Ein Magier, ein Fußballer und der König: Spanien zeigt seine Vielfalt auf der Weinmesse Fenavin

© Thomas Götz
1.800 spanische Weingüter präsentierten sich Mitte Mai auf der Fenavin und selbst König Felipe VI. ließ es sich nicht nehmen, vorbeizuschauen. Thomas Götz war unter den 50.000 Besuchern und stellt seine Entdeckungen vor.

Spa­ni­ens größ­te Wein­mes­se fin­det nicht etwa in Madrid oder Bar­ce­lo­na, son­dern im beschau­li­chen Städt­chen Ciu­dad Real statt. Wo Don Qui­jo­te einst gegen Wind­müh­len kämpf­te, befin­det sich heu­te das Zen­trum der natio­na­len Wein­in­dus­trie: Die auto­no­me Gemein­schaft Kastilien-La Man­cha – einem Bun­des­land ähn­lich – kommt mit 459.000 Hekt­ar auf 48 Pro­zent der gesam­ten spa­ni­schen Reb­flä­che. Trotz die­ser Aus­ma­ße steht die Regi­on nicht gera­de in Ver­dacht gro­ße Gewäch­se her­vor­zu­brin­gen.

Mehr­heit­lich sind es Bil­lig­wei­ne, die als Fass­wa­re zu Nied­rigst­prei­sen von um die 40 Cent je Liter expor­tiert wer­den. Gleich­wohl wäre es falsch, alle Erzeu­ger über einen Kamm zu sche­ren. Selbst im von Mas­sen­wei­nen domi­nier­ten Kastilien-La Man­cha gibt es her­vor­ra­gen­de Wein­gü­ter, die auf Qua­li­tät und Aus­drucks­kraft set­zen, wie gera­de auf der Fen­a­vin deut­lich wur­de. 

© Tho­mas Götz

Juan Antonio Ponce und seine magischen Bobals

Neh­men wir zum Bei­spiel die D.O. Man­chue­la im Osten von Kastilien-La Man­cha. Der Fuß­bal­ler And­res Inies­ta stammt aus die­ser wenig besie­del­ten Regi­on und unter­hält dort ein Wein­gut, das sei­nen Namen trägt und ein­wand­freie Wei­ne kel­tert. Der bes­te Win­zer in dem bis zu 1100 Meter hoch gele­ge­nen Gebiet ist Juan Anto­nio Pon­ce. Sei­ne Rot­wei­ne aus der als rus­ti­kal gel­ten­den Reb­sor­te Bobal sind der­art fein balan­ciert, dass ihn spa­ni­sche Medi­en mit­un­ter als „Magi­er“ bezeich­nen. Hin­ter den Wei­nen von Bode­gas Pon­ce steckt aller­dings kei­ne Zau­be­rei, son­dern der Mut die Din­ge anders anzu­ge­hen, als es in den Lehr­bü­chern steht: „Im Sep­tem­ber fällt in unserm Gebiet häu­fig Regen“, erklärt Juan Anto­nio im Gespräch mit Wein­ken­ner.

„Wäh­rend alle war­ten, bis es ganz abtrock­net, fah­re ich die Lese ein.“ Und wes­halb macht er das? „Die Bobal ver­fügt über rus­ti­ka­les Tan­nin. Bei Regen sau­gen die Bee­ren Flüs­sig­keit auf. Die Scha­len wer­den dün­ner und das Tan­nin wei­cher. Zudem erhal­te ich auf die­se Wei­se fri­sche­re Wei­ne mit etwas nied­ri­ge­ren Alko­hol­gra­den.“ Pon­ce ist zwei­fel­los ein wich­ti­ger Name in einem sich wan­deln­den Spa­ni­en, das statt Holz und Extrakt lie­ber Fri­sche und Fines­se betont. Gran­di­os sind in die­ser Hin­sicht die Rot­wei­ne „Pon­ce 2020“ und „Bobal P. F. 2020“. Die Abkür­zung P. F. bezeich­net Pie Fran­co, was auf Spa­nisch wur­zel­ech­te Reben bedeu­tet.  

Juan Anto­nio Pon­ce © Tho­mas Götz

Ein deutsch-spanischer Master of Wine bringt das Terroir von Ucles zum Vorschein

Auch das kaum bekann­te Anbau­ge­biet D.O. Ucles gehört zu Kastilien-La Man­cha. Das dor­ti­ge Wein­gut Fon­ta­na steht unter der Obhut des deutsch-spanischen Mas­ter of Wine Andre­as Kubach. Die Hoch­la­ge von 700 bis 850 Metern sei ein wich­ti­ger Fak­tor, erklärt er am Mes­se­stand, wäh­rend wir Rot- und Weiß­wei­ne aus Tem­pranil­lo, Gra­cia­no und Char­don­nay mit einem pri­ma Preis-Genuss-Verhältnis ver­kos­ten. Da Ucles knapp 200 Meter höher lie­ge als der Durch­schnitt von La Man­cha, sei es um fast 2°C küh­ler, so Kubach. Ins­be­son­de­re die früh­rei­fen­de Tem­pranil­lo benö­tigt die­se Höhe. In tie­fer gele­ge­nen süd­spa­ni­schen Gebie­ten neigt die Sor­te näm­lich dazu mar­me­la­dig und säu­re­arm aus­zu­fal­len.

