Radikalsubjektiv Deutschland

Radikalsubjektiv: Spargelwein – ein dubioser Tropfen

Ulrich Sautter
Ein Gespenst geht um in Deutschland: der Spargelwein. Jedes Jahr im Mai versuchen Weinhändler und Winzer, das große Geschäft mit ihm zu machen – oder wenigstens ein kleines. Dabei hat schon der Dramatiker Friedrich Dürrenmatt vor dem Gespenst gewarnt. Der FEINSCHMECKER-Weinexperte Ulrich Sautter tut es hier noch einmal.

Ein Gespenst geht um in Deutsch­land: der Spar­gel­wein. Jedes Jahr im Mai ver­su­chen Wein­händ­ler und Win­zer, das gro­ße Geschäft mit ihm zu machen – oder wenigs­tens ein klei­nes. Dabei hat schon der Dra­ma­ti­ker Fried­rich Dür­ren­matt vor dem Gespenst gewarnt. Der FEINSCHMECKER-Weinexperte Ulrich Saut­ter tut es hier noch ein­mal.

In die­sen Tagen kreuzt er wie­der unse­ren Weg im Super­markt: der „Spar­gel­wein“. Meist thront er auf einer Kar­ton­py­ra­mi­de neben dem unver­meid­li­chen Papp­auf­stel­ler mit Sau­ce Hol­lan­dai­se im Tetra-Pak. In Griff­wei­te liegt dann auch der König aller Gemü­se höchst­selbst, zu 500-Gramm-Päckchen gebun­den. Dass die meist dün­nen und manch­mal auch schrum­pe­li­gen Stan­gen häu­fig aus Grie­chen­land stam­men, soll an die­sem Punkt nicht wei­ter inter­es­sie­ren, schließ­lich ist dies kei­ne Wirt­schafts­ko­lum­ne.
Zurück zum „Spar­gel­wein“. So popu­lär er im Super­markt ist – kaum jemand erin­nert sich der Umstän­de sei­ner Erfin­dung: Denn kein gerin­ge­rer als Fried­rich Dür­ren­matt war es, der den Begriff geprägt hat, und das schon 1949. Dem quer­den­ken­den Dich­ter deutsch­schwei­zer Zun­ge war es frei­lich nicht um Wein­mar­ke­ting zu tun, er war auf der Suche nach Meta­phern. So gebrauch­te er in sei­ner Komö­die „Romu­lus der Gro­ße“ den im wort­wört­li­chen Sinn ver­stan­de­nen Spar­gel­wein als Chif­fre für ein alko­ho­li­sches Getränk sehr merk­wür­di­gen Ursprungs.
Die­se Umschrei­bung trifft dann ja wohl auch den „Spar­gel­wein“ in sei­ner heu­ti­gen Erschei­nung. Die übli­che Mix­tur besteht unse­ren lang­jäh­ri­gen Recher­chen zufol­ge aus 60 Pro­zent eines mög­lichst wäss­ri­gen und mit etwas Koh­len­säu­re ver­setz­ten Weiß­weins aus aktu­el­lem Jahr­gang, aus 30 Pro­zent eines älte­ren Weins, der in irgend­ei­nem Tank der abfül­len­den Kel­le­rei ver­ges­sen wor­den sein muss­te, aus fünf Pro­zent Süß­re­ser­ve und aus fünf Pro­zent unver­kauf­ten Res­ten des vor­jäh­ri­gen „Spar­gel­weins“. Dann mal Pro­sit, die Hol­lan­dai­se aus der Che­mie­fa­brik wird’s schon rich­ten.
Nein, im Ernst. Suchen Sie wirk­lich nach einer pas­sen­den Fla­sche zum fri­schen Spar­gel­ge­mü­se, dann grei­fen Sie zu irgend­ei­nem Wein, der Ihnen schmeckt: Sil­va­ner aus seriö­ser Quel­le, tro­cke­ner Müller-Thurgau, rei­fer Ries­ling, Grü­ner Velt­li­ner, Sau­vi­gnon blanc, Char­don­nay – also das, was Sie auch sonst ger­ne trin­ken. Grund­sätz­lich passt nahe­zu alles, was gut ist. Was im Ein­zel­fall opti­mal ist, hängt weni­ger vom Spar­gel als sol­chem als von dem ab, was auf dem Tel­ler um ihn her­um ist.

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