Ein frohes neues Jahr, beginnend mit sehr altem Whisk(e)y!

1863! Man befindet sich mitten im amerikanischen Bürgerkrieg, und in Philadelphia wird in der Hannis Distillery ein Rye-Whiskey hergestellt. Dazu ein Canadian Rye von Gooderham & Worts von 1889 sowie ein 1926er Ardmore Single Malt „Teacher’s Director X-mas Bottling“ – und schon ist unser Neujahrs-Tasting komplett.

Hen­ry S. Han­nis grün­de­te sein Unter­neh­men in den 1850er Jah­ren in Phil­adel­phia und spä­ter auch in West Vir­gi­na. Nach einem ver­hee­ren­den Brand 1869 und nach dem spä­te­ren Tod sei­ner Frau bekam er geis­ti­ge Pro­ble­me und starb 1886 in einer Anstalt. Die Söh­ne führ­ten die Geschäf­te noch bis zur Pro­hi­bi­ti­on (lan­des­wei­tes Ver­bot der Her­stel­lung, des Ver­kaufs und Trans­ports von Alko­hol, 1920-1933) wei­ter.

Hannisville-Destillat aus dem Jahr 1863
Hannisville-Destillat aus dem Jahr 1863

Unser Hannisville-Destillat, von dem man aus­geht, dass es aus dem Jahr 1863 stammt, wur­de 1913 aus dem Fass in soge­nann­te Car­boys oder Bal­lons gefüllt (hier erfahrt ihr mehr dar­über) und war ab die­sem Zeit­punkt in pri­va­tem Besitz. The Auld Alli­an­ce in Sin­g­a­po­re hat­te das Glück, 2015 in Besitz von einem der Bal­lons zu kom­men und die­sen in 24 Fla­schen abzu­fül­len. Der Whis­ky ist nur in der Bar per Glas erhält­lich. Mit dem bes­tem Dank an die­se groß­ar­ti­ge Bar, dem Besit­zer Emma­nu­el Dron und der Mana­ge­rin Nata­sha Neo.

Goo­der­ham & Worts erbau­ten ab 1832 auf einem Gelän­de in Toron­to eine Bren­ne­rei, die Ende der 1860er Jah­ren mit einem Pro­duk­ti­ons­vo­lu­men von cir­ca acht Mil­lio­nen Liter zur größ­ten Destil­le­ry der Welt auf­stieg. Nach rück­läu­fi­gem Absatz Ende des 20. Jahr­hun­derts wur­de das Unter­neh­men 1987 an Allied Domecq ver­kauft und drei Jah­re spä­ter geschlos­sen.  Um einem Ver­fall vor­zu­beu­gen kauf­te die City­cape Hodings Inc. das Gelän­de um ein Kul­tur­zen­trum dar­aus zu schaf­fen.

Heu­te sind die 44, unter Denk­mal­schutz ste­hen­den, Back­stein­ge­bäu­de der vik­to­ria­ni­schen Zeit auf dem etwa fünf Hekt­ar gro­ßen Gelän­de restau­riert und in eine Fuß­gän­ger­zo­ne umge­stal­tet. Seit 2003 wird der Distil­le­ry District, so die offi­zi­el­le Bezeich­nung, als Vergnügungs- und Unter­hal­tungs­zen­trum genutzt. Die beson­de­re Atmo­sphä­re dien­te in zahl­rei­chen Film- und Fern­seh­pro­duk­tio­nen als Dreh­ort und wird eben­falls zur Aus­tra­gung von Jazz-Festivals genutzt.

Gooderham & Worts Rye Whiskey 1889-1902 & b. 1923
Goo­der­ham & Worts Rye Whis­key 1889-1902 & b. 1923

Unser Goo­der­ham & Worts ent­hält Rye Whis­key der zwi­schen 1889 und 1902 destil­liert und 1923 abge­füllt wur­de. Das Alter ist auf dem Label mit „…and the average age to be over 26 years“ ange­ge­ben. Mit bes­tem Dank an Finest Whis­ky in Ber­lin, Besit­zer Uwe Wag­mül­ler und Mar­cus „whis­ky­cu­se“ Weber.

Die Ardmore-Brennerei wur­de im Jahr 1898 gegrün­det, eben­so wie der Blend-Brandname des Grün­ders, der Teacher’s High­land Cream. Es gibt sehr weni­ge Sin­gle Malt Original-Abfüllungen, die Destil­la­te wur­den alle in der Blend­in­dus­trie ver­mark­tet. Nach­dem Tea­cher & Sons 1960 die Glendronach-Brennerei auf­kauf­ten, wur­de 1962 auch eine neue Blend- und Abfüll­hal­le in Glas­gow auf­ge­baut. Die Ardmore-Brennerei und der Teacher’s Brand­na­me wur­den mehr­fach ver­kauft, bevor sie 2014 der Beam-Suntory-Konzern über­nahm.

Der heu­ti­ge Ard­mo­re Sin­gle Malt wur­de 1926 destil­liert und vom Teacher’s Direk­tor 1950 als Weih­nacht­ab­fül­lung nur an Freun­de und Fami­lie ver­teilt – ledig­lich zwölf Fla­schen gab es davon.