Nicht so bei Fon­ta­na: Kraft­voll und dicht struk­tu­riert und zugleich mit einer tip­top Span­nung und Län­ge kommt der Lagen­wein „Quer­cus 2016“ aus über 40-jährigen Tempranillo-Reben daher. Exzel­len­te Wei­ne aus Kastilien-La Man­cha stam­men fer­ner von Mas Que Vinos (Gar­nacha de la Madre 2018) und Bode­gas Ver­um (Las Tina­das Airén Pie Fran­co 2020). Wein­ken­ner zeigt sie im fol­gen­den Video.

 

Die Extreme Spaniens spiegeln sich endlich auch im Wein

Frei­lich ist die Fen­a­vin eine Leis­tungs­schau des gesam­ten spa­ni­schen Weins. Des­sen Spek­trum wur­de in den ver­gan­ge­nen 15 Jah­ren deut­lich brei­ter (und unüber­sicht­li­cher). Top­wei­ne kom­men heut­zu­ta­ge nicht mehr nur aus Jerez, Rio­ja, Ribe­ra del Duero und Prio­rat, son­dern eben­falls von den Kana­ri­schen Inseln, aus dem regen­rei­chen Gali­ci­en und aus Berg­ge­bie­ten wie der Sier­ra de Gre­dos. Die­se neue Viel­falt spie­gelt – end­lich! – die geo­gra­fi­schen Extre­me des Lan­des wider. Auf Lan­za­ro­te beträgt der jähr­li­che Nie­der­schlag kaum über 100 mm und in Anda­lu­si­en erstreckt sich die ein­zi­ge Wüs­te Euro­pas. Fil­me wie Law­rence von Ara­bi­en und Spiel mir das Lied von Tod wur­den dort gedreht.

Dann gibt es wie­der­um Gebie­te am spa­ni­schen Nord­at­lan­tik, in denen das Regen­auf­kom­men mit 1700 mm etwa dop­pelt so hoch als in Ham­burg ist. Zwi­schen die­sen Polen fin­det über­all Wein­bau statt. Ent­spre­chend war auf der Fen­a­vin vom fili­gra­nen, säu­re­rei­chen Rot­wein aus Rías Baixas mit einem Alko­hol­ge­halt von 11,5% bis hin zur son­nen­ge­ba­de­ten Wucht­brum­me die gan­ze Spann­brei­te ver­tre­ten.

© Tho­mas Götz

Garnacha, Granit, Gredos: Der Dreiklang eines anderen Spaniens

Ein beson­de­res Augen­merk soll­ten Leser und Lese­rin­nen auf die in Deutsch­land noch weit­ge­hend unbe­kann­ten Wei­ne aus der Sier­ra de Gre­dos legen. Gre­dos ist der Name eines Berg­zugs nahe Madrid. Die ziem­lich wil­de Land­schaft bie­tet ein ein­zig­ar­ti­ges Ter­ro­ir aus alten Garnacha-Reben in Höhen­la­gen und auf Gra­nit­sand­bö­den. Das Gebiet wur­de in den letz­ten zehn Jah­ren durch Erzeu­ger wie Coman­do G bekannt. Ihre Rot­wei­ne haben ein bur­gun­di­sches Pro­fil, bei dem Schlank­heit, Fri­sche und Ele­ganz im Vor­der­grund ste­hen. Die Trau­ben ver­gä­ren sie zumeist mit den Rap­pen. Wäh­rend einer lan­gen Mai­sche­stand­zeit von bis zu 70 Tagen ver­zich­ten sie auf Extrak­ti­on, etwa mit­tels Remon­ta­ge.

Kate­go­ri­en wie Cri­an­za und Reser­va sind kom­plett pas­sé. Statt­des­sen klas­si­fi­zie­ren die Gredos-Winzer nach Ort­schaf­ten und Lagen. Ihre Gar­nach­as sind oft­mals hell in der Far­be und schein­bar leicht, ver­fü­gen aber über enor­me Grif­fig­keit und Län­ge. Exem­pla­risch demons­trier­te die Com­bo 4 Monos (deutsch: 4 Affen) mit dem Par­zel­len­wein „La Isil­la 2019“ die­sen Stil auf der Fen­a­vin. Eben­falls über­zeu­gend die Gar­nachaLa Suer­te de Arrayán 2018“ vom Wein­gut Arrayán. Wenn Wein auch dazu dient, den Hori­zont zu erwei­tern, dann führt an der Sier­ra de Gre­dos kein Weg mehr vor­bei. Die­se Rot­wei­ne sind eine Berei­che­rung.

