Jens Priewe erklärt, warum er die Petition gegen die UN Deklaration zur „Denormalisierung des Weinkonsums“ nicht unterschrieben hat.
Wir alle wissen, dass Alkohol ein Zellgift ist – und Wein enthält Alkohol. Deshalb hat die UN Generalversammlung eine Deklaration verabschiedet, dass die Weltgemeinschaft bis 2030 Richtlinien verabschiedet, die die körperliche, psychische und mentale Gesundheit sicherstellen sollen. Bedroht sehen die Delegierten sie durch vielerlei Dinge, unter anderem durch Alkohol. Konkret geht es darum, regulatorische Maßnahmen wie erhöhte Alkoholsteuern, Konsum- und Handelsbeschränkungen oder Werbeverbote zu erlassen. Der normale Weinkonsum soll „denormalisiert“ werden.
Wein wird plötzlich zum Risikogetränk gemacht
Wie bitte? Wein zu trinken, soll nicht normal sein? So viel groben Unfug hat man selten in New York verzapft – und das zum 80. Geburtstag der Vereinten Nationen. Doch es gibt Widerstand. Die in der Schweiz ansässige Académie Internationale du Vin (AIV), eine Art Think Tank der Weinproduzenten, hat daraufhin eine Petition gestartet mit dem Ziel, die Regierungen der Welt davor zu warnen, die Jahrtausende alte Weinkultur zu zerstören. Wein sei eine Quelle der Lebensfreude und des Glücks, fungiere als Katalysator für Gespräche und soziale Beziehungen. Der Wein selbst sei ein Modell für ein von der Natur geliefertes Produkt, das der Sensibilisierung des Geschmacks diene und den Respekt vor der Natur fördere. Der Versuch, Wein zu einem Risikogetränk, ja zu einer Droge zu erklären, weil er Alkohol enthält, sei zutiefst kulturfeindlich.
Prominente Winzer wehren sich
Die Petition gegen die geplante „Denormalisierung“ wurde von vielen der berühmtesten Winzer der Welt unterschrieben: Alvaro Palacios, Etienne de Montille, Veronique Sanders (Chateau Haut-Bailly), Paul Draper (Ridge Vineyards), Angelo Gaja, Jean-Pierre Perrin (Chateau de Beaucastel), Dominique Lafon (Comtes Lafon), Peter Sisseck (Pingus), Felipe de Solminihac (Viña Terra Noble, Chile). Auch mehrere Master of Wine (unter anderem Jeanie Cho Lee und Jasper Morris) haben sich ebenfalls gegen die „Denormalisierung“ des Weinkonsums ausgesprochen. Auch mir hat die Petition vorgelegen. Ich habe sie nicht unterzeichnet. Warum nicht?
Warum ich die Petition nicht unterschrieben habe
Die Argumente der Unterzeichner teile ich. Aber ich möchte kein Bittsteller sein, der seine Regierung untertänig ansucht, ein kulturelles Gut wie Wein als erhaltenswert anzuerkennen und Weingenuss als „Normalität“ zu betrachten. Informierte Bürger sollten ihre Regierungen nicht für etwas anbetteln müssen, was selbstverständlich ist. Kein Mensch muss ein schlechtes Gewissen haben, weil er Wein trinkt, Wein erzeugt oder mit Wein handelt. Mir ist vielmehr daran gelegen, die verlogenen Anti-Alkohol-Kampagnen zu entlarven statt um Nachsicht dafür zu bitten, dass man trotzdem gerne Wein trinkt. Nach Durchsicht der wissenschaftlichen Studien zum Thema Alkoholkonsum kann ich sicher sagen: Es gibt bei verantwortungsvollem Umgang mit Alkohol keine Belege für gesundheitsschädliche Wirkungen – jedenfalls nicht für den, der sich zur evidenzbasierten Argumentation bekennt, also wissenschaftlich abgesichert argumentiert. Wir haben auf weinkenner.de den Stand der wissenschaftlichen Debatte um Wein und Alkohol im April dieses Jahres ausführlich dokumentiert.
