Penfolds Grange 2008: der (fast) perfekte Wein und sein Macher

Peter Gago
Peter Gago
Peter Gago, Chief-Winemaker der australischen Kellerei Penfolds, machte Station in München. Jens Priewe traf ihn im Hotel und probierte mit ihm einen Wein, der erst in 20, 30 Jahren zeigt, ob er die 600 Euro wert ist, die er kostet.

Peter Gag­o­Pe­ter Gago ist das Gegen­teil von Cro­co­di­le Dun­dee: ein smar­ter, aus­neh­mend höf­li­cher Mensch, eher schmäch­tig als hünen­haft und immer glatt rasiert. Also ganz anders als sein strub­be­li­ger Lands­mann, der es als Rep­ti­li­en­fän­ger im aus­tra­li­schen Busch zu welt­wei­tem Lein­wand­ruhm gebracht hat. Und noch etwas: Gago ist genau. Schreck­lich genau. Er liebt die Prä­zi­si­on, hasst alles Unbe­stimm­te. In der Spra­che zum Bei­spiel. Sei­ne Sät­ze sind aus­ge­feilt, sei­ne Aus­spra­che ähnelt der eines Sprach­trai­ners für Schau­spie­ler (sieht man mal von dem fürch­ter­li­chen aus­tra­li­schen Akzent ab). Nie Lari­fa­ri.

Weinlegenden auf der Charity-Party

Aber auch bei der Arbeit über­lässt er nichts dem Zufall. Vor ein paar Jah­ren war er bei einem rei­chen kali­for­ni­schen Unter­neh­mer zu einer Charity-Party ein­ge­la­den gewe­sen. Den Gäs­ten wur­den Lafi­te, Pichon Com­tesse, Yquem und ande­re Wein­le­gen­den vor­ge­setzt, teil­wei­se älte­re Jahr­gän­ge. Auch der BIN 95, der Spit­zen­wein der aus­tra­li­schen Penfolds-Kellerei, bes­ser bekannt als Gran­ge.  Gago ist der obers­te Wein­ma­cher bei Pen­folds.

Pen­folds Wine­ry­Da sich der berühm­te ame­ri­ka­ni­sche Wein­kri­ti­ker Robert Par­ker damals eben­falls zu der Par­ty ange­sagt hat­te, waren vie­le der fran­zö­si­schen Château-Besitzer per­sön­lich ange­reist. Doch kei­ner von ihnen sah sich ver­an­lasst, die eige­nen Wei­ne zu pro­bie­ren, bevor sie aus­ge­schenkt wur­den. Gago war der Ein­zi­ge, der jede sei­ner Fla­schen auf Kor­ken und ande­re Feh­ler über­prüf­te, bevor er sie den Kell­nern über­ließ: „Ich muss­te sicher sein, dass mei­ne Wei­ne okay sind.“

Der­lei Nach­läs­sig­keit der Euro­pä­er habe ihn irri­tiert, bekennt er offen. Im fer­nen Aus­tra­li­en, wo Wein noch kei­ne so lan­ge und glor­rei­che Geschich­te hat wie in Bor­deaux, wer­de sehr viel sorg­fäl­ti­ger mit wert­vol­len Fla­schen umge­gan­gen, zumal mit alten. Jeder „Unfall“ muss aus­ge­schlos­sen wer­den.

Teuerster australischer Wein

Eti­kett Pen­folds Gran­ge­Der Gran­ge ist Aus­tra­li­ens teu­ers­ter Wein und eben­falls eine Wein­le­gen­de. Ein nahe­zu rein­sor­ti­ger Shiraz (nur zwei Pro­zent Caber­net Sau­vi­gnon sind im 2008er ent­hal­ten), der aus ver­schie­de­nen Anbau­ge­bie­ten Süd­aus­tra­li­ens kommt und prak­tisch nie unter 400 Euro pro Fla­sche ange­bo­ten wird. Der 2008er Gran­ge, den Gago mit nach Mün­chen gebracht hat­te, ist der jüngs­te auf dem Markt befind­li­che Jahr­gang und, nach sei­ner Mei­nung, einer der bes­ten Gran­ges der letz­ten 20 Jah­re. Eine Fla­sche des 2008er kos­tet über 600 Euro. Nach­dem Lisa Perotti-Brown, die für Aus­tra­li­en zustän­di­ge Mit­ar­bei­te­rin Robert Par­kers, ihm 100 Punk­te gege­ben hat­te, war sein Preis noch ein­mal um 25 Pro­zent nach oben geschos­sen. „Wir glau­ben, dass 2008 noch ein Quänt­chen bes­ser ist als 1998, 1999 und 2004, bestä­tigt Gago. Die Lebens­dau­er gibt Gago mit „einem hal­ben Jahr­hun­dert“ an.

