Mund oder Maschine? Alles über die neuen dünnwandigen Weingläser

Dünnwandige, mundgeblasene Gläser galten jahrelang als der Goldstandard unter den Weingläsern. Jetzt haben sie Konkurrenz bekommen. Katerina Steeger berichtet.

Maschinen können ebenso dünnwandige Gläser produzieren wie Glasbläser: gleichbleibend präzis und vor allem wesentlich preiswerter. Muss man den mundgeblasenen Gläsern deswegen nachtrauern? Es kommt auf den Standpunkt an. Mundgeblasene Gläser sind Unikate, maschinengeblasene nicht. Aber schmeckt ein Romanée-Conti oder der Unico von Vega Sicilia aus maschinengeblasenen Gläser deshalb weniger gut? Wahrscheinlich nicht. Oder besser gesagt: garantiert nicht. Aber wie beim Wein ist auch beim Glas immer ein bisschen Emotion mit im Spiel. Die Glasbläserei ist eine jahrhundertealte, handwerkliche Kunst, vor der sich weinaffine Menschen genauso verneigen wie vor der handwerklichen Kunst des Weinmachens. Lässt das maschinell gefertigte Glas den Weintrinker dagegen kalt? Vielleicht. Dabei ist es auch Kunst: Ingenieurskunst.

Dünnwandigkeit ist kein Lifestyle-Gag

Diejenigen, die einen Vergleich zwischen den neuen maschinengefertigten und mundgeblasenen Gläsern anstellen, befinden sich bereits in der Champions League der Vinophilen. Denn  Dünnwandigkeit ist kein Lifestyle-Gag. Dünnwandigkeit bedeutet, die Temperatur des Weins schon auf den Lippen zu spüren. Scharf geschliffene Ränder sind für die Haptik der Zunge und der Lippen wichtig. Die Transparenz des Glases erlaubt es, Kirchenfenster, Tränen, Farbreflexe sauberer zu zeigen – überhaupt den Wein brillanter erscheinen zu lassen. Die unsichtbar porigen Oberflächen des dünnen Glases lassen die Aromen aufblühen. Und die Form des Kelches ist so gestaltet, dass der Duft der Rebsorte möglichst intensiv zum Ausdruck kommt, der Geschmack nicht verzerrt, sondern präzis an den Gaumen transportiert wird. Wer richtig genießen will, kann auf dünnwandige Gläser nicht verzichten.

Glas ist ein amorpher Feststoff

Was ist eigentlich Glas? Physikalisch gesehen ein amorpher Feststoff, formbar bei rund 1200 Grad Celsius. Chemisch ist es im Kern SiO₂, also Quarzsand. Doch erst verschiedenen Additive und oft skurrile Zutaten sorgen für Viskosität, Klarheit, Härte, Klang, Widerstandskraft oder Brillanz und machen aus Rohglas ein Resonanzkörper. Jede Glashütte hütet deshalb ihre geheime Rezeptur wie beim Zaubertrank.

Von Riedel zu Zalto

Die Geschichte der dünnwandigen Weingläser beginnt im 14. Jahrhundert in Venedig mit dem ersten Sodakalkglas. Um 1900 setzt die Wiener Moderne auf Eleganz statt Gewicht: Filigrane Lobmeyr-Kollektionen ersetzen geschliffenes Bleikristall. Die meisten Glasbläsereien sind in Tschechien, Slowakei, Polen oder Ungarn beheimatet. 1973 bringt Claus J. Riedel die mundgeblasene, rebsortenspezifische „Sommeliers“-Serie auf den Markt. Sie wird in Kufstein in Österreich hergestellt. Den nächsten Meilenstein setzte dann Kurt Josef Zalto. Vor mehr als 20 Jahren entwarf der österreichische Glasvisionär die Denk’Art-Gläser, benannt nach dem berühmten Theologen und Weinphilosophen Pfarrer Hans Denk aus der Wachau. Denk‘Art gilt bis heute als Archetyp des extrem leichtgewichtigen, mundgeblasenen Weinglases. Zaltos Gläser waren die ersten ultradünnwandigen Gläser. Sie überzeugten sensorisch und waren zugleich Ausdruck hoher Handwerkskunst und zeitgemäßen Designs. Inzwischen ist Kurt Josef Zalto aus dem Unternehmen, das seinem Namen trägt, ausgeschieden, um für die Josephinenhütte eine neue Glasserie zu schaffen.

