Rafael Palacios: Höchstnote für einen Weißwein aus Galicien

Rafael Palacos vor einer seiner terrassierten Weinlagen in Valdeorras. © Thomas Götz
„Für Rotweine sind andere in der Familie zuständig“, sagt Spaniens Weißweinstar Rafael Palacios. Mit einem 100-Punkte-Wein sorgt er in Galizien für Furore. Thomas Götz hat ihn besucht und interviewt.

Die Geschich­te beginnt in good old Rio­ja. 1969 kommt Rafa­el als Jüngs­tes von neun Geschwis­tern zur Welt. Er wächst im Wein­gut sei­nes Vaters José Pala­ci­os Remondo auf, inter­es­siert sich anfangs jedoch kaum für Wein. Von 1987 bis 1990 ist er pro­fes­sio­nel­ler Motor­rad­renn­fah­rer und gewinnt eine spa­ni­sche Vize­meis­ter­schaft. Dann, mit 21 Jah­ren, unter­nimmt Rafa­el mit sei­nem älte­ren Bru­der Alva­ro einen Trip ins Bor­deaux. Alva­ro star­tet gera­de im kata­la­ni­schen Prio­rat durch und wird weni­ge Jah­re spä­ter mit Rot­wei­nen wie L’Ermita und Fin­ca Dofi welt­be­kannt.

Wäh­rend die­ser Rei­se fängt Rafa­el Feu­er. Fort­an wid­met er sich dem Wein, stu­diert Öno­lo­gie in Saint-Émilion, macht eine Aus­bil­dung bei Châ­teau Pétrus und geht dar­auf nach Aus­tra­li­en. 1994 kehrt er heim in die Rio­ja und bringt eige­ne Ide­en mit. Etwa kel­tert er neu den Weiß­wein Pla­cet: „Ich war der Jüngs­te in der Fami­lie und fand mit die­sem Weiß­wein mei­nen Platz und Frei­raum im Wein­gut“, resü­miert er.

Rafa­el Pala­ci­os in einem sei­ner Wein­ber­ge in Val­deor­ras. ©Tho­mas Götz

Nach dem Tod des Vaters im Jahr 2000 über­nimmt Alva­ro die Lei­tung des elter­li­chen Wein­guts. Die bei­den arbei­ten vier Jah­re eng zusam­men, doch Rafa­el steht stets im Schat­ten des älte­ren Bru­ders, der bereits ein gefei­er­ter Star­win­zer ist. „Ich bekam das Gefühl nur in einem per­sön­li­chen Pro­jekt vor­an­zu­kom­men und mich voll ent­fal­ten zu kön­nen“, erin­nert er sich. 2004 ver­lässt er die Rio­ja und beginnt neu. Dem Weiß­wein bleibt er treu.

Valdeorras: Irgendwo im Nirgendwo

Für sein eige­nes Wein­gut hät­te sich Rafa­el Pala­ci­os wohl kaum eine ent­le­ge­ne­re und unbe­kann­te­re Regi­on als Val­deor­ras aus­su­chen kön­nen. Das gali­ci­sche Anbau­ge­biet und des­sen Weiß­wei­ne aus der Godello-Traube sind damals nur Insi­dern geläu­fig. „Als ich erst­mals nach Val­deor­ras kam, war es im Som­mer viel hei­ßer als ich erwar­tet hat­te“, erzählt Rafa­el. „Mit Gali­zi­en ver­bin­det man ja eigent­lich Regen und Feuch­tig­keit.“

Die 0,5 ha gro­ße Nord­la­ge O Soro auf 710 Metern Höhe. © Rafa­el Pala­ci­os

Tat­säch­lich ist Gali­zi­en in wei­ten Tei­len ein grü­nes Land. An der Atlan­tik­küs­te beträgt der jähr­li­che Nie­der­schlag bis zu 1600 mm. Val­deor­ras befin­det sich dage­gen land­ein­wärts, an der Gren­ze zu Kastilien-León. Hier ist der atlan­ti­sche Ein­fluss am gerings­ten. Um die 800 mm Regen im Jahr sind zwar nicht zu ver­ach­ten, jedoch fal­len die Som­mer­mo­na­te mit Hit­ze­s­pit­zen bis zu 40°C ins­ge­samt heiß und tro­cken aus.

Da Rafa­el Pala­ci­os gera­de­zu beses­sen von Fri­sche ist, sucht er für sein Pro­jekt die höchst­mög­li­chen Lagen. „Unten im Fluss­tal auf 350 Metern sind die Wein­ber­ge zwar ein­fa­cher zu bewirt­schaf­ten. Aber es ist auch wär­mer. Die Godel­lo ergibt dort zu üppi­ge und but­t­ri­ge Wei­ne“, weiß er zu berich­ten.

Vor 50 Jahren fast ausgestorben, heute 100 Parker-Punkte

Rafa­el zieht es statt­des­sen in die umlie­gen­den Ber­ge. In den küh­len Hoch­la­gen kön­nen die Trau­ben bei­spiels­wei­se Säu­re bes­ser kon­ser­vie­ren. Zum einen legt er in auf­wän­di­ger Arbeit neue Weinberg-Terrassen an. Zum ande­ren kauft er bestehen­de älte­re Reb­gär­ten. Alle lie­gen sie auf 620 bis 740 Metern Höhe, und alle sind sie mit Godel­lo bestockt. Vor 50 Jah­ren war die wei­ße Sor­te in Val­deor­ras nahe­zu aus­ge­stor­ben. Im Rah­men des soge­nann­ten REVIVAL Pro­gramms wur­de die Trau­be in den 1970ern rekul­ti­viert.

