Reality Check: Die kleinen Stars der Südpfalz (1)

(C) Karlheinz_Schmeckenbecher
Die A-Promis unter den deutschen Winzern machen die Schlagzeilen. Doch die zweite Garnitur ist in der Spitze gar nicht so weit weg von der ersten - nur unbekannter und halb so teuer. Jens Priewe auf Reality Check.

In Bor­deaux sagen die Négio­çi­ants: In klei­nen Jah­ren bei den gros­sen Châ­teaux kau­fen, in gros­sen Jah­ren bei den klei­nen. Die­se Erkennt­nis gilt auch für ande­re Län­der, Deutsch­land ein­ge­schlos­sen. 2018 war an Rhein, Main, Neckar und Mosel ein gros­ses Jahr. Es gab kei­ne Rei­fe­pro­ble­me, kei­ne Men­gen­pro­ble­me. Auch in Orts­la­gen konn­ten vie­ler­orts Wei­ne geern­tet wer­den, wie man sie sonst nur in Ers­ten Lagen fin­det, und vie­le Ers­te Lagen sind in 2018 auf dem Niveau einer Gros­sen Lage. Leu­te, die ger­ne Ries­ling oder Sil­va­ner, Grau- oder Weiss­bur­gun­der  trin­ken, befin­den sich mit­hin in einer kom­for­ta­blen Situa­ti­on.

Nicht reflexhaft zu den berühmten Namen greifen

Man kann sogar noch wei­ter­ge­hen: Manch klei­ner, wenig bekann­ter Win­zer hat in die­sem Jahr gros­se Wei­ne im Sor­ti­ment. Wer auf hohem Niveau trin­ken möch­te, muss also nicht reflex­haft zu den Wei­nen berühm­ter Wein­gü­ter grei­fen, deren Top­wei­ne mitt­ler­wei­le so gefragt sind, dass sie vor­re­ser­viert und zuge­teilt wer­den müsen. Vom Preis ganz zu schwei­gen. Die bes­ten unter den GG haben die 40 Euro-Marke geknackt. Der Angriff auf die 50 Euro-Grenze hat begon­nen. Und auch der unte­re Teil der Qua­li­täts­py­ra­mi­de ist in Bewe­gung. Die Orts-/Terroirweine haben – mar­ke­ting­mäs­sig gespro­chen – die 20 Euro-Marke ins Visier genom­men. Es geht dem Wein­trin­ker jetzt also ans Porte­mon­naie.

Oft den Weinen von VDP-Betrieben ebenbürtig

Die tröst­li­che Nach­richt ist, dass die Wei­ne der A-Promis unter den deut­schen Win­zern durch­weg ihr Geld wert sind. Das heißt: Die anspruchs­vol­len Wein­trin­ker bekom­men einen ent­spre­chen­den Gegen­wert für ihren Ein­satz. Die bes­se­re Nach­richt aber ist, dass die­se Wein­trin­ker bei manch klei­nem Win­zer einen ähn­li­chen Gegen­wert bekom­men, nur zum hal­ben Preis, ohne Reser­vie­rungs­druck, ohne Zutei­lung. Das gilt für alle deut­schen Wein­an­bau­ge­bie­te, nicht nur für die Süd­pfalz, wo ich mich regel­mäs­sig her­um­trei­be – aber eben auch für dort. Vor zwei Jah­ren hat­ten wir auf weinkenner.de bereits auf Wein­gü­ter wie Gies-Düppel und Sie­ner in Birk­wei­ler, Jülg in Schwei­gen und Klaus Mey­er in Rhodt hin­ge­wie­sen. Kürz­lich habe ich einen erneu­ten Rea­li­ty Check unter­nom­men und vier wei­te­re Süd­pfäl­zer Win­zer unter die Lupe genom­men. Auch bei kri­ti­scher Betrach­tung muss ich sagen, dass ihre Wei­ne im Mit­tel­seg­ment und in der Spit­ze oft den ent­spre­chen­den Wei­nen von VDP-Betrieben eben­bür­tig sind – nicht aller, aber vie­ler. Mal haben sie ihre Reben in den­sel­ben Gros­sen Lagen ste­hen wie die­se, mal in Lagen, die eine Ers­te oder Gros­se Lage dar­stel­len wür­den, wenn sie klas­si­fi­ziert wür­den.