Der Beginn des Zeitalters der maschinengeblasenen Gläser

Seit etwa fünf Jahren sind auch Maschinen in der Lage Gläser herzustellen, die so dünnwandig und formvariabel sind wie mundgeblasene Gläser. Die Gläser werden mittlerweile so exakt gefertigt, dass sie von Handarbeit kaum zu unterscheiden sind. Serien von Riedel, Spiegelau, Zwiesel, Gabriel und Stölzle liefern hier zuverlässig ab. Optisch wird es dabei allerdings eng: Manche Formen gleichen sich derart, dass Patentanwälte der Glasbranche schon quasi von einem Dauerauftrag leben können. Wie leistungsstark die neuen Maschinen sind, zeigt ein Blick auf die Produktionszahlen des slowakischen Herstellers Rona: Bis zu 10.000 dünnwandige Gläser werden von der Maschine pro Tag ausgestoßen. Im Vergleich dazu die Zahlen von traditionellen Glashütten wie Izaak Reich oder Květná1794 aus Tschechien: Die Teams dort, bestehend aus Meister und zwei Mitarbeitern, schaffen pro Schicht an die 300 Stück mundgeblasener Unikate.

Der Preisunterschied krempelt die Märkte um

Entsprechend unterschiedlich sind die Preise. Dünnwandige Maschinengläser liegen bei etwa einem Fünftel oder weniger des Preises für mundgeblasene Gläser – eine Differenz, die die Märkte komplett umgekrempelt hat und die traditionellen Glashütten in Existenznöte bringt. Die in München ansässige Josephinenhütte setzt gegenüber Weintrinkern deshalb auf die Wertschätzung der Handarbeit. Auf deren Internetseite kann man alle neun Schritte der Fertigung verständlich verfolgen: lehrreich für alle glasaffinen Genießer, die den Wein sensorisch, technisch und emotional erleben wollen. Andere, etwa Zalto, beziehen sich in ihrer Darstellung auf die historische Glasbläserwerkstatt in Österreich, wo deren Gläser gefertigt werden. Marken wie Zieher, Sophienwald, Grassl oder X-Wineglass, die oft auch bei Partnern produzieren, argumentieren mit höherer Wertigkeit und Authentizität.  Erkennen kann man die mundgeblasenen Gläser übrigens an den feinen handwerklichen Spuren, die sie hinterlassen, etwa an kleinen Unregelmäßigkeiten wie Bläschen, diskrete Schlieren oder leichte Formabweichungen. Selbst große Gläser haben keine Nahtstellen oder Formtrennlinien.

Die handwerkliche Glasbläserei ist vom Aussterben bedroht

Die Herstellung ultradünner Gläser durch Glasbläser ist immer ein Hochleistungstanz aus Temperatur, Timing, Handgefühl und sehr viel Erfahrung. Es wird seit Jahrhunderten von Meister zu Meister weitergegeben und steht seit 2017 auf der UNESCO-Liste der schützenswerten Berufe. Dennoch ist diese Arbeit vom Aussterben bedroht: Im Jahr 2024 gab es nirgendwo in Europa mehr Ausbildungsklassen für Glasbläser.

Faktencheck

Kriterium                           Maschinell geblasenMundgeblasen
Ästhetik100 % identisch, ideal für     VergleichsprobenLeichte Toleranzen, jedes Glas ein Unikat
AttributeKorrekt, technisch präzise, weniger Viskosität,Ausbalanciert, das Glas schwenkt mit, bessere Thermik
GewichtRobuster 110-130 g, für Gastronomie-AlltagFederleicht mit 80-110 g und elastisch, empfindlicher
Preis & Nutzer  10 – 30 € p.Glas, HoReCa Kunden, Degustationen, Vinotheken40 – 80 €, Endkunden, Winzer, Star-Gastronomie, hippe Weinbars
Produktion  Ca 10.000 Gläser pro TagCa 300 Gläser pro Schicht bei einem Glasbläser-Team
PflegeSpülmaschinenfest, geeignet für GastronomieSpülmaschinefest, Spezialkorb für Gastro, vorsichtiges abtrocknen
ErkennbarkeitPerfekte Nahtlinien, gleichmäßige Wände, Stiel & Boden meist dicker, Rand 1mmKeine Naht, Schlieren möglich, spürbar leichter, Boden flacher, Rand unter 1mm
SensorikExakt in Haptik & Bewegung, Klang eher stumpf, Duft unverfälschtMikroporös, Geschmackerlebnis, Klang eher stumpf, Duft intensiv
Nachhaltigkeit Industrielle Effizienz, hoher technischer und Energie-AufwandUNESCO-geschütztes Handwerk, Erhaltung des Wissens, Tradition

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