Portrait Frankreich

Nachverkostet: 1986 Tokay-Pinot Gris, Domaine Weinbach

Durch die Springflut von trivialen Weinen im Pinot Grigio-Stil ist in Vergessenheit geraten, dass aus der Sorte, die bei uns Grauburgunder heißt, hochfeine und langlebige Weine entstehen können. Jens Priewe hat einen 1986er Tokay-Pinot Gris der berühmten Elsässer Domaine Weinbach aufgemacht und einen Wein gefunden, der gegen alle gängigen Trinkmoden verstößt.

Neben Zind-Humbrecht bekanntester Erzeuger im Elsass

Die Domaine Weinbach im elsaessischen KayserbergÜbri­gens boomt, seit Mut­ter Colet­te nur noch Gran­de Dame ist und ihre Töch­ter die Ver­ant­wor­tung tra­gen, der Wein­ver­kauf nach Ame­ri­ka. Für die Hollywood-geprägten Ame­ri­ka­ner sind „la blon­de et la bru­ne „Stars.

Die Domai­ne Wein­berg ist neben Zind-Humbrecht das inter­na­tio­nal bekann­tes­te elsäs­si­sche Wein­gut. Sie erzeugt Syl­va­ner, Pinot Blanc, Pinot Noir und Mus­cat. Ihre berühm­tes­ten Wei­ne sind jedoch Ries­ling, Tokay-Pinot Gris und der Gewürz­tra­mi­ner. Der Ries­ling vom Grand Cru Schloss­berg  ist flei­schig, reich und ele­gant. Die Gewürz­tra­mi­ner sind unbe­schreib­lich, ins­be­son­de­re der Grand Cru Furs­ten­tum. Und der Pinot Gris? Könn­te, wenn gereift, durch­aus einen Gewürz­tra­mi­ner erset­zen, glaubt Madame Colet­te: So üppig, so kom­plex, so wuch­tig ist die­ser Wein.

Die Bezeich­nung Tokay, die auf dem Eti­kett auf­taucht, hat übri­gens nichts mit den edel­sü­ßen unga­ri­schen Toka­jer zu tun. Pinot Gris heißt im Elsass tra­di­tio­nell Tokay. Erst 2006 wur­de die­ser Name ver­bo­ten, um Ver­wechs­lun­gen zu ver­mei­den.

Biodynamisch bewirtschaftet, spontan vergoren

Korken des 1986 Tokay-Pinot Gris der Domaine WeinbachDer heu­ti­ge Pinot Gris der Domai­ne Wein­bach kommt noch immer vom Clos des Capu­cins, heißt aber ein­fach Cuvée Sain­te Cathé­ri­ne. Er besitzt buttrig-mineralische Aro­men, lässt im Hin­ter­grund Limett­enduft durch­schei­nen, hat immer 14,5 Vol.% Alko­hol, nicht sel­ten auch 15 Vol.%. Kein Leicht­wein also. Die gesam­ten 27 Hekt­ar der Domai­ne wer­den bio­dy­na­misch bewirt­schaf­tet. Und weil die Wei­ne ohne Hefe­zu­satz spon­tan ver­gä­ren, wei­sen sie oft ein paar Gramm unver­go­re­nen Zucker auf.

Auch der Pinot Gris, obwohl er tro­cken schmeckt. Madame Colet­te emp­fiehlt ihn zu Kalb­fleisch in Velou­té und zu Geflü­gel. Also zu Gerich­ten, zu denen auch gern Rot­wein ser­viert wird. Kein Zufall: Die Pinot Gris ist nicht ein­deu­tig eine Weiß­wein­trau­be. Ihre kup­fer­ro­te Fär­bung zeigt, dass sie noch Gene der Pinot Noir in sich trägt und muta­ti­ons­mä­ßig auf hal­bem Weg zur Pinot Blanc ste­hen geblie­ben ist.

Altmodischer Pinot Gris-Stil

Das Elsass trägt als letz­tes Anbau­ge­biet der Welt die­sem Umstand Rech­nung und erzeugt aus der zwitt­ri­gen Sor­te Wei­ne, die zwar weiß sind, aber den Kör­per und das Gewicht eines Rot­weins besit­zen. Sie wer­den, wie Rot­wei­ne, mit bio­lo­gi­schem Säu­re­ab­bau vini­fi­ziert und hin­ter­her wie Rot­wei­ne im (gro­ßen) Holz­fass aus­ge­baut.

Pinot Gris | Foto: ©Vitis International Variety CatalogueDie­sen alt­mo­di­schen Pinot Gris mögen nur weni­ge Leu­te. Jun­ge Wein-Piraten, Freaks und die meis­ten Nachwuchs-Sommeliers sind aus­schließ­lich auf fri­sche Weiß­wei­ne abon­niert. Vie­le ken­nen die­sen Stil gar nicht. Sie suchen im Weiß­wein Frucht, Leich­tig­keit, Säu­re, aber nicht Struk­tur.

So kommt es, dass Wei­ne wie die der Domai­ne Wein­bach immer sel­te­ner in Wein­hand­lun­gen und Restau­rants in Deutsch­land gesich­tet wer­den. Sie pas­sen nicht in das hier­zu­lan­de vor­herr­schen­de Leichtwein-Schema, kos­ten über 30 Euro und bie­ten, wenn reif, eine Aro­men­pa­let­te, die auf die moder­nen Wein­trin­ker eher fremd wirkt.

Auch Vendange Tardive vom Pinot Gris

La blon­de et la bru­ne kön­nen es ver­schmer­zen. Ihre Pro­duk­ti­on wäre viel zu klein, dürs­te­te es allen nach ihrem Pinot Gris. Lau­rence, die Kel­ler­meis­te­rin, hat sogar noch einen drauf­ge­setzt und eine Vendan­ge Tar­di­ve vom Pinot Gris gemacht: über­rei­fe Trau­ben aus ihrer bes­ten Lage Alten­bourg. Cuvée Lau­rence heißt sie, ist deut­lich rest­süß und hat – dar­auf ist sie stolz – 15 Vol.% Alko­hol. Also nichts für Wein­dia­be­ti­ker! Madame Colet­te hat auch schon das pas­sen­de Gericht dazu: Enten­brust mit Honig­krus­te. Oder – man ahnt es bereits – Foie Gras.

Die jun­gen Jahr­gän­ge fin­det man in Deutsch­land bei „Unser Wein­la­den“ und „Vina­tu­rel„.

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