Mutige Frauen vor: vier taffe Jungwinzerinnen aus Österreich

Immer häufiger sind es die Töchter, die das Weingut ihrer Eltern übernehmen. Patrick Hemminger hat vier junge Winzerinnen aus dem österreichischen Carnuntum befragt, woher sie Mut und Motivation nehmen, in die Fußstapfen ihrer Väter und Mütter zu treten.

Dass Öster­reich in Wien noch nicht zu Ende ist, war vie­len Öster­rei­chern jah­re­lang nicht klar. Inzwi­schen wis­sen sie: Es geht hin­ter Wien noch ein paar Kilo­me­ter wei­ter, im Nor­den bis an die Gren­ze Tsche­chi­ens, im Osten bis zur Slo­wa­kei bezie­hungs­wei­se bis nach Ungarn. Frü­her war da der Eiser­ne Vor­hang. Aber der ist gefal­len. Seit­dem exis­tie­ren das Bur­gen­land, das Wein­vier­tel und Car­nun­tum auf der Land­kar­te Öster­reichs. Bes­ser: auf der Wein­kar­te.

Car­nun­tum zum Bei­spiel: eine hal­be Auto­stun­de vom Wie­ner Ste­phans­platz ent­fernt mit sehr guten, manch­mal auch her­aus­ra­gen­den Wei­nen, die den Vor­teil haben bezahl­bar zu sein. Seit kur­zem hat Cdas klei­ne Anbau­ge­biet sogar eine eige­ne DAC, und 20 Betrie­be sind auf einen Schlag Mit­glie­der bei den Öster­rei­chi­schen Tra­di­ti­ons­wein­gü­tern gewor­den, dem Pen­dant zum deut­schen VDP.

Ich habe vier Wein­gü­ter besucht, von denen man in Zukunft noch etwas hören wird. Alle haben schon jetzt einen guten Ruf. Und bei allen hat vor nicht all­zu lan­ger Zeit taf­fe jun­ge Frau­en die Regie über­nom­men haben.


Stefanie Böheim (25), Weingut Böheim in Arbesthal

Ste­pha­nie Böheim-© Ste­ve Hai­der

„Ich bin seit sechs Jah­ren im Betrieb. Mei­nem Vater war immer wich­tig, auf mei­ne Schwes­ter und mich da kei­nen Druck aus­zu­üben. Denn er muss­te es einst machen, das woll­te er bei uns ver­mei­den. Mei­ne Schwes­ter ist zwei Jah­re jün­ger als ich und trinkt nicht mal Wein. Die Wei­ne mei­nes Vaters sind sehr klas­sisch, er ist nicht sehr risi­ko­freu­dig. Ich bin das Gegen­teil, Natur­wein und Oran­ge fin­de ich klas­se, bei mir muss es nicht immer Sche­ma F sein. Grund­sätz­lich mag ich Wei­ne, die in Erin­ne­rung blei­ben, die Struk­tur haben und lang­le­big sind.“

Ste­pha­nie Böheim gibt mir einen Weiß­bur­gun­der mit. Sie hat ihn in zwei Bar­ri­ques aus­ge­baut, eins neu und eins alt. „Mein Papa steht auf Grü­nen Velt­li­ner und ist dafür bekannt. Wir haben gleich vier davon im Port­fo­lio. Sie woll­te etwas machen, womit sie nicht mit ihm kon­kur­riet. Also nahm sie den Weiß­bur­gun­der, der bis­lang immer in einer halb­tro­cke­nen Cuvée ver­schwand. Sehr ange­tan war ihr Vater zunächst davon nicht. Böheim aber blieb hart­nä­ckig und schick­te den Wein heim­lich zu einem Wett­be­werb. Als er gewann, mach­te das ihren Vater sehr stolz.

