Pomerol 2023: „großer Charme“, gar „sexy“? Vielleicht beides

Die en pri­meur-Kam­pa­gne für den Jahr­gang 2023 ist ange­lau­fen. Die Prei­se lie­gen 25 bis 30 Pro­zent unter denen des Vor­gän­ger­jahr­gangs. Guil­laume Thien­pont (Vieux Cha­teau Cer­tan) und Mari­el­le Casa­ux (La Con­seil­lan­te) erläu­tern im Gespräch mit Andrew Black, war­um die Wei­ne so gut sind. 

Vieux Cha­teau Cer­tan lie­fert einen der feins­ten Wei­ne von Pome­rol. Sei­ne 14 Hekt­ar Wein­ber­ge lie­gen in einem Block direkt neben Pétrus, La Con­seil­lan­te und L’Evangile. Das Cha­teau befin­det sich im Besit­ze der Fami­lie Thien­pont, der unter ande­rem auch Le Pin und Pavie-Macquin gehört. Ver­ant­wort­lich für den Wein sind Alex­and­re Thien­pont und sein Sohn Guil­laume. Auf­fäl­lig ist der erhöh­te Anteil von Caber­net franc, der dem Wein eine unnach­ahm­li­che Wür­ze gibt.

Andrew Black Hat der Jahr­gang 2023 gehal­ten, was er im Herbst versprach?

Guil­laume Thien­pont Abso­lut. 2023 war näm­lich kei­nes­wegs ein tro­cke­nes Jahr, auch wenn es mas­si­ve Hit­ze­wel­len zu Ende des Som­mers gab. So kam auch der Mer­lot per­fekt aus­ba­lan­ciert her­ein. Der fri­sche, kna­cki­ge Aspekt des Jahr­gangs 2023 wur­de durch den Caber­net franc ver­stärkt, weil die­ser nicht über­reif war und durch die spä­te August­son­ne nicht beschä­digt wurde.

Andrew Black Wie wür­den Sie den Wein den Jahr­gangs 2023 charakterisieren?

Guil­laume Thien­pont Ich wür­de ihn als tem­pe­riert beschrei­ben. Auf der einen Sei­te ist er nicht opu­lent, auf der ande­ren Sei­te besitzt er einen gro­ßen Charme gepaart mit Fri­sche und aro­ma­ti­scher Intensität.

Andrew Black Erin­nern Sie sich an den Jahr­gang 2019, der auch eini­ge die­ser Merk­ma­le im Wein hatte?

Guil­laume Thien­pont Beim 2019er spürt man mehr hei­ße Son­ne aus als beim 2023er. Die Aro­men sind im Jahr 2023 ein wenig frischer.

Andrew Black War der Jahr­gang schwie­rig zu vinifizieren?

Guil­laume Thien­pont Die Trau­ben waren gleich­mä­ßig reif, also war die Vini­fi­ka­ti­on sehr ein­fach. Die Tan­ni­ne wur­den leicht extra­hiert, der Jahr­gang hat Struk­tur. Der mitt­le­re Gau­men ist sofort da. Je nach Char­ge wur­den die Extrak­tio­nen um etwa ein Drit­tel reduziert.

Andrew Black Seit eini­gen Jah­ren ist sanf­te Extrak­ti­on angesagt…

Guil­laume Thien­pont Am Anfang der Gärung muss man die Extra­hier­bar­keit in den Häu­ten tes­ten, und das tat ich, indem ich den Most in den frü­hen Sta­di­en über­pump­te. Aber sobald ich beob­ach­te­te, wie leicht Tan­ni­ne, Far­be und Aro­men in den Most über­gin­gen, extra­hier­te ich vor­sich­ti­ger. Die Extrak­ti­on wur­de natür­lich an jede ein­zel­ne Char­ge angepasst.

Andrew Black War die­ser Ansatz im Nach­he­r­ein richtig?

Guil­laume Thien­pont Ich stell­te fest, dass der Wein es nicht an Kraft und Kon­zen­tra­ti­on ver­mis­sen ließ. Es war alles da, was einen guten Wein aus­macht. Und ich woll­te, dass die­se natür­li­chen Eigen­schaf­ten, also die Sanft­heit und die Ele­ganz, erhal­ten bleiben.

Andrew Black Laut ande­ren Win­zern, mit denen ich gespro­chen habe, gab es im Jahr 2023 einen hohen Gehalt an Äpfel­säu­re, was manch­mal den Cha­rak­ter des Weins vor Abschluss der malo­lak­ti­schen Gärung mas­kie­ren kann. Wel­che Aus­wir­kun­gen hat­te dies auf Ihren Wein?

