So wie sich die Rioja Oriental dank Winzern wie Carlos Mazo langsam aus dem Schatten herausarbeitet, wird generell die geografische Vielfalt der Region in ihren Weinen zunehmend sichtbar. Das Anbaugebiet ist nämlich ein Mosaik verschiedenster Terroirs. Es erstreckt sich über 120 Kilometer entlang des Ebro, ist bis zu 40 Kilometer breit und umfasst 67.000 Hektar Rebfläche. Während einige Weinberge im Ebrotal auf 300 Metern liegen, reichen andere bis auf 900 Meter die Berghänge hinauf, die das Weingebiet im Norden und Süden eingrenzen. Die sieben Zuflüsse des Ebro, darunter der Rio Oja, von dem die Region ihren Namen hat, bilden wiederum Täler mit eigenen Mikroklimata.

Eines dieser Täler formt der Najerilla-Fluss in Rioja Alta — mit kühlen, oft nordexponierten Weinbergen und hohem Bestand an alten Reben. Im Dorf Cordovin ist der traditionelle Wein ein Clarete, also ein Rosé aus gemeinsam vergorenen Rot- und Weißweintrauben. Bei einem der Tastings auf der eingangs erwähnten 100-Jahr-Feier wurde der 2019er Clarete Fino El Origen von Bodegas Valcuerna serviert. Dieser knochentrockene, mineralische, hellfarbige Rosé stammt aus einem 1930 gepflanzten Weinberg mit 50 Prozent Garnacha, 40 Prozent Viura und 10 Prozent weiteren Sorten. Er verbrachte drei Jahre im Stahltank, eines davon auf der Hefe, und weitere drei Jahre in der Flasche. Im Mund präsentiert er sich mit toller Frische und Noten von reifer Zitrusfrucht; dazu entwickelt er viel Gripp und hat einen anregenden, feinwürzigen Nachhall.
Weißwein aus uralten Reben

Bei derselben Verkostung überraschte ferner der weiße 2022 JVV Blanco von Juan Valdelana. Gekeltert ist er aus 85 bis 110 Jahre alten Reben auf Kalkböden in 650 Metern Höhe in Rioja Alavesa. Der Blend aus Viura, Malvasía, Garnacha Blanca, Maturana Blanca und Calagraño zeigt eine hohe aromatische Intensität und Eleganz am Gaumen, ist frisch und vielschichtig und hat einen langen Abgang, in dem sich Zitrus- und Honignoten harmonisch verbinden. Es sind Gewächse wie diese, die zeigen, dass die Rioja tatsächlich das Land der tausend Weine ist — eine Region, die mehr Facetten hat, als die meisten ahnen.
Die Weine
1986 Castillo Ygay Gran Reserva Especial Blanco,
Preis: 4.186 Euro (3er Karton)
Bezug: www.lobenberg-von-privat.de
2018 Marqués de Riscal Gran Reserva
Preis: 49,90 Euro
Bezug: vinos.de
2016 Faustino Gran Reserva
Preis: 17,90 Euro
Bezug: hawesko.de
2018 CVNE Imperial Gran Reserva
Preis: 68,90 Euro
Bezug: silkes-weinkeller.de
2023 Piano, Piano, Jade Gross
Preis: 48,50 Euro
Bezug: weine-feinkost.de
2023 Nace La Sierra, Carlos Mazo
Preis: 49,90 Euro
Bezug: schreiblehner.com
2019 Clarete Fino El Origen, Bodegas Valcuerna
Preis: ca. 23 Euro
ohne Vertrieb in Deutschland
2022 JVV Blanco, Juan Valdelana
Preis: ca. 38 Euro
ohne Vertrieb in Deutschland








































