Ich habe den Jahr­gang 2016 im Glas. Das Holz hat sich in der Nase bereits sehr schön ein­ge­bun­den. Der Wein char­miert eher mit Wür­ze als mit Frucht. Das setzt sich am Gau­men fort. Herb und frisch zugleich rollt er über die Zun­ge, Aro­men von Wein­bergs­pfir­sich (wenig) und Kräu­tern (viel) wer­den ergänzt von etwas, das an nas­se Kie­sel­stei­ne erin­nert. Gefällt mir!

2016 Weißer Burgunder „Ried Stixbergen“ (derzeit nicht erhältlich)

Bezugs­quel­len für ande­re Wei­ne in Deutsch­land: Zum Wein­gut


Victoria Gottschuly (27), Weingut Gottschuly-Grassl in Höflein bei Bruck a.d.Leitha

Vic­to­ria Gott­schu­ly – © Ste­ve Hai­der

„Mei­ne Mut­ter hat das Wein­gut von ihrem Vater über­nom­men – sie war irgend­wie der Bur­sche unter drei Mädels. Vor 15 Jah­ren hat sie die Schweine- und Rin­der­zucht auf­ge­ge­ben und sich ganz auf den Wein kon­zen­triert. Ich wuss­te von Kin­des­bei­nen an, dass ich es machen will wie mei­ne Mut­ter. Mit­ge­hol­fen habe ich schon immer, nach dem Abi habe ich aber erst­mal eine Tou­ris­mus­aus­bil­dung gemacht, weil ich die Arbeit mit Men­schen und die Gas­tro­no­mie lie­be. Als ich 20 war, haben wir dann ent­schie­den, dass ich den Betrieb über­neh­me. Drei Mal im Jahr haben wir einen Buschen­schank, da hole ich mir dann die Gas­tro ins Haus. Dar­auf freue ich mich immer sehr, das ist total meins. Mit mei­nen Eltern ver­ste­he ich mich super. Mein Vater wur­de frü­her gezwun­gen, Land­wirt zu wer­den. Des­halb ist er mir gegen­über sehr offen und wird nie Nein sagen, wenn ich eine neue Idee habe.“

Vic­to­ria Gott­schu­ly gibt mir einen rein­sor­ti­gen Mer­lot mit. Seit ein paar Jah­ren ist das eine ihrer Lieb­lings­reb­s­or­ten. Sie ver­sucht, die­sen Wein rund, weich und sam­tig zu kel­tern. Danach lässt sie ihn in Holz­fäs­sern aus hei­mi­scher Eiche rei­fen. In der Nase ist die­ser Wein sofort als Mer­lot zu erken­nen. Die Bee­rig­keit, sanft ein­ge­fan­gen von dezen­ter Holz­wür­ze lässt kei­nen Zwei­fel. Am Gau­men ist der Wein weich und schmeich­le­risch, dunk­le Bee­ren wer­den hier ergänzt vom Aro­ma dunk­ler Brot­rin­de. Ein gelun­ge­ner Wein der sicher vie­len gefällt, weil er ein­fach gefäl­lig ist.