 

Not your usual Rueda und Sherrys von Ramiro Ibañez

Bereits eta­blier­te Regio­nen war­te­ten eben­falls mit inter­es­san­ten Gewäch­sen auf: So stell­te Rodri­guez & San­zo aus der D.O. Rue­da den unter Flor­he­fe gereif­ten Ver­de­jo „Bajo Velo 2020“ vor. Eine bio­lo­gi­sche Rei­fung ken­nen wir von den Finos und Man­za­nil­las aus dem Sherry-Gebiet. Für Rue­da ist sie eher unge­wöhn­lich. Flor­he­fe kon­su­miert Gly­ce­rin, der Kör­per des Weins wird dadurch schlan­ker. Zugleich pro­du­ziert sie Ace­tal­de­hyd, wodurch der Wein einen oxi­da­ti­ven Touch mit nus­si­gen Aro­men und Bit­ter­tö­nen erhält. Bei Rodri­guez & San­zo fal­len die­se Noten dezent aus, da der Aus­bau unter Flor­he­fe mit zehn Mona­ten kür­zer als etwa bei den Fino-Sherrys erfolgt.

Im Ergeb­nis ist Bajo Velo ein salzig-mineralischer und trink­ani­mie­ren­der Weiß­wein. Wem es nach dem Ori­gi­nal steht, wird sich mit Rami­ro Ibañez anfreun­den. In sei­nen Pro­jek­ten Cota 45 und De La Riva bringt er mit die indi­vi­du­ells­ten und bes­ten Wei­ne der Sherry-Region her­vor. Sein ele­gan­ter „Man­za­nil­la Pasa­da Bal­bai­na Alta“ (De La Riva) war sicher einer der Höhe­punk­te der an Höhe­punk­ten nicht armen drei Mes­se­ta­ge.

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Fenavin 2022: Einige großartige Weine der  diesjährigen Messe

Weiß:

AT Roca, Espar­ter 2015, DO Clas­sic Pene­dès. Um 22 Euro. www.hispavinus.de 

Rodri­guez & San­zo, Bajo Velo 2020, D.O. Rue­da. Um 18 Euro. www.vinumcordes.com

Vil­lo­ta, Blan­co Sel­ección 2018, DOCa Rio­ja. Um 30 Euro. www.decantalo.com

Eulo­gio Poma­res, Pedranei­ra 2020, D.O. Rias Baixas. Um 19 Euro. www.wein-am-limit.de

Cota 45, UBE Miraf­lo­res 2020, San­lú­car de Bar­ra­me­da. Um 15 Euro. www.vinatero.de

De La Riva, Man­za­nil­la Pasa­da Bal­bai­na Alta, N.V., San­lú­car de Bar­ra­me­da. Um 50 Euro. www.vinatero.de

Cel­ler Ede­tà­ria, Sel­ecció Blanc 2018, D.O. Ter­ra Alta. Um 25 Euro. www.vinopolis.de

Pares Bal­ta, Satèl.lit 2019, D.O. Pene­dès. Um 20 Euro. Super­fri­scher Natur­wein aus der sehr raren Trau­be Cari­ñe­na Blan­ca (Wei­ße Cari­gnan). Ohne Ver­trieb in DE.

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Rot:

Bode­gas Pon­ce, Bobal P. F. 2020, D.O. Man­chue­la. Um 18 Euro. www.vinos.de 

Mas Doix, Sal­an­ques 2019, DOQ Prio­rat. Um 38 Euro. www.vinopolis.de

Can­t­a­ri­ña, Viña de los Pinos 2018, D.O. Bier­zo. Um 14 Euro. www.hispavinus.de 

Iria Ote­ro, Tei­xu­go 2019, D.O. Ribei­ro. Um 29 Euro. www.spanische-weine.online 

Mar de Envero, Tin­to 2017, D.O. Rias Baixas. Um 18 Euro. www.vinos.de 

4 Monos, Agu­ja del Frai­le 2019, D.O. Vinos de Madrid. Um 20 Euro. www.decantalo.com 

Bode­ga Cer­rón, Stra­tum Wines La Ser­vil 2020, D.O. Jumil­la. Das der­zeit am hei­ßes­ten gehan­del­te spa­ni­sche Wein­gut. Monast­rell vom feins­ten von zwei jun­gen Brü­dern. Ohne Ver­trieb in DE.

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