Kellerei Terlan: Mein Name sei Primo, ich koste 149 Euro

Terlaner I
Terlaner I
Die Kellerei Terlan hat einen Weißwein auf den Markt gebracht, der alle Grenzen überschreitet, die bisher für Südtiroler Wein galten. Jens Priewe kostete den Wein, der mit den französischen Burgundern auf Augenhöhe sein will.

Dass die Kel­le­rei Ter­lan die ers­te Adres­se ist, wenn es um Süd­ti­ro­ler Weiß­wein geht, wis­sen alle, die sich ernst­haft mit Weiß­wein aus Ita­li­en beschäf­ti­gen. Jetzt hat die Kel­le­rei ihrem Ruf alle Ehre gemacht und einen Weiß­wein erzeugt, der alle Gren­zen sprengt, die für Süd­ti­ro­ler Wein bis­her gal­ten. Er heißt Ter­la­ner I (sprich: Ter­la­ner Pri­mo) und kos­tet laut Lis­te 149 Euro. Damit ist er der teu­ers­te Weiß­wein Ita­li­ens.

Zeugnis des Aufstiegs Südtirols

Erstaun­lich? Wenn man bedenkt, dass die schlech­tes­ten Weiß­wei­ne Ita­li­ens vor 30 Jah­ren aus der Gegend um Bozen kamen – dann ist das schon ein wenig über­ra­schend. Wer jedoch an die letz­ten zwei Jahr­zehn­te denkt, muss sagen: Woher soll­ten die bes­ten Weiß­wei­ne Ita­li­ens sonst kom­men? Aus Süd­ita­li­en? Sicher, die Weiß­wei­ne von dort sind herr­lich süf­fig, auch anspruchs­voll süf­fig, aber Micky Mäu­se gegen die Spit­zen­wei­ne aus Süd­ti­rol. Aus den Mar­ken? Bei aller Wert­schät­zung für den Ver­dic­chio – für gro­ße Wei­ne braucht es doch noch ein biss­chen mehr. Aus der Luga­na? Wohl eher nicht. Aus dem Fri­aul? Sel­ten hat eine Weißwein-Region ihren Vor­sprung, den sie vor 30 Jah­ren besaß, so kläg­lich ver­spielt wie die­se Regi­on. Viel­leicht von ein­zel­nen Erzeu­gern wie Gaja (mit sei­nem Gaia & Rey) oder Antin­o­ri (mit dem Cer­va­ro del­la Sala)? Mög­lich. Doch in Süd­ti­rol haben ein Dut­zend Erzeu­ger gezeigt, dass aus dem Mix von küh­lem mit­tel­eu­ro­päi­schen und war­mem medi­ter­ra­nen Kli­ma cha­rak­ter­star­ke Wei­ne her­vor­ge­hen kön­nen, wie es sie in die­ser Brei­te nir­gend­wo in Ita­li­en gibt. In der Spit­ze auch sehr gute. Und mit dem Ter­la­no I auch gro­ße.

Unter Ausschluss der Öffentlichkeit

Kel­le­rei Ter­lan | Foto: © Udo Bern­har­tUm es vor­weg zu sagen: Die­sen Wein gibt es bis­her nur ein­mal. Er ist rar wie ein Mon­tra­chet. Es gibt es nur 2.850 Fla­schen von ihm – ein Flie­gen­schiss also (par­don). Bei der Kel­le­rei Ter­lan, die ihn erzeugt, ist er nicht käuf­lich zu erwer­ben. In Süd­ti­ro­ler Vino­the­ken ist er nicht zu fin­den. Über­haupt wird die­ser Wein nicht nach markt­wirt­schaft­li­chen Prin­zi­pi­en gehan­delt. Er wird – gegen Geld natür­lich – zuge­teilt, und zwar nach einem simp­len Schlüs­sel. Der sieht vor, dass er nahe­zu exklu­siv in die Gas­tro­no­mie geht, in die USA, nach Japan, nach Hong­kong, ins italienisch-sprachige Ita­li­en. 300 Fla­schen sind auch nach Deutsch­land gegan­gen, wobei es gar nicht unbe­dingt die Sterne-Gastronomie ist, die den Wein bekom­men hat. Der alt­ein­ge­ses­se­ne Ita­lie­ner La Grap­pa in Essen hat ihn im Kel­ler, auch die bra­ve Trat­to­ria Ebo­li in Grün­wald, wo sich die hoch­mö­gen­de Mün­che­ner Film- und Fuß­ball­pro­mi­nenz zum Essen trifft. Um den Wein zu kau­fen, muss man nach Ham­burg flie­gen und ver­su­chen, ein Fläsch­lein in der Eno­te­ca im Han­se­vier­tel los­zu­ei­sen. Die wird näm­lich von Wein­land Aria­ne Aba­y­an betrie­ben, dem deut­schen Gene­ral­im­por­teur.