Die noch bes­se­re Nach­richt: 2017, 2016, 2015 waren eben­falls sehr gute bis gros­se Jahr­gän­ge. Sie sind bei die­sen Win­zern noch auf der Lis­te. Man kann also prü­fen, wie sie sich ent­wi­ckelt haben.

Zwei die­ser Win­zer stel­le ich hier vor, zwei wei­te­re nächs­te Woche.

Mathias Wolf in Birkweiler

Mathias Wolf
Mathi­as Wolf

Ers­ter Stopp in Birk­wei­ler bei Mathi­as Wolf. Der 30-Jährige hat in den letz­ten Jah­ren viel Schwung in den klei­nen Fami­li­en­be­trieb gebracht, der sich bis dahin mit 5-Euro-Weinen müh­sam über Was­ser hielt. Sicht­ba­res Zei­chen ist ein neu­er Degus­ta­ti­ons­tre­sen, an dem Besu­cher das Sor­ti­ment durch­pro­bie­ren kön­nen. Und Besu­cher gibt es reich­lich, seit sich her­um­ge­spro­chen hat, dass die Wolf­s­chen Kres­zen­zen auch hohen Ansprü­chen genü­gen kön­nen: im Gault Mil­lau zwei Trau­ben (nach­dem das Wein­gut dort vor­her gar nicht gelis­tet war), im Vinum-Weinführer sogar drei Ster­ne ver­bun­den mit der Aus­sa­ge: „Mathi­as Wolf hat einen der steils­ten Auf­stie­ge eines jun­gen Win­zers in der Pfalz in den letz­ten Jah­ren hin­ge­legt…“

Etikett Wolf
Eti­kett Wolf

Rebbesitz in einigen der besten Parzellen des Kastanienbusch

Wolf, der beim Süd­pfäl­zer Jungwinzer-Wettbewerb mehr­fach Prei­se ein­ge­heimst und so auf sich auf­merk­sam gemacht hat­te, gibt zu, dass „etwas ins Rol­len gekom­men ist“. Sei­ne Wei­ne sind prä­zi­ser und tro­cke­ner als frü­her und wer­den nicht mehr nur in der Regi­on, son­dern auch in Ber­lin („ganz stark“) und in Mün­chen („jetzt end­lich auch“)  getrun­ken. Zufall ist das nicht. Die Fami­lie ist in einer der aller­bes­ten Lagen der Süd­pfalz begü­tert, dem Kas­ta­ni­en­busch – Reb­holz und Wehr­heim las­sen grüs­sen. Wolfs Wei­ne, also Ries­ling und Weiss­bur­gun­der, kom­men über­wie­gend von dort. Ein ers­tes Hight­light ist der Ries­ling „Aus dem Rot­lie­gen­den“, der ein mar­kan­tes, boden­ge­präg­tes Pro­fil auf­weist und locker als Ers­te Lage durch­ge­hen könn­te, wenn der Betrieb dem VDP ange­hör­te (€ 9,80). Noch einen Gang höher schal­tet der Ries­ling „Roter Schie­fer“ aus einer beson­ders stei­ni­gen Par­zel­le des Kas­ta­ni­en­busch mit über 40 Jah­re alten Reben: stram­me Säu­re einer­seits, hohe Rei­fe ande­rer­seits und ein ent­spre­chend gros­ser Span­nungs­bo­gen. Die­ser Wein ist eine Her­aus­for­de­rung – nicht für die Kon­su­men­ten, son­dern für die berühm­te­re Kon­kur­renz (€ 13,80). Fast noch höher schät­ze ich Wolfs Weis­sen Bur­gun­der aus der Buntsandstein-Terrassenlage „Am Köp­pel“ ein, die eben­falls zum Kas­ta­ni­en­busch zählt. Im Gegen­satz zum Ries­ling, der nur im Stahl­tank aus­ge­baut wird, reift die­ser Wein teil­wei­se in Ton­ne­aux (€ 13,80). Alle Wei­ne des Youngs­ters haben ein eige­nes Pro­fil und sind mit einer fast inge­nieur­haf­ten Prä­zi­si­on gemacht. Woll­te man etwas kri­ti­sie­ren an ihnen, dann das: Sie sind sehr tech­nisch. Es fehlt ihnen manch­mal die fre­che Facet­te, der Regel­bruch, die Grenz­über­schrei­tung – also das, was einen guten Wein von einem spek­ta­ku­lä­ren unter­schei­det.