2016 „Rotundo“ Merlot

Bezug: Ab Wein­gut


Karo Taferner (30), Weingut Taferner in Göttlesbrunn-Arbesthal

Karo Tafer­ner – ©Steve_Haider

„Als ich jung war, habe ich bei mei­nen Eltern schon mit­be­kom­men, wie viel Arbeit so ein Winzer­le­ben mit sich bringt. Des­halb habe ich erst­mal Psy­cho­lo­gie und Publi­zis­tik stu­diert und neben­bei bei Aus­tra­li­an Air­lines gejobbt. Als ich mei­ne Bache­lor­ar­beit schrieb, saß ich eines Tages mit Schreib­blo­cka­de vor mei­nem Lap­top und sah dabei eine Anzei­ge für ein Cas­ting von Emi­ra­tes. Ich bin halt mal hin – und wur­de genom­men! 350 Bewer­be­rin­nen waren es und sechs wur­den aus­ge­wählt. Erst habe ich gesagt, ich mache das mal für zwei Mona­te, rei­se ein biss­chen um die Welt. Dann bin ich aber doch dabei geblie­ben und habe das Stu­di­um abge­bro­chen. Es war eine tol­le Zeit. Ich leb­te in Dubai, reis­te viel und habe auf der gan­zen Welt Wein pro­biert. Aber Dubai ist auch eine extrem künst­li­che Stadt. Und irgend­wann habe ich gemerkt, dass ich es gut hat­te, wo ich her­kom­me. Dort, in die­ser selt­sa­men Wüs­ten­stadt, habe ich begrif­fen, was mich glück­lich macht: mein 800-Einwohner-Dorf am Ende der Welt. Als ich zuhau­se erzählt habe, dass ich zurück­kom­me, haben sich mei­ne Eltern sehr gefreut. Mei­ne Groß­el­tern haben sogar geweint.

2015 war dann mei­ne ers­te Lese zuhau­se. Danach bin ich nach Neu­see­land gegan­gen, um Prak­ti­ka zu machen. 2017 war das extrems­te Jahr, da habe ich drei Wein­le­sen mit­ge­macht: Erst in Aus­tra­li­en, dann in Tas­ma­ni­en und schließ­lich in Öster­reich. In Aus­tra­li­en habe ich gelernt, was ich nicht machen möch­te, da kam viel Che­mie zum Ein­satz. Tas­ma­ni­en war dann das genaue Gegen­teil, das fand ich fas­zi­nie­rend. Aktu­ell stu­die­re ich neben­bei noch an der Boko in Wien , ein paar Prü­fun­gen feh­len noch. Ich pro­bie­re ger­ne neue Sachen aus, aber nicht immer klappt alles. Zu mei­nem Orange-Wine zum Bei­spiel sag­te mein Opa, da müs­se ich die Leu­te bezah­len, dass die ihn trin­ken.“

Karo Tafer­ner erleb­te bei ihrem Aus­lands­auf­ent­halt in Tas­ma­ni­en, was mit einem Pinot Noir geschieht, der nach der Metho­de der Mace­ra­ti­on Car­bo­ni­que gekel­tert wird. Fri­sche und Frucht gefie­len ihr so gut, dass sie das­sel­be mit einem Zwei­gelt pro­bier­te. Nach 12 Tagen ohne Sauer­stoff im Stahl­tank wur­den die Bee­ren mit den Füßen gestampft. Es folg­te die alko­ho­li­sche Gärung und dann ging es für vier Mona­te in ein gebrauch­tes Bar­ri­que. Ohne Schö­nung und mit nur ganz wenig Schwe­fel kam der Wein in die Fla­sche. „Igno­re the rules and drink what you like“ steht auf dem Eti­kett. Und ich mag den Wein sehr. Frisch und fruch­tig, dabei mit Grip und Struk­tur, leicht zu trin­ken und doch weit weg von easy-drinking: das muss man erst mal hin­be­kom­men.