Einzigartig für Südtirol

Ein paar Fla­schen blei­ben natür­lich auch in Süd­ti­rol. Sie auf­zu­spü­ren, ist aller­dings müh­sam. Weil Neu­gier und Nach­fra­ge dort am größ­ten sind, set­zen die Restau­rants ihn oft nicht auf die Kar­te, son­dern ver­ste­cken ihn im Kel­ler.

Über die ver­wor­re­nen Wege, über die die­ser rare Trop­fen zum Kun­den gelangt, kann man sich lus­tig machen, über den Wein selbst nicht. Er ist ein­zig­ar­tig: opu­lent auf der einen, fein­glied­rig auf der ande­ren Sei­te. Und frisch. Bei aller Fül­le und Kom­ple­xi­tät bril­liert er mit kraft­vol­ler Mine­ra­li­tät. So einen Wein hat es noch nie in Süd­ti­rol gege­ben.

Purer Ausdruck des Terroirs von Terlan

Weinberge bei Terlan
Wein­ber­ge bei Ter­lan

Rudi Kof­ler, der Kel­ler­meis­ter, hat die Inten­ti­on die­ses Weins so beschrie­ben: „Wir woll­ten einen Wein, der die See­le unse­res Ter­la­ner Ter­ro­irs mög­lichst pur und authen­tisch zum Aus­druck bringt. Dafür haben wir 2011 die bes­ten Trau­ben der Sor­ten Weiß­bur­gun­der, Char­don­nay, Sau­vi­gnon blanc aus unse­ren Top-Lagen selek­tiert, den Wein dann lang­sam in gro­ßen Holz­fäs­sern ver­go­ren und hin­ter­her lan­ge auf der Fein­he­fe aus­ge­baut.“

Klingt ein­fach. Aber allein die bes­ten Par­zel­len zu bestim­men, setzt eng­ma­schi­ge Boden­un­ter­su­chun­gen vor­aus. Dann müs­sen die Wein­bau­ern, denen die­se Par­zel­len gehö­ren (die alle in den Ter­la­ner Renom­mier­la­gen Winkl, Kreuth, Vor­berg lie­gen), mit­spie­len. Dazu die indi­vi­du­el­le Stock­pfle­ge der aus­ge­wähl­ten Reben, das skru­pu­lö­se Ver­le­sen im Herbst, das vor­sich­ti­ge Kel­tern – all das geht weit über die herbst­li­che Rou­ti­ne hin­aus. Und am Ende besteht der Pri­mo nicht nur aus Wein des Jahr­gangs 2011, son­dern zu einem klei­nen Teil auch von 2010 und 2009 – eine Gran­de Cuvée eben. Die­ser Pri­mo ist nicht nur ein Wein, son­dern auch eine Bench­mark, die anzeigt, wie groß das Poten­zi­al des Süd­ti­ro­ler Weiß­weins ist.

Legendär für Langlebigkeit

Die Terlan-CrewSicher, die Kel­le­rei Ter­lan war schon vor dem Pri­mo die Num­mer 1 unter den Süd­ti­ro­ler Genos­sen­schaf­ten. Ihr Sau­vi­gnon „Quarz“, ihr Weiß­bur­gun­der „Vor­berg“, ihr Spitzen-Terlaner „Nova Domus“ sind Leucht­tür­me ita­lie­ni­scher Wein­kul­tur. Sie fin­den sich auf den Wein­kar­ten der bes­ten Restau­rants zwi­schen Tokio und New York. Ihre Lang­le­big­keit ist legen­där. Die Weiß­wei­ne ande­rer ita­lie­ni­scher Regio­nen kön­nen teil­wei­se nicht ein­mal mit der mitt­le­ren Linie des Terlan-Sortiments kon­kur­rie­ren. Der klas­si­sche Ter­la­ner, der „Haus­wein“ der Kel­le­rei (220.000 Fla­schen), steht weit über ande­ren Weiß­wei­nen Süd­ti­rols (klas­sisch heißt hier: im Stahl­tank aus­ge­baut). Wir tran­ken bei der Vor­stel­lung des Pri­mo unter ande­rem einen 1989er und einen 1969er Jahr­gang die­ses „Haus­weins“: der ers­te leicht petro­lig, aber immer noch packend, letz­te­rer schlicht gran­di­os. Für Wei­ne der 10-Euro-Kategorie bemer­kens­wert.