www.weingut-wolf-birkweiler.de

 

Georg Meier, Weyher

Georg Meier
Georg Mei­er

Das spek­ta­ku­lä­re Moment fin­det man zehn Kilo­me­ter wei­ter nörd­lich bei Georg Mei­er in Wey­her. Auch er hat als Jung­win­zer schon vie­le Prei­se gewon­nen. Seit­dem hat der inzwi­schen 35-Jährige an den vie­len Räd­chen gedreht, die man als Win­zer im Wein­berg und als Kel­ler­meis­ter zur Ver­fü­gung hat. Resul­tat: viel­schich­ti­ge­re Wei­ne, die mit den Eigen­ar­ten und Beson­der­hei­ten der Lagen spie­len, die er bewirt­schaf­tet. Die Lagen, das sind der Burr­wei­le­rer Alten­forst, der Hain­fel­der Let­ten und der Wey­he­rer Michels­berg – letz­te­rer offi­zi­ell eine Gros­se Lage nach der VDP-Klassifikation. Die ande­ren bei­den wären es ver­mut­lich auch, wenn es VDP-Betriebe gäbe, die dort begü­tert sind. Mei­er, der nie eine Hoch­schu­le besucht hat, ist bei Bern­hard Koch, Sie­grist und Christ­mann in die Leh­re gegan­gen. Sei­ne Uni­ver­si­tät ist der Wein­berg gewe­sen. „Seit dem fünf­ten Schul­jahr hen i de Stee ent­fernt aus de Laach“, erklärt er im für Hoch­deut­sche völ­lig unver­ständ­li­chen Pfäl­zer­deutsch („…habe ich die Stei­ne aus der Lage ent­fernt“). Mitt­ler­wei­le kann er sich mit 3 Trauben/Sternen im Gault Mil­lau bzw. im Vinum-Weinguide schmü­cken.

Etikett Meier
Eti­kett Mei­er

An vielen Rädchen gedreht

Die hohe Wert­schät­zung ist berech­tigt. Mei­er hat begon­nen, sei­ne Wein­ber­ge bio­lo­gisch zu bewirt­schaf­ten und sei­ne Wei­ne spon­tan zu ver­gä­ren. Die Ries­lin­ge baut er nicht mehr nur im Stahl­tank, son­dern in Dop­pel­stück­fäs­sern aus, die er neu ange­schafft hat – „wie Bürklin-Wolf“ fügt er viel­sa­gend hin­zu. Für einen klei­nen Teil sei­nes Weiss­bur­gun­ders benutzt er auch Bar­ri­ques – aber mit Fin­ger­spit­zen­ge­fühl. Außer­dem gibt er sei­ne Wei­ne vom Orts-/Terroirwein an auf­wärts erst nach drei Jah­ren frei. Klei­nig­kei­ten viel­leicht, aber sie machen am Ende den Unter­schied aus.

Wer Apfel und Pfirsich im Riesling sucht, sollte von Meiers Weinen Abstand nehmen

