Londoner Bordeaux-Importeur: Keine Aussicht auf fallende Preise

Simon Staples
Blase oder keine Blase? Das ist die Frage angesichts der Preisentwicklung um den neuen Bordeaux-Jahrgang 2010. Einer, der ganz dicht am Markt ist, kann nur schmunzeln über alle, die glauben, bald werde die Blase platzen: Simon Staples, Vertriebsdirektor von Berry Bros. & Rudd, einem der größten Londoner Weinimporteure: „Da platzt gar nichts, weil es keine Blase gibt“, lässt er sich auf YouTube vernehmen. „Die Preise sind marktkonform.“

Simon Stap­les ist ein alter Fah­rens­mann in Sachen Bor­deaux. Einst Som­me­lier, dann Lei­ter der Wein­ab­tei­lung bei Harrod’s, arbei­tet er seit nun­mehr 15 Jah­ren bei Lon­dons ältes­tem Fine Wine Impor­teur Ber­ry Bros. & Rudd, einem der wich­tigs­ten Bor­deaux­händ­ler Eng­lands mit Filia­len in Dub­lin und Hong­kong.

In einem Video-Interview mit der Zeit­schrift The Drinks Busi­ness nimmt er Stel­lung zu Ver­mu­tun­gen, der Bordeaux-Markt kön­ne zusam­men­bre­chen: „Ich stel­le ganz klar fest, dass es kei­ne Bla­se gibt, die dabei ist zu plat­zen.“

Hin­ter­grund die­ser Äuße­rung sind zahl­rei­che Kom­men­ta­re von Bro­kern und Händ­lern, die offen und öffent­lich sagen, dass sie zu den der­zei­ti­gen Prei­sen nicht mehr oder deut­lich weni­ger kau­fen in der Hoff­nung, die Châ­teaux zur Revi­si­on ihrer Preis­po­li­tik  zu brin­gen. Für Stap­les ein Irr­glau­ben: „Die Châ­teaux kön­nen für ihren Wein der­zeit ver­lan­gen, was sie wol­len – wenn ein Kun­de nicht kauft, fischen sie sich einen ande­ren her­aus aus denen, die hin­ter ihm in der Schlan­ge ste­hen.“

Wenn England nicht kauft, fliegt es raus aus dem Markt

Logo Berry Bros. & RuddEin Boy­kott wür­de selbst ange­sichts der Tat­sa­che, dass Eng­land das größ­te euro­päi­sche Bordeaux-Importland ist, den Markt für hoch­klas­si­ge Bor­deaux­wei­ne nicht erschüt­tern. Stap­les: „Die Händ­ler bekom­men ihre Zutei­lun­gen und müs­sen ent­schei­den, ob sie sie anneh­men. Tun sie es nicht, fliegt Eng­land raus aus dem Markt.“

Die Nach­fra­ge in den USA, in Deutsch­land, Asi­en und in vie­len neu­en Schwel­len­län­dern scheint stark genug zu sein, um das neue Preis­ni­veau zu stüt­zen. Corin­ne Ment­zelo­pou­los, Mit­eig­ne­rin von Châ­teau Mar­gaux, hat­te in einem Inter­view mit der Finan­ci­al Times vor einer Woche erklärt: „Bevor wir raus­kom­men mit unse­ren Prei­sen, beob­ach­ten wir die Märk­te sehr genau, und zwar welt­weit … Wir ach­ten sorg­fäl­tig dar­auf, dass wir unter den Prei­sen lie­gen, zu denen die letz­ten gro­ßen Jahr­gän­ge 2009, 2005 und 2000 der­zeit am Markt gehan­delt wer­den.“

Tat­säch­lich lie­gen die Prei­se für den 2005er Jahr­gang an der Lon­do­ner Wein­bör­se Liv-Ex höher als die Release-Preise für den aktu­el­len Jahr­gang 2010.

Statt der Händler verdienen jetzt die Châteaux selbst

Auch Prince Robert de Luxem­bourg, Direk­tor von Châ­teau Haut Bri­on und La Mission-Haut Bri­on, beteu­ert, dass es dar­auf ankom­me, „ein Fin­ger­spit­zen­ge­fühl für die Märk­te zu ent­wi­ckeln und nicht die Feh­ler wie 1996 und 2005 zu wie­der­ho­len, als die Châ­teaux ihre Wei­ne für weni­ger Geld anbo­ten, als die Kun­den bereit waren zu zah­len, und sich die Händ­ler schon weni­ge Tage nach Eröff­nung der en primeur-Kampagne eine gol­de­ne Nase ver­dient hat­ten“.

Im Übri­gen zei­gen gera­de die Prei­se der Pre­miers, dass der Markt die außer­or­dent­li­chen Qua­li­tä­ten des Jahr­gangs 2010 zu hono­rie­ren bereit ist. Lafi­te, das die ers­te Tran­che sei­nes Weins mit 500 Euro spie­lend leicht plat­ziert hat­te, ver­dop­pel­te den Preis für die zwei­te schon auf 1000 Euro ex négo­çe. Und das Ende der Fah­nen­stan­ge ist damit sicher nicht erreicht.

Chateau LatourLatour, das in 2010 eben­so wie Mar­gaux einen gro­ßen Wein erzeugt hat, kam in die­sem Jahr spät und dann gleich mit 650 Euro ex négo­çe statt mit 500 Euro her­aus –  optisch höher als jene Pre­miers, die früh am Markt waren. Doch Frédé­ric Enge­rer, der Latour-Direktor, beeil­te sich dar­auf hin­zu­wei­sen, dass er dies­mal den gesam­ten Jahr­gang in einer Tran­che anbot. Nach­schlag aus­ge­schlos­sen. So betrach­tet, ist der 2010er Latour nur um 5 Euro teu­rer als der 2009er, der in meh­re­ren Tran­chen zu stei­gen­den Prei­sen ange­bo­ten wor­den war. Und mit 650 Euro liegt der 2010er Latour um 35 Pro­zent unter dem Preis­ni­veau, auf dem der 2009er der­zeit gehan­delt wird.

China dieses Jahr relativ passiv

Übri­gens: Dass die Chi­ne­sen die Preis­trei­ber sei­en, gehört laut Simon Stap­les in den Bereich der Fabel: „Die Vor­stel­lung, dass der größ­te Teil der Top-Bordeaux aus der en primeur-Kampagne nach Asi­en geht, ist unwahr. Die Asia­ten hal­ten sich die­ses Jahr stark zurück. Der Anteil der Pre­miers, die wir  nach Asi­en lie­fern, beläuft sich auf gera­de mal zehn Pro­zent.“

Die Ursa­che für die stür­mi­sche Preis­ent­wick­lung auf dem Markt der fei­nen Bor­deaux­wei­ne hat in Wirk­lich­keit ganz ande­re Ursa­chen. Ers­tens ist die Zahl der  Mil­lio­nä­re auf der gan­zen Welt rapi­de ange­stie­gen. Und zwei­tens gehört Wein plötz­lich auch in Rio, Las Vegas und Hong­kong zum geho­be­nen Lebens­stil neben teu­ren Autos und wert­vol­len Uhren. Dass die Prei­se ange­sichts die­ser neu­en Nach­fra­ge stei­gen, ist nor­mal. Stap­les: „That’s life. Bei ande­ren Pro­duk­ten geht das genau­so.”

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