Mit großen Burgundern auf Augenhöhe

Etikett Terlaner

Zurück zum Pri­mo. Der Ver­gleich mit fran­zö­si­schen Bur­gun­dern ist natür­lich deplat­ziert. Der Pri­mo wird zwar im Bur­gun­der­stil erzeugt (mit par­ti­ell bio­lo­gi­schem Säu­re­ab­bau und Holz­fass­aus­bau), doch schmeckt er völ­lig anders. Die Ter­la­ner konn­ten bei sei­ner Vor­stel­lung den­noch der Ver­su­chung nicht wider­ste­hen, ihren Wein mit zwei Bur­gun­der Iko­nen zu ver­glei­chen: dem Batard-Montrachet von Eti­en­ne Sau­zet (300 Euro) und dem Cor­ton Char­le­ma­gne von Hen­ri Boil­lot (120 Euro). Gemein­sam ist allen Drei­en nur, dass sie viel Geld kos­ten. Ansons­ten ist der Pri­mo unver­kenn­bar ein Ter­la­ner Wein, wäh­rend die ande­ren unver­wech­sel­ba­re Bur­gun­der sind. Mehr Erkennt­nis­se lässt der Ver­gleich nicht zu. Aber das Fak­tum, dass Ter­lan ein Ter­ro­ir besitzt, und zwar ein hoch­wer­ti­ges, reicht als Erkennt­nis schon fast aus.

Die Weine


2013 Ter­la­ner | Kel­le­rei Ter­lan
His­to­ri­sche Cuvée von Weiß­bur­gun­der (60%), Char­don­nay (30%), Sau­vi­gnon blanc (10%), die nur im Edel­stahl­tank reift: rela­tiv kör­per­rei­cher, stof­fi­ger Wein, noch pri­mär­fruch­tig mit Noten von Bir­ne, rei­fem Apfel, Zitro­nen­me­lis­se, dazu mineralisch-frisch mit gutem Säu­re­bo­gen, am Gau­men weich mit zar­ter aro­ma­ti­scher Note.
Bewer­tung: 90/100 Punk­te


1989 Ter­la­ner | Kel­le­rei Ter­lan
Gut gereif­ter und noch sehr sta­bi­ler Wein, gold­gelb in der Far­be mit pikan­ten Sellerie- und Honig­me­lo­nen­no­ten, zwar nicht mehr frisch, aber ohne jede Oxy­da­ti­on: immer noch ein packen­der Wein!
Bewer­tung: 90/100 Punk­te


1969 Ter­la­ner | Kel­le­rei Ter­lan
Gold­gel­be Far­be, rei­cher Duft mit Anklän­gen an Brot, Sel­le­rie, Quit­ten, weich, fast ölig am Gau­men, erstaun­lich frisch noch und sehr sau­ber im Aus­druck: laut Kel­ler­meis­ter einer der größ­ten Ter­la­ner Wei­ne über­haupt.
Bewer­tung: 96/100 Punk­te


2011 Ter­la­ner I | Kel­le­rei Ter­lan
Der neue Spit­zen­wein der Kel­le­rei (aus­ge­spro­chen: Ter­la­ner Pri­mo): in der Nase ein gan­zer Früch­te­korb mit Apfel, Zitrus, Apri­ko­se, Melo­ne, aber auch von vege­ta­len Noten wie Klee, Ruco­la und einer zar­ten scho­ti­gen Wür­ze, kom­plex, tief, hoch­reif, aber nicht über­reif, am Gau­men cre­mig mit fei­nen, noch von der Frucht über­la­ger­ten mine­ra­li­schen Noten: mäch­ti­ger, sehr gerad­li­ni­ger und kom­pak­ter Wein, der sich jetzt schon wun­der­bar trinkt, aber sei­ne Geheim­nis­se noch nicht preis­gibt.
Bewer­tung: 96/100 Punk­te


2 Kommentare

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