Nachverkostet – Italiens berühmtester Wein: 1985 Sassicaia

Etikett 1985 Sassicaia | Tenuta San Guido
Der 1985er gilt als beste je erzeugte Sassicaia. Ein 99-Parker-Punkte-Wein aus Italien, bis heute Objekt der Begierde internationaler Weinsammler und -spekulanten. Zwischen 1500 und 2000 Euro zahlen sie, um einer der letzten noch nicht geleerten Flaschen habhaft zu werden. Jens Priewe hat den Wein kürzlich probiert und bedauert sehr, dass fast alle Flaschen schon ausgetrunken sind.

Der Mar­che­se Nicolò Inci­sa hat­te noch 1995 gemeint, dass es „nur aus wis­sen­schaft­li­chem Inter­es­se“ erlaubt sein sol­le, den 1985er Sas­si­ca­ia damals schon zu trin­ken: Ansons­ten sei er „ein Wein für das 21. Jahr­hun­dert“.

Viel­leicht war sein State­ment eine Replik auf die Kom­men­ta­re eini­ger Kri­ti­ker, die ver­laut­bart hat­ten, der Wein hät­te sei­nen Zenit über­schrit­ten. Farb­lich ten­die­re er ins Bräun­li­che, habe sei­ne Fri­sche ver­lo­ren und schme­cke mehr nach Malz als nach Frucht. Viel­leicht hat­ten die Kri­ti­ker kei­ne opti­ma­le Fla­sche. Viel­leicht hat­ten sie den Wein mit einem ande­ren ver­wech­selt. Viel­leicht hat­ten sie einen schlech­ten Tag. Der Sas­si­ca­ia, den ich vor vier­zehn Tagen auf­ge­macht hat­te, war weder braun noch mal­zig noch jen­seits sei­nes Zenits. Er war gran­di­os.

Noch 20 Jahre vor sich

Hier die Beschrei­bung des Weins, die ich wäh­rend und nach dem Genuss ange­fer­tigt habe: Noch sehr dun­kel in der Far­be, auch am Rand kaum auf­ge­hellt, Bou­quet wenig ent­wi­ckelt, erst nach 12 Stun­den beginnt er nach Schwar­zen Johan­nis­bee­ren und Wach­hol­der zu düf­teln. Dekan­tie­ren wäre also anzu­ra­ten. Am Gau­men noch aus­ge­spro­chen jung mit fri­scher Frucht, gleich­zei­tig sam­tig weich auf der Zun­ge, Noten von Brom­bee­ren, Schle­he, Euka­lyp­tus, dazu eine hin­rei­ßen­de Wür­ze von Pini­en­zap­fen, Lor­beer, Salz, Min­ze. Ein Wein, der noch nicht wirk­lich „explo­diert“ ist und noch schät­zungs­wei­se 20 Jah­re vor sich hat.

In meh­re­ren Blind­ver­kos­tun­gen mit wech­seln­den Jurys hat er den Ruf eines „Bor­deaux­schrecks“ errun­gen, weil er regel­mä­ßig Wei­ne wie Léoville-Las-Cases und Pichon Lalan­de hin­ter sich ließ und manch­mal für einen 1986er Mouton-Rothschild gehal­ten wur­de. So hat die­ser Wein schon zu man­cher­lei Phan­ta­si­en Anlass gege­ben. Wer ihn für sich trinkt und kei­ne Ver­glei­che macht, wird zuge­ben, dass er nie und nim­mer ein Bor­deaux ist. Zu weich und zu süß das Tan­nin, zu medi­ter­ran die Wür­ze, um als Mou­ton oder Ähn­li­ches durch­zu­ge­hen. Das heißt nicht, dass er gro­ßen Bor­deaux unter­le­gen ist. Er ist völ­lig anders, manch­mal so, wie man sich gro­ße Bor­deaux wünscht. 99/100 Punk­te hat er bei Par­ker errun­gen und ist damit der inter­na­tio­nal bekann­tes­te Rot­wein Ita­li­ens gewor­den.

Reinrassiger Cabernet

Der Sas­si­ca­ia wächst bei Bolg­he­ri an der tos­ka­ni­schen Mit­tel­meer­küs­te. Das Wein­gut heißt Tenuta San Gui­do, sein Besit­zer ist der Mar­che­se Nicolò Inci­sa. Der Sas­si­ca­ia, sein Top-Wein, besteht zu 85 Pro­zent aus Caber­net Sau­vi­gnon und 15 Pro­zent Caber­net franc. Er wird seit 1968 erzeugt und kam ursprüng­lich als Vino da tavo­la (Tafel­wein) auf den Markt, weil Caber­net damals nicht zur Erzeu­gung von Qua­li­täts­wei­nen zuge­las­sen war. Seit Mit­tel der 90er Jah­re ist er ein Qua­li­täts­wein und bis heu­te der ein­zi­ge, der eine eige­ne D.O.C. hat. Bolg­he­ri Sas­si­ca­ia D.O.C. – so heißt er offi­zi­ell.

1985 gilt als „Annus mira­bi­lis“ – als „Wun­der­jahr“. Es war ein hei­ßes, tro­cke­nes Jahr, das nur wenig Ertrag, aber kern­ge­sun­des Trau­ben­gut gebracht hat­te. Die Bee­ren­häu­te waren so dick, dass die Mai­sche­gä­rung auf 15 Tage aus­ge­dehnt wer­den muss­te, um alle Poly­phe­no­le zu extra­hie­ren. Danach wur­de der Wein 22 Mona­te in Bar­ri­ques aus­ge­baut, teils in fran­zö­si­scher, teils in slo­we­ni­scher Eiche. Vom Holz schmeckt man heu­te nichts.

1985 – „Annus mirabilis“

Die Beson­der­heit des Jahr­gangs drückt sich auch dar­in aus, dass in 1985 weni­ger Wein als zur dama­li­gen Zeit üblich abge­füllt wur­de: näm­lich nur 62 500 Fla­schen. Aller­dings griff die Tenuta San Gui­do nur auf drei Wein­ber­ge für ihren Sas­si­ca­ia zurück: Aianuo­va, Sas­si­ca­ia und der alte, hoch­ge­le­ge­ne Wein­berg von Cas­tiglioncel­lo. Heu­te kom­men die Trau­ben für den Wein von vier wei­te­ren Wein­ber­gen, und die Pro­duk­ti­on liegt bei etwa 180 000 Fla­schen pro Jahr.

Der 1985 Sas­si­ca­ia ist nicht nur ein legen­dä­rer Wein, für den Ken­ner zwi­schen 1500 und 2000 Euro pro Fla­sche zah­len. Er zeigt auch, dass der Sas­si­ca­ia – von weni­gen schwa­chen Jahr­gän­gen abge­se­hen – erst nach 15 Jah­ren anfängt zu zei­gen, wie gut und ein­zig­ar­tig er ist. Jahr­gän­ge wie 1995, 1996 und vor allem 1998 errei­chen jetzt lang­sam ihren ers­ten Höhe­punkt. Per­fekt sind jetzt 1981 und 1982, und 1978 ist immer noch ein gro­ßer, ver­eh­rungs­wür­di­ger Wein.

Jun­ge Jahr­gän­ge kos­ten um die 120 Euro.
Bezug: www.alpinawein.de

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