Tasting Notes


Ardmore 1926-1950 OB Teacher’s Director X-mas Single Malt Bottling for friends, 12btl

(rechts im Bild)

89

Far­be: Vol­les Gold
Nase: Sirup und Honig mit vie­len facet­ten­rei­chen Kräu­tern gespickt. Dazwi­schen tro­cke­nes Leder und Pap­pe, stau­bi­ger Dach­bo­den, Korn­feld, alte Bücher, aber auch Men­thol, Blau­bee­ren, Holun­der. Alles mit einer abge­run­de­ten Wür­ze und über­wie­gend dunkel-fruchtig gehal­ten.
Geschmack: Sehr weich mit einem leicht sei­fi­gen Start. Nach ein paar Sekun­den ver­flie­gen die­se Noten und eine stram­me Wür­ze, gebün­delt mit vie­len Kräu­tern, setzt ein. Wie­der alte, zart mal­zi­ge Noten mit Men­thol und Pfef­fer­min­ze, wel­che von stark pfeff­ri­gen Aro­men und etwas Rauch geprägt sind.
Finish: Mit­tel­lang – die „grü­ne“ Fri­sche zieht sich durch. Kei­nes­wegs tro­cken oder stau­big. Very old school ohne nen­nens­wer­te Frucht­aro­men oder Holz.
Bemer­kung: Klas­se … bis auf den leicht sei­fi­gen Geschmacks­start!
89 Punk­te (Nase: 91 / Geschmack: 86 / Finish: 89)


Hannisville 1863-1913 OB Rye Whiskey Oak Barrels 24btl – Re-bottled 2015 TAA

(links im Bild)

92

Far­be: Old Sau­ter­nes
Nase: Süße Lakrit­ze und getrock­ne­te Apfel­rin­ge, mit Men­thol und Min­ze ver­packt. Ins­ge­samt ein süßer Frucht­cha­rak­ter mit malzig-fettem Unter­ton. Wachs­ar­ti­ge Honig­wa­ben, in Ver­bin­dung mit Noten von Hanf­seil und altem Schiffstau. Die Wür­ze geht gegen Null. Hier ist in 150 Jah­ren ein mehr als abge­run­de­ter, men­thol­hal­ti­ger Spitzen-Whiskey ent­stan­den.
Geschmack: Frisch und extrem mit Men­thol behaf­tet. Die Aro­men der Nase gehen naht­los ein­her: Lakrit­ze, Koh­le, Erde, Kara­mell, dazu nas­se Asche und Pappe…und trotz­dem ver­gleichs­los frisch gehal­ten. Die noch ent­hal­te­ne Wür­ze: abge­run­det und unend­lich lecker.
Finish: Mit­tel­lang bis lang – frisch und bele­bend. Men­thol, Pfef­fer­min­ze, Anklän­ge von Chi­na­gras und wie­der Lakrit­ze lie­gen auf der Zun­ge. Kei­ne Spur von Staub oder Tro­cken­heit – hier regiert immer noch eine pul­sie­ren­de Fri­sche!!
Bemer­kung: Frisch – fri­scher – Han­nis­vil­le! Kaum zu glau­ben, die­ser Rye steht mit­ten im Leben. Der Rog­gen­cha­rack­ter wirkt hier viel extre­mer als beim Goo­der­ham. Einer der unge­wöhn­lichs­ten Whis­keys die wir bis­her hat­ten. Pure Nost­al­gie!
92 Punk­te (Nase: 92 / Geschmack: 92 / Finish: 91)


Gooderham & Worts 21y 1893-1902 b.1923 Canadian Rye Whiskey average age >26yo
94

Far­be: Olo­ro­so Sher­ry / Maha­go­ni
Nase: Fett!! Ein­fach nur fett. Siru­par­tig mit Unmen­gen von Tabak, Bal­sa­mi­co, roten Früch­ten, Leder­no­ten und einer abso­lut genia­len Wür­ze. Cur­ry, Papri­ka, Cayenne-Salz, Kur­ku­ma und Lor­beer­blät­ter. Jetzt Aro­men von dunk­len Früch­ten, Fei­gen, Blau­bee­ren und Holun­der sowie Leder, Pap­pe und ein Hauch alten Cognacs. Eine bele­ben­de Fri­sche von Men­thol und Min­ze – Klas­se – Wow – kurz­um: mit allem, was das Herz höher schla­gen lässt!
Geschmack: Voll, fett und mit einer tol­len Wür­ze aus­ge­stat­tet. Unend­lich gei­le Tabakno­ten ver­lei­hen dem mäch­ti­gen Mund­ge­fühl mit allen Kom­po­nen­ten der Nase den letz­ten Schliff. Abso­lut rund und ohne jeg­li­chen Fehl­ton – abso­lu­tes High-End-Feeling!
Finish: Lang – aber nicht mehr ganz so mäch­tig. Der unglaub­li­che Geschmack klingt „ein­fach“ nur lang­sam ab. Aus­ge­wo­ge­ne Fas­zi­na­ti­on, die noch Stun­den spä­ter im Kopf nach­hall­te.
Bemer­kung: Ein siru­par­ti­ges Extrakt der Spit­zen­klas­se – unglaub­lich, so viel power­rei­che Nost­al­gie in flüs­si­ger Form hat­ten wir noch nie zuvor. Fan­tas­tisch!
94 Punk­te (Nase: 93 / Geschmack: 95 / Finish: 93)


Beson­de­rer Dank gilt unse­ren Freun­den Arun Pras­hant und Vol­ker Stöpp­ler, die es uns ermög­lich­ten, in den Genuss die­ser wahr­haf­ti­gen Rari­tä­ten zu kom­men. Tau­send Dank – die­ses Tas­ting wird als ein­ma­li­ges Erleb­nis in unse­re höchst­per­sön­li­che Whisky-Geschichte ein­ge­hen!


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1 Kommentar

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