Wein­la­gen bei Rafa­el Pala­ci­os in Val­deor­ras. © Rafa­el Pala­ci­os

Eine der damals gepflanz­ten Lagen heißt O Soro. Der 20er-Jahrgang des gleich­na­mi­gen Par­zel­len­weins erhielt jüngst 100 Parker-Punkte und zeigt exem­pla­risch, wofür Rafa­el Pala­ci­os steht: Ers­tens Cool Cli­ma­te, im kon­kre­ten Fall eine Hoch­la­ge von 710 Metern in nörd­li­cher Aus­rich­tung. Zwei­tens prak­ti­ziert der Win­zer bio­dy­na­mi­sche Land­wirt­schaft. „Mei­ne Wei­ne wer­den ste­tig bes­ser, weil die Böden immer bes­ser wer­den“, sagt er dazu. Das drit­te Terroir-Puzzlestück lau­tet 2G: Gra­nit­sand­bö­den und Godel­lo.

„Spanien ist nah dran an den besten Weißweinen der Welt”

Jene Godel­lo ist durch­aus eine Diva im Anbau. Sie treibt früh aus und ist des­halb frost­ge­fähr­det, ins­be­son­de­re in Höhen­la­gen. Außer­dem reagiert die Trau­be emp­find­lich auf Son­nen­strah­lung. „Man muss wahn­sin­nig auf­pas­sen, dass sie sich nicht ver­brennt“, erklärt Rafa­el. Unbe­strit­ten ist dage­gen das Poten­zi­al der Rebe. Die Godel­lo ant­wor­tet etwa gut auf Holz­aus­bau, wes­halb sie manch­mal als der spa­ni­sche Char­don­nay bezeich­net wird. Rafa­el ist ein Meis­ter im Umgang mit der Sor­te. Was hält die Zukunft bereit? „Spa­ni­en ist nah dran an den bes­ten Weiß­wei­nen der Welt und es geht jetzt dar­um, die­sen letz­ten Schritt zu gehen“, gibt er zu ver­ste­hen. „Vor allem brau­chen wir mehr Pres­ti­ge, um auf die gro­ßen Tische zu gelan­gen.“


Work in Pro­gress. Neue Weinberg-Terrassen bei Rafa­el Pala­ci­os. ©Tho­mas Götz

Als ich Rafa­el Pala­ci­os zuletzt Online traf, kam mir erneut sei­ne Ver­gan­gen­heit als Renn­fah­rer in den Sinn. Gibt es Din­ge, die für Wein­ma­cher und Racer glei­cher­ma­ßen gel­ten? „Auf der Renn­stre­cke und beim Wein soll­test du kei­ne Feh­ler machen“, ent­geg­net er zwin­kernd. „Und bei bei­dem muss man ein biss­chen ver­rückt sein.“

Rafael Palacios – Ausgewählte Weine

Lou­ro do Bolo 2020
Der Ein­stiegs­wein von Rafa­el Pala­ci­os, wobei sich das Wort Ein­stieg bei die­ser Qua­li­tät eigent­lich ver­bie­tet. Voll­mun­di­ger, fri­scher und aro­ma­tisch kom­ple­xer Orts­wein. Trau­ben aus ca. 20 Lagen in der Gemein­de O Bolo. 95% Godel­lo, 5% Treixa­du­ra. Spon­tan­gä­rung und 4-monatiger Aus­bau auf der Fein­he­fe im 3500-l-Fuder. Um 17 Euro.

As Sor­tes 2019
Spit­zen­wein von bur­gun­di­scher Dimen­si­on. Beein­dru­cken­de Mine­ra­li­tät, Tie­fe und Balan­ce. Aus sechs bio­dy­na­misch kul­ti­vier­ten Par­zel­len. Alles Nord­la­gen auf 680 Metern oder höher gele­gen. Gra­nit­sand­bo­den. 100% Godel­lo, alte Reben. Spon­tan­gä­rung und 8-monatiger Aus­bau auf der Fein­he­fe im 500-l-Tonneau. Um 45 Euro.

O Soro 2016
Ein­zig­ar­tig. Viel­leicht der bes­te Weiß­wein Spa­ni­ens moder­ner Prä­gung. Sub­til, viel­schich­tig und von gro­ßer Klar­heit. Die Auf­zäh­lung posi­ti­ver Attri­bu­te lie­ße sich spie­lend ver­län­gern. 100% Godel­lo. 0,5 Hekt­ar Par­zel­le auf 710 m Höhe. Nord­la­ge mit ste­ti­ger Wind­bri­se. Gra­nit­sand und Quarz­schie­fer. Spon­tan­gä­rung und 7-monatiger Aus­bau auf der Fein­he­fe im 500-l-Tonneau. Um 160 Euro.

Bezugs­quel­len, u.a.: www.vinopolis.de, www.gute-weine.de

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