Lugana „Le Creete“ von Ottella: der etwas andere Weiße vom Gardasee

Der Lugana ist dabei, der beliebteste italienische Weißwein in Deutschland zu werden - eine steile Karriere. Kritiker können mit dem Modewein vom Gardasee dagegen wenig anfangen. Allzu „harmlos“ und „brav“ finden sie ihn. Stimmt. Doch es gibt Ausnahmen. Jens Priewe stellt eine vor.

Ein­fach ist es nicht, den Weg zu den Brü­dern Fran­ces­co und Miche­le Mon­tre­sor zu fin­den. Auto­bahn­ab­fahrt Peschie­ra, dann erst­mal vor­bei an einer Schlan­ge stin­ken­der Die­selt­rucks, die vor der Zahl­stel­le war­ten, danach diver­se Kreis­ver­keh­re mit unüber­sicht­li­chen Schil­der­wäl­dern, irgend­wann ein Links­kab­bie­ger und dann wei­ter über gewun­de­ne Neben­stra­ßen und -sträß­chen. Wem es in dem Stra­ßen­la­by­rinth süd­lich des Gar­da­sees gelingt, das Schild mit der Auf­schrift „Ottel­la“ nicht zu über­se­hen, lan­det irgend­wann tat­säch­lich auf dem gleich­na­mi­gen Wein­gut: ein stil­vol­ler, alter Vero­ne­ser Land­sitz, in cha­rak­te­ris­ti­schem Alt­ro­sa gestri­chen und mit manns­ho­hen Klet­ter­ro­sen an der Fas­sa­de. Trotz­dem befal­len den Ankom­men­den Zwei­fel, ob er wirk­lich am Ziel ist. Denn gleich neben­an ver­läuft die Autos­tra­da Venezia-Milano – kein Ort, der den Gedan­ken an guten Wein auf­kom­men lässt.

Die Autobahn durchschneidet die Weinberge

Weingut Ottella
Wein­gut Ottel­la

Doch die Wein­ber­ge exis­tier­ten längst, bevor die Auto­bahn gebaut wur­de. Dass sie sich aus­ge­rech­net durch die Reben hin­ter dem Haus fres­sen wür­de, war nicht vor­her­zu­se­hen. Ver­kehrs­pla­ner nei­gen nicht zu Sen­ti­men­ta­li­tä­ten. Aber Reben lei­den, soweit man weiß, nicht unter Lärm. So kommt es, dass einer der bes­ten Weiß­wei­ne des Gar­da­sees an einem ziem­lich unro­man­ti­schen Ort wächst.

Der Wein heißt Le Cree­te und ist ein Luga­na D.O.C. Die drei Buch­sta­ben bedeu­ten, dass der Wein inner­halb der Gren­zen des Anbau­ge­biet für den Luga­na gewach­sen und im Ein­klang mit den Vor­schrif­ten erzeugt wor­den ist. Eine Mini­mal­aus­sa­ge ohne gro­ßen Infor­ma­ti­ons­wert. Denn das Anbau­ge­biet ist groß, und die Trau­ben für den Le Cree­te kom­men aus einer klei­nen, beson­de­ren Lage, die nicht reprä­sen­ta­tiv für das gan­ze Anbau­ge­biet ist.

Großzügige Vorschriften für den Lugana D.O.C.

Auch wur­den die Vor­schrif­ten für den Luga­na D.O.C. vom Gesetz­ge­ber recht groß­zü­gig gestal­tet, damit mög­lichst vie­le Win­zer ihre Wei­ne unter die­sem Namen auf den Markt brin­gen kön­nen. Die Vor­schrif­ten zu unter­bie­ten und die Qua­li­täts­schrau­be anzu­zie­hen, ist aller­dings nicht ver­bo­ten. Fran­ces­co und Miche­le Mon­tre­sor legen für ihren Le Cree­te zum Bei­spiel stren­ge­re Qua­li­täts­kri­te­ri­en an, als das D.O.C.-Statut sie vor­schreibt. Das Resul­tat: ein Wein, der sich deut­lich abhebt von der Mas­se der Luga­na. Er kos­tet zwar ein paar Euro mehr. Aber die sind gut ange­legt, fin­det Fran­ces­co, der älte­re der bei­den Brü­der. „Qua­li­tät hat ihren Preis, aber das Schö­ne ist: man schmeckt sie auch.“

Der Luga­na genießt unter deut­schen Ita­li­en­freun­den einen Ruf wie Don­ner­hall. Vie­le Restau­rants glau­ben, ohne ihn nicht aus­zu­kom­men. Ita­lie­ni­sche Ris­tor­an­ti haben min­des­tens einen, oft zwei Luga­na auf ihrer Wein­kar­te. Ob Spa­ghet­ti von­go­le, Pen­ne all’arabiata, Scam­pi vom Grill oder 4-Jahreszeiten-Pizza – der Wei­ße vom Gar­da­see passt sich nahe­zu jedem Gericht brav an. Viel Eigen­ge­schmack besitzt er eh nicht, und Emo­tio­nen ruft er sel­ten her­vor – nicht ein­mal ableh­nen­de: ein zwar kor­rek­ter, aber harm­lo­ser Wein, der sich per­fekt eig­net, um gepfleg­te Lan­ge­wei­le zu ver­brei­ten.