2017 Zweigelt  Macération Carbonique (derzeit nicht erhältlich)

Bezugs­quel­le für ande­re Wei­ne in Deutsch­land : weinfurore.de


Christina Netzl, 34 Jahre, Weingut Franz & Christine Netzl

Chris­ti­na Netzl -© Ste­ve Hai­der

„Unser Betrieb hat eine lan­ge Tra­di­ti­on, 1860 wur­de hier wohl erst­mals Wein gemacht. Bis mei­ne Eltern über­nah­men, hat­ten wir die klas­si­sche gemisch­te Land­wirt­schaft mit vier Hekt­ar Wein und vor allem einer Schwei­ne­zucht. Ich erin­ne­re mich noch dar­an, wie ich zusam­men mit mei­ner Oma die Fer­kel von den Mut­ter­sau­en getrennt habe. Aber seit den 1990er Jah­ren hat­ten wir dann nur noch Wein, heu­te sind wir bei 30 Hekt­ar. Mei­ne Eltern haben immer gesagt, ich soll etwas ande­res machen. Wein­bau ist viel Arbeit und bringt wenig Geld. Aber ich habe schon als Kind immer „Wein­bäue­rin“ als Berufs­wunsch in Freun­des­bü­cher geschrie­ben. Und so war ich eigent­lich immer Teil der Betrie­bes, auch wäh­rend mei­ner Aus­bil­dung. Das war damals gar nicht so leicht, denn die gan­zen Wein­bau­schu­len waren Inter­na­te – aber nur für Jungs! Es gab dort kei­ne Mäd­chen­zim­mer.

Sehr prä­gend war für mich ein Prak­ti­kum, das ich bei unse­rem Impor­teur in Lon­don gemacht habe. Dort habe ich viel pro­biert und mich danach gefragt, ob die Stil­fin­dung zuhau­se schon abge­schlos­sen ist. Mein Vater hat­te schon viel ver­än­dert im Ver­gleich zu frü­her. Aber es waren die Nuller­jah­re, da kam über­all viel Holz zum Ein­satz. Da war die Fra­ge, ob wir das wirk­lich wol­len. Zusam­men mit mei­nem Vater habe ich eini­ges behut­sam geän­dert, alles immer Schritt für Schritt. 2013 habe ich das Wein­gut dann kom­plett über­nom­men. Wir sind kein super­klei­nes Wein­gut und mei­ne Eltern hat­ten auch schon einen guten Namen, bevor ich dazu kam. Des­halb woll­te ich die Sti­lis­tik nicht in etwas total Wil­des ver­än­dern. Mein Vater arbei­tet heu­te immer noch viel in den Wein­ber­gen und mein Mann, der sel­ber ein 40-Hektar-Weingut hat, küm­mert sich um die Trak­to­ren­be­wirt­schaf­tung. Wohin die Rei­se in der Zukunft gehen wird? Da bin ich mir noch nicht sicher…“

Chris­ti­na Netzl macht neben der nor­ma­len Pro­duk­ti­on ihre „Spiel­wei­ne“. Mir gab sie einen Char­don­nay mit dem schö­nen Namen „Wil­de Lie­be“ mit. Er lag vier Mona­te auf der Mai­sche, dann zwei Jah­re im Kel­ler: eines in einem 500 Liter fas­sen­den alten Holz­fass, eines im Stahl­tank. Dann kam er in die Fla­sche, ver­se­hen mit ein klein wenig Schwe­fel. In der Nase ist der Wein zunächst sehr ver­schlos­sen. Nach ein paar Stun­den an der Luft ver­strömt er einen fei­nen Duft von Hasel­nüs­sen, win­ter­li­chen Gewür­zen und etwas Oran­gen­scha­le. Auch im Mund gibt die­ser Wein nicht vor­schnell sei­ne Rei­ze preis. Kurz: ein for­dern­der Wein für Leu­te, die schon alles ande­re getrun­ken haben und etwas Neu­es aus­pro­bie­ren wol­len. Da sind Aro­men von Nüs­sen und Dörr­obst, etwas Fei­ge und Dat­tel, dazu Ros­ma­rin, Laven­del und etwas Wil­des, Unge­stü­mes. Nach ein paar Stun­den an der Luft kom­men zar­te Zitrus­no­ten hin­zu. Es lohnt sich auf jeden Fall, die­sen Wein über ein paar Tage hin­weg zu pro­bie­ren, da er immer wie­der ein neu­es Gesicht zeigt. Mehr als ein Glas trin­ke ich aller­dings nicht davon. Denn trotz aller Fas­zi­na­ti­on fehlt die­sem Wein der Zug, die Straff­heit, das Ver­lan­gen nach dem nächs­ten Schluck.

2015 Wilde Liebe, Weingut Franz & Christine Netzl

Preis: 24 Euro

Bezug: Ab Wein­gut

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