Befeuert wird die Falschinformation durch die WHO
Täglich liest man über Menschen, die auf Alkohol verzichten und eine „gesundheitsbewusste“ Lebensweise vorziehen – als ob Weintrinker nicht gesundheitsbewusst lebten. Die Klatschpresse müllt einen regelmäßig zul von Alkoholbeichten irgendwelcher Zeitgenossen, prominenten und nicht-prominenten, die Abstürze hinter sich haben und sich nun berufen fühlen, den Rest der Menschheit vor Wein und Alkohol ganz allgemein zu warnen. Auch die seriöse Presse macht Wein gern zum Risikogetränk. Das mag zeitgeistig sein, ist aber unwahr. Befeuert wird die Anti-Alkohol-Kampagne durch die Aussage der Weltgesundheitsbehörde (WHO), derzufolge es keine harmlose Menge Alkohol gibt. Jeder Schluck Alkohol, wie klein er auch ist, sei schädlich – eine Aussage, die durch wissenschaftliche Langzeit-Untersuchungen in keiner Weise gedeckt ist. Selbst Alkohol-kritische Wissenschaftler teilen sie nicht.
Bekämpft den Missbrauch, nicht den Wein!
Ich will überhaupt nicht bestreiten, dass viele Länder ein Alkoholproblem haben, auch (und gerade) Deutschland. 2,6 Millionen Todesfälle durch Alkoholkonsum weltweit sind eine schwere Hypothek, ganz zu schweigen von alkoholbedingten Straftaten und den Gewalttätigkeiten in Familien sowie von den persönlichen Tragödien, die durch missbräuchlichen Alkoholkonsum entstehen. Wein ist daran nicht unschuldig. Ich möchte den Regierungen aber lieber zurufen: Bekämpft den Missbrauch, nicht die alkoholischen Getränke selbst.
Gefühlt 95 Prozent aller Weinkonsumenten trinken verantwortungsvoll
Bier, Schnaps, Wein sind kein Teufelszeug. Sie zu konsumieren, ist nicht ungesund, macht nicht krank, verkürzt nach allem, was wir wissen, nicht das Leben. Voraussetzung: Sie werden in Maßen genossen. Man muss nicht täglich zur Flasche greifen. Und man kann (oder besser: sollte) immer mal wieder eine mehrwöchige Alkoholpause einlegen. Aber wenn man mit Freunden zusammenhockt und dabei ein Glas oder zwei trinkt, ist Wein ein willkommenes Getränk. Er fungiert als soziales Wohlfühlincentive – nicht weil er die Zunge lockert (dann hat man vielleicht schon ein Glas zu viel getrunken), sondern weil Genuss so inspirierend ist wie gutes Essen und gute Musik. Weingenuss zu „denormalisieren“, nur weil es Missbrauch gibt – das mache ich nicht mit. Gefühlt 95 Prozent aller Weinkonsumenten trinken verantwortungsvoll. Wegen einer Minderheit, die den Rausch statt den Genuß sucht, darf man die große Mehrheit nicht stigmatisieren, ihr Angst machen, sie gar in Mithaftung ziehen. Das ist meine Überzeugung.
Deutscher Weinbauverband: diplomatischer als ich
Der Deutsche Weinbauverband hat die AIV-Petition gegen die UN Deklaration übrigens auch nicht unterschrieben, obwohl er die AIV-Ziele teilt. Er hat sich aber dafür stark gemacht, einige untragbare Formulierungen in der UN Deklaration zu streichen beziehungsweise zu entschärfen. So ist nicht mehr davon die Rede, dass es keine gesundheitsmäßig sichere Menge Alkohol gäbe (no safe level), wie es die WHO-Vertreter gerne hätten, sondern nur von „schädlichem Alkoholkonsum“. Ich gebe zu, dass der Weinbauverband sich damit diplomatischer (und konstruktiver) verhalten hat als ich mit meinem konfrontativen NEIN. Er weiß, dass bis 2030 viel Druck auf die nationalen Regierungen und auf die EU Kommission ausgeübt werden wird, entsprechend restriktive Maßnahmen zu ergreifen. Die abgeschwächten Formulierungen der UN Deklaration werden den Mitgliedsländern mehr Freiheiten geben, sich dem Druck zur „Denormalisierung“ zu entziehen.








































