Guil­laume Thien­pont Unse­re pH-Werte waren zur Ern­te­zeit ziem­lich nied­rig, etwa bei 3,4 bis 3,5. Das deu­te­te auf eine hohe Gesam­t­a­zi­di­tät hin und die Mög­lich­keit, dass die Säu­re den Wein domi­nie­ren könn­te. Aber nach­dem die malo­lak­ti­sche Gärung abge­schlos­sen war, gin­gen die pH-Wert auf 3,75 her­auf, was dem Wein Rund­heit und Weich­heit ver­leiht, ande­rer­seits aber auch eine ange­neh­me Fri­sche zu gewährleistet.

Andrew Black Bedeu­tet die Zugäng­lich­keit und der Charme des Weins, dass es kein Jahr­gang ist, der lan­ge lan­gern kann?

Guil­laume Thien­pont Ganz im Gegen­teil. Es wird im jun­gen Alter sehr anspre­chend sein, aber er hat auch die Fähig­keit, lan­ge in der Fla­sche zu rei­fen, auf­grund sei­ner Struk­tur, der Tan­ni­ne und des Gleichgewichts.

Andrew Black Klingt, als kön­ne er ein Publi­kums­lieb­ling werden…

Guil­laume Thien­pont Genau das ist er.

VIEUX CHATEAU CERTAN

Assem­bla­ge: 82% Mer­lot, 18% Caber­net Franc
Lese­zeit­punkt: 11. bis 29. Sep­tem­ber 2023
Ertrag: 43 hl/ha
Vini­fi­ka­ti­on: in gro­ßen Eichenholzcuves
Aus­bau: zu 65% in neu­en fran­zö­si­schen Eichenfässern

 

Cha­teau La Con­seil­lan­te besitzt 12 Hekt­ar Reb­flä­chen, die auf dem Hoch­pla­teau von Pome­rol lie­gen und sich bis ins benach­bar­te St. Emi­li­on zie­hen. Sie bestehen teils aus Ton- und Lehm­bö­den, teils aus Kieselstein-Untergrund. Der Wein ist reich und kom­plex und besitzt extrem ele­gan­te Tex­tu­ren. Mari­el­le Casa­ux ist die Direk­to­rin des Chateau.

Andrew Black Zur Ern­te­zeit waren Sie begeis­tert von der Qua­li­tät und Quan­ti­tät des Jahr­gangs 2023. Hat sich in den letz­ten Mona­ten etwas dar­an geändert?

Mari­el­le Cazaux 2023 ist defi­ni­tiv ein sehr hoch­wer­ti­ger Jahr­gang bei La Con­seil­lan­te. Die Men­ge ist eben­falls sehr gut, aber etwas gerin­ger, als ich kurz vor der Ern­te der letz­ten Cabernet-Franc-Parzellen pro­gnos­ti­ziert hat­te. Am Ende waren es 43 hl/ha statt 45 hl/ha. Aber wir sind damit sehr zufrieden.

Andrew Black Wie ist das Pro­fil die­ses Jahr­gangs? Wäh­rend der Vini­fi­ka­tio­nen dach­ten Sie, es sei weder klas­sisch noch opu­lent im Stil. Wie sehen Sie es jetzt?

Mari­el­le Cazaux Es ist defi­ni­tiv kein klas­si­scher Jahr­gang. Ist es ein opu­len­ter? In gewis­sem Maße ja, weil der Som­mer sehr warm war und der Wein das in Bezug auf sei­nen phe­n­o­li­schen Gehalt wider­spie­gelt. Heu­te wür­de ich sagen, dass 2023 ein gut struk­tu­rier­ter Wein ist, und ich glau­be, er hat mehr Gemein­sam­kei­ten mit unse­rem Jahr­gang 2022 als ich ursprüng­lich dachte.

Andrew Black Wäh­rend der Vini­fi­ka­tio­nen ver­gli­chen Sie den Jahr­gang mit 2005…

Mari­el­le Cazaux Der Vegetations- und Rei­fe­zy­klus erin­ner­te an 2005, aber die Ver­glei­che wur­den schnell ver­wor­fen, als das Pro­fil des Weins sicht­bar wur­de. 2005 hat­te einen Hauch von Stren­ge, was im Jahr 2023 über­haupt nicht der Fall ist. Ganz im Gegenteil…

Andrew Black Ein zugäng­li­che­rer Wein?