Salzig-würziger Geschmack

Trebbiano di Lugana
Treb­bia­no di Luga­na

Der Le Cree­te hat mit Lan­ge­wei­le nichts zu tun. Der 2011er, der gera­de auf den Markt gekom­men ist, duf­tet wie rei­fer Apfel und Zitrus­früch­te, ist cre­mig und druck­voll am Gau­men und hat einen Geschmack, den Fran­ces­co und Miche­le als „salzig-würzig“ bezeich­nen wür­den. Klingt komisch, schmeckt aber geni­al. Rich­tig gut ist jetzt der 2010er. Er ver­strömt einen fei­nen Birnen-Ingwer-Duft und hat eine mineralisch-rauchige Note ent­wi­ckelt. Wäh­rend die meis­ten Luga­na des letz­ten Jah­res schon müde sind, blüht die­ser 2010er jetzt rich­tig auf.

Um zu ver­ste­hen, wes­halb nicht jeder Luga­na die Klas­se eines Le Cree­te hat, muss man ein wenig aus­ho­len. Luga­na heißt der Küs­ten­strei­fen am Süd­ufer des Gar­da­sees. Dort wird die Sor­te Treb­bia­no di Luga­na ange­baut, aus der der Wein gekel­tert wird. Treb­bia­no ist die in ganz Ita­li­en am häu­figs­ten anzu­tref­fen­de wei­ße Trau­ben­sor­te. Vom Gar­da­see bis nach Sizi­li­en wird sie ange­baut. Der größ­te Teil des Weins, der aus ihr gewon­nen wird, ist jedoch von ziem­lich schlich­ter Art.

Schillernde Rebsorte

Aller­dings ist Treb­bia­no nicht Treb­bia­no. Die Sor­te hat sich im Lau­fe der Jahr­hun­der­te gene­tisch ver­än­dert. Durch wil­de Ein­kreu­zun­gen und Muta­ti­on sind aus der Mas­sen­sor­te Treb­bia­no in Tei­len Ita­li­ens „Klo­ne“ ent­stan­den, die mit der Mut­ter­re­be nur noch wenig zu tun haben. Folg­lich ist auch der Wein ein ande­rer. In den Mar­ken, also der Regi­on um die Adria-Städte Anco­na und Pes­ca­ra, hat die neue Trebbiano-Spielart sogar einen eige­nen Namen: Sie heißt Ver­dic­chio und wird als eigen­stän­di­ge Sor­te ange­se­hen, obwohl sie gene­tisch zur gro­ßen Fami­lie der Trebbiano-Gewächse gehört.

Der Treb­bia­no di Luga­na ist zum Bei­spiel der Verdicchio-Traube ähn­li­cher als jenem Treb­bia­no, der auf Sizi­li­en, in der Emi­la Roma­gna oder in Vene­ti­en wächst. Vie­le Lugana-Winzer möch­ten das Trebbiano-Erbe des­halb mög­lichst aus dem Namen til­gen. Sie nen­nen die Sor­te „Tur­bia­na“ oder ein­fach „Luga­na“.

Nur auf Lehmböden gute Qualitäten

Michele und Francesco Montresor
Miche­le und Fran­ces­co Mon­tre­sor

Wie sie an den Gar­da­see gekom­men ist, weiß nie­mand genau. Nach­weis­bar ist ledig­lich, dass sie in Sir­mio­ne, Desen­za­no und Peschie­ra immer die bes­ten Wei­ne erge­ben hat, wes­halb man 1967, als die D.O.C. für den Luga­na ein­ge­führt wur­de, fest­ge­legt hat, dass der Wein zu min­des­tens 90 Pro­zent aus ihr gewon­nen wer­den muss. In den benach­bar­ten Anbau­ge­bie­ten kann weit weni­ger oder gar kein Treb­bia­no di Luga­na in den Weiß­wei­nen sein.