Begegnung im Hotel am Hauptbahnhof

Gago war­te­te auf mich in einem Hotel am Mün­che­ner Haupt­bahn­hof. Er ist auf Euro­pa­trip, kommt gera­de aus Kopen­ha­gen. Wir haben uns schon drei-, vier­mal getrof­fen und ken­nen uns. Ein lan­ges Vor­ge­plän­kel ist nicht nötig. Die Fla­sche, um die es ging, war bereits geöff­net, der 40 Mil­li­me­ter lan­ge Kor­ken lag zur Prü­fung auf dem Tisch: optisch makel­los, geruchs­mä­ßig ein­wand­frei.

Baros­sa Val­ley­Mit ruhi­ger Hand schenk­te Gago den Wein ein. Die Far­be: tief­dun­kel wie Och­sen­blut. Das Bou­quet noch stark von den Primär- und Sekun­där­aro­men geprägt: Pflau­men, Blau­bee­ren, Brom­bee­ren, dazu Gewür­ze wie Nel­ken und Euka­lyp­tus. Nor­mal für einen Wein in jun­gem Sta­di­um, auch wenn der 2008er schon fünf Jah­re alt ist (wovon er drei in Bar­ri­ques ver­bracht hat).

Aber einen Gran­ge kauft man nicht, um ihn jung zu trin­ken. Dafür gibt es preis­wer­te­re Wei­ne. Ein Gran­ge soll­te min­des­tens acht Jah­re auf der Fla­sche nach­rei­fen, einer vom Kali­ber des 2008ers am bes­ten noch län­ger. Dann kom­men lang­sam die Ter­tiär­aro­men durch. Gago spricht von Scho­ko­la­de, Pra­li­ne, Leder – Nuan­cen, wie sie auch gereif­te Bor­deaux oder Kali­for­ni­er zei­gen.

„Nur“ 14,5 Vol.% Alkohol

Nimmt man die­sen Gran­ge in den Mund, merkt man, dass er extrem dicht gewo­ben ist und trotz­dem glatt, fast sei­dig, über den Gau­men läuft. Gago sagt: „Wer einen wuch­ti­gen, alko­hol­rei­chen Shiraz mit viel Holz erwar­tet, wird vom Gran­ge ent­täuscht sein.“ Stimmt. Wobei das mit dem Alko­hol nur aus aus­tra­li­scher Sicht rich­tig ist: Der Gran­ge hat „nur“ 14,5 Vol.%. Gago denkt wahr­schein­lich: Er könn­te auch 15 Vol.% haben, wie die meis­ten ande­ren, gro­ßen Shiraz. Die Beson­der­heit des Gran­ges sei „the balan­ce“, sagt Gago: die Balan­ce zwi­schen Fül­le und Fein­heit. „Obwohl er irre kom­plex ist, kann man ihn leicht trin­ken.“

Der erfah­rens­te und ange­se­hens­te aus­tra­li­sche Wein­kri­ti­ker, James Halli­day, hat dem 2008er Gran­ge 98 Punk­te gege­ben. Gago zuckt mit den Schul­tern und sagt: „Er war unar­tig.“ Aber einer wie Halli­day, der fünf­mal, sechs­mal im Jahr, viel­leicht auch häu­fi­ger, eine Fla­sche Gran­ge auf­macht, der weiß, dass man Legen­den nicht trin­ken kann. Wo Euro­pä­er und Ame­ri­ka­ner vor Ehr­furcht erstar­ren oder schon beim Anblick des Eti­ketts inner­lich salu­tie­ren, schmeckt einer wie er nur das, was wirk­lich im Glas ist.

Der 600-Euro-Geschmack

Logo Pen­folds­Ga­go möch­te wis­sen, wie ich den Wein fin­de. „Sehr gut“, ant­wor­te ich. Gago merkt natür­lich, dass das nur die hal­be Wahr­heit ist. „Aber…?“

Der Wein ist zwei­fel­los beein­dru­ckend, auch jetzt schon. Er ist kon­zen­triert. Herr­lich fruch­tig. Und er schmeckt. Aber das alles ist völ­lig uner­heb­lich. Die­ser Wein kann altern und soll in 20, 30 oder mehr Jah­ren gut schme­cken. Das ist sei­ne Bestim­mung. Dann aber wird er ganz ande­re Aro­men ent­wi­ckelt haben. Folg­lich zeigt sich auch erst dann, ob der Geschmack die 600 Euro wert ist, die die Fla­sche heu­te kos­tet.

Ein Pro­gno­se über das Poten­zi­al eines Weins zu stel­len, ist immer schwie­rig. Aber man darf sich vom aktu­ell guten Geschmack nicht ein­lul­len las­sen. Man muss auf Details ach­ten. Und tat­säch­lich ist da etwas, das mich an die­sem Gran­ge stört. Etwas, das mich hin­dert, von schie­rer Per­fek­ti­on zu spre­chen. Nicht die Fül­le. Die ist äußerst dis­zi­pli­niert. Nicht der Alko­hol. Der ist gut ein­ge­bun­den. Es ist etwas ande­res: Im Bou­quet spü­re ich einen Hauch von flüch­ti­ger Säu­re.