Am meis­ten beein­druckt haben mich beim Ries­ling die drei Ter­ro­ir­wei­ne „Schie­fer“, „Rot­lie­gen­des“, „Gra­nit“. Die Namens­ge­bung mag nicht sehr ori­gi­nell sein, erlaubt es dem Wein­trin­ker aber, die Boden­un­ter­schie­de bes­ser her­aus­zu­schme­cken. Span­nend ist dann, was sich in der Fla­sche befin­det: schlan­ke, toughe Wei­ne mit wenig Pri­mär­frucht und viel Mine­ra­li­tät, hohen Säu­re­ge­hal­ten bei gleich­zei­tig hohen Extrakt­wer­ten. Wer Apfel und Pfir­sich im Ries­ling sucht, soll­te von die­sen drei Ter­ro­ir­wei­nen Abstand neh­men und auf Mei­ers Liter­wei­ne gehen. Sei­ne drei Ter­ro­ir­wei­ne gehö­ren zum bes­ten, was ich in der Süd­pfalz gefun­den habe, zumal zum Preis von 13 Euro. Wel­chen der drei Wei­ne man prä­fe­riert, hängt vom eige­nen Geschmack und vom Jahr­gang ab. In 2017 war mir der „Gra­nit“ am liebs­ten, in 2018 der „Rot­lie­gen­de“.

Warum taucht der Name Georg Meier nicht in der gehobenen Gastronomie auf?

Aber die Ter­ro­ir­wei­ne sind erst der Anfang. Mei­ers Top-Rieslinge kommt vom Wey­her Michels­berg und vom Burr­wei­ler Alten­forst: bei­de kraft­voll, aber nicht aus­la­dend, sehr kom­pakt, eng­ma­schig und eben­falls mit stram­mer Säu­re, im Unter­schied zu den Ter­ro­ir­wei­nen jedoch mit höhe­rer Rei­fe und grös­se­rer Län­ge (€ 17 bzw. 23). Fal­staff hat den Alten­forst mit 92 Punk­ten bewer­tet. Spas­s­trin­ker wer­den an die­sem Wein jedoch wenig Spass haben. Er wird ihnen schroff und sprö­de vor­kom­men. Er ist für Wein­trin­ker gedacht, die auf Trink­ge­nuss statt auf Trink­fluss Wert legen. Sol­che Wein­trin­ker wach­sen in der Pfalz nicht an den Bäu­men. Sie leben meist aus­ser­halb der Wein­an­bau­ge­bie­te, etwa in urba­nen Zonen. Ange­sichts der immer glei­chen Erzeu­ger­na­men auf den Wein­kar­ten der geho­be­nen Gas­tro­no­mie eben­dort fra­ge ich mich aller­dings, wes­halb nicht irgend­wo mal der Name Georg Mei­er auf­taucht. Wozu sind Som­me­liers da, wenn sie Wei­ne, wie er sie macht, über­se­hen oder über­ge­hen?

Auf Granit beissen: Meiers „Steinwerk“

Mei­ers spek­ta­ku­lärs­ter Wein aber ist für mich der Ries­ling „Stein­werk“. Der Name nimmt nicht nur Bezug auf den Boden, auf dem die Reben wach­sen (Wey­her Michels­berg), son­dern auch auf das Gra­nit­fass, in dem der Wein (in 2017 hälf­tig, in 2018 voll­stän­dig) vini­fi­ziert und aus­ge­baut wur­de: sehr rei­fes Lese­gut, das fast eine Woche lang mai­sche­ver­go­ren ver­go­ren wur­de und den Wein dadurch leicht phe­no­lisch schme­cken lässt (€ 18,90). Aus­ser­ge­wöhn­lich, die­ser Wein. „Best Wine of Show“ bei Mun­dus Vini die­ses Jahr. Auf dem Eti­kett heisst er seit 2018 nur noch 2 G. Aus­ge­schrie­ben: Gra­nit Gra­nit.

www.wein-meier.de

Über den Autor
Jens Priewe

Jens Priewe hat vie­le Jah­re als Politik- und Wirt­schafts­jour­na­list gear­bei­tet, bevor er auf das The­ma Wein umsat­tel­te. Er schreibt Kolum­nen für den Fein­schme­cker und für das schwei­ze­ri­sche Wein­ma­ga­zin Mer­um. Für den Wein­ken­ner, deren Gesell­schaf­ter er ist, hat er seit der Grün­dung über 200 Arti­kel bei­gesteu­ert. Außer­dem ist er Ver­fas­ser meh­re­rer erfolg­rei­cher Wein­bü­cher (u. a. „Wein – die gros­se Schu­le“, „Grund­kurs Wein“). Er stammt aus Schleswig-Holstein, lebt aber seit fast 40 Jah­ren in Mün­chen.

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