Mari­el­le Cazaux Viel mehr. Der Jahr­gang 2023 ist bereits jetzt köst­lich im Geschmack. Er ist mehr als zugäng­lich – er ist “sexy”, sogar in die­sem sehr frü­hen Sta­di­um schon. Frisch und vol­ler rei­fer schwar­zer Früch­te. Bei La Con­seil­lan­te hat­ten wir die übli­chen Ver­kos­tungs­sit­zun­gen, um die Assem­bla­ge zu bestim­men, was ein lan­ger Pro­zess sein kann. Kein ein­zi­ges Mal wur­den wir gelang­weilt von all den Char­gen, die wir pro­bie­ren muss­ten. Das ist sehr selten. 

Andrew Black Sind die­se Eigen­schaf­ten in allen Pomerol-Weinen zu fin­den sein wer­den, die en pri­meurange­bo­ten werden?

Mari­el­le Cazaux Es wird Unter­schie­de geben, abhän­gig vom Ter­ro­ir und, sehr wich­tig, von den Erträ­gen. Aber nach­dem ich mit mei­nen Kol­le­gen und Nach­barn gespro­chen habe, besteht all­ge­mei­ne Über­ein­stim­mung hin­sicht­lich der Attrak­ti­vi­tät der Wei­ne und der hohen Qua­li­tät die­ses Jahrgangs.

Andrew Black So hoch wie 2022?

Mari­el­le Cazaux Viel­leicht nicht auf dem glei­chen Niveau wie 2022, aber fast.

Andrew Black Ihre Beschrei­bung von 2023 erin­nert mich tat­säch­lich an 2019. Wäre das kein guter Vergleich?

Mari­el­le Cazaux Ja und nein. 2019 war ein viel son­ni­ge­rer Jahr­gang, und der Alko­hol­ge­halt war höher. Er hat­te viel Charme, das stimmt, aber ich glau­be, sein Alte­rungs­po­ten­zi­al ist nicht so gut. Im Stil war 2019 mei­ner Mei­nung nach mit 2009 ver­gleich­bar. Ich wür­de sagen, dass 2023 irgend­wo zwi­schen 2020 und 2022 liegt. Er hat die Struk­tur von 2020, aber die Zugäng­lich­keit, Trink­bar­keit und aro­ma­ti­sche Klar­heit von 2022.

Andrew Black Kol­le­gen haben gesagt, 2023 war rela­tiv ein­fach zu vini­fi­zie­ren.  Ist das auch Ihre Erfahrung?

Mari­el­le Cazaux Ganz wich­tig waren die Mazer­a­ti­ons­zei­ten. Die­ser Jahr­gang benö­tig­te eine lan­ge Zeit im Gär­be­häl­ter, wes­halb wir erst am 7. Novem­ber mit allem durch waren. Der gesam­te Vini­fi­ka­ti­ons­pro­zess dau­er­te etwa zwei Mona­te, begin­nend mit dem Fül­len des ers­ten Fas­ses am 7. Sep­tem­ber. So lan­ge hat es noch nie gedauert.

Andrew Black War­um war es not­wen­dig, so lan­ge zu mazerieren?

Mari­el­le Cazaux Ich weiß es nicht. Als ich die Fäs­ser ver­kos­te­te, hat­te ich das Gefühl, dass die Wei­ne mehr Zeit brauch­ten. Es war eine Ahnung. Das ist die Magie des Weinmachens.

Andrew Black Gab es etwas im Wein, das fehl­te und das Sie durch Ver­län­ge­rung des Kon­takts mit den Scha­len gewin­nen mussten?

Mari­el­le Cazaux Es war eher ein Gefühl von „Die­ses Fass ist groß­ar­tig, aber wir kön­nen mög­li­cher­wei­se noch mehr dar­aus her­aus­ho­len, wenn wir wei­ter maze­rie­ren“. Und wir haben tat­säch­lich mehr her­aus­ge­holt Plötz­lich hat­ten wir eine Explo­si­on von Aro­men und eine ver­stärk­te super sei­di­ge Tex­tur iam mitt­le­ren Gau­men. Es ist ein­fach passiert!

Andrew Black Wie den­ken Sie, wird die­ser Jahr­gang vom Markt aufgenommen?

Mari­el­le Cazaux Ich weiß, dass die Zei­ten schwie­rig sind. Aber es hat sich eine gro­ße Anzahl von Fach­leu­ten zu den en pri­meur-Ver­kos­tun­gen ange­mel­det. Ich hof­fe, dass sie die düs­te­re Stim­mung vertreiben.

 

LA CONSEILLANTE 2023

Assem­bla­ge: Mer­lot 88%, Caber­net Franc 12%
Lese­zeit­punkt: 7. Sep­tem­ber bis 2. Okto­ber 2023
Ertrag: 43 hl/ha
Vini­fi­ka­ti­on: In Betongefässen
Aus­bau: zu 70% in neu­en Eichenfässern

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