Das Problem mit der flüchtigen Säure

Flüch­ti­ge Säu­re ist nichts Schlim­mes. Jeder Wein besitzt sie (meist Essig­säu­re). In der Regel liegt sie im nicht-wahrnehmbaren Bereich. Aber um sicher zu gehen, hat der Gesetz­ge­ber eine Höchst­gren­ze für flüch­ti­ge Säu­re fest­ge­setzt. Bei Rot­wei­nen liegt sie bei 1,2 Gramm pro Liter. Beim 2008er Gran­ge dürf­te sie deut­lich dar­un­ter lie­gen. Gago, der Genau­ig­keits­fa­na­ti­ker, braucht also nicht in sei­nen Unter­la­gen zu kra­men, um die Ana­ly­se­wer­te zu fin­den. Ich mei­ne ja nicht, dass der Wein feh­ler­haft sei. Aber bei beson­ders vol­len, alko­hol­rei­chen Wei­nen kann man die flüch­ti­ge Säu­re manch­mal auch dann wahr­neh­men, wenn sie deut­lich unter dem Höchst­wert liegt. Sie macht sich als fei­ner Nagellack-Ton bemerk­bar.

Eti­kett BIN 28Viele Wein­trin­ker stö­ren sich nicht an die­sem Ton. Man­che fin­den sogar, dass er zu einem gro­ßen Wein dazu­ge­hört. Aber eini­ge mögen ihn nicht. Zu denen gehö­re ich. Manch­mal ver­schwin­det der Nagellack-Ton mit den Jah­ren. Doch manch­mal ver­stärkt er sich. So balan­ced wie die­ser Gran­ge auf der Zun­ge ist, unter­stel­le ich, dass er ver­schwin­det. Aber genau weiß ich es natür­lich nicht.

Peter Gago hat Humor

„Wie­viel Punk­te wür­dest du also dem Wein geben?“, drängt Gago mich fest­zu­le­gen. „Bestimmt nicht nur 98…“ „Nein“, sage ich. „98+.“ Jetzt grinst Gago. Euro­pä­er sind komi­sche Men­schen, denkt er wahr­schein­lich. Oder sind nur die Deut­schen so komisch? Beson­ders jener Deut­sche, der ihm gera­de gegen­über sitzt.

Täg­lich Gran­ge trin­ken – das sage ich dann auch noch – möch­te ich nicht, selbst wenn es dazu immer ein zar­tes Wagyo Beef gäbe (die offi­zi­el­le Spei­se­emp­feh­lung zum Gran­ge). Aber die­ser Fall ist sowie­so rein hypo­the­tisch. Mir fehlt die nöti­ge Liqui­di­tät für bei­des. „Mir übri­gens auch“, wirft Gago ein. Humor hat er.

Drei Rotweine für arme Leute

Etikett BIN 2
Eti­kett BIN 2

Bleibt die Fra­ge: Wel­chen Rot­wein sol­len so arme Men­schen wie er und ich dann im All­tag trin­ken? Gago schlägt drei Wei­ne vor. Dass sie alle von Pen­folds kom­men, über­rascht mich nicht wirk­lich.

Da käme zum Bei­spiel der BIN 28 Kalim­na Shiraz in Fra­ge: ein ver­schwen­de­risch vol­ler, aber eben­falls per­fekt balan­cier­ter Wein, nicht ganz so kon­zen­triert und sei­dig wie der Gran­ge, dafür fri­scher und ohne jeden Anflug von flüch­ti­ger Säu­re. Mit rund 27 Euro ist er nicht gänz­lich out of reach für Leu­te wie uns bei­de. Für Weih­nach­ten könn­te man sich so einen Trop­fen durch­aus im Glas vor­stel­len, vor­aus­ge­setzt es sit­zen nicht zu vie­le Leu­te am Tisch, die Wein trin­ken, weil es sich zu Weih­nach­ten so gehört.

Oder den BIN 2 Shiraz Mour­ved­re für etwa 20 Euro, ein Multi-District Blend, bei dem die Trau­ben aus meh­re­ren Anbau­ge­bie­ten Aus­tra­li­ens kom­men: explo­siv fruch­tig mit Pflaumen- und Mulberry-Noten (Mul­ber­ry ist die aus­tra­li­sche Wild-Brombeere), in klei­nen Fäs­sern aus ame­ri­ka­ni­scher Eiche aus­ge­baut und vom Genuss­wert her min­des­tens auf dem Niveau preis­glei­cher spa­ni­scher, ita­lie­ni­scher und fran­zö­si­scher Wei­ne.

Oder, letz­te Opti­on, die­sen herr­lich fruch­ti­gen drit­ten Wein, den Gago neben dem Gran­ge noch im Gepäck hat. Der Name ist mir im Moment ent­fal­len. Aber ich wer­de ihn noch vor Weih­nach­ten bei weinkenner.de in der Rubrik „Unter zehn Euro“ vor­stel­len.

Zum Schluss noch schnell ein Foto mit dem iPho­ne – und dann ist Gago schon wie­der weg. Am Abend muss er in Lon­don sein.

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