Die Böden an der Süd­sei­te des Gar­da­sees ent­hal­ten einen hohen Anteil an kalk­hal­ti­gem Lehm. Die­ser Lehm ist nichts ande­res als Glet­scher­schutt, der nach der Eis­zeit dort­hin ver­frach­tet wur­de. Er ent­hält vie­le wert­vol­le Mine­ra­li­en. Sie prä­gen den Wein geschmack­lich. Der höchs­te Lehm­an­teil befin­det sich in den see­na­hen Gemein­den, also in Sir­mio­ne, Peschie­ra und Tei­len von Desen­za­no. Auf deren 400 Hekt­ar Reb­flä­chen wach­sen die bes­ten Wei­ne.

Ausweitung des Anbaugebiets

Doch die Win­zer im Hin­ter­land moch­ten nicht ein­se­hen, dass ihre Wei­ne weni­ger gut sein sol­len. Sie dräng­ten dar­auf, am Erfolg des Luga­na teil­zu­ha­ben. So wur­de das Anbau­ge­biet auf 1100 Hekt­ar aus­ge­wei­tet. Seit­dem darf auch in see­fer­nen Gemein­den wie Poz­zo­len­go und Lona­to, deren Böden mehr Sand oder Stein als Lehm ent­hal­ten, Luga­na pro­du­ziert wer­den. Tat­säch­lich kommt die gro­ße Mas­se der Lugana-Weine heu­te von dort.

Zurück zum Wein­gut Ottel­la: Es befin­det sich in San Bene­det­to, einem Orts­teil von Peschie­ra. Dort befin­det sich der größ­te Teil der 30 Hekt­ar Wein­ber­ge. Des­halb ist auch der Basis-Lugana von Ottel­la ein Wein, der deut­lich über dem Niveau der meis­ten Luga­na liegt. Die Trau­ben für den Le Cree­te kom­men aus einer beson­ders guten Lage bei San Bene­det­to mit einem hohen Anteil an kalk­hal­ti­gem Lehm – daher der „salzig-würzige“ Geschmack und die Fähig­keit, sei­ne Fri­sche in der Fla­sche zu bewah­ren.

Neue Mode: Lugana lieblich

Im Weinberg Le Creete
Im Wein­berg Le Cree­te

Fran­ces­co und Miche­le füh­ren das Wein­gut in der fünf­ten Genera­ti­on. Das Geheim­nis ihrer Wei­ne sind nicht nur die guten Lagen. Wäh­rend es das D.O.C.-Statut erlaubt, bis zu 12.500 Kilo­gramm Trau­ben pro Hekt­ar zu ern­ten, ern­ten sie nur 9000 Kilo­gramm. Hand­le­se ist selbst­ver­ständ­lich. Die Ver­gä­rung des Le Cree­te erfolgt nach einem kur­zem Scha­len­kon­takt, der Aus­bau fin­det in Edel­stahl­tanks und gro­ßen Holz­fäs­sern statt.

Übri­gens sind alle Ottella-Weine tro­cken. Die um sich grei­fen­de Mode, den Wein mit ein paar Gramm Rest­zu­cker auf lieb­lich zu trim­men, leh­nen Fran­ces­co und Miche­le strikt ab. „Wir wol­len kei­nen Mode­wein machen, son­dern suchen nach dem opti­ma­len Aus­druck der Reb­sor­te auf unse­ren Böden“, sagt Fran­ces­co.

Er ist Prä­si­dent des Schutz­kon­sor­ti­ums des Luga­na D.O.C., der Inter­es­sen­ver­tre­tung aller Lugana-Winzer und -Wein­gü­ter. Die Qua­li­tät und den Ruf des Luga­na hoch zu hal­ten, ist ihm ein Her­zens­an­lie­gen. Bru­der Miche­le hat eine ande­re Mis­si­on. Er enga­giert sich gegen „Ber­lus­co­nis­mus“ in sei­ner Regi­on. Über­haupt sind Bil­dung und Kul­tur für die Fami­lie Mon­tre­sor wich­ti­ge Wer­te. Der Vater besitzt eine bemer­kens­wer­te Samm­lung moder­ner Kunst. Die Mut­ter ist eine hoch respek­tier­te Gast­ge­be­rin, die ihre Gäs­te nach tra­di­tio­nel­len Rezep­ten der Gegend bekocht.

Übri­gens: Die ers­ten Lugana-Weine gelang­ten wahr­schein­lich im Kof­fer­raum nach Deutsch­land. Inzwi­schen kann man den Kof­fer­raum wie­der das Gepäck benut­zen. Die Wei­ne wer­den regu­lär impor­tiert und sind in ganz Deutsch­land erhält­lich – auch die von Ottel­la.

 

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1 Kommentar

  • Super geschrie­ben!
    Man bekommt Lust zu kos­ten!
    Wein ist wie Gutes Essen,
    nicht der Koch macht das Essen, son­dern die Lei­den­schaft im Her­zen zau­bert